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Sali Kirchheimer, 1939. Porträt aus der "Judenkartei", das Foto kurz nach der Entlasung aus dem KZ Dachau zeigt ihn noch mit fast Kahlschnitt

Personendaten

Sali Kirchheimer (Sally)

Nachname: Kirchheimer
Vorname: Sali
abweichender Vorname: Sally
Geburtsdatum: 3. Dezember 1894
Geburtsort: Berwangen (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Flora K.;

Vater von Günter Leopold
Adresse: 1938-1940: Kriegsstr. 154
Beruf: Metzger
Hausmeister (beim Oberrat der Israeliten Badens)
Emigration: 1939 Versuch nach Kuba zu emigrieren, aus finanziellen Gründen gescheitert
Deportation: 11.11. - 2.12.1938 in Dachau (Deutschland)
22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
17.8.1940 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Sali und Flora Kirchheimer

Sali Kirchheimer wurde am 3. Dezember 1894, einem Freitag, in Berwangen geboren. Er war das fünfte Kind von insgesamt neun Kindern (sechs Buben und drei Mädchen), worüber noch zu berichten sein wird, von Leopold (geboren 17. August 1847) und Pauline Kirchheimer (geboren 29. August 1865), geborene Kirchheimer. Die Familien von Leopold und Pauline Kirchheimer waren seit mindestens vier Generationen in Berwangen ansässig. Leopold Kirchheimer war Getreidehändler, die berufliche Tradition der Vorfahren war jedoch der Metzgerberuf.

Berwangen, heute ein Ortsteil der Gemeinde Kirchardt und zum Landkreis Heilbronn gehörend, war zur Zeit der Geburt von Sali Kirchheimer ein Bauerndorf mit 945 Einwohnern, davon 141 Juden. Dieser Anteil von 15 Prozent war relativ hoch, deutlich höher als in den meisten anderen Gemeinden mit jüdischer Bevölkerung in der Region, was sicherlich als Indiz dafür zu werten ist, dass die Juden sich in Berwangen nicht unwohl gefühlt haben dürften. Dabei hatte der jüdische Bevölkerungsteil 1864 mit 177 Personen seinen Zenit längst überschritten. Seit der vollen bürgerlichen Gleichstellung und damit auch der völligen Freizügigkeit der Juden im Großherzogtum Baden im Jahre 1862 verließen viele Juden die Dörfer, zogen in die Städte und wanderten in steigender Zahl auch nach den USA aus (so allein zwölf aus dem großen „Clan“ der Kirchheimer zwischen 1854 und 1895). Wo sollten auch sonst die in fast allen jüdischen Familien so zahlreichen Kinder Lohn und Brot finden? Ein weiterer, gewichtiger Grund für die Abwanderung in die Städte: Dort gab es ungleich bessere Bildungs- und Ausbildungsangebote als in Dörfern - für viele Juden von sehr großer Bedeutung für ihre Kinder.
Die gleiche Bevölkerungsbewegung in die Städte und in die Auswanderung nach USA fand allerdings auch bei der christlichen Bevölkerung Berwangens (und der umliegenden Dörfer) statt. Der Trend verstärkte sich nach der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg und auch danach. Berwangen war ein schrumpfendes Dorf, zumal es auch keinen Bahnanschluss hatte (und bis heute nicht hat). Innerhalb von 50 Jahren verlor Berwangen ein Viertel seiner Bevölkerung.

Die Kinder von Leopold und Pauline wurden größer, der Platz in dem bisher bewohnten Haus in der Hausener Straße reichte nicht mehr aus. Leopold baute in der Salinenstraße 40 im Jahre 1900 ein größeres Haus für die Familie. In diesem Haus lebte Sali Kirchheimer - wir greifen dem Zeitablauf voraus -, bis er Anfang 1936 nach Karlsruhe zog, zunächst mit den Eltern und Geschwistern, nachdem diese in den 20er Jahren „in alle Winde zerstoben“ waren und der Vater am 21. Oktober 1924 starb, allein mit der Mutter, dann mit seiner eigenen Familie.
Sali Kirchheimer besuchte von 1901 bis 1909 die jüdische Schule in Berwangen, die sich gleich hinter der Synagoge (Ecke Badergasse/Hausener Straße) befand (auch diese Synagoge wurde 1938 von einer auswärtigen SA-Horde - gegen den ausdrücklichen Willen des Bürgermeisters - völlig zerstört). Sali trat nicht in die beruflichen Fußstapfen seines Vaters, er erlernte vielmehr den Beruf des Metzgers und blieb damit in der vorväterlichen Tradition. Die Entscheidung über die Berufswahl wird wohl der Vater getroffen haben. Die Blütezeit des weitgehend in jüdischen Händen liegenden Landhandels, die nach dem „Emanzipationsjahr“ 1862 angebrochen war, war bereits vorbei (ausgenommen der Viehhandel), die aufgekommene Genossenschaftsbewegung für die Vermarktung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse hatte sich zu einer übermächtigen Konkurrenz entwickelt. Vor diesem wirtschaftlichen Hintergrund entschied der Vater für seinen Sohn eine solide handwerkliche Ausbildung (mit Zukunft, wie er glaubte). Auch keiner seiner anderen Söhne hatte das Gewerbe von Leopold Kirchheimer übernommen. Bei wem hat Sali Kirchheimer den Metzger-Beruf erlernt? Eindeutige Belege dafür sind nicht mehr feststellbar. Es spricht aber viel für die Annahme, dass er die Ausbildung bei einem entfernt verwandten Onkel Salomon Kirchheimer (geboren 1854) in Berwangen absolvierte, denn diesem gehörte schon seit 1880 das jüdische Schlachthaus in der Neubaugasse in Berwangen. Das Anwesen - ein größeres Grundstück mit Schlachthaus - wurde 1925 an die ortsansässige Metzgerfamilie Oberreicher, nachdem Salomon Kirchheimer mit Familie nach Künzelsau verzogen war, verkauft mit der Maßgabe, dass Sali Kirchheimer sein Gewerbe dort auch weiterhin ausüben durfte. Das jüdische Schlachthaus in der Neubaugasse 4 steht übrigens heute noch und ist unter Denkmalschutz.

Dann kam der Erste Weltkrieg. Sali Kirchheimer wurde gleich bei Kriegsbeginn zum Landwehr-Infanterie-Regiment 81 eingezogen, der 10. Kompanie zugeteilt und in Frankreich eingesetzt. Im Mai 1916 wurde er mit der Badischen Silbernen Verdienstmedaille am Bande, der Militärischen Karl-Friedrich-Verdienstmedaille, ausgezeichnet. Begründung des Regiments-Kommandeurs an die Großherzogliche Ordenskanzlei: „Durch sein unerschrockenes Vorgehen beim Sturm auf....[nicht lesbar; d. Verfasser] zeichnete er sich besonders aus und war hierdurch Vorbild für seine Kameraden". Danach wurde er zum Gefreiten befördert. Bald darauf geriet er in französische Kriegsgefangenschaft und blieb Gefangener bis zum Ende des Kriegs. Das ersparte ihm - möglicherweise - das Schicksal seines Bruders Edgar (geboren 1893), der schon wenige Wochen nach Kriegsbeginn am 31. Oktober 1914, als 21-Jähriger in Frankreich gefallen war, ebenso wie zwei Cousins. Nach dem Krieg kehrte Sali Kirchheimer in seinen Beruf nach Berwangen zurück und übte diesen bis zum Wegzug nach Karlsruhe aus. Zudem hat er, mindestens in den letzten Jahren seines Lebens in Berwangen, oftmals auch als Metzger beim „Kronenwirt“ (Gastwirtschaft „Reichskrone“ in Berwangen, die heute nicht mehr existiert) ausgeholfen, wie sich eine Zeitzeugin erinnert.

Flora Herbst wurde am 13. April 1907, einem Samstag, in Zaberfeld geboren. Sie war das dritte Kind von insgesamt 11 Kindern (sechs Buben und fünf Mädchen), von denen allerdings drei im Baby- bzw. Kleinkindalter starben - von Gustav Herbst (geboren 28. Februar 1878) und Friederike, genannt
Fanny Herbst (geboren 29. Mai 1876), geborene Weingärtner. Gustav Herbst war ein eingeborener Zaberfelder, seine Frau stammte aus Flehingen.
Die jüdische Gemeinde in Zaberfeld war sehr viel kleiner als die in Berwangen. Auch hier war eine ständige Abwanderung in die Städte zu verzeichnen.
Gustav Herbst war Viehhändler, und wie es scheint, bis zu seinem tragischen Tod am 10. November 1931 recht erfolgreich. Das war nur zwei Monate nach der Hochzeit seiner Tochter Flora mit Sali Kirchheimer. Gustav Herbst war schwerhörig und überhörte an einem schienengleichen Bahnübergang im Bahnhof von Lauffen einen herannahenden Zug, wurde von diesem überfahren und war sofort tot. Flora Herbst war, so der Sohn Günther, der es vom Hörensagen einer Tante zu berichten wusste, eine Reihe von Jahren - bevor sie heiratete - als Hausangestellte in einem Haushalt in Heilbronn tätig.
Am 8. September 1931 heirateten Sali Kirchheimer und Flora Herbst in Zaberfeld. Es war eine schöne Hochzeit, berichtet Ruth Dominsky, eine Nichte von Sali Kirchheimer. Danach lebten beide in Salis elterlichem Haus in Berwangen, zusammen mit seiner Mutter. Am 3. Juni1932, einem Freitag, wurde Günther Kirchheimer in diesem Haus geboren. Er blieb das einzige Kind. Sali Kirchheimers Mutter Pauline war um diese Zeit schon kränklich und konnte ihrer Schwiegertochter Flora in der Betreuung des Babys kaum mehr helfen. Umgekehrt konnte Flora ihrer Schwiegermutter kaum beistehen, da sie mit dem neugeborenen Sohn alle Hände voll zu tun hatte. Deren Tochter Jenny, die in Hofheim verheiratet war, nahm deshalb ihre kranke Mutter zu sich. Dort starb sie am 10. November 1932, also wenige Wochen nach der Geburt ihres Enkels Günther.

Die Lebensverhältnisse für die Juden wurden mit der „Machtübernahme“ durch die Nazis auch in Berwangen zunehmend schwieriger. Zum einen war die Zahl der Juden auf nur noch 33 Köpfe zurück gegangen, der Abnehmerkreis für koscheres Fleisch konnte eine Metzgerfamilie nicht mehr dauerhaft ernähren, zum anderen kursierte auch alsbald eine Liste, von der SA in Umlauf gebracht, mit Namen, die mit Juden in geschäftlichen Beziehungen standen. Dazu muss erklärt werden, dass Teile des Fleisches aus dem hinteren Viertel des Rindes für Juden als unrein gelten und deshalb, um sie nicht verderben zu lassen, an christliche Käufer abgegeben wurden, in der Regel sogar billiger als von christlichen Metzgern. So waren die jüdischen Metzger (fast) immer auch Fleischhändler. Die erwähnte Liste war also auch eine Art Boykott-Aufruf gegen jüdische Metzger.
Nachdem Sali und Flora in Berwangen keine wirtschaftliche Existenzmöglichkeit mehr sahen, sei sie auch noch so bescheiden, beschlossen sie im Spätjahr 1935 Berwangen zu verlassen und nach Karlsruhe zu gehen und hofften dort Arbeit und Wohnung zu finden und in der Anonymität der Großstadt ungefährdeter leben zu können als in dem Dorf Berwangen, in dem praktisch jeder jeden kannte. Zu einer Auswanderung konnten sie sich offenbar noch nicht entschließen. Das Haus blieb bis zum Verkauf am 11. März 1938 – auf Druck „von oben“ - an den Berwangener Schneidermeister Hartmann unbewohnt.

Flora Kirchheimer brachte am 7. Dezember 1935 den Sohn Günther vorübergehend nach Zaberfeld zu ihrer Mutter, wohl um in Karlsruhe - am 17. Dezember 1935 ging sie nach dort -, Bewegungsfreiheit zu haben für Ihre Bemühungen um eine Wohnung für die Familie, vielleicht auch um eine geeignete Arbeit für Ihren Mann Sali zu finden. Sie wohnte zunächst als Untermieterin bei einem Lazarus Barth in der Klosestraße 25. Sali blieb noch in Berwangen, um den Umzug nach Karlsruhe vorzubereiten. Er folgte seiner Frau am 30. Januar 1936 nach Karlsruhe.
Ob er zunächst mit seiner Frau in dem möblierten Zimmer wohnte und sich dann nach einer geeigneten Arbeitsstelle umsah, oder ob er zu diesem Zeitpunkt schon die neue Stelle hatte, ist nicht mehr feststellbar. Jedenfalls im Laufe des Jahres 1936 übernahm er die Stelle eines Hausmeisters - die Stelle war schon längere Zeit vakant - im Hause des Oberrates der Israeliten Badens in der Kriegsstraße 154. Im gleichen Haus konnte die Familie eine kleine Zweizimmer-Wohnung in der IV. Etage (Dachgeschoß) beziehen. Es kann davon ausgegangen werden, dass Sali handwerklich geschickt war, sonst hätte er die Stelle gewiss nicht bekommen. Nun wurde auch der Sohn Günther von der Oma in Zaberfeld wieder geholt, die Familie war wieder zusammen. Für den Sohn begann allerdings eine schwierige Zeit. In Berwangen, natürlich auch in Zaberfeld, hatte er draußen herumtollen können soviel er wollte, und er hatte Spielkameraden. Das änderte sich schlagartig, denn in dem Haus Kriegsstraße 154, das im Parterre eine Arztpraxis mit Wohnung und sonst nur Büroräume beherbergte, wohnten keine Kinder. Und wenn in der Nachbarschaft Kinder gewohnt haben sollten - welche Eltern ließen ihre Kinder zu dieser Zeit schon mit einem Judenkind spielen?

Immerhin, die wirtschaftliche Existenz der Familie war erst einmal gesichert. Anfangs betrieb Sali neben seiner Hausmeistertätigkeit noch einen Handel mit Toilettenartikel (war es vielleicht ein Haustürverkauf?). Ab Mitte 1938 war diese Tätigkeit allerdings durch Gesetz verboten.
Flora erhielt später, mutmaßlich ab 1938, ebenfalls eine Anstellung beim Oberrat der Israeliten, und zwar als Hausverwalterin, so dass die Familie ein ausreichendes, festes Einkommen hatte - für die damalige Zeit ein großes Glück, als so viele Juden ihre Existenz verloren und ein jämmerliches Leben führen mussten. Das Jahr 1938 hat in diesem Zusammenhang deshalb eine besondere Bedeutung, weil ab dann in steigender Zahl (bis zu 30 nachweisbar) jüdische Menschen „Asyl“ unter dem Dach des Oberrates in der Kriegsstraße 154 fanden (aus ihren Wohnungen herausgeworfene Menschen und solche, die auf ihre Auswanderung warteten).
Sehr wahrscheinlich haben hier auch zahlreiche „Illegale“ gewohnt, die nicht amtlich gemeldet waren, auch Menschen von außerhalb Karlsruhes, obwohl diesen der Zuzug seit Ende August 1939 durch die Stadt Karlsruhe verboten war. Zeitweilig muss eine qualvolle Enge in diesem Haus gewesen sein. Auch die Mutter von Flora Kirchheimer, Fanny Herbst, lebte von 1938 bis zu ihrer Auswanderung in die USA am 1. April 1940 zusammen mit ihrem jüngsten Sohn Willi, in der kleinen Wohnung ihrer Tochter und Familie. Diese Menschen brauchten eine Betreuung, die Floras Aufgabe wurde.
Sali und Flora Kirchheimer waren offenbar auch gastfreundlich, soweit ihre bescheidenen Mittel dies zuließen. Walter Loeb, aus Birkenau, Kreis Weinheim stammend, der bei der Ellernbank in Karlsruhe (Kaiserstraße 160) gelernt hatte und nun als junger Bankangestellter mit sehr kleinem Gehalt in Untermiete bei Leopold Schwarz wohnte (Schwarz wurde auch nach Gurs deportiert und verstarb dort), war in den Jahren 1937 und 1938 vielmals bei ihnen zum Abendessen und auch an Sonntagen zu Kaffee und Kuchen eingeladen.
An Ostern 1938 kam der Sohn Günther in die Schule. Der Besuch einer gewöhnlichen Schule war jüdischen Kindern zu dieser Zeit schon untersagt. Im Lidell-Schulgebäude waren jüdische Sammelklassen (mit jüdischen Lehrern) eingerichtet. Bis zur „Reichskristallnacht“ war hier noch - zur Genugtuung der Eltern - ein regelmäßiger, ordnungsgemäßer Schulbetrieb möglich. Nach diesem unsäglichen Ereignis bis zur Deportation fand nur noch ein behelfsmäßiger Schulbetrieb in verschiedenen Gebäuden mit immer wechselnden Lehrkräften statt. Das wirkte sich natürlich auf die Qualität des Unterrichtes aus. Immerhin lernte Günther Kirchheimer dort nach eigenem Bekunden Lesen, Schreiben und die Anfänge des Rechnens.
Den Weg zur Schule von der Wohnung Kriegsstraße 154 machte er stets allein. Er erinnert sich: die Mutter wartete zur gewohnten Zeit immer sorgenvoll am Fenster.
Dann kam das furchtbare Ereignis der „Reichskristallnacht“ mit seinen Folgen. Sali Kirchheimer wurde, wie hunderte anderer Karlsruher Juden, von der SA am 10. November 1938 aus der Wohnung geholt und in der Nacht des Folgetages in das KZ Dachau als „Schutzhäftling“ gebracht. Dort erhielt er - nach der zermürbenden, mit endlosen Demütigungen und Schikanen verbundenen Aufnahmeprozedur, die auch die Einkleidung in die bekannte gestreifte KZ-Kleidung und die Kahlrasur beinhaltete - die Häftlingsnummer 21957.
Walter Loeb, der ebenfalls in Dachau war, vermutlich sogar in der gleichen Baracke, beschreibt diese Zeit sehr eindrucksvoll in seinem Interview mit Josef Werner (auszugsweise im Buch "Hakenkreuz und Judenstern"). Keiner der Inhaftierten hätte sich je so etwas vorstellen können, es muss für alle eine traumatische Erfahrung gewesen sein. Sali Kirchheimer wurde um den 15. Dezember 1938 aus Dachau entlassen (das genaue Datum ist nicht mehr feststellbar). Bei der Entlassung musste jeder eine Erklärung unterschreiben, dass er das Lager bei voller Gesundheit verlasse und keine Ansprüche an das Reich stelle. Am 20. Dezember 1938 wurde die obligatorische jüdische Kennkarte von ihm beim Polizeipräsidium beantragt. Das Ausweisfoto zeigt ihn noch mit der Dachauer Kahlrasur.

Die Familie Herbst, Flora Kirchheimers Familie, hatte vorausschauend gesehen, dass für sie auf Dauer kein Bleiben in Deutschland mehr möglich sein würde, und deshalb frühzeitig die Auswanderung betrieben. Schon 1935 wanderte Floras Schwester Frieda mit ihrem Mann nach Palästina aus. Im Jahre 1937 folgten der Bruder Jakob mit Frau und die Schwester Hilda, 1938 der Bruder Karl - alle gingen in die USA. Auch Salis Schwester Jenny verließ mit ihrem Mann Ende 1939 Deutschland, die Tochter Ruth war schon ein halbes Jahr früher auf abenteuerlichen Wegen von Dänemark ausgereist - sie gingen nach Palästina.
Im Spätsommer 1938, vielleicht auch früher, musste auch Sali und Flora Kirchheimer klar geworden sein, dass auch sie gehen müssten. Sie beantragten daher beim amerikanischen Konsulat in Stuttgart ihre Ausreise in die USA und erhielten die Quoten-Nr. 12296 (genaues Antragsdatum nicht mehr feststellbar).
Die Ereignisse vom 9./10. November 1938 mit der unmittelbaren Betroffenheit der Familie durch die Inhaftierung von Sali Kirchheimer in Dachau müssen bei Flora Kirchheimer eine verständliche panische Angst geweckt haben; sie dachte wohl: nur weg von hier, so schnell wie möglich. Die hohe Quoten-Nr. hätte noch eine längere Zeit des Wartens erfordert.
Deshalb beantragte sie am 28. November 1938 noch während der Ehemann in Dachau inhaftiert war - mit Unterstützung der Auswanderer-BeratungssteIle in der Karlstraße 38 - die Ausstellung der Reisepässe für die Familie beim Passamt für eine Auswanderung nach Kuba oder Frankreich (als Zwischenstation für die auch weiterhin angestrebte Ausreise in die USA), „je nachdem, was früher erreichbar ist“, wie es in ihrer Antragsbegründung hieß.
Dem Antrag wurde stattgegeben, alle behördlichen Genehmigungen waren erteilt, die Pässe wurden - damals noch - ausgegeben. Die Verwandten in den USA, die zuvor schon dorthin ausgewandert waren, betrieben nun die Ausreise für die Familie nach Kuba. Und Sali und Flora warteten und warteten.
Und sie warteten vergebens auf ihre Ausreise nach Kuba. Mit Schreiben vom 21. November 1939 an das Passamt, also ein Jahr später, beantragte Sali Kirchheimer die Verlängerung der Reisepässe um ein Jahr mit der folgenden Begründung: „Die Familie hatte die Absicht, nach Kuba auszuwandern. Von seinen Verwandten in den USA sollte das erforderliche ‚Vorzeigegeld’ deponiert werden; als der von Kuba geforderte Betrag deponiert war, hatte die kubanische Regierung die zur Einreise erforderliche Summe wesentlich erhöht (auf 2800 US-Dollar), so dass kein Visum erteilt wurde. Als die Verwandten schließlich im Begriff waren, die erhöhte Summe zu deponieren, wurde die Einreise für Kuba generell gesperrt. Nunmehr solle die Auswanderung direkt nach USA erfolgen“. Die Verlängerung um ein Jahr wurde mit der hohen Quotennummer begründet.
Aus einer Bescheinigung der Auswanderer-Beratungsstelle vom 16. April 1940 für das Passamt geht hervor, dass sie nunmehr die Quotennummer 12398 hatten und für den 7. Mai 1940 zum amerikanischen Konsulat nach Stuttgart bestellt waren.
Aus einem Vermerk vom 4. Mai 1940 in der Akte des Polizeipräsidiums geht hervor, dass die Pässe bis 3. Mai 1941 verlängert wurden, nachdem wiederum alle behördlichen Genehmigungen erteilt worden waren (immerhin dauerte die Bearbeitung des Passverlängerungsantrages mehr als fünf Monate). Üblicherweise wurden die Pässe beim Passamt hinterlegt und nur gegen Vorlage der Visa ausgehändigt. Im Falle der Familie Kirchheimer wurden die Pässe jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit ausgegeben (in der Akte beim Polizeipräsidium gibt es keinerlei Vermerk über eine Passanforderung und -zusendung -, bei der in der in Nazideutschland üblichen Behörden-Pedanterie gäbe es dafür einen „Vorgang“).
Die Vorladung zum amerikanischen Konsulat bedeutete, dass sie nun ihre Visa beantragen konnten (die Quotennummer bedeutete nur die Eintragung in eine Warteliste). Das muss für die Familie eine ganz große Erleichterung gewesen sein, verbunden mit der Hoffnung, dass sie nun bald ausreisen könnten (die Mutter von Flora und ihr jüngster Bruder konnten fünf Wochen zuvor - endlich - ausreisen und waren sicher in den USA gelandet ). Sie warteten jedoch wiederum vergebens.
Bis zum 22. Oktober 1940 waren noch mehr als fünf Monate, also an sich ausreichend Zeit für die Bearbeitung der Visa-Anträge und auch für die Ausreise selbst. Warum kamen die Visa nicht? Die Frage ist nicht mehr zu beantworten.

Dann kam der 22. Oktober 1940. Alle badischen und saar-pfälzischen Juden wurden in einer überfallartigen Aktion nach Gurs in Südfrankreich deportiert. Besonders schlimm waren die ersten Monate, als die Menschen in großer Zahl an Unterernährung, körperlichem Verfall (vor allem die Alten), Krankheiten (keine Medikamente) starben - so auch der Onkel von Sali Kirchheimer, Aron Kirchheimer (geboren 1866), der mit seiner Frau Zerline (geboren 1872) von Berwangen nach Gurs deportiert wurde und bereits am 21. November 1940 dort starb. In der Erinnerung des Sohnes Günther, der als 8-Jähriger nach Gurs kam, war dieses Lager: Kälte, Nässe, Schlamm, Dunkelheit, Hunger und Krankheit, dem Tode näher als dem Leben auch nach mehr als 60 Jahren unauslöschlich im Gedächtnis eingebrannt.
Nicht umsonst wurde Gurs auch die „Vorhölle von Auschwitz“ genannt. Irgendwann im Frühjahr oder Frühsommer 1941 - so berichtet der Sohn Günther - wurde die Familie nach Marseille gebracht
und in dem - bewachten - Hotel „Terminus“ einquartiert. Dorthin wurden diejenigen gebracht, deren Auswanderung unmittelbar bevor stand, weil sie ein Visum hatten oder zu erwarten hatten, zum Zwecke der Vorbereitung der Auswanderung. Marseille, das war schon ein halber Schritt in die Rettung.
War der Reisepass von Sali und Flora noch gültig, oder war er schon abgelaufen und musste verlängert werden, und das deutsche Konsulat in Marseille verweigert eventuell die Verlängerung? Die Visa für die USA hatten - ab Ausstellungsdatum - nur eine Gültigkeit von vier Wochen (nach Josef Werner von vier Monaten). Ende 1940 waren von rund 200 US-Visen nur noch 40 gültig, die anderen waren alle verfallen. Waren auch die Visa für die Kirchheimers verfallen? Falls ja, versuchten sie eine Verlängerung zu bekommen, erhielten diese aber nicht? Nach dem Bericht des Sohnes Günther muss die Ausreise unmittelbar bevor gestanden haben, sie hatten sogar - nach seiner Erinnerung - schon die Schiffskarten und die Kabinennummer. Irgendein unüberwindbares Hindernis muss letztlich die Ausreise unmöglich gemacht haben. Was es war, wissen wir nicht. Es war die Entscheidung über Leben und Tod. Der Vater, Sali K. wurde „irgendwann“ von Marseille nach Les Milles (bei Aix en Provence) gebracht. Die Mutter, Flora K., blieb mit ihrem Sohn Günther für lange Zeit in Marseille, wohl ohne Hoffnung auf eine doch noch mögliche Ausreise.
Das jüdische französische Kinderhilfswerk OSE (Oevre de Secours aux Enfants) holte den Sohn Günther wegen seiner starken Unterernährung von Marseille weg, vermutlich im Juli 1942. Nur die Mutter konnte sich von ihm verabschieden. Sie weinte bitterlich und gab ihm den Wunsch mit, er möge ein guter Junge werden. Sie muss wohl, so Günther Kirchheimer, gefühlt haben, dass sie ihren Sohn nie mehr wieder sehen werde. Den Vater hat er nicht mehr gesehen. Für Günther Kirchheimer kam die Rettung in letzter Minute. Hätte die OSE ihn nicht geholt, wäre er mit seiner Mutter zurück nach Gurs gebracht worden und wäre mit seinen Eltern nach Auschwitz gekommen. Nach einer dramatischen Flucht vor den Nazihäschern in Wäldern, Olivenhainen und Bauernhöfen wurde er in ein französisches Waisenhaus bei Paris gebracht, wo er den Krieg überlebte.
Von Marseille bzw. Les Milles wurden Flora und Sali Kirchheimer kurz darauf nach Gurs zurück gebracht. Von dort aus erfolgte der Transport nach Drancy. Am 17. August 1942 kamen sie in den Zug nach Auschwitz. Dort gelten sie als verschollen, d.h. sie wurden unmittelbar nach Ankunft umgebracht. Sie erlitten das gleiche Schicksal wie Salis Brüder Julius Kirchheimer (geboren 1889, wohnhaft in Trier) mit Frau und Sohn, und Arthur Kirchheimer (geboren 1890, wohnhaft in Heilbronn) mit Frau; wie die Cousins Salli Kirchheimer (geboren 1878, wohnhaft in Karlsruhe) und Josef Kirchheimer (geboren 1882, wohnhaft in Berlin) und die Cousine Bertha Kirchheimer (geboren 1873); wie die Söhne der schon erwähnten Salomon Kirchheimer und der Tante Zerline Kirchheimer Siegmund (geboren 1885), Josef (geboren 1883) und Sali Kirchheimer (geboren1884 ), alle wohnhaft in Künzelsau,. Sie alle wurden aus keinem anderen Grund ermordet als dass sie Juden waren.

Günther Kirchheimer wurde nach dem Kriege durch seinen Onkel Willi Herbst, jüngster Bruder der Mutter, der bei der US-Army diente, in dem erwähnten Waisenhaus bei Paris ausfindig gemacht und mit 35 weiteren Kindern nach USA gebracht; hier traf er am 8. September 1946 ein. Er lebt heute mit seiner Frau Ilsa in einem Vorort von Philadelphia, hat zwei Kinder und fünf Enkelkinder.

(Wolfgang Strauß, Juni 2002)