Personendaten

Sofie Kopilowitz

Nachname: Kopilowitz
geborene: Fitz
Vorname: Sofie
Geburtsdatum: 11. Dezember 1884
Geburtsort: Deidesheim/Bad Dürkheim (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Hermann und Cäcilia F.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Jakob Elias;

Mutter von Kurt Theodor
Adresse: Haizingerstr. 10
1917-1932/33: Schönfeldstr. 1
1932/33-1939: Hirschstr. 101
1939-1940: Kriegsstr. 88
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
12.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Jakob und Sofie Kopilowitz

Jakob Elias Kopilowitz wurde am 3. Februar 1882 in Skuodas, im litauischen Teil Russlands als Sohn von Yossel-Meir und Feige Kopoliowitz geboren. Über seine seine Kindheit wissen wir nichts. Sicher ist, dass er später die deutsche Staatsbürgerschaft innehatte. Ob er diese eventuell über seine Eltern mitbekam oder ob er sie später erworben hat und wann, muss offen bleiben. Sein Sohn gab später an, dass der Vater 1908 nach Karlsruhe übergesiedelt sei. Tatsächlich studierte Jakob Elias Kopilowitz von 1903 bis 1909 an der Technischen Hochschule in Karlsruhe Elektrotechnik und schloss als diplomierter Ingenieur ab. Unmittelbar nach seiner Ausbildung heiratete er. Er nahm Sophie Fitz zur Frau, die am 11. Dezember 1884 im pfälzischen Deidesheim als Tochter der jüdischen Eheleute Hermann und Cäcilie Fitz zur Welt gekommen war. Auch über ihre Kindheit und ihre Familie wissen wir nichts weiter. Bald darauf kam das einzige Kind von Jakob Elias und Sophie Kopilowitz zur Welt: Kurt Theodor wurde am 18. Juli 1910 in Karlsruhe geboren. Die Familie wohnte zu diesem Zeitpunkt in der Karlsruher Oststadt, in der Haizingerstraße 10.
In den Ersten Weltkrieg musste Jakob Kopilowitz nicht als Soldat, da er aufgrund eines Bruches kriegsuntauglich war. 1916 stieg Jakob Kopilowitz als Teilhaber in die Firma von Dr. Fritz Acker – Firma Dentalfabrik Dr. Acker & Co – ein, erwarb ein Wohnhaus mit Werkstattgebäude im Hinterhof in der Gerwigstraße 7 in der Oststadt, in der die Firma auch produzierte. Die junge Familie selbst wohnt quasi um die Ecke, in der Schönfeldstraße 1, zur Miete im ersten Obergeschoss. Aus diesen Umständen wird deutlich, dass sich die Familie in einer ausgezeichneten finanziellen Lage befand und einen gutbürgerlichen Status besaß, denn das erste Obergeschoss galt in dieser Zeit als „belle Etage“. Es gab eine soziale Abstufung zwischen den einzelnen Stockwerken. Im Erdgeschoss und den hohen Etagen wohnten in der damaligen Zeit Menschen mit ‚niedrigerem sozialen Status’ und weniger Geld, das erste und zweite Obergeschos war von besser situierten Personen bewohnt. Ab 1932/33 wohnte die Familie Kopilowitz in der Hirschstraße 101, in einem schöneren Haus mit einer größeren Wohnung, wiederum im ersten Obergeschoss und abermals zur Miete.
Die Familie gehörte der liberalen jüdischen Gemeinde am Ort an und ging in die Synagoge in der Kronenstraße. Wie viele wohlhabende Juden und Geschäftsleute zeigte Jakob Kopilowitz soziales Engagement. Er gehörte mehreren jüdischen Wohlfahrtsvereinen an. Einmal dem Verein Friedrichsheim Gailingen, ein Verein, der in ganz Baden für den Unterhalt des größten jüdischen Altenheims in Gailingen bei Konstanz beitrug. Außerdem war er Mitglied in der Malbisch Arumim-Vereinigung, einem politisch neutralen Verein, der die Begräbnis- und Trauerfeierlichkeiten nach jüdischem Ritus gestaltete, und noch Mitglied im Jüdischen Kindergartenverein. Im Vergleich kann man Jakob Kopilowitz ein außerordentlich umfangreiches wohltätiges Wirken attestieren.
War Jakob Kopilowitz im Adressbuch von 1917 noch als Kaufmann aufgeführt, so erscheint er seit 1921 durchgehend als Fabrikant, was korrekt ist, da die Firma ein Produktionsbetrieb war. Sie fabrizierte Verbrauchsartikel wie die seinerzeit bekannten Markenartikel „Cresythin“, das als Wismutpaste für Zahnwurzelfüllungen gebraucht wurde, „Eugenol“, „Tricresol“, außerdem Anästhetika und Zemente, alles dentalmedizinische, pharmazeutische und therapeutische Präparate für die Zahnarztpraxis. Wie der Verband der Deutschen Dentalindustrie später bescheinigte, war die Dentalfabrik um 1905 von Dr. Fritz Acker gegründet worden. Mit dem Geschäftseinstieg von Jakob Kopilowitz 1916 war die Firma als OHG - Offene Handelsgesellschaft - in das Handelsregister eingetragen worden. Von 1920 bis 1925 war die OHG durch Kapitaleinlage einer wohlhabenden Witwe zu einer Kommanditgesellschaft (KG) umgewandelt worden. Wie aus einem Gespräch mit seinem Sohn Kurt Theodor hervorgeht, bezahlte Jakob Kopilowitz die Familie Acker aus und wurde 1926 schließlich zum Alleininhaber der Chemischen Dentalfabrik. Diese führte er unter ihrem gut eingeführten Namen bis
zur erzwungenen Liquidierung im Jahr 1938 weiter.
Der Sohn Kurt Theodor schien in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er besuchte das Humboldt-Realgymnasium, machte 1929 sein Abitur, und begann noch im selben Jahr an der Technischen Hochschule in Karlsruhe mit einem Chemiestudium. Später wechselte er kurzzeitig an die Universität in Heidelberg Seinen Abschluss machte er 1934 in Karlsruhe als Diplom-Ingenieur mit „gut bestanden“. Anschließend arbeitete er im Labor der Dentalfabrik seines Vaters als Chemiker mit und war ab 1933 als Juniorpartner mitverantwortlich für das Laboratorium und die Fabrikation. Hatte der Vater einmal gehofft, der Sohn würde die Fabrik eines Tages übernehmen, so machten die Zeitumstände diesen Gedanken zunichte. Im Oktober 1934 wanderte Kurt Theodor ohne Einreiseschwierigkeiten nach Palästina aus, wo schon einige Bekannte und Verwandte lebten.
Die Geschäftsperspektiven der Firma schienen glänzend. Vom Gesamtumsatz des Unternehmens wurden etwa 70-75 Prozent der Waren in fast das gesamte europäische Ausland exportiert. Mehreren Dokumenten zufolge galt Jakob Kopilowitz’ Fabrik als solide und äußerst gut gehend, der Umsatz stieg bis 1933 stetig. Die Fabrik gehörte zu den etwa 90 namhaften jüdischen Fabrikations- und Großhandelsbetrieben aus Karlsruhe in der Zeit um 1933. Mit dem Machantritt der Nationalsozialisten 1933 schrumpfte der Umsatz rapide.
Schon 1936 begann die so genannte „Arisierung“ jüdischen Vermögens, wobei
„nichtarische“ Geschäfte in „arische“ Hände übergingen. Im September 1938 existierten noch 92 jüdische Gewerbebetriebe in Karlsruhe, die, mit einer Möbelfabrik als Ausnahme, allesamt nur noch Kleinbetriebe waren. Zu den „größeren“ dieser Betriebe gehörte die Dentalfabrik von Jakob Kopilowitz. Sie hielt sich mit nur noch fünf Mitarbeitern am Leben.
Während der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 scheinen die Familie und die Firma glimpflich davongekommen zu sein, denn es waren keine Aufzeichnungen zu finden, dass sie irgendwelchen Schaden zu tragen hatten. Bei dieser Reichspogromnacht, die auch „Reichskristallnacht“ genannt wurde, um die Ereignisse dieser Nacht zu verniedlichen, wurden Hunderte von Synagogen in ganz Deutschland zerstört, darunter auch die in Karlsruhe und alle männlichen Juden von 16 bis 60 Jahren festgenommen. Wie der damals 56-jährige Jakob Kopilowitz der Festnahme und Deportation in das KZ Dachau entging, ist nicht bekannt. Obwohl die Fabrik nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten einen starken Umsatzrückgang verzeichnen musste, verfügte die Familie immer noch über ein großes Vermögen.
1937 war der Sohn mit Erlaubnis der NS-Behörden für vier Wochen nach Deutschland auf Besuch zurückgekehrt, um seinen Eltern seine jüdische Frau Lilian Milwidsky vorzustellen, die er zwischenzeitlich geheiratet hatte. Sie war 1909 in Berlin geboren und ebenso wie Kurt nach Palästina emigriert, 1937 und 1940 hatte das junge Ehepaar jeweils eine Tochter bekommen. Ein weiterer Grund, weswegen er seine Eltern besuchte, war, dass er sie zur Emigration überreden wollte. Sein Vater, der durchaus selbst zionistisch dachte, stand diesem Gedanken positiv gegenüber, wollte sich aber zu diesem Zeitpunkt von der Firma, die er ja selbst unter Schwierigkeiten aufgebaut und gehalten hatte, nicht trennen.
Im Jahre 1938 wurde Jakob Kopilowitz im Zuge der „Arisierung“ kategorisch aufgefordert, die Firma aufzulösen, er wurde verhaftet, alle seine Bücher beschlagnahmt und der normale Gang der Fabrikation in jeder Weise gehindert. Abgesehen davon musste er sein Haus in der Gerwigstraße unter starkem Wertverlust an einen Interessenten verkaufen, der dort seine elektrotechnische Maschinenfabrik einrichtete, die noch lange nach 1945 existierte.
Die systematische Ausplünderung der Juden in Deutschland ging weiter. 1939 wurden sie gezwungen, die so genannte Judenvermögensabgabe zu leisten. Die Familie Kopilowitz musste dabei mindestens 15.000 Reichsmark an den Reichsfiskus bezahlen. Die Firma war zwangsweise aufgelöst worden, wenige Monate später mussten die Kopilowitz’ als Juden auch noch ihre Wohnung räumen und kamen in einem „Judenhaus“ in der Kriegsstraße 88 unter, wo sie eng zusammengepfercht das letzte Jahr in Karlsruhe erlebten.
Am 22. Oktober 1940 wurden Jakob und Sophie Kopilowitz aus dieser Wohnung zusammen mit nahezu allen anderen Juden aus der Stadt heraus getrieben und zum Bahnhof verfrachtet, wo sie in das Lager nach Gurs in Südfrankreich deportiert wurden. Dort verbrachten sie fast zwei Jahre unter unmenschlichen Bedingungen. Als im Sommer 1942 die systematischen Transporte in die Vernichtungslager begannen, waren Jakob und Sofie Kopilowitz bald darunter. Am 4. August 1942 wurden sie in das Sammellager Drancy bei Paris verbracht. Vier Tage später, am 8. August, kamen sie von dort in das Konzentrationslager Auschwitz.
Seitdem gibt es kein Lebenszeichen mehr. Es ist anzunehmen, dass beide Eheleute aufgrund ihres Alters und als nicht „arbeitsfähig“ unmittelbar an „der Rampe“ in die Gaskammer „selektiert“ wurden.
Das Amtsgericht Karlsruhe legte später in der amtlichen Für-tot-Erklärung den Todeszeitpunkt für Jakob Elias und Sofie Kopilowitz auf den 8. Mai 1945 fest. Auf den Tag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, ein rein formaler Akt, allein von juristischer Bedeutung für die Erbberechtigung. Die genauen Umstände des Todes der beiden werden nie mehr zu erfahren sein.

Kurt Theodor Kopilowitz war es zwischenzeitlich nicht gut ergangen. Er hatte sich ein kleines Laboratorium in Tel Aviv eingerichtet, das Geschäft scheiterte jedoch aufgrund der politischen Situation des Landes, 1937 durch den arabischen Aufstand und 1939 mit dem Beginn des Krieges, der die Lieferung von Chemikalien aus Europa verhinderte. Kurt Theodor litt zeit seines Lebens daran, dass er, wie er sagte, die Emigration seiner Eltern nicht energisch genug betrieben habe, dass er sie nicht genügend dazu gedrängt habe, und so fühlte er sich mit schuldig an ihrem Tod. Mit seinen Unternehmungen in Palästina und später in Israel hatte er kein Glück. Mit seiner Familie musste er unter ärmlichen Verhältnissen leben. 1948 im ersten israelisch-arabischen Krieg diente er beim Militär, bis 1950. Im zivilen Leben misslangen weitere Firmenpläne. Schließlich kehrte er mit seiner Frau 1956 gar nach Karlsruhe zurück, um sich hier eine neue Existenz zu errichten. Die beiden Töchter blieben in Israel. Doch das Leben von Kurt Theodor Kopilowitz nahm keine glückliche Änderung mehr. An den Erfolg seiner Jugendjahre konnte er nicht mehr anknüpfen, mehrere Geschäftsideen misslangen. Hochbetagt und schwerkrank endete sein Leben im Jahr 2000 im Jüdischen Altenheim in Frankfurt am Main, das offensichtlich ganz anders verlaufen wäre, hätte der nationalsozialistische Terror nicht zuerst die Existenz ruiniert und dann die Eltern ermordet.

(Maren Schlechter, 13. Klasse Ludwig-Marum-Gymnasium Berghausen, Februar 2005)