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Ludwig Kaufmann, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Ludwig Kaufmann

Nachname: Kaufmann
Vorname: Ludwig
Geburtsdatum: 7. März 1879
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Salomon und Ida, geb. Strauss, K.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Käthe K.;

Bruder von Dr. phil. Arthur (16.9.1880-3.11.1918) und Leonhard (1877)
Adresse: 1926-1930: Kaiserallee 25a
1930-1936: Kriegsstr. 71
1937: Nowackanlage 7
1938: Weinbrennerstr. 1
1939-1943: Eisenlohrstr. 24
Schule/Ausbildung: Oberrealschule bis Untersekunda, [Kant-Oberrealschule ?]
Beruf: Kaufmann (Inhaber der Karlsruher Werkzeugmaschinen GmbH (KWG))
Deportation: 13.9.1943 verhaftet
9.11.1943 nach Auschwitz (Polen)
Sterbedatum: 10. Dezember 1943
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Ludwig Kaufmann

Ludwig Kaufmann wurde am 7. März 1879 in Karlsruhe als zweiter Sohn von Salomon und Ida Jette Kaufmann geboren. Salomon Kaufmann, geboren am 12. Februar 1847 in Malsch bei Rastatt, hatte selbst drei Geschwister, die alle noch vor dem ersten Geburtstag starben. Ida Jette Kaufmann, geborene Strauß, wurde am 8. Februar 1854 in Berwangen geboren. Sie war das zweite Kind und gleichzeitig die älteste Tochter von Leopold Strauß, der insgesamt 19 Kinder hatte. Vier der Kinder verstarben jedoch im Kindesalter. Leopolds erste Frau, die Mutter von Ida Jette, starb nach der Geburt des 12. Kindes. Er heiratete erneut und bekam mit seiner neuen Frau weitere sieben Kinder. Am 24. Mai 1876 hatten Ida Jette Strauß und Salomon Kaufmann in Karlsruhe geheiratet. Ungefähr neun Monate später, am 21. Februar 1877 kam bereits der erste Sohn, Leonhard, zur Welt; er verstarb nur vier Tage später. Am 7. März 1879 erblickte der zweite Sohn, Ludwig, in Karlsruhe das Licht der Welt und ein Jahr darauf, am 16. September 1880 folgte schließlich Arthur.
Ludwig besuchte in Karlsruhe die Oberrealschule bis zur Untersekunda. Wahrscheinlich besuchte er die Kant-Oberrealschule (heute: Kant-Gymnasium). Er verließ die Schule vermutlich ohne Mittlere Reife, da er in den Jahren 1898-1900 einen zweijährigen Militärdienst absolvierte, wie es für den Großteil der Wehrpflichtigen üblich war und nicht einen verkürzten einjährigen wie die meisten höher Gebildeten.
Während seiner Zeit beim Militär verstarb im Juni 1899 Ludwigs Vater Salomon Kaufmann in Karlsruhe. Ludwigs Bruder Arthur war zu dieser Zeit an der TH Karlsruhe als Student für Bauingenieurwesen immatrikuliert. Seltsamerweise ist er nur in den Wintersemestern 1899/1900 und 1900/1901 und nicht im Sommersemester 1900 eingeschrieben. Das Studium vollendete Arthur nicht in Karlsruhe, sondern andernorts. Hier verlaufen sich die Spuren der Brüder, die wahrscheinlich aus Karlsruhe fortzogen, heirateten und einen eigenen Haushalt führten.
Ludwig erlernte das Mechanikerhandwerk bei der Firma Karl Scharner, die Viehtötungsapparate herstellte. Danach arbeitete er als Händler für Werkzeugmaschinen. 1912 bis 1914 lebte er in Zürich (Schweiz), wo er geschäftlich zu tun hatte. Vielleicht arbeitete er auch zeitweise bei seinem Onkel Bernhard Würzburger, einem Schwager seiner Mutter, der einen Werkzeugmaschinenhandel in der Gerwigstraße 51 führte. Bernhard Würzburger verstarb 1922. Sein Geschäft wurde jedoch noch einige Jahre, vermutlich unter der Leitung seiner Witwe Cecilie Würzburger, geborene Strauß, einer Tante von Ludwig, weitergeführt und schließlich verkauft.
Ab 1926 ist Ludwig wieder in den Karlsruher Adressbüchern in der Kaiserallee 25a nachweisbar. In diesem Jahr gründete er mit Hilfe seiner Tante Cecilie Würzburger unter der ehemaligen Adresse der Firma ihres Mannes (Gerwigstraße 51) die „Karlsruher Werkzeugmaschinen GmbH“ (KWG). Die Tante diente wahrscheinlich als Geldgeber und war deshalb neben Ludwig Gesellschafter der Firma.
Die KWG importierte Maschinen aus den USA und dürfte vom Wirtschaftsaufschwung Mitte der 1920er Jahre profitiert haben. Auch fungierte sie als Vertretung für Firmen, die Präzisionswerkmaschinen herstellten. Anfangs hatte die KWG drei Angestellte: eine Stenotypistin, einen Fremdsprachenkorrespondenten und einen Lehrling. 1929 zog Ludwigs Firma in die Adlerstraße 44 um. Nach diesem Jahr führte er sie unter seiner Privatadresse weiter und hatte wahrscheinlich auch keine Mitarbeiter mehr.
Im folgenden Jahr, am 18. September 1930 heiratete Ludwig Kaufmann Käthe Dudeck, geborene Walz.
Katherina Elisabetha Karolina Walz (Käthe) war am 16. Juni 1899 in Mannheim geboren worden. Ihre Eltern waren Elisabeth Walz, am 30. Dezember 1866 in Bretten geborene Röthle, und Albert Walz, Gerichtsschreiber und Registraturassistent, geboren am 14. Juni 1862 in Schwetzingen. Sie hatte zwei ältere Geschwister: Schwester Auguste, geboren am 27. Oktober 1887 in Rastatt und Bruder August, geboren am 10. Februar 1897 in Bruchsal. Die Familie war christlicher Konfession. Im Jahr 1900 meldete sich Familie Walz in Mannheim nach Karlsruhe ab. Hier wohnten sie zuerst in der Kaiserallee 53 im 1. Obergeschoss und ab 1902 in der Rüppurrer Straße 25 im 2. Obergeschoss. Drei Jahre nach dem Umzug nach Karlsruhe wechselte die Familie wieder den Wohnsitz, diesmal nach Offenburg. Dort besuchte Käthe ein Lehr- und Erziehungsinstitut, das Mäd¬chenrealgymnasium „Kloster Unserer Lieben Frau“, das von Au¬gustinerinnen geführt wurde und heute noch besteht. Am 16. Februar 1921 hatte Käthe Walz in Schneidemühl den neun Jahre älteren Büchsenmacher Wilhelm Dudeck (geboren am 27. Juli 1890) geheiratet. Ein Jahr später kam die gemein¬same Tochter Trude zur Welt. 1926 zog die kleine Familie nach Karlsruhe in die Körnerstraße 33/35 im Erdgeschoss. Hier arbeitete Wilhelm Dudeck als Reichsbankpraktikant. 1927 zogen sie in die Douglasstraße 18 ins 2. Obergeschoss . Am 13. September 1928 ließen sich Wilhelm und Käthe Dudeck scheiden. Die Tochter blieb bei der Mutter. Im darauf folgenden Jahr starb Albert Walz als Kanzleirat a.D. bei einem Besuch in Karlsruhe. Die Witwe lebte weiter in Offenburg.
1930 war, wie bereits erwähnt, die Hochzeit von Käthe Dudeck, geborene Walz, mit dem 20 Jahre älteren Lud¬wig Kaufmann, der zusammen mit ihr und ihrer Tochter in die Kriegsstraße 71 ins 2. Obergeschoss zog. Dort lebten sie in einer herrschaftlichen 6-Zimmerwohnung in einem repräsentativen Wohnhaus, das sogar Teppiche im Treppenhaus hatte. Auch sonst hatten sie einen überdurchschnittlichen Lebensstandard: Sie hatten eine Hausangestellte, Ludwig war Kunstliebhaber, der auch einige Bilder besaß, außerdem verfügten sie noch über ein Mercedes-6-Zylinder-Automobil. Trude besuchte das Fichte-Mädchenrealgymnasium.
Käthe wurde durch die Ehe quasi berufstätig, indem sie ihren Ehemann Ludwig in eben jenem Mercedes zu Geschäftsterminen chauffierte, jedoch meist vor der Tür wartete. Ludwig selbst hatte keinen Führerschein, da er dafür - nach Aussage von Käthe Kaufmann - „zu nervös“ war. Es ist auch anzunehmen, dass Käthe bei Schreibtätigkeiten half, da sie Maschinenschreiben beherrschte. Die Geschäfte müssen gut gelaufen sein. Zu den Kunden zählten unter anderem die Daimler Benz AG, die Ritter AG, die IG-Farbenindustrie und die Firma Heinrich Lanz (Landmaschinen).
Im Jahre 1933 zog Ida Jette Kaufmann, die Mutter von Ludwig, aus Karlsruhe fort. Über ihren weiteren Lebensweg ist nichts bekannt. Die Machtergreifung durch Hitler hatte für Ludwig Kaufmann und seine KWG schwerwiegende Folgen. Die Kunden fielen nach und nach weg. „Zur Fa. Werther habe die Verbindung aufgehört, weil diese das Geschäft wegen des jüd. Eigentümers eingestellt werden musste. Die Fa. In Gera hätte gerne weiter mit Ludwig K. gearbeitet, was aber wegen Reiselegitimitätsverlust nicht mehr möglich war. […] Einige Fir¬men hätten erklärt, dass sie keine Geschäfte mehr mit ihm machen könnten, weil er Jude sei, z.B. die Fa. Sattler in Mühlacker“, berichtet Käthe Kaufmann später in ihrer eidesstattlichen Erklärung vor dem Amtsgericht Karlsruhe (23. August 1951). Der Verlust der Reiselegitimität um 1934/35 führte zum endgültigen beruflichen Aus für Ludwig Kaufmann 1936, obwohl es nie ein formelles Berufsverbot für ihn gegeben hatte. Danach scheint aber Käthe Kaufmann in gewissem Umfang selbständig die Handelsvertretungstätigkeit weiter betrieben zu haben.
In den folgenden Jahren zog die Familie mehrfach um. Ein Jahr nach der Geschäftsaufgabe (1937) zogen sie in die Nowackanlage 7. Ein Haus, das dem jüdischen Eiergroßhändler Oskar Schäfer gehörte, dessen Familie auch Opfer des Holocausts wurde (vergleiche seine Biographie im Gedenkbuch). Im Jahr darauf wohnten Ludwig, Käthe und Trude, die Tochter von Käthe, dann in der Weinbrennerstraße 1. 1939 zogen sie in die Eisenlohrstraße 24 in eine 7-Zimmerwohnung, in der sie die nächsten Jahre blieben.
Ludwig Kaufmann fiel nicht unter die allgemeine Deportation der badischen Juden am 22. Oktober 1940 nach Gurs, da er mit einer Christin verheiratet war. Die Diskriminierungen und Benachteiligungen hörten aber deswegen nicht auf. Ab 1. September 1941 musste Ludwig Kaufmann wie alle Juden einen Judenstern tragen. Käthe Kaufmann war als Frau eines Juden geächtet.
Am 13./14. September 1943 wurde Ludwig Kaufmann von der Gestapo verhaftet. Er war zu Vernehmungen vorgeladen und kam dann in „Schutzhaft“ ins Gefängnis Karlsruhe. Käthe Kaufmann wartete drei Stunden vor der Tür, bis ihr dies mitgeteilt wurde. Im November 1943 folgte die Deportation nach Auschwitz, wo Ludwig am 10. Dezember 1943 starb. Das lässt vermuten, dass er in dieser kurzen Zeitspanne noch Zwangsarbeit hatte leisten müssen. Der Eintrag ins dortige Sterberegister (Auschwitz I, Stammlager) erfolgte am 18. Januar 1944, die Witwe erhielt folgende amtliche Mitteilung:
„Ihr Ehemann Ludwig Kaufmann geb. 7.3.1879 ist am 10.12.1943 an den Folgen von Herzmuskelinsuffizienz bei Erysipel im hiesigen Krankenhaus verstorben.
Die Leiche wurde im staatlichen Krematorium eingeäschert.“
Erstaunlich ist, dass der Eintrag ins Sterberegister erst einen Monat nach dem Tod stattfand; auch die angegebene Todesursache muss als formell und zweifelhaft angesehen werden.

Wie erging es Käthe Kaufmann und ihrer Tochter währenddessen? Sie lebten mit ihnen zugewiesenen Untermietern in der Eisenlohrstraße 24, bis am 27. September 1944 die Wohnung ausgebombt wurde. Danach fanden sie und ihre Tochter Unterschlupf bei einem Reichsbahndirektor in der Eisenlohrstraße 30. Im Jahre 1945 zog ihre Tochter Trude nach der Heirat mit ihrem Ehemann Erik Bergmann nach Norwegen. Käthe Kaufmann bekochte drei US-Offiziere, die im selben Haus untergebracht waren.
Um sich über Wasser zu halten, fertigte Käthe ab 1946 kunstgewerbliche Arbeiten und Kinderspielzeug. Diese verkaufte sie unter der Hand und an Geschäfte wie Blos und Wohlschlegel. Nach der Währungsreform 1948 brachte diese Arbeit jedoch kein Geld mehr ein, da die Nachfrage nach derartigen Artikeln stark gesunken war.
Im Februar 1946 wurde die Wohnung in der Eisenlohrstraße 30 wegen der ehemaligen Parteizugehörigkeit des Reichsbahndirektors auf sie umgeschrieben. Sie zahlte jedoch weiter Untermiete. Dort lebte sie noch bis Ende der 1960er Jahre. Danach zog sie in die Hübschstraße 16. 1980 kam sie schließlich ins Altenheim „Am Stadtgarten“ in der Augartenstraße 7, kurz darauf verstarb sie dort am 2. Januar 1981.

(Lennart Merkert, Klasse 12 Humboldt-Gymnasium, Schuljahr 2003/04, Mai 2004)