Personendaten

Franziska Klein

Nachname: Klein
geborene: Wolf
Vorname: Franziska
Geburtsdatum: 21. Februar 1883
Geburtsort: Worms (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Sigmund K.;

Mutter von Edith Babette und Kurt Siegmund
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Sigmund und Franziska Klein

Die Geschichte des Lebens von Sigmund und Franziska Klein muss vorerst unvollendet bleiben. Wichtige Unterlagen, wie die für beide vorliegenden Akten aus dem „Wiedergutmachungsverfahren“ aus den 1950er und 1960er Jahren konnten wir nicht einsehen, da sich diese noch in der Registratur der Landesbesoldungsstelle befinden. Die Kontaktaufnahme zu den noch lebenden Kindern des Ehepaares war uns nicht möglich.

Die Herkunft der Familie Klein hat einen Anfang in Walldorf und in Worms.
Moses Klein wurde am 10. August 1835 in Walldorf geboren. Aus seiner ersten Ehe mit Fanny, geborene Weil aus Otterstadt gingen drei Töchter hervor. Eine von ihnen, Johanna, ehelichte den aus Karlsruhe stammenden Bernhard Behr und hatte mit ihm hier zwei Kinder (siehe in diesem Gedenkbuch den Beitrag zur Familie Johanna Behr, geborene Klein).
Moses Kleins Ehefrau starb nach der Geburt der dritten Tochter 1868. In zweiter Ehe heiratete er Babette Strauss, am 17. Mai 1842 in Heimersheim geboren. Aus dieser Ehe gingen zwischen 1875 und 1882 abermals sieben Kinder hervor, diesmal allesamt Söhne.

Sigmund Klein war an sechster Stelle am 2. Oktober 1880 in Walldorf geboren worden.
Seine sechs anderen Geschwister, ebenfalls alle in Walldorf geboren, waren
- Bernhard, geboren am 26. Oktober 1873, umgekommen 1942 in Auschwitz
- Ludwig, geboren am 20. März1875, umgekommen August 1942 in Auschwitz
- Heinrich, geboren am 10. August 1876, umgekommen in Auschwitz 1943 oder 1944
- Eugen, geboren 1877, gestorben 1949 in Buffalo, USA
- Hermann, geboren am 2. April 1879, gestorben 1961 in Haifa, Israel
- Fritz, geboren am 23. Juli 1882, gestorben 1958 in St. Louis, Frankreich.
Die Halbschwestern aus der ersten Ehe des Vaters waren
- Johanna, geboren am 27. April 1863, verheiratet mit Bernhard Behr, gestorben am 4. September 1941 im Lager Gurs
- Karoline (genannt Lina), geboren am 21. November 1867, verheiratet mit Lazarus Reinheimer (23.1.1863-10.5.1922), gestorben am 6. Mai 1940 in Frankfurt am Main
- Rosa, geboren 1868, ledig, gestorben 1942 in Sinzheim
Sigmund Klein musste von 1902 bis 1904 seinen Militärdienst leisten. Es war das Jahr in dem sein Vater Moses am 29. Dezember 1902 in Walldorf starb; Mutter Babette verstarb unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges am 20. November 1918 in Walldorf. Wie der Vater arbeitete Sigmund als Kaufmann. Wegen eines Bauchwandbruches nach einer Operation an Galle und Leber war er dauerhaft körperlich eingeschränkt.
Sigmund Wolf heiratete Franziska Wolf, geboren am 21. Februar 1883 in Worms. Sie hatte eine Höhere Mädchenschule besucht. Nun widmete sie sich ganz der Familie.
Das Ehepaar zog im Jahre 1911 nach Karlsruhe in die Bahnhofstraße 4 in das erste Obergeschoss. Hier eröffnete Sigmund seine Firma „S. Klein“ mit speziellen Erzeugnissen des Eisenwarenhandels. Was mag Sigmund Klein bewogen haben, nach Karlsruhe zu kommen? Sicherlich war es die Aussicht, in der badischen Residenz- und Landeshauptstadt mit seinem Gewerbe florieren zu können, anders als dies in Walldorf möglich war. Alternativ wäre das gegenüber Karlsruhe wirtschaftlich bedeutendere Mannheim eventuell auch in Frage gekommen. Doch hatten sich bereits seine unmittelbar vor ihm geborenen Brüder Eugen und Hermann nach Karlsruhe begeben und hier eine solide Existenz aufgebaut. Eugen Klein, verheiratet mit Therese geborene Flegenheimer, war der Inhaber einer bedeutenden Ledergroßhandlung. Sie hatten zwei Kinder, Gertrud (1907 in Karlsruhe geboren) und Manfred (1910 geboren). Bruder Hermann, verheiratet mit Flora geborene Strauß, hatte zusammen mit seinem Geschäftsfreund Ludwig Kullmann seit 1906 die in Mittelbaden bedeutendste Großhandlung für Bleche, Werkzeuge und Sanitäreinrichtungen - Firma Klein & Kullmann - mit Büro in der Stadt und einem Lager im Rheinhafen beim Nordbecken aufgezogen. Vermutlich bestand ein enges verwandtschaftliches Verhältnis mit allerlei gegenseitigen Besuchen im Familien- und Bekanntenkreis. Insbesondere die Brüder Eugen und Hermann Klein waren durch zahlreiche Mitgliedschaften in den jüdischen Wohlfahrtsvereinen sicherlich geschätzte Familien in ihrer jüdischen Gemeinde. Auch deren Ehefrauen und ebenso Franziska Klein engagierten sich im Israelitischen Frauenverein.
1913 zogen Sigmund und Franziska Klein in die Waldstraße 44 um. 1915 fanden sie ihre endgültige Adresse, unter der sie bis zu ihrer Deportation wohnen blieben, in der Karlstraße 92. Es war eine Wohnung im Erdgeschoss, wo Sigmund Klein zugleich seine Geschäftsräume einrichten konnte. Ein Jahr später, am 26. Mai 1916 kam ihr erstes von zwei Kindern zur Welt, Kurt; Tochter Edith wurde am 27. Januar 1918 geboren.
Am Ersten Weltkrieg musste Sigmund Klein aufgrund der genannten körperlichen Einschränkung nicht als Soldat teilnehmen.

Tochter Edith trat 1928 in die Fichteschule – seinerzeit eine Mädchenrealschule mit Oberrealschule - in die Sexta ein, engagierte sie sich nach ihrem Abschluss in der Gemeindearbeit und übernahm nach 1936 die Stellung als Hilfsschwester in der Gemeinde. Dies war bereits die Zeit, als Juden in Krankenhäusern nicht mehr behandelt wurden. Die meisten jüdischen Ärzte waren bereits 1933 verdrängt worden, die übrig gebliebenen 1935. Es gab dann nur noch fünf, schließlich vier jüdische Ärzte, die als „Krankenbehandler“ nur noch Juden behandeln durften. Ediths Arbeit bestand darin, mit zwei anderen Schwestern Hausbesuche abzustatten und den Menschen die Medizin zu verabreichen und wo nötig zu pflegen. Edith hatte sich wie der Bruder in der zionistischen Bewegung engagiert, die Juden in Palästina ansiedeln wollte und die mit dem Machtantritt des Nationalsozialismus auch in Karlsruhe starken Auftrieb erhalten hatte. 1939 arbeitete sie in einem Jugendalyah-Lager – es diente zur Vorbereitung Jugendlicher auf ein Leben in Palästina und vermittelte neben landwirtschaftlichen und handwerklichen Fähigkeiten vor allem jüdisches Bewusstsein. Sie erhielt unmittelbar vor Beginn des Krieges die Aufgabe, eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, sie war gerade zwei bis drei Jahre älter als einige Gruppenmitglieder, nach Palästina zu begleiten. Sie sollte aber wieder nach Deutschland für einen weiteren Transport zurückkommen. Sie fuhr mit anderen jungen Leuten mit dem Zug nach Brindisi, traf die zu begleitende 50-köpfige Gruppe und schiffte dann auf der „Adriatika“ ein. Edith musste sich während der Fahrt um die Kinder kümmern. Nach der Ankunft in Palästina beschloss Edith im Land zu bleiben. Ihr Bruder Kurt Siegmund war schon zuvor in Palästina angekommen und riet ihr zu bleiben, da sich mit der von NS-Deutschland bewusst eskalierenden Spannung gegen Polen der Krieg abzeichnete. Wegen dieser illegalen Einreise wurde Edith Klein zunächst von der englischen Mandatsmacht gesucht; mit dem Kriegsbeginn wäre eine eventuelle zwangsweise Zurückweisung nach Deutschland nicht mehr möglich gewesen. Sie trat in die jüdische Schwesternschule in Badasa ein, in der nur in hebräisch unterrichtet wurde, wo sie Anatomie und Psychologie lernte, indem sie von hebräisch auf englisch und von englisch auf deutsch übersetzte.

Sigmund Klein hatte sich mit viel Fleiß und Fachwissen über 20 Jahre seine Firma aufgebaut, die zu einem großen Teil spezialisierte Firmen des Metall- und Hüttengewerbes belieferte. Der offizielle Briefkopf zeugt vom Stolz Sigmund Kleins: „S. Klein, Karlsruhe i. B, Fabrik- und Giessereibedarfsartikel, Bergwerks- und Hüttenprodukte, Eisenwaren – Werkzeuge“ und geschmückt war er mit gekreuzten Hämmern, dem anerkannten Symbol für Bergbau und Eisenverhüttung. In den ersten Jahren ist in der Gewerbeübersicht im Firmennamen auch noch „Agenturen für chem.-techn. Produkte“ vermerkt. Es war also ein hoch spezialisiertes Geschäft.
Dieses sollte er nach 1933 verlieren. Das wirtschaftspolitische Ziel der Nationalsozialisten war die „Entjudung“, welche sie als „Arisierung“ durchführten. Das heißt, jüdische Geschäfte und Betriebe sollten von „arischen“ Eigentümern übernommen werden. Jene Geschäfte, die keinen „arischen“ Interessenten fanden, wurden schließlich gemäß Verordnung zum 31. Dezember 1938 aufgelöst. So verlor auch Sigmund Klein seinen Betrieb, der einfach geschlossen werden musste. Warum hatte er nicht wie seine Brüder noch vor der „Reichskristallnacht“ den Entschluss gefasst, sein Geschäft zu verkaufen und das Land zu verlassen? Hatten er und Franziska Klein noch Illusionen? Wir wissen es nicht. Mit dem erzwungenen Geschäftsverlust geriet die ganze Familie in Existenznöte. Vom Juli 1939 ist noch ein letzter Akt dieser traurigen Enteignung überliefert. Das badische Finanz- und Wirtschaftsministerium - dieses war in Benehmen mit dem Reichsministerium in Berlin für die „Arisierung“ zuständig – genehmigte den Verkauf der letzten unbedeutenden Restbestände zum Preis von 300 RM an eine Gießereiartikelfirma in Berlin.
Bruder Hermann und sein Kompagnon hatten 1938 ihre Firma unter Überwachung durch das Badische Finanzministerium komplett an Pfeiffer & May verkauft und Hermann war danach im September 1938 nach Palästina gegangen. Auch Bruder Eugen hatte seine Firma 1938 unter den Zwängen verkaufen müssen, er und seine Familie konnten 1939 in die USA gelangen. Vermutlich setzten Sigmund und Franziska Klein nun auch alles daran aus dem Land zu entkommen, das ihnen die Lebensexistenz entzog. Doch wenn sie es tatsächlich versucht haben sollten, gelang es nicht mehr.
Am 22. Oktober 1940 wurden Sigmund und Franziska Klein zusammen mit über 6.500 Juden aus Baden, aus der Pfalz und von der Saar nach dem Lager Gurs in Südfrankreich deportiert. Die Umstände waren unbeschreiblich, Kälte, Schlamm, mangelndes Essen und daraus folgende Krankheiten verursachten zahlreiche Todesfälle. Am 12. Mai 1941 starb Sigmund Klein mit gerade einmal 60 Jahren.
Franziska Klein muss sehr gelitten haben, sie musste einen weiteren Winter im Lager mitmachen. Am 10. August 1942 wurde sie in einem der großen Judentransporte vom Sammellager Drancy bei Paris nach Auschwitz deportiert. Von den 1.006 Deportierten in diesem Zug wurden 140 Männer und 100 Frauen zur Zwangsarbeit im Konzentrationslager Auschwitz selektiert, alle anderen wurden in das Gas geschickt und so ermordet. Das Kriegsende überlebte von den insgesamt 240 zur Zwangsarbeit Geschickten ein einziger Mann!

(Katrin Nytko, Sarrina Kaufmann, Maxime Menke, 10. Klasse Fichte-Gymnasium, Juli 2007)

Das Holocaustforschungszentrum und Museum "Haus der Ghettokämpfer" - Ghetto Fighters’ House - , offiziell "Itzhak Katzenelson Holocaust and Jewish Resistance Heritage Museum and Study Center" in Nordisrael hat in seinen im Internet verfügbaren Datenbanken auch Fotos der Familie Klein eingestellt

http://www.gfh.org.il/eng/