Aus dem Fotoalbum

Bild 1
Großansicht des Bildes
[Bild 1 von 1]
Salli Kirchheimer, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Salli Kirchheimer (Sally)

Nachname: Kirchheimer
Vorname: Salli
abweichender Vorname: Sally
Geburtsdatum: 16. April 1878
Geburtsort: Berwangen (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Lina K.
Adresse: 1940: Kronenstr. 50, 1940 von Eppingen zugezogen; 7.9.1939-Oktober 1940 in Halle
Beruf: Kaufmann, Viehhändler
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
4.3.1943 von Drancy nach Majdanek (Polen)
Sterbeort: Majdanek (Polen)

Biographie

Salli und Lina Kirchheimer

Dieser Bericht gilt Salli und seiner Frau Lina, geborene Lang. Lina Kirchheimers Name tauchte lange Zeit in keinem Gedenkbuch, keiner Naziopfer-Liste und auf keinem Gedenkstein auf, sie wurde jedoch genauso wie ihr Mann Opfer des Holocaust - wie dargelegt werden wird.

Salli Kirchheimer wurde am 16. April 1878 in Berwangen, einem badischen Dorf mit damals ca. 1.000 Einwohnern und einem jüdischen Bevölkerungsanteil von 15 Prozent im heutigen Landkreis Heilbronn geboren. Er war das vierte von insgesamt acht Kindern (davon waren allerdings zwei tot geboren und zwei waren im Babyalter gestorben) von Wolf Aron Kirchheimer und Pauline Kirchheimer, geborene Kirchheimer (eine Cousine zweiten Grades).
Die Familie Kirchheimer lässt sich in Berwangen bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen.
Fast alle waren Viehhändler und/oder Metzger. Auch Sallis Vater Wolf Aron war Viehhändler. Salli K. besuchte die - einklassige - jüdische Schule in Berwangen, wie all die anderen zahlreichen jüdischen Kinder in Berwangen zu jener Zeit.
Es war in der Familie selbstverständlich, dass Salli K. - wie auch zuvor sein zwei Jahre älterer Bruder Aron - das berufliche „Handwerkszeug" des Viehhändlers beim Vater erlernte - alles was man über die "Handelsware" Vieh wissen musste (Rinder, Kälber insbesondere, aber auch Schweine, Schafe und gelegentlich Ziegen, jedoch keine Pferde, deren Handel war speziellen Pferdehändlern vorbehalten) und natürlich die ausgefeilten Spielregeln des Kaufens und Verkaufens, des Handelns also.
Von Oktober 1898 bis September 1900 absolvierte Salli Kirchheimer seinen Wehrdienst bei der 7. Kompanie des 7. Badischen Infanterie-Regiments 142.
Am 17. Januar 1899 starb der Vater im Alter von 54 Jahren; die Mutter war schon zwei Jahre zuvor 50-jährig gestorben. Der ältere Bruder Aron übernahm zusammen mit Salli das väterliche Viehhandelsgeschäft, obwohl beide dafür noch sehr jung waren. Aber das ging nicht lange gut. Der Bruder Aron war nämlich sehr dominant und erwarb sich später bei den Bauern den Spitznamen „Schneller“ und war auch wegen seiner harten Geschäftsmethoden nicht beliebt. Salli trennte sich von ihm und ging in eines der Dörfer um Heidelberg. Welches ist nicht mehr nachweisbar, die Tätigkeit dort – selbständig als Viehhändler oder mit einem anderen zusammen – bleibt im Dunkeln. Am 26. Juli 1904 heiratete er Lina Lang in Heidelberg.
Lina Lang stammt aus einer alteingesessenen Viehhändlerfamilie aus Lambsheim in der Pfalz. Der älteste nachweisbare Vorfahre, Simon Lang, war allerdings Salzhändler, die Viehhändler kamen erst nach ihm. Lina wurde am 22. Dezember 1877 als viertes Kind von insgesamt 10 Kindern von Samuel Lang und seiner Frau Barbara, geborene Liebmann, in Lambsheim geboren (sieben Kinder starben allerdings schon im Baby- bzw. Kindesalter). Die Mutter starb 1895, der Vater heiratete 1897 ein zweites Mal. Aus dieser Ehe gab es noch weitere vier Kinder.
Lambsheim war zu dieser Zeit ein Dorf mit gut 3.000 Einwohnern und einem vergleichsweise kleinem jüdischen Bevölkerungsanteil von 3 Prozent. Lina Lang besuchte die evangelische Schule in Lambsheim. Die jüdische Schule, erst 1842 errichtet, war 1874 wegen zu geringer Schülerzahlen geschlossen worden (die Zahl der jüdischen Einwohner in Lambsheim halbierte sich zwischen 1850 und 1875 durch Abwanderung in die Städte und auch durch Auswanderung in die USA).
Lina Lang erlernte keinen Beruf. Bis zu ihrer Heirat lebte sie im elterlichen Haus und half wie seinerzeit üblich der Mutter bzw. nach deren Tod der Stiefmutter im Haushalt.
Die Viehhändler in der engeren und weiteren Region kannten sich alle mehr oder weniger und wussten auch weitgehend, wer welchem Bauern Jungvieh verkaufte und Schlachtvieh abkaufte. So lag es nahe, dass ein Viehhändlersohn eine Viehhändlertochter heiratete; eine arrangierte Ehe, wie die meisten Ehen in jener Zeit, insbesondere auch der jüdischen Landbevölkerung.
Aus der Ehe von Salli und Lina Kirchheimer gingen keine Kinder hervor.
1913 zogen sie nach Eppingen. Spätestens ab jetzt übte Salli Kirchheimer sein Gewerbe selbständig aus. Lange Jahre wohnten sie in der Bahnhofstraße 12, einem gemieteten kleinen Haus mit zugehöriger Scheune, notwendig zum Unterstellen des Viehs vor dem Weitertransport zu den Bauern oder zum Schlachthof in Mannheim.
Dann kam der Erste Weltkrieg. Salli Kirchheimer wurde am 31. Juli 1914 eingezogen, machte den ganzen Krieg als "einfacher" Soldat mit. Glücklicherweise blieb ihm das Schicksal seines Schwagers Ludwig Lang erspart, der 1916 in einem Lazarett an seinen Kriegsverletzungen verstarb, er blieb ohne Verwundungen und auch ohne Gefangenschaft.
Nach dem Krieg setzte er seine alte Viehhändlertätigkeit in Eppingen wieder fort, Jahr für Jahr, ohne besondere Ereignisse. Wohlhabend ist er dabei nicht geworden, aber es reichte ihm und seiner Ehefrau für ein bescheidenes Leben ohne besondere Ansprüche.
Die Machtergreifung der Nazis änderte auch ihr Leben entscheidend. Ab 1936 durfte der Viehhändlerberuf nicht mehr ausgeübt werden, damit war Salli Kirchheimer die Existenzgrundlage entzogen. Deshalb benötigten Salli und Lina K. auch kein Haus mit Scheune mehr, so zogen sie ein paar Häuser weiter in eine Mietwohnung in der Bahnhofstraße 28.
Salli und Lina K. hatten sich offenbar mit ihrer Situation abgefunden. Sie ahnten noch nicht, was auf sie zukommen würde.
Manfred Pfefferle, damals ein 10-jähriger Eppinger Bub: "Der Jude Salli Kirchheimer saß oft an seinem Fenster in der Bahnhofstraße, wo er alle Leute, jung und alt, freundlich grüßte.
Wahrscheinlich tat er das in der Hoffnung und Erwartung, dass ihm die Leute auch freundlich entgegen kämen. Aber von uns Jungen sah er nur ein dummes, überhebliches Grinsen. Doch er ließ sich nicht beirren und grüßte weiterhin alle Leute … So wie manche Leute den alten Salli überhaupt nicht mehr sahen, so grüßten ihn doch andere ganz selbstverständlich und freundlich zurück, so als hätten sie von den Hetzparolen der NS-Partei keine Ahnung."

Dann kam der für die jüdische Bevölkerung so verhängnisvolle 9. November 1938. Die Synagoge in Eppingen brannte - wie fast alle Synagogen in Deutschland. Gegen Abend des 10. November 1938, so berichtet Manfred Pfefferle, hatten ein Lehrer und ein Beamter des Amtsgerichtes eine Meute 14-jähriger Buben zusammen gerufen. Diese drangen gemeinsam mit SA-Männern in die Wohnungen der Juden ein, eine nach der anderen, demolierten das Inventar, schlugen die Männer mit ihren mitgeführten Ackerprügeln und schleppten einige davon in das Wachlokal im Rathaus. Waren auch Salli und Lina K. davon betroffen? Sehr wahrscheinlich.
Manfred Pfefferle weiter: „Was die SA-Männer den Juden im Wachlokal antaten, erfuhr man manchmal später, wenn sich der eine oder andere in bierseliger Stimmung mit seinen Taten brüstete. Ein Bauer, Parteigenosse, hatte seit ewiger Zeit seine Viehgeschäfte mit ein und demselben Viehhändler ausgehandelt, und man war beiderseits zufrieden. Als besagter Jude dann im Wachlokal inhaftiert wurde, hatte ihn dieser Bauer bestialisch geschlagen. Kopfschüttelnd ließ sich Eppingen darüber aus.“
Eine Mauer des Schweigens bei den Alt-Eppingern, die nicht mehr an diese Zeit erinnert werden wollen, zeigte sich bei den Recherchen zu diesem Bericht. Ein sicheres Zeichen für direkte oder indirekte Beteiligung an den schlimmen Ausschreitungen damals, mindestens aber für ein schlechtes Gewissen, nichts dagegen getan zu haben.
War Salli Kirchheimer dieses Opfer? Wir wissen es nicht, und es ist auch nicht mehr aufklärbar. Er wird aber auf jeden Fall davon gehört haben. Er fühlte sicherlich – wie alle anderen Juden in Eppingen auch – sein Leben bedroht und suchte deshalb nach einer Möglichkeit der Bedrohung in Eppingen zu entkommen, wo doch jeder Jude der Bevölkerung bekannt war. Die Anonymität einer Großstadt schien den Kirchheimers dazu geeignet. So einfach war es aber nicht. Sie hatten offenbar lange Zeit gesucht, bis sie schließlich am 25. Juli 1939 in Karlsruhe in der Kronenstraße 50 landeten, gerade noch rechtzeitig, bevor die Stadt Karlsruhe ein Zuzugsverbot für auswärtige Juden erließ. Warum gerade Karlsruhe? Es gab keinerlei Verbindung zur Stadt. Hat eventuell der weitläufig verwandte Salli Kirchheimer, der mit seiner Frau Flora und dem Sohn Günther im Haus Kriegsstraße 154 wohnte, das dem Oberrat der Israeliten Badens gehörte, und hier eine Hausmeisterstelle versah, geholfen? Diese Überlegung liegt nahe.
Das Haus Kronenstraße 50 gehörte seinerzeit einer Erbengemeinschaft von Nathan J. Homburgers Witwe (die Geschichte von Nathan J. Homburger ist detailliert in dem Buch „Juden in Karlsruhe“, hrsg. vom Stadtarchiv Karlsruhe, Karlsruhe 1988, S. 468f. beschrieben); es wurde vorübergehend zum „Judenhaus“, in dem bis zu zehn Personen Unterkunft fanden. Sieben davon kamen später um. Heute existiert es nicht mehr; im Zuge der Altstadtsanierung wurde es für die neu angelegte breite Fritz-Erler-Straße abgerissen.
Eine Auswanderung haben Salli und Lina Kirchheimer offenbar nie in Erwägung gezogen, obwohl doch bereits im März 1936 der Stiefbruder Linas, Martin, nach den USA ging und seine Mutter, die zweite Ehefrau von Linas Vater, Mathilde Lang, geborene Lindheimer, im Mai 1937 nachholte. Auch Sallis Bruder Aron ging im Januar 1939 mit Familie nach den USA, nachdem bereits dessen Tochter Elsa mit Familie 1934 und der Sohn Walter 1937 in die USA ausgewandert waren, sozusagen als Vorhut. Sie fühlten sich wohl zu alt für einen Neuanfang, zudem ohne Sprachkenntnisse, nein, eine Auswanderung kam für sie nicht in Betracht. Sie ahnten zu dieser Zeit noch nicht, dass ihr Leben immer mehr in Gefahr geriet.
Fünf Wochen nach ihrer Ankunft in Karlsruhe begann der Krieg. Da Karlsruhe im Schussbereich der französischen Artillerie lag und offenbar damit gerechnet wurde, das die Stadt als erstes von der französischen Grenze beschossen würde, wurde von der Stadt Karlsruhe den – „arischen“ – Bewohnern mitgeteilt, dass Kinder, Menschen über 60 Jahre und Kranke evakuiert in so genannten „Bergungsgauen“, also weiter im Inneren Deutschlands liegenden Regionen, untergebracht würden. Den Juden stand es frei, gleichfalls die Stadt zu verlassen oder zu bleiben.
Die Jüdische Gemeinde in Karlsruhe organisierte die Evakuierung derjenigen, die nicht in der Stadt bleiben wollten – nach München, Halle und anderen Orten. Die jüdischen Partnerorganisationen vor Ort hatten für die Unterbringung zu sorgen, sie trugen auch die Kosten für Unterkunft und Verpflegung soweit erforderlich. 44 Karlsruher Juden reisten ab dem 4. September 1939 nach Halle, darunter auch Salli und Lina Kirchheimer am 7. September 1939. Nur die wenigsten konnten privat untergebracht werden, die meisten wurden vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Halle in den Räumen der ehemaligen Trauerhalle des 1930 geschlossenen jüdischen Friedhofs in der Boelckestraße 24 behelfsmäßig untergebracht, etwa fünf Kilometer von der Stadtmitte entfernt. Wie das "Behelfsmäßige" aussah, darüber gibt es keine Beschreibung.
Ab Oktober 1939 kehrten zwar die ersten "Rückwanderer" nach Karlsruhe zurück, aber die Rückkehr war nicht beliebig, die Stadt bzw. die Gestapo musste dazu die Erlaubnis erteilen.
Salli und Lina K. kamen erst im Oktober 1940 zurück. Das genaue Datum ist nicht mehr feststellbar. So oder so waren es nur wenige Tage vor dem 22. Oktober 1940, dem Schicksalstag aller badischen und saarpfälzischen Juden, die in einer Blitzaktion nach Gurs in Südfrankreich deportiert wurden, so auch Salli und Lina Kirchheimer. Sie waren beide 62 Jahre alt.
Die Deportation nach Gurs und das "Leben" in Gurs, das man besser Vegetieren nennen muß, ist umfassend und unter die Haut gehend von Josef Werner , Hanna Schramm und anderen beschrieben worden, hier ist deshalb kein Raum für eine Beschreibung dieses Teils des Leidensweges. Sallis Cousin Aron I (er bestand immer darauf als der Ältere der beiden Arons - der andere war der erwähnte Bruder von Salli K., Aron II genannt - mit Aron I angesprochen zu werden, er wurde auch in allen örtlichen amtlichen Dokumenten so gekennzeichnet, und er unterschrieb auch so) starb an den Strapazen und an Hunger vier Wochen nach Ankunft am 21. November 1940 in Gurs.
Die meisten der nach Gurs deportierten Juden wurden im Sommer 1942 in die Vernichtungslager deportiert und dort umgebracht, soweit sie nicht vorher schon - in großer Zahl - gestorben waren oder denen - in wenigen Ausnahmefällen - noch die Auswanderung und damit die Rettung ihres Lebens gelang.
Am 2. März 1943 wurde Salli K. nach Drancy - dem "Umschlagplatz" bei Paris für die Züge in den Tod - und von dort am 4. März 1943 zusammen mit fünf Karlsruher Leidensgenossen aus Gurs nach Majdanek deportiert, er war der älteste von ihnen. Am 6. März 1943 folgten fünf weitere Karlsruher aus Gurs. Niemand von ihnen hat überlebt.

Sallis Bruder Josef wurde nach Riga deportiert und dort erschossen, seine Schwester Bertha kam nach Theresienstadt und starb dort am 23. September 1943. Weitere elf Verwandte von Salli Kirchheimer wurden ermordet.
Linas Bruder Albert starb in Rivesaltes, einem Nebenlager von Gurs, seine Frau Gertrud wurde in Auschwitz ermordet, ebenso wie ihr Bruder David mit Frau Elisabeth und ihr Bruder Arthur.
Und was war mit Lina Kirchheimer? Auf der Drancy-Deportationsliste stand ihr Name nicht.
Ein Versehen? Oder kam sie tatsächlich nicht mit? Unwahrscheinlich, weil Ehepaare oft zusammen deportiert wurden, aber nicht zwingend. Es gibt zahlreiche Beispiele von Deportierten, die auf keiner Liste standen. Oder ist sie in Gurs gestorben? Die Totenlisten von Gurs und den Nebenlagern enthalten den Namen Lina Kircheimer nicht. Ein Versehen? Durchaus möglich.
Es gab eine Anzahl von Todesfällen in Gurs - als sich die Todesfälle enorm häuften - bei denen weder Monat noch Tag des Todes bekannt sind, nur das Jahr (in dem der Tod vermutlich eintrat), in den Todeslisten dann z.B. ausgewiesen mit 00.00.1941. Es ist also auch durchaus möglich, dass der eine oder andere Todesfall nicht erfasst wurde. Oder kam Lina K. von Gurs oder einem der Nebenlager in ein Krankenhaus und starb dort? Möglich, aber dann wäre ihr Tod dem Lager zugeordnet worden.
Irgendwo zwischen Gurs und Auschwitz hat sie ihr Leben gelassen.
Auf Antrag ihres Bruders Friedrich Lang, der mit Frau und Tochter von Heidelberg ebenfalls nach Gurs deportiert wurde und zusammen mit seiner Tochter Freya Gurs überlebte, während die Frau in Auschwitz umgebracht wurde, und der nach dem Krieg mit der Tochter in die USA auswanderte, wurde Lina Kirchheimer mit Beschluss des Amtsgerichte Karlsruhe vom
24. August 1950 (AZ GF 100/50) auf den 8. Mai 1945 für tot erklärt, ebenso wie ihr Mann, Salli Kirchheimer (auf Antrag des Bruders Aron).

(Wolfgang Strauß, Januar 2003)