Aus dem Fotoalbum

Bild 1
Großansicht des Bildes
[Bild 1 von 2]
Alfred Wilhelm Behr, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Alfred Wilhelm Behr

Nachname: Behr
Vorname: Alfred Wilhelm
Geburtsdatum: 29. Juni 1882
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Sigmund und Dina B.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Lilli B.;
Adresse: 1938-1940: Ritterstr. 29
Kriegsstr. 192
Schule/Ausbildung: 1891-1896: Humboldt-Realgymnasium, bis Obersekunda
Beruf: Kaufmann, Textilwarenhändler
Korrespondent
Buchhalter
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
später nach Récébédou (Frankreich)
14.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Alfred Wilhelm Behr und Lilli Behr

Alfred Wilhelm Behr wurde am 29. Juni 1882 in Karlsruhe als viertes Kind des Ehepaares Sigmund und Dina Behr, geborene Mayer, in Karlsruhe geboren. Die Grabstätte der Eltern, des Vaters Sigmund (15. März 1850 – 11. August 1924) und der Mutter Dina (17. August 1852 – 24. Juni 1923) ist auf dem Jüdischen Friedhof in Karlsruhe erhalten geblieben. Eine zusätzliche Gedenkplatte erinnert dabei an die beiden, im 1. Weltkrieg gefallenen Söhne Dr. Sally Behr und Eugen Behr.

Alfred wuchs im Rahmen seiner großen Familie in Karlsruhe auf. Neben den oben erwähnten beiden Geschwistern Sally und Eugen gab es noch den Bruder Emil und die Schwestern Karoline-Lilli und Adele.
Vater Sigmund Behr wird 1877 zum ersten Mal im Adressbuch der Stadt Karlsruhe erwähnt und ist 1890 als Besitzer einer Tuchhandlung in der Akademiestraße 8 eingetragen. 1905 übernahm er ein Möbelstoff-Großhandelsgeschäft, das unter dem Namen „Moritz Veith, Nachf.“ in der Lessingstraße 3 weitergeführt wurde. Alfred besuchte das Realgymnasium bis zur 10. Klasse. Vermutlich arbeitete er schon früh im Geschäft des Vaters mit, wie seine anderen Geschwister. Als der Vater 1924 starb, übernahmen die Brüder Emil und Alfred das Geschäft, doch gaben sie es 1932/1933 auf. Emil wanderte 1938 nach Kanada aus, Alfred war dann als selbstständiger Kaufmann, Korrespondent und Buchhalter tätig. Daneben war er Mitglied der jüdischen Carl-Friedrich-Loge, die der internationalen B’nai B’Brith Loge angeschlossen war.

Lilli Behr, geborene Jöhlinger, wurde am 25. November 1880 in Wiesloch geboren. Ihr Vater war Max Jöhlinger, ihre Mutter Ida, eine am 25. Oktober 1856 in Ladenburg geborene Hirsch. Lilli heiratete in erster Ehe Julius Götz und wohnte in Mannheim. Dort kamen auch die beiden Kinder des Ehepaares zur Welt, die am 20. April 1898 geborene Marie und der am 18. August 1910 geborene Salomon Walter. Am 15. Januar 1914 starb ihr Ehemann Julius und sie heiratete 1920 in Mannheim in zweiter Ehe Alfred Wilhelm Behr. Das Ehepaar blieb kinderlos, doch lebte der Sohn Walter aus erster Ehe zunächst bei ihnen in Karlsruhe und besuchte das Goethe-Realgymnasium.

Das Ehepaar Behr wohnte in Karlsruhe in verschiedenen Häusern, so in der Kronenstraße 34, Ritterstraße 40 und bis Anfang 1940 in der Ritterstraße 29. Dann mussten sie in das „Juden-Haus“ des Dr. Arnold Seligmann und seiner Frau Rosalie in der Kriegsstraße 192 ziehen, wo auch schon das Ehepaar Prof. Dr. Ferdinand Rieser und seine Frau Adele geborene Behr, der Schwester von Alfred Wilhelm, einquartiert war.

Wie die meisten jüdischen Bürger von Karlsruhe wurde auch das Ehepaar Alfred und Lilli Behr infamerweise am 22. Oktober 1940, dem jüdischen Laubhüttenfest, zum Abtransport nach Gurs in Frankreich abgeholt. Ihre Registrierungsnummern waren 1287 und 1288. Das gleiche Schicksal ereilte auch zwei Schwestern von Alfred, die erwähnte Frau Adele Rieser geborene Behr und ihren Ehemann, sowie Karoline Lilly Eppstein geborene Behr und Ehemann Oskar. Über die sehr beschwerliche Fahrt nach Gurs und die katastrophalen Zustände im dortigen Lager ist schon viel geschrieben worden. Briefe des Ehepaares Alfred Wilhelm und Lilli Behr sind nicht erhalten geblieben. Beide werden, wie ihre Schicksalsgefährten, sehr unter den katastrophalen Bedingungen gelitten haben. Viele, vor allem ältere Häftlinge starben, so auch Lillis Mutter Ida Jöhlinger im Alter von 85 Jahren. Am 17. März 1941 werden auch die Behrs mit vielen anderen Häftlingen in das Lager Récébédou verlagert. Alle erhofften sich eine Verbesserung der Lage, doch waren die dortigen Verhältnisse nicht besser als in Gurs. Mangelnde Verpflegung, Kälte und Krankheiten zehrten und die Todesfälle waren zahlreich. Die französischen Wachen unterschlugen Essen und ankommende Hilfspakete.

Am 25. Juni 1941 schrieb Adele Rieser, die Schwester von Alfred Wilhelm, in einem Brief aus dem Lager, dass “Alfred und Lilly in den nächsten Tagen nach Marseille kommen“. Dorthin kamen eigentlich nur Leute, deren Ausreise sich vorbereitete. Wahrscheinlich klappte es aber nicht, denn am 2. November 1942 berichtet Adele Rieser in einem Brief an Verwandte in der Schweiz: „Aber am 10. August kamen Alfreds mit einem Transport fort und wir haben heute noch keine Adresse oder Nachricht von ihnen. Und inzwischen kam für sie sogar die convocation nach Marseille, das ist die Aussicht auf Ausreise nach USA. Allerdings hier, wo wir seit Anfang Oktober herversetzt worden sind, trafen wir manche Schicksalsgenossen aus Gurs und Récébédou, die von Marseille kamen, wo sie 1 ½ Jahre vergebens auf Ausreise gewartet hatten“. Der Transport vom 10. August 1942 ging in das Lager Drancy bei Paris, von wo aus die Transporte nach Auschwitz organisiert wurden. Mit Transport Nr. 19 wurde auch das Ehepaar Behr am 14. August in das Vernichtungslager deportiert. Von den 991 jüdischen Häftlingen wurden 115 jüngere Männer für harte Arbeiten ausgesondert, der Rest in die Gaskammern geschickt. Vergessen wir sie nicht!

Kinder aus der ersten Ehe von Lilly Behr, verwitwete Götz, geborene Jöhlinger waren Marie, verheiratete Frankl, die in die USA auswandern konnte, und Salomon Walter Götz, der sich später Shlomo Getz nannte. Er hat nach der Schule in Karlsruhe bis 1932 sieben Semester lang Jura studiert, wurde Assessor und Beamter, 1933 jedoch entlassen. Er setzte dann seine Studien mit großen finanziellen Problemen in Grenoble fort, besuchte 1935 in Italien ein Vorbereitungslager für die Auswanderung nach Palästina, wohin er 1936 kam. Bis 1941 arbeitete er auf einem Kibbutz, dann bis 1945 in einem englischen Militär-Lager, später als Jurist. In erster Ehe war er mit Ruth Landau verheiratet. Ihr Kind Arod wurde 1938 geboren. 1946 heiratete Shlomo Getz 1946 Ella Pels. Sie bekamen zwei Kinder, Eri, geboren 1948, und Dan, geboren 1951, und wurden Israelische Staatsbürger.

In Zusammenhang mit dem genauen Todestermin ist in Zusammenhang mit der deutschen Nachkriegsbürokratie noch eine unerfreuliche Einzelheit zu berichten. Anfang der Fünfziger Jahre stellte Shlomo Getz einen Antrag auf Wiedergutmachung. Zwischen seinem Anwalt und der deutschen Behörde kam es nun zu einem lang dauernden, aus heutiger Sicht unvorstellbaren Disput über den genauen Todestag seiner Mutter Lilly Behr. Wie für fast alle in Auschwitz verschollenen Opfer, wurde der Todestag offiziell auf den 8. Mai 1945, das Kriegsende festgelegt. Bei Entschädigungsangelegenheiten sollte dieser Tag allerdings nicht als Todestag anerkannt werden, sondern das deutsche Gericht entschied: „Sehr hohe Wahrscheinlichkeit, die nach der Lebenserfahrung praktisch der Gewissheit gleichkommt, wonach die Verfolgte den 14. August 1942 nicht überlebt hat.“ Nach langem Schriftwechsel erklärte sich die Behörde dann „großzügig“ bereit, nicht den 14. August, den Abreisetag von Drancy als Todestag anzunehmen, sondern nur den Tag der Ankunft in Auschwitz, den 16. August, da ja der Antragsteller nicht beweisen konnte, dass seine Mutter nach der Ankunft noch länger weiter gelebte hätte. Was für ein böser Schandfleck deutscher Nachkriegsbürokratie!


(Richard Lesser, Dezember 2007)