Aus dem Fotoalbum

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Sofie Baumann, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Sofie Baumann

Nachname: Baumann
geborene: Greilsheimer
Vorname: Sofie
Geburtsdatum: 21. Januar 1885
Geburtsort: Friesenheim/Lahr (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Eltern: Heinrich und Theresia, geb. Bloch, G.
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Karl B. (21.3.1879-27.9.1917);

Mutter von Siegfried;

Schwester v. Zwillingsbruder Ludwig (gest. 6.5.1885), Isaak (19.9.1876-27.3.1929), Bertha (16.12.1872-17.5.1892), David (28.4.1871-?), Josef (27.5.1878-9.4.1942) u. Frieda Heinemann, geb. G.
Adresse: 1918-1939: Kaiserstr. 36
1939-1940: Nowackanlage 13
Schule/Ausbildung: Volksschule
hauswirtschaftliche Ausbildung
Beruf: Hausfrau
Arbeiterin (Mithilfe in Bäckerei; Säckesammlerin)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
20.1.1942 nach Noé (Frankreich)
22.8.1942 nach Récébédou (Frankreich)
28.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Sofie Baumann, geborene Greilsheimer

Sofie Baumann – ein klingender Name, ein einziges Foto und ein paar spärliche Daten: Zahlen, Namen von Personen, von Orten. Wie kann sich das zusammenfügen zu einem lebendigen Bild, einer Person, die wirklich gelebt hat?
Hier soll in einer vorsichtigen Annäherung versucht werden die wenigen Daten sprechen zu lassen, den Lebensweg dieser Frau nachzuzeichnen und sie so in der Erinnerung wieder lebendig zu machen.

Sofie Greilsheimer wurde am 21. Januar 1885 in Friesenheim im badischen Ortenaukreis geboren. Friesenheim liegt am Rande der Rheinebene und erstreckt sich bis in den Schwarzwald, ein idyllisch gelegener Ort, der heute ca. 13.000 Einwohner zählt. Auf der offiziellen Homepage der Gemeinde ist zu lesen, dass es seit der Mitte des 17. Jahrhunderts einzelne jüdische Bürger gegeben hat, „im 19. Jahrhundert eine größere Judengemeinde, deren Synagoge 1944 abgerissen wurde“. Ein Hinweis auf Repressalien, Verfolgung und Verschleppung findet sich auf dieser offiziellen Seite nicht. Jedoch ist in den letzten Jahren die jüdische Vergangenheit u.a. auch von Friesenheimer Schülern aufgearbeitet worden; es erschien im Rahmen eines Geschichtsprojekts unter der Betreuung von Ekkehard Klem ein kleines Buch über die „Geschichte der Juden in Friesenheim“ und es wurden „Stolpersteine“ gelegt, die an die letzten neun jüdischen Mitbürger erinnern sollen. Detailliertere Informationen zum jüdischen Leben in Friesenheim finden sich beim Internetportal „Alemannia Judaica“. Auch der Ortenauer Historiker Uwe Schellinger hat sich damit beschäftigt. Einige seiner Informationen waren für diese Biographie sehr hilfreich.

Die Greilsheimers, in Friesenheim der größte jüdische Familienverbund, führen sich zurück auf Stammvater Raphael Greilsheimer (1741-1813).
Mitglieder der Familie waren vorwiegend als Händler und Kaufleute tätig, zum Beispiel im Viehhandel, im Tuchhandel, damit vielleicht zusammenhängend auch in der Damenschneiderei. Der Name Greilsheimer spielte auch in der religiösen jüdischen Gemeinde eine große Rolle. Bedeutender Namensträger aus Friesenheim ist der 1891 geborene und in Mosbach tätige Rabbiner Dr. Julius Greilsheimer, er wurde in Auschwitz ermordet.

Sofies Eltern, der Viehhändler und Handelsmann Heinrich Greilsheimer (1836 – 1912) und Theresia (Tusset) geb. Bloch (1843 – 1912) bekamen sieben Kinder; Sofie war zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Ludwig, der schon in seinem ersten Lebensjahr starb, das jüngste der Geschwister.
Der älteste Bruder, David, wurde 1871 geboren, über ihn gibt es keine weiteren Informationen.
Die Schwester Bertha starb schon zwanzigjährig (1872 – 1892).
Isaak, 1875 geboren, zog 1910 nach Würzburg, wo er die Weinhandlung Heinrich Greilsheimer & Sohn führte; er starb 1929 in Hameln.
Frieda (1876 – 1958) überlebte als einzige der Geschwister den Holocaust; ihr Lebensweg war mit dem ihrer Schwester Sofie eng verbunden (s. unten).
Josef (1878 – 1942) war der letzte Vorsteher der Friesenheimer jüdischen Gemeinde. Er ist nicht auf der Liste derjenigen, die im Oktober 1940 nach Gurs verschleppt wurden, da er als Schwerkranker nicht transportfähig war. Vielleicht wurde er, der als Gemeindevorsteher einen Überblick über die jüdischen Vermögensverhältnisse hatte, zudem auch für die Abwicklung der „Rückführung jüdischen Eigentums“ gebraucht - so vermutet Jürgen Stude in seiner Dokumentation „ Die jüdische Gemeinde Friesenheim“. Als letzte Juden in Friesenheim bekamen Josef Greilsheimer und seine Frau Miriam die Repressalien der folgenden Jahre mit ganzer Wucht zu spüren. Sie hatten keinerlei Einnahmen, durften ihr Haus nicht verlassen. Die Nachbarfamilie versorgte das Ehepaar heimlich durch ein angrenzendes Fenster. Am 9. April 1942 nahm sich Josef Greilsheimer das Leben, um der angekündigten Deportation zuvorzukommen. Seine Frau entging diesem Schicksal nicht, sie wurde zwei Wochen nach dem Freitod ihres Mannes abgeholt.
Den Schluss der Geschwisterreihe bilden als „Nachzügler“ Sofie (1885 – vermutlich 1942) und ihr Zwillingsbruder Ludwig, der nur vier Monate alt wurde.

Nun zu Sofie: Sie besuchte die Volksschule und absolvierte eine hauswirtschaftliche Ausbildung. Sie heiratete am 24. März 1914, zwei Jahre nach dem Tod ihrer Eltern, die beide im gleichen Jahr starben; vielleicht hatte sie die Eltern bis zum Schluss gepflegt. Mit 29 Jahren war sie als Braut für die damalige Zeit relativ „alt“. Die Hochzeit mit dem Kaufmann Karl Baumann (geboren 21. März 1879 im 14 Kilometer entfernten Schmieheim im Ortenaukreis) wurde vermutlich in ihrem Heimatort Friesenheim gefeiert.
Das Paar lebte zunächst in Zürich, wo Karl Baumann schon seit dem 29.10.1909 gemeldet war. Nach anderthalb Jahren (27.9.1915) zogen sie um nach Karlsruhe, Sofie war damals bereits schwanger. Am 2. Januar 1916 wurde in Karlsruhe der Sohn Siegfried geboren. Bezeichnenderweise gaben die Eltern dem Kind diesen „echt deutschen“ Namen und brachten so die patriotische Kriegsbegeisterung zum Ausdruck, die sie mit vielen teilten – ein Beispiel dafür, dass das Paar, wie viele andere Deutsche jüdischen Glaubens, sich als Deutsche fühlten, nicht etwa als Zugehörige einer fremden „Rasse“. Die Ehe dauerte nur drei Jahre, denn Karl Baumann ging – als „treuer deutscher Staatsbürger“ - zur deutschen Armee und fiel bald darauf, am 27. September 1917 in der sogenannten Dritten Flandernschlacht bei Ypern, Belgien. Dort starben zwischen 1914 und 1918 unter grauenhaften Umständen eine halbe Million Soldaten. Ernst Jünger, der zu dieser Zeit als Soldat am gleichen Ort war, beschreibt seine Kriegserlebnisse in seinem Erstlingswerk „In Stahlgewittern“. Von der rechten Presse wurde das Buch mit Begeisterung aufgenommen und als „Siegfried-Buch“ bezeichnet. Heute gilt die von Jünger beschriebene Schlacht als Inbild von Brutalität und Sinnlosigkeit des Krieges.

Auf dem jüdischen Friedhof (s. Bild 4) in Karl Baumanns Geburtsort Schmieheim steht ein Denkmal, welches den jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs gewidmet ist, sein Name ist hier verzeichnet (s. Bild 3). Das Denkmal sollte die seinerzeit von Antisemiten in Abrede gestellte Verbundenheit der Juden zu ihrem deutschen Vaterland dokumentieren. Ob wohl Sofie diesen Ort im Gedenken an ihren Mann von Karlsruhe aus besucht hat? Jedenfalls sah sie sich durchaus als deutsche Kriegerwitwe und schreibt: „Mein Mann ging in den deutschen Krieg und ist im Jahre 1917 gefallen in Flandern.“ (Sofies Anmeldebogen für die nationalsozialistische Judenkennkarte von 1938, hieraus auch das erhaltene Porträtfoto)

Die Witwe Sofie Baumann zog mit ihrem zweijährigen Sohn 1918 in die Kaiserstraße 36, in den vierten Stock. In Karlsruhe lebte auch die ältere Schwester Frieda; sie hatte Nathan Heinemann geheiratet, den Inhaber des (wohl einzigen koscheren) Konditorei-Cafés Heinemann in der Adlerstraße 3, wo die Heinemanns auch wohnten, einen Katzensprung entfernt von Sofies Wohnung. Auch in dieser Familie gab es einen kleinen Jungen, Heinrich, vier Jahre älter als Siegfried. Vielleicht dürfen wir annehmen, dass es nun bis zum Judenboykott im April 1933 auch einige gute Jahre in den Familien Baumann und Heinemann gegeben hat. Sofie wird wohl in der Familie und im Café von Schwager und Schwester mitgearbeitet haben. Zwar bestimmte wirtschaftliche Not in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg den Alltag eines Großteils der Deutschen, vielleicht hielten sich aber die Entbehrungen für die Schwestern und ihre Familien in Grenzen, da es zumindest an Brot in der Bäckerfamilie nicht gefehlt haben dürfte. Sofie bekam eine Kriegerwitwenrente, Siegfried erhielt eine Waisenrente und Ausbildungsbeihilfe. Auch durch Untervermietung von zwei Zimmern ihrer Wohnung versuchte Sofie sich über Wasser zu halten.
Als Mitglied des israelitischen Frauenvereins, der sich die Unterstützung kranker Frauen und Wöchnerinnen zur Aufgabe gemacht hatte, und als Mitglied der orthodoxen israelitischen Religionsgesellschaft besuchte Sofie mit Siegfried sicher den Gottesdienst in der Synagoge in der Karl-Friedrich-Straße - die später, ebenso wie die Synagoge der liberalen jüdischen Gemeinde in der Kronenstraße in der Reichspogromnacht am 9.November 1938 zerstört wurde.
Im liberalen Baden gab es seit 1876 ausschließlich „Simultanschulen“, welche für Kinder der christlichen Konfessionen und für die jüdischen Kinder zugänglich – und verpflichtend – waren, unter Beibehaltung des jeweils eigenständigen Religionsunterrichts. Dies galt allerdings nur für die Jahre bis 1935. Die jüdischen Kinder, insbesondere die Jungen der orthodoxen Gemeinde, erhielten neben dem allgemeinen Unterricht auch Unterricht in hebräischer Sprache, in den oberen Klassen beschäftigten sie sich auf hohem Niveau mit dem Talmud.
Siegfried ging nach dem Besuch der Volksschule von 1926 bis 1931 in die Karlsruher Kant-Oberrealschule bis zur Obertertia (9. Klasse). Mit siebzehn Jahren (1933) verließ er Karlsruhe, um in Würzburg am Jüdischen Lehrerseminar zu studieren. Er war dort Mitglied im jüdischen Jugendbund und machte 1937 sein Examen als Elementar- und Religionslehrer. Kost und Logis waren für mittellose Schüler frei, ebenso gab es keine Gebühren für den Unterricht. Dies traf sicher für Siegfried Baumann zu. Möglicherweise fand der Jugendliche in Würzburg auch Anschluss in der Familie seines Onkels Isaak (Weinhandlung Greilsheimer).
Wie mag es Sofie, die in einer kinderreichen Familie aufgewachsen war, gegangen sein, als ihr einziger Sohn sich aus dem kleinen Zweierhaushalt herauslöste um eigene Wege zu gehen? Sicher gab es Abschiedsschmerz, sicher aber auch Stolz auf den Jungen, der sich anschickte, auf der sozialen Leiter nach oben zu steigen. Aus dieser Zeit datiert auch ein Papier, das Sofie Baumanns Bereitschaft dokumentiert, auswärtige jüdische Schulkinder aufzunehmen – für Sofie war es wohl aufgrund ihrer religiösen Einstellung selbstverständlich, hier Hilfe anzubieten. Vielleicht wollte sie nach dem Wegzug des Sohnes auch gern wieder ein Kind im Haus haben - und die damit vermutlich verbundene kleine Geldeinnahme war natürlich auch willkommen. Die Jüdische Schule vermerkte ihre Bereitschaft mit dem Zusatz „koscher“, also für strenggläubige Juden geeignet und vertrauenswürdig.

Seit 1933 und insbesondere seit den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 wurden die Lebensbedingungen für die Juden immer unerträglicher. Juden galten nicht mehr als deutsche Staatsangehörige, sie verloren nach und nach ihre Rechte, waren Berufsverboten und Schikanen ausgesetzt.
Am 9. November 1938 wurden auch in Karlsruhe jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört und geplündert. Das Hotel „Nassauer Hof“ in der Kaiserstraße, das in jüdischem Besitz war, wurde angezündet, Hotelgäste wurden mitten in der Nacht herausgezerrt, zum Hauptbahnhof gefahren und am nächsten Tag ins KZ abtransportiert. Die beiden Synagogen wurden zerstört; später wurde die jüdische Gemeinde gezwungen, die Gebäude auf ihre Kosten abtragen zu lassen. Die Karlsruher Innenstadt muss in dieser Nacht einem Hexenkessel geglichen haben. Polizei und Feuerwehr waren angewiesen, nicht einzuschreiten, bzw. nur arische Häuser zu schützen. Die Ausschreitungen waren vom Regime in einer massiven antisemitischen Kampagne gezielt „von oben“ organisiert, es fanden sich aber genügend Karlsruher Bürger, die sich an den Verbrechen beteiligten.
Wie Sofie diese Nacht erlebt hat, wissen wir nicht, es ist aber wahrscheinlich, dass sie dabei war, als ihre Schwester Frieda im Verlauf dieser zynisch sogenannten „Reichskristallnacht“ durch Glassplitter an einem Auge verletzt wurde (dazu Näheres weiter unten).
Direkt im Anschluss an die Zerstörungen begann am 10. November gegen vier Uhr morgens die „Schutzhaft“ genannte Festnahme vor allem jüdischer Männer zwischen 16 und 60 Jahren. Von Gestapo und SS wurden sie in die drei deutschen Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt. Auch Heinrich Heinemann und Siegfried Baumann traf dieses Schicksal. Heinrich wird nach Dachau deportiert, Siegfried, der zu dieser Zeit bereits als Religionslehrer in Frankfurt lebte, nach Buchenwald. Die gewaltsame Verschleppung in die KZs wird der Bevölkerung von der NS-Propaganda als „Wiederherstellung der Ordnung“ dargestellt. Heinrich kommt am zweiten Dezember wieder frei, Siegfried erst am zweiten Weihnachtsfeiertag (26.12.1938). Für beide junge Männer waren die Erfahrungen der Konzentrationslager wohl letztlich auslösend dafür, ihre Vorbereitungen zur Auswanderung voranzutreiben. Bereits vier Wochen nach seiner „Entlassung“, am 26. Januar 1939, kann Siegfried in die USA auswandern. Wir wissen nicht, ob sich Mutter und Sohn in diesen Wochen noch einmal gesehen haben. Heinrich gelingt im gleichen Jahr die Auswanderung nach Shanghai, einem der letzten Zufluchtsorte, die noch für Juden offen sind. Es sind vor allem jüngere, ledige Männer, die diesen schwierigen Weg als allerletzte Möglichkeit nutzen.
Aus diesen Tagen stammt das einzige Foto, das wir von Sofie haben: sie war erst 53 Jahre alt, aber wir sehen das Gesicht einer alten Frau, gezeichnet zwar, aber nicht gebrochen, mit einem Ausdruck von Stolz und Selbstbewusstsein.
Hier stellt sich vielleicht die Frage, warum nicht mehr Juden, warum nicht zum Beispiel auch Sofie Baumann und ihre Schwester, rechtzeitig den Weg der Emigration wählten. Zu diesem Zeitpunkt wird sie wohl kaum mehr Angst vor dem Verlust der deutschen Heimat zurückgehalten haben, denn diese Heimat stand inzwischen keineswegs mehr für Unversehrtheit, Geborgenheit und Glück. Dennoch:
Wer gibt in höherem Alter so leicht die - trotz allem - vertraute Umgebung auf um in eine ganz ungewisse Zukunft zu gehen? Und wie ist es mit der fremden Sprache in einem fremden Land? Und wovon soll man leben? Für diejenigen, die sich letztlich entschieden hatten, das Land zu verlassen, kamen noch entscheidende weitere Hindernisse hinzu: Man musste Unterlagen beschaffen, Steuern zahlen (Bürger-, Gewerbe-, Juden- und Reichsfluchtsteuer), insgesamt also nicht wenig Geld vorweisen, was nach dem Entzug der wirtschaftlichen Basis kaum mehr vorhanden war. Zudem erschwerte die restriktive Einwanderungspolitik vieler Länder die Einreise; für die USA zum Beispiel gab es lange Wartelisten.

Sofie blieb zunächst also in Karlsruhe. Weitere Repressalien ließen aber nicht auf sich warten, die Ereignisse überstürzten sich: Der Schwager Nathan Heinemann musste im Jahr 1939 seine Konditorei weit unter Wert an die Konkurrenz verkaufen, da Juden keine Geschäfte mehr führen durften – Arisierung wurde das genannt. Damit wurde ihm und den beiden Schwestern die Existenzgrundlage entzogen. Weiter: Juden durften nicht mehr in ihren Wohnungen oder Häusern bleiben, sondern wurden in sogenannten Judenhäusern zusammengefasst. 21 Jahre hatte Sofie Baumann in der Kaiserstraße 36 gewohnt, hatte dort ihren Sohn großgezogen und von ihrer Arbeit in der Bäckerei, vom Handel mit gebrauchten Mehlsäcken und von ihrer Kriegerwitwenrente, die sie seit 1917 bezog, bescheiden leben können. Jetzt (August 1939) wurde sie ganz kurzfristig zum Verlassen der vertrauten Wohnung gezwungen. Sofie, ihrer Schwester Frieda und deren Familie wurden zwei Zimmer in der Nowackanlage 13 zugewiesen. Sicherlich mussten sie sich dort, zusammengedrängt auf kleinem Raum, Koch- und Waschgelegenheiten mit anderen teilen. Heute befinden sich in dem prächtigen Gebäude, frisch renoviert in großbürgerlichem Glanz, elegante Wohnungen, Büros und Praxen.
Dass das Leben der dort vor 70 Jahren zwangsweise Untergebrachten äußerst bedrückend war, kann man sich vorstellen, nicht nur wegen Einschränkung und räumlicher Enge, sondern vor allem wegen der ständigen Angst vor neuen Schikanen und Bedrohungen für Leib und Leben.
Noch im gleichen Jahr starb der Schwager. Der Neffe Heinrich war zunächst ebenfalls in diesem Haus gemeldet, konnte aber im Lauf des Jahres das Land verlassen. Siegfried war das schon Monate zuvor gelungen.

Zurück blieben nun die Frauen; Frieda war jetzt 63 Jahre alt, Sofie 54. Auch die beiden bereiteten ihre Auswanderung vor. Es gibt von Frieda eine handschriftliche Liste mit genauen Aufzeichnungen über den Hausrat, der zum Mitnehmen bestimmt war – einschließlich einer Bücherkiste mit deutschen Klassikern (Goethe bis Kleist) und einschließlich des einfachen weißen Sterbekleides, das nach orthodox-jüdischem Brauch bereits bei der Hochzeit getragen wurde. (Die Liste mit Wertangaben zu den einzelnen Positionen sollte Siegfried später als Beweismaterial zur „Wiedergutmachung“ dienen.)

Sofie Baumann und Frieda Heinemann lebten ungefähr ein Jahr lang in der Nowackanlage 13, wortwörtlich auf gepackten Koffern, bis man sie am 22.Oktober 1940 (es war die Zeit des jüdischen Laubhüttenfestes) frühmorgens aus der Wohnung holte. Innerhalb einer Stunde sollten die Schwestern, ebenso wie die anderen jüdischen Bewohner des Hauses, ihre Sachen packen. Ihre Sachen, das hieß: jede erwachsene Person durfte einen Koffer mit 50 kg Inhalt packen - wie sollten die beiden älteren Frauen dieses Gewicht tragen? Schmuck, Sparbücher und Wertgegenstände durften nicht dabei sein, erlaubt war die Mitnahme von 100 Mark und einer Wolldecke.
Das Ziel dieser „Maßnahme“ war zunächst völlig unklar; niemand wusste, wohin die „Reise“ gehen sollte, noch nicht einmal die Bahnbehörden. Die etwa 1.000 Karlsruher Juden, die überfallartig aus ihren Wohnungen geholt waren, wurden zusammengetrieben, in Omnibussen und Lastwagen zum Hauptbahnhof gebracht und spätabends in einen der sieben Züge gepfercht.
In einer fürchterlichen Fahrt, die drei Tage und Nächte dauerte, ohne Verpflegung, ohne irgendwelche sanitäre Einrichtungen, wurden sie in das Lager Gurs in den französischen Pyrenäen gebracht. "Erstaunlich reibungslos und ohne Zwischenfälle" sei die Deportation abgewickelt worden, meldete der Polizeigeneral und SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich in einem Schreiben nach Berlin. Die Gurs-Verschleppung mag für Heydrich als „Test“ für die weiteren Deportationen gegolten haben. Ein Jahr später wurde er von Hermann Göring mit der so genannten „Endlösung der Judenfrage“ beauftragt und war ab da der eigentliche Organisator des Holocaust.
In Gurs mussten die Gefangenen anfangs auf dem nackten Erdboden schlafen, später durften sie sich einen Sack mit Stroh als Unterlage füllen. In den Baracken hatte jede Person Platz zum Schlafen in einer Breite von 70 Zentimetern. Ehepaare wurden getrennt, Kinder über 12 Jahre waren in abgesonderten Baracken untergebracht. Vielleicht dürfen wir annehmen, dass die beiden Schwestern zusammen bleiben konnten und sie so ein wenig Halt aneinander hatten, sich etwas Trost und Hilfe geben konnten. Unter den katastrophalen hygienischen Bedingungen wuchs die Zahl der völlig Geschwächten und Kranken; durchschnittlich starben täglich sieben Menschen. Mitten im Horror des Lagers bekam eine Friesenheimer Verwandte, Flora Greilsheimer, die man schwanger nach Gurs transportiert hatte, ihre Tochter Germaine. Dies wissen wir heute; ob Sofie und Frieda von diesem - unter anderen Bedingungen so erfreulichen - Ereignis in den Lagerwirren Kenntnis bekamen, ist nicht sicher. Sicher aber gab es heftig widerstreitende Gefühle von Hoffnung und Verzweiflung bei der jungen Mutter; eine Geburt unter solch unmenschlichen Verhältnissen ist für uns heute ganz unvorstellbar. - Ein wunderbarer Lichtblick in dieser Biografie, auch wenn es nicht Sofie betrifft: Flora Greilsheimer überlebte mit Germaine und der älteren Tochter Liselotte den Holocaust! - Sofie und Frieda „überlebten“ Gurs zunächst auch, wir wissen nicht, wie.
Mehr als ein Jahr später, am 20. Januar 1942 wurden beide in das Lager Noé verlegt, wo sie bis August 1942 zusammen blieben. Dann trennen sich die Wege der Schwestern endgültig. Es gibt einen Brief (nur der Umschlag ist bei den Akten erhalten), den Siegfried Baumann am 15.7.1942 an seine Mutter in das Lager Noé schrieb. Der Brief kam zurück, mit einem Zensurstempel und dem amtlichen Vermerk „partie sans adresse“, („verreist ohne Adresse“) – der Sohn erhielt die Rücksendung am 16. November. Zu diesem Zeitpunkt war Sofie mit großer Wahrscheinlichkeit bereits tot; zum Zeitpunkt der Ankunft des Briefes in Noé war sie schon in das nächste französische Lager verbracht worden; am 22.8.1942 nach Récébédou, dann nach Drancy und eine Woche später, am 28.8.1942 nach Auschwitz.
Das Todesdatum von Sofie Baumann ist nicht bekannt. Anzunehmen aber ist, dass sie sofort bei Ankunft in die Gaskammer geschickt und ermordet wurde.
Siegfried Baumann erhielt am 21.1.1958 in der Wiedergutmachungssache
Sofie Baumann vom Landesamt die Auskunft, es bestehe „die Annahme, dass
Sofie Baumann am 7.9.1942 gestorben ist.“ Was der Grund für diese Annahme
war, bleibt unerfindlich. Der Zug hatte Auschwitz am 31. August erreicht.
Bei der Ankunft waren 71 Frauen und 8 Männer zunächst zur Zwangsarbeit
selektiert worden. Es ist kaum anzunehmen, dass Sofie Baumann, als ältere und nicht mehr arbeitsfähige Frau, darunter gewesen ist.
Wie ist es Frieda weiter ergangen? Und wie war das Leben von Siegfried und Heinrich? Nachfolgend kurz ihre weiteren Lebenswege, soweit sie bekannt sind.
Frieda Heinemann wurde im August 1942 für nicht transportfähig in die französischen Lager Récébédou und Drancy befunden und entging so der Deportation nach Auschwitz. Sie blieb bis zum 17.8.1943 im Lager Noé, danach wurde sie zusammen mit den betagteren Überlebenden dieses Lagers in einem dortigen Altersheim untergebracht.1950 kam sie in ein weiteres Altersheim in Aix les Bains, von dort holte sie Ende 1952 ihr Sohn Heinrich zu sich in die USA nach Cleveland/Ohio, wo sie ihre letzten fünf Lebensjahre im Kreise ihrer Familie verbringen konnte. Frieda Heinemann starb am 27.12.1958 mit 82 Jahren.
Aus der Wiedergutmachungsakte ist zu ersehen, dass ihr Antrag abgelehnt wurde, Entschädigung wegen des in der Pogromnacht am 9.11.1938 erlittenen Gesundheitsschadens zu erhalten. Das damals durch Glassplitter verletzte Auge war so schwer geschädigt, das es später ganz entfernt werden musste. Es wurde aber kein ursächlicher Zusammenhang anerkannt.
Von Heinrich Heinemann ist nachzutragen, dass er für kurze Zeit (1923/24) Schüler des Karlsruher Humboldt-Realgymnasiums war, aber bald eine Bäckerlehre machte, später eine Ausbildung zum Dekorateur im jüdischen Kaufhaus Tietz (heute Karstadt), wo er auch übernommen wurde. Aus seiner späteren Karlsruher Zeit ist aber bekannt, dass er nicht mehr im erlernten Beruf, sondern als Gelegenheitsarbeiter im Transport- und Baugewerbe beschäftigt war, vermutlich weil er nach der „Arisierung“ des Kaufhauses im Zuge der Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft keine andere Arbeit fand. Heinrich lebte neun Jahre in China, Shanghai, wo im Stadtteil Hongkou seit 1942 bis zur Befreiung im September 1945 rund 20.000 Juden unter entsetzlichen Bedingungen im Ghetto kaserniert waren. 1948 übersiedelte er in die USA. Sein Sterbedatum ist nicht bekannt.

Siegfried Baumann legte nach seiner Emigration1939 seinen deutschen Vornamen Siegfried ab und nannte sich Sidney Baumann. Obwohl ausgebildeter Volksschullehrer, arbeitete er in den USA als Maschinenarbeiter. Durch die ungewohnt schwere Arbeit zog er sich einen Leistenbruch zu und war nur noch eingeschränkt erwerbsfähig. Er heiratete und bekam zwei Kinder(1947 und 1951 geboren).1993 ist er in New York gestorben.
Elf Jahre lang (von 1954 bis 1965) war Sidney mit unzähligen Schriftwechseln um „Wiedergutmachung“ für sich und vor allem für seine Mutter beschäftigt. Hierbei half ihm 1957 auch seine Tante Frieda mit eidesstattlichen Erklärungen aus Cleveland, USA. Neben Anerkennungen ( Rentenentschädigung, insgesamt 997 Mark und Hausratentschädigung, insgesamt 7.500 Mark) gab es auch Ablehnungen: Aus den Unterlagen wird ersichtlich, dass Sofie seit Ende des ersten Weltkriegs – ungeachtet ihrer Arbeit in der Bäckerei und im Sackhandel - aus gesundheitlichen Gründen als erwerbsunfähig galt wegen „Lungenspitzen-Tbc, hochgradiger Blutarmut, allgemeiner Körperschwäche und Unterernährung“, was durch ärztliche Gutachten und Akten vom Versorgungsamt und Städtischen Fürsorgeamt nachgewiesen wurde. Im Ablehnungsbescheid heißt es: „Da die Erblasserin mithin in der Nutzung ihrer Arbeitskraft nicht geschädigt worden ist, ist ihr auch kein Schaden im beruflichen Fortkommen entstanden.“

Sidney Baumann soll in dieser Biographie das letzte Wort haben. Er schreibt am 20.4.1954 über seine Mutter Sofie Baumann: „Dass eine Frau, die dem Land ihrer Geburt und auch ihres Mannes das höchste Opfer brachte, so schmählich dahingemordet wurde, ist jeder Ethik, christlicher oder jüdischer, diametral entgegengesetzt.“

(Dorothea von Schilling, September 2011)