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Hermine Kaufmann, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Hermine Kaufmann

Nachname: Kaufmann
geborene: Dessauer
Vorname: Hermine
Geburtsdatum: 22. Juni 1897
Geburtsort: Sterbfritz/Kassel (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Salomon D.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Hugo K.;

Mutter von Carl und Richard
Adresse: Kreuzstr. 21
Schule/Ausbildung: Volksschule
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
28.6.1942 in Valence sur Bais verhaftet und nach Le Vernet (Frankreich)
4.9.1942 von Gurs nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Hugo und Hermine Kaufmann

„...Ich sitze im Kinderzimmer und habe das Radio eingestellt. Der Stimme nach ist Kasperle-Stunde mit seiner Großmutter“, schreibt Hermine Kaufmann am 7. Juni 1939 ihrem dreizehnjährigen Sohn Richard nach England, der einen Monat zuvor zusammen mit seinem vier Jahre älteren Bruder Karl gerade noch rechtzeitig mit einem Kindertransport aus dem nationalsozialistischen Deutschland hatte fliehen können. „Richtig zuhören kann ich nicht, dafür habe ich zuviel Sorgen, aber, - weil Du als so andächtig davor sitzen konntest und so Spaß daran hattest, lasse ich ihn laufen und es ist mir, als wärst Du da und würdest ganz still im Eckchen sitzen.“

Die Geschichte von Kasperle und seiner Großmutter gehört zum Inbegriff deutschsprachiger Kultur und Heimat, weil fast alle deutschen Kinder diese Geschichten kannten und liebten - wie auch Richard Kaufmann. Natürlich war der Sohn jüdischer Eltern fest verwoben gewesen in die deutschsprachige Kultur, Karlsruhe war seine Heimat. Für die Mutter von Richard Kaufmann war der Radioapparat eine lebendige Erinnerung an ihren Sohn, den sie nie wieder gesehen hat. Familie Kaufmann war eine deutsche jüdische Familie, für die ihr Deutschsein ebenso wie das bewusste Jüdischsein als gläubige Juden und Angehörige der orthodoxen Gemeinde in Karlsruhe eine selbstverständliche Einheit bildeten. Richard Kaufmann hat diese Postkarte zugeschickt, damit wir sie berücksichtigen bei der Erinnerung an seine Mutter und seinen Vater. Sie macht uns Nachgeborenen den Verlust einer Identität schmerzhaft bewusst, die hier Geborene und Lebende einmal sicher glaubten, die dessen ungeachtet trotzdem aus ihrer Heimat, Karlsruhe, vertrieben und ermordet wurden.
(Susanne Asche, Gedenkveranstaltung am 9. November 2002 im Tollhaus)

Die Eltern von Hugo und Hermine Kaufmann hatten ihren Lebensmittelpunkt noch in ländlichen Gemeinden gehabt. Hugo Kaufmann war am 9. Dezember 1889 in Rheinbischofsheim bei Kehl als Sohn von Isidor und Babette Kaufmann geboren worden. Er hatte zwei Brüder, Sally und Myrtil sowie vier Schwestern, Johanna, Bertha, Ester und Mina. Der Vater hatte eine Eisenhandlung betrieben, in der die Söhne bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges mitarbeiteten. Nach dessen Tod 1916 führte die Mutter zusammen mit der unverheirateten Tochter Johanna das Geschäft in Rheinbischofsheim bis 1936 weiter. Hermine Kaufmann war am 22. Juni 1897 in Sterbfritz, Kreis Fulda als Tochter des Rabbiners Salomon Dessauer und seiner Ehefrau Lenchen (1930 verstorben) geboren worden. Auch sie hatte zwei Brüder: Max und Julius. Max Dessauer veröffentlichte im Jahre 1962 das autobiographische Buch „Aus unbeschwerter Zeit“.
Familie Kaufmann in Rheinbischofsheim hatte die Chance zum sozialen Aufstieg, die nach der gesetzlichen Judenemanzipation in Baden 1862 mit dem gleichen Staatsbürgerecht sowie der Gewerbefreiheit und dem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland gegeben war, genutzt. Hugo Kaufmann sollte diesen Aufstieg mit dem Besuch einer höheren Schule, der Realschule, unterstreichen. Anstatt zusammen mit seinen Brüdern das väterliche Geschäft fortführen, zeigte er den Ehrgeiz ein eigenes modernes Unternehmen zu führen und sich zu behaupten. Nach der Teilnahme am gesamten Ersten Weltkrieg als Soldat im Sanitätsdienst im Kriegslazarett ließ er im Januar 1920 seine Firma für Maschinenhandel unter dem Namen Isidor Kaufmann OHG, mit Sitz in Rheinbischofsheim sowie einer Filiale in Karlsruhe in das Handelsregister eintragen mit ihm und seinem Bruder Sally als Geschäftsinhaber. Hugo Kaufmann zog im selben Jahr nach Karlsruhe und kurz darauf wurde der Karlsruher Standort zum Hauptsitz, während Bruder Sally bis 1932 als Geschäftsführer im Rheinbischofsheimer Filialbetrieb wirkte. Es zeugt von seinem Mut und Optimismus, in den Krisenjahren nach dem Ersten Weltkrieg ein solches Unternehmen zu beginnen. Hugo Kaufmann besaß nicht nur eine fundierte kaufmännische Ausbildung, sondern war auch ein begeisterter Mechaniker. Seine Kenntnisse im Maschinenbau nutzte er zur eigenen Konstruktion von Holzschnitzmaschinen, die ebenso stark in der möbelproduzierenden Industrie für die seinerzeit gebräuchlichen Verzierungen nachgefragt wurden wie für industrielle Bildschnitzarbeiten. Daneben baute er eine Produktion für Frässchneidemaschinen und Hobelmaschinen ebenso wie für Werkzeuge für diese Gewerbesparten auf. Die hoch spezialisierte Fabrik galt als die bedeutendste in der Region und machte einen großen Teil des Umsatzes auch durch den Export nach Frankreich und Luxemburg. Dabei hatte der Betrieb zunächst als reines Handelsgeschäft klein angefangen in der Kreuzstraße 21. Mit dem Beginn der eigenen Maschinenproduktion hatte Hugo Kaufmann 1925 Räumlichkeiten zunächst in der Rintheimer Straße 9a angemietet. Diese wurden schnell zu klein als die Geschäfte in dem kurzen Zeitraum, der beschönigend als die „Goldenen Zwanziger“ gilt, blendend gingen. So wurde 1927/28 eine größere Halle auf dem ausgedehnten Gelände der Papierfabrik Leichtlin an der Kaiserallee 89 gemietet. Nach 1928 bis 1937 wurde in einer großen Fabrikhalle in der Rüppurrer Straße 66 gefertigt. In der besten Zeit waren 35 Arbeiter und Angestellte mit dem Abwickeln der Aufträge beschäftigt, auch Lehrlinge wurden ausgebildet. Zuletzt, 1937/38, waren es noch drei Beschäftigte in kleinen Räumlichkeiten in der Schützenstraße 33.
Zeitgleich mit dem wirtschaftlichen Anfang 1920 ging Hugo Kaufmann mit Hermine Dessauer die Ehe ein. Von Beginn an bis 1940 wohnte die Familie in der Kreuzstraße 21, das Haus steht heute noch. 1922 und 1926 kamen ihre Söhne Karl und Richard auf die Welt. Hermine Kaufmann hatte die Volksschule besucht, vermutlich wegen des religiös-konservativen Elternhauses keinen Beruf erlernt und auch nicht wie damals üblich bis zur Eheschließung hauswirtschaftlich gearbeitet. Nach der Heirat war sie als Hausfrau und Mutter ganz für die Familie zuständig. Die Familienbande nach Rheinbischofsheim und ins Hessische blieben stark, ebenso wie das soziale Engagement aus religiöser Überzeugung sehr gepflegt wurde.
Die Wohnung in der Kreuzstraße hatte fünf Zimmer, neben dem Wohn- und Schlafzimmer gab es ein Herrenzimmer, sowie jeweils ein eigenes Zimmer für die beiden Kinder. Dies spiegelt den gutbürgerlichen familiären Hintergrund wider ebenfalls wie der Umstand, dass dem Klavierspiel und Lesen von Literatur in der Familie Kaufmann eine hohe Bedeutung beigemessen wurde. Eigene Fabrikräumlichkeiten wurden von Hugo Kaufmann nie käuflich erworben, vielleicht unter dem kaufmännischen Gesichtspunkt, so flexibler auf die wirtschaftlichen Umstände reagieren zu können. 1924 dagegen erwarb er zusammen mit seinem Bruder Sally das Wohnhaus Rüppurrer Straße 7, vermutlich unter dem Gesichtspunkt der Lebensabsicherung. Recht früh erwarb Hugo Kaufmann auch ein eigenes Automobil. Mit ihm war Hugo Kaufmann nicht nur geschäftlich unterwegs, sondern die ganze Familie besuchte damit ab und zu auch die Mutter in „Bisch“, wie die Kaufmanns Rheinbischofsheim liebevoll nannten. Dort erregte er mit dem Fahrzeug großes Aufsehen und das ganze Dorf lief zusammen, um es interessiert zu bewundern.
1933 bis 1937 besuchte Sohn Karl das Humboldt-Realgymnasium, dann musste er die Schule nach der 8. Klasse verlassen, weil er Jude war. So begann er eine Schlosserlehre. Bruder Richard konnte nach der Grundschule 1936, da der Vater Weltkriegsteilnehmer gewesen war, noch auf das Gymnasium in Durlach (heute Markgrafen-Gymnasium) wechseln, musste dann aber ab 1938 wie alle jüdischen Oberschüler zwangsweise auf die eigens eingerichtete Jüdische Schule in der Stadt. Die Brüder erfuhren zunehmend das veränderte Klima in Deutschland als immer bedrückender. Nichtjüdische Spielgefährten zogen sich zurück, in der Schule erlebten sie stramme nationalsozialistische Lehrer und der Tag, an dem sie das Schwimmbad aufsuchen wollten und draußen bleiben mussten, weil „Juden unerwünscht“ waren, brannte sich in ihr Gedächtnis ein. Richard und Karl erlebten in der prägenden Zeit beim Aufwachsen Deutschland nicht als „ihr Land“, im Unterschied zu den Eltern, für die die Gleichheit in den staatsbürgerlichen Rechten als eine selbstverständliche Voraussetzung im gesellschaftlichen Leben gegolten hatte. Für Hugo und Hermine muss es ein schwerer und langwieriger Prozess gewesen sein, diesen vollkommenen Bruch seit Machtantritt der Nationalsozialisten zu erkennen und den Verlust „ihrer Heimat“ festzustellen. Eine kleine Episode, als der 14-jährige Sohn Karl eine schulische Hausarbeit zu einer historischen Seeschlacht zu verfassen hatte, in der er den Ausdruck „Deutsche Flotte“ gebrauchte, mag den Widerspruch verdeutlichen, in der sich die beiden Generationen Kaufmann befunden haben mussten. Über diesen Ausdruck entbrannte ein kleiner Disput zwischen Sohn und Vater, der auf dem Ausdruck „unsere Flotte“ bestand. Karl setzte sich durch vor dem darüber anscheinend tief bedrückten Vater, was an dessen Tränen zu sehen war. Vielleicht war Hugo Kaufmann auch resigniert, weil er erkennen musste, dass der Sohn Recht hatte, Deutschland nicht mehr als „unser Land“ zu sehen, so wie er es einmal empfunden hatte?
Die Geschäfte der Maschinenfabrik waren durch die Weltwirtschaftskrise stark zurückgegangen. Der hohe Exportanteil scheint der Firma später aber eine gewisse Grundlage gegen die nationalsozialistische Boykottpolitik gesichert zu haben. Mit einem jährlichen Einkommen von nur noch ca. 6.000 RM waren in den 1930er Jahren keine Reichtümer zu erwerben, aber ein solider Lebensstandard konnte vorerst noch aufrechterhalten werden. Dabei musste Hugo Kaufmann monatlich eine ausgedehnte Reisetätigkeit entfalten, um die Auftragsabwicklungen der Firma in Frankreich und Luxemburg sicher zustellen. Doch die nationalsozialistische Politik der rigiden Devisenbestimmungen sowie der restriktiven Bestimmungen zum Gewähren von Pässen zu Auslandsreisen ab 1935 setzten auch Hugo Kaufmann stark zu, der nun nicht mehr, wie bisher üblich, einen fünf Jahre gültigen Reisepass erhielt, sondern jährlich einen neuen beantragen musste. Im August 1938 wurde der Pass gar polizeilich eingezogen, so dass er der Existenzgrundlage beraubt war.
Ab diesem Zeitpunkt betrieb die Familie Kaufmann die Emigration aus Deutschland, sie verkauften das Haus in der Rüppurrer Straße 7. Zunächst dachten sie an einen Neuanfang in Frankreich. Der Bruder von Hermine Kaufmann, Max Dessauer, lebte bereits seit 1934 mit seiner Familie dort und hatte sich in St. Dié in den Vogesen eine Existenz aufgebaut. Doch 1938 war eine Einwanderung in Frankreich bereits ebenso schwierig wie nach England oder den USA. Die NS-Behörden, die unter der Prämisse „judenreines Deutschland“ das Verlassen des Landes forcierten, plünderten die jüdischen „Auswanderer“ zugleich mit Hilfe zahlreicher Bestimmungen finanziell aus. Der Familie Kaufmann wurde die Ausreisegenehmigung zunächst unter dem Hinweis auf ausstehende Forderungen der Firma in Frankreich untersagt, die erst noch eingetrieben werden sollten. Das heißt, die Devisen nach denen die NS-Wirtschaftspolitik schielte, wurden teils durch jüdisches Vermögen, wie dem der Familie Kaufmann sicher gestellt, anders ausgedrückt: enteignet.
Mit der „Reichskristallnacht“ musste auch die Familie Kaufmann den bis dahin schlimmsten Höhepunkt des nationalsozialistischen Terrors erleben. Das Lager der seit einigen Wochen still gelegten Firma wurde geplündert, von einem ehemaligen nichtjüdischen Werkmeister der Firma, der am 10. November 1938 per Schubkarren trotz Protest und direkte Ansprache von Hermine Kaufmann, was er da mache, Maschinenteile fortführte und ohne Antwort zu geben mit seinem Raubgut weiterging. Der junge Richard Kaufmann musste das ganze traurig mit ansehen, ebenso wie in unmittelbarer Nachbarschaft der Wohnung eine alte Frau an einem offenen Fenster im dritten Stockwerk in Panik stand, während der Mob dabei war, die Wohnungstür aufzubrechen. Die Passanten, oder genauer: Gaffer, riefen der um Hilfe schreienden Frau zu, sie solle doch aus dem Fenster springen. In seiner Erinnerung, so berichtet Richard Kaufmann, glaubt er manchmal heute noch ihren verzweifelten Schrei zu hören. Der Verhaftung am 10. November 1938 war Hugo Kaufmann nur entgangen, da er an diesem Tag sehr früh zu einer Geschäftsreise aufgebrochen war. Als Gestapobeamte gegen 9 Uhr an der Wohnungstür in der Kreuzstraße klingelten, um ihn zu verhaften, hörten, dass er bereits um 6:30 Uhr abgereist sei, erklärten sie der verängstigten Hermine Kaufmann, dass er dann ja bereits verhaftet sei, da seit 6:00 in der Frühe in Karlsruhe die Verhaftungen erfolgt seien. Doch Hugo Kaufmann war durch einen glücklichen Umstand den Verfolgern entgangen.
An der in den Wochen nach dem 9. November 1938 folgenden organisierten „Arisierung“ jüdischen Eigentums bereicherte sich im Falle der Familie Kaufmann ein „Pg.“ der NSDAP. Da er das Haus Rüppurrer Straße 7 bereits im August 1938 erworben hatte und ein paar Wochen später durch die forcierte „Arisierung“ einen noch größeren Vorteil wegen noch weitergehenden „Wertverfalls“ jüdischen Eigentums hätte erlangen können, stellte er nachträglich angebliche Mängel fest, die die Ausreisegenehmigung der Familie Kaufmann bis zur Behebung bzw. Preisnachlass weiter verzögerten. Dieses und andere Hindernisse konnten bis zum Juni des Jahres 1939 beseitigt werden, das heißt, Hugo und Hermine Kaufmann hatten mittlerweile hohe Summen Geld an den „arischen“ Hauserwerber und insbesondere den Reichsfiskus bezahlt. Diese Form der Ausplünderung, der die Kaufmanns wie viele andere traf war in formal rechtliche Kategorien wie Reichsfluchtsteuer, Abgabepflicht, Sühneabgabe etc. gekleidet. Diese Erfahrungen ließen die Kaufmanns zu der Überzeugung kommen, unter allen Bedingungen Deutschland zu verlassen und egal wohin. Mittlerweile war die Kleinfamilie zur „Großfamilie“ angewachsen, die beiden Söhne mussten sich zusammen in einem Zimmer einrichten. Bereits 1936 war die Mutter von Hugo Kaufmann angesichts ihres Alters und der persönlicheren Anfeindungen in einer kleinen Gemeinde wie Rheinbischofsheim in die Wohnung der Familie in die Kreuzstraße 21 gezogen, zusammen mit ihrer unverheirateten Tochter Johanna. Im selben Jahr war der 80-jährige Vater von Hermine Kaufmann, Salomon Dessauer, aus Hessen ebenfalls in die gemeinsame Wohnung zugezogen. Hugo und Hermine Kaufmann nahmen die Chance wahr, die sich nach dem 9. November 1938 für 10.000 jüdische Kinder in Mitteleuropa bot, indem sie ihre beiden Söhne Karl und Richard in einem Kindertransport nach England unterbringen konnten. Das waren bange Wochen gewesen, da die englischen Behörden das Alter auf das 16. Lebensjahr einschränkten und Karl vor seinem 17. Geburtstag stand. Hugo Kaufmann begleitete seinen Sohn Richard bis zur französischen Grenze als Transit in die Niederlande. Dort gab er ihm einen Rechenschieber mit, ein Andenken an die verlorene Fabrik und auf die erstaunte Nachfrage des damit nicht kundigen Sohnes bemerkte er: “Das wirst du schon lernen.“ Richard Kaufmann benutzt diesen Rechenschieber bis heute. Die letzten Worte des Vaters beim Abschied haben sich tief in das Gedächtnis des Sohnes gegraben: „Ich kann Dir nicht viel mitgeben, aber benütze Deine zwei Augen, sehe was vorgeht. Und noch was, wachse auf als braver frommer jüdischer Mann.“
In den Niederlanden angekommen, kümmerte sich Onkel Myrtil Kaufmann, der Bruder von Hugo Kaufmann, der sich zu diesem Zeitpunkt in Holland befand, um den 13-Jährigen Richard. Gerade noch rechtzeitig kam die Erlaubnis für Karl, um gemeinsam mit seinem Bruder am 17. Mai 1939 mit dem Schiff von Rotterdam nach England zu gelangen.
Angesichts der beschränkten Einreisemöglichkeiten in die westlichen Demokratien betrieben die Kaufmanns für die gesamte Familie die am ehesten mögliche alternative Ausreise in irgendeines der gegen Barzahlungen aufnahmewilligen Länder Südamerikas, zuletzt Brasilien oder Chile. Schließlich lagen beim Polizeipräsidium am Karlsruher Marktplatz die Reisepässe samt Visa für Hugo und Hermine, Hermine und Johanna Kaufmann sowie Salomon Dessauer fertig vor - nach Chile. Dies war am 27. Dezember 1939, der Zweite Weltkrieg hatte längst begonnen. Die Familie Kaufmann konnte zu diesem Zeitpunkt Deutschland auf dem gewöhnlichen Weg über Bremen oder Hamburg nicht mehr verlassen. Die Ausreisepapiere blieben liegen - und verfielen. So wurden alle fünf Familienmitglieder am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert. Im Frühjahr 1941 war es durch die Vermittlung von dem bereits 1934 eingewanderten Bruder von Hermine Kaufmann, Max Dessauer, gelungen, beim französischen Präfekten von Pau die Entlassung der Familie aus dem Internierungslager zu erreichen.
Das weitere Schicksal der Familie wurde von Josef Werner in der zweiten Auflage von: Hakenkreuz und Judenstern, Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich nach Berichten überlebender Angehöriger beim Besuch ehemaliger jüdischer Karlsruher auf Einladung der Stadtverwaltung im Jahre 1988 ausführlich dokumentiert, weshalb diese Passage hier angefügt wird:
„Bis zum August 19421ebte die aus Gurs entlassene Familie Kaufmann-Dessauer in dem Dorf Valence sur Bais nahe der Stadt Auch im Departement Gers [Region Armagnac]. Im Nachbardorf Castéra-Verduzan hatten Max Dessauer, seine Frau und die damals 17jährige Tochter Erika unter falschem Namen Unterschlupf gefunden. In Valence sur Bais führten ihre Verwandten laut Schilderung von Erika Dessauer-Nieder ‚ein halbwegs annehmbares Leben, zumindest erging es ihnen nicht schlechter als anderen Juden, die unter der Fuchtel der Nazis und unter der Herrschaft der antisemitischen Regierung in der unbesetzten Zone Frankreichs lebten’.
Die Tragödie für die vier jüdischen Mitbürger aus der Kreuzstraße begann, als die Familie Max Dessauer in der zweiten Augusthälfte 1942 eine geheime Warnung erhielt. Sie kam von einem Herrn Heyl, einem der Familie bekannten Mitglied der Resistance, und enthielt die alarmierende Mitteilung, dass in den folgenden Tagen Razzien gegen Juden durchgeführt würden. (Es handelte sich dabei um die Großrazzia vom 26./27. August 1942, bei der im unbesetzten Teil Frankreichs 6584 Juden verhaftet wurden, die nicht im Besitz der französischen Staatsbürgerschaft waren). Erika Dessauer warnte daraufhin ihre Verwandten in Valence sur Bais telefonisch mit vereinbarten Codeworten. Für die in höchstem Maß gefährdete Karlsruher Familie das Signal, unverzüglich das Notwendigste zu packen, um verabredungsgemäß in einem entlegenen Bauernhof unterzutauchen. Wider alles Erwarten weigerte sich nun aber der inzwischen 84jährige Salomon Dessauer hartnäckig, mit Tochter, Schwiegersohn und dessen Schwester aufzubrechen. Über die Gründe dieses unvorhergesehenen Verhaltens gibt es nur Vermutungen. Es kann angenommen werden, dass der strenggläubige Theologe fürchtete, er werde in dem vorgesehenen Versteck keine koschere Nahrung erhalten.
Die Weigerung Salomon Dessauers, das Haus zu verlassen, hatte ein Geschehen von einer Tragik zur Folge, wie man sie fast nur aus griechischen Dramen kennt. Zunächst schien es, als wäre eine Lösung gefunden, als Hugo Kaufmanns 48jährige Schwester Johanna sich entschloss, bei dem alten Herrn zu bleiben. Sie war es auch, die das Ehepaar Kaufmann unter Hinweis auf ihre in England in Sicherheit befindlichen Söhne bedrängte, schleunigst unterzutauchen. Karl (geb. 1923 ) und Richard Kaufmann (geb. 1926) hatten im Mai 1939 in Großbritannien Asyl gefunden.
Schweren Herzens verließ das Ehepaar Kaufmann den Vater und Schwiegervater, die Schwester und Schwägerin. In den darauffolgenden Stunden machte sich Hermine Kaufmann jedoch die heftigsten Vorwürfe, ihren Vater schutzlos zurückgelassen zu haben. Noch in der darauffolgenden Nacht beschloss sie, das sichere Versteck zu verlassen und zu ihrem Vater zurückzukehren. Alles Flehen ihres Mannes, zu bleiben, und alle Warnungen des Bauern, bei dem das Ehepaar Unterschlupf gefunden hatte. Blieben ohne Erfolg. Mit der Versicherung, das „Gute", das sie tat, werde mit "Gutem" belohnt, verabschiedete sie sich und trat den Rückweg an.
Im Morgengrauen des 26. August 1942 traf sie bei dem Vater und der Schwägerin ein.
Fast zur gleichen Minute klopften die französischen Gendarmen an die Tür, um ihren Auftrag auszuführen. Auf der Liste der zu Verhaftenden standen die Namen des Ehepaars Kaufmann und von Johanna Kaufmann, nicht jedoch der von Salomon Dessauer. Seines hohen Alters wegen war er verschont worden . [Der Polizeichef der Vichy-Kollaborationsregierung René Bosquet hatte für die große Razzia im unbesetzten Teil Frankreichs am 26./27. August 1942 das Alter der zu Verhaftenden angefangen von Kindern (!) bis zu Erwachsenen im Alter bis 60 Jahren festgelegt.]
Die Gendarmen gaben sich, als sie Hugo Kaufmann nicht antrafen, zufrieden mit den beiden Frauen. Nun war Hermine Kaufmann, die ihrem Vater zuliebe aus dem Untergrund zurückgekehrt war" erst recht und endgültig von ihm getrennt. Sie und ihre Schwägerin mussten auf einen Lastkraftwagen klettern, der überladen war mit anderen jüdischen Familien. Der Wagen brachte die verzweifelten Menschen nach dem Lager Vernet.
Als Hugo Kaufmann von der Verhaftung seiner Frau und Schwester hörte, verließ auch er sein Versteck und kehrte ins Dorf zurück. Er meldete sich bei der Gendarmerie und bat, dafür zu sorgen, dass er mit den Seinen vereint würde. Das für die Festnahme der Juden zuständige Kommando war inzwischen längst abgerückt. So versuchten die Gendarmen, die Hugo Kaufmann gut kannten und ihn mochten, ihm seine lebensgefährliche Absicht auszureden. Vergebens. Er bestand darauf, ins Lager Vernet zu kommen, was die Gendarmen ihm dann wohl oder übel ermöglichten.
Es ist ungewiss, ob Hugo Kaufmann seine Frau und die Schwester noch einmal sah. Fest steht, dass die fast 6600 Opfer dieser Großrazzia an den darauffolgenden Tagen in Transportzügen zu je 1000 Personen nach dem Sammellager Drancy bei Paris gebracht und von dort nach Auschwitz deportiert wurden. Sowohl das Ehepaar Kaufmann wie Johanna Kaufmann wurden mit dem Transport, der am 4. September 1942 Drancy verließ, nach dem Osten gebracht. Möglich, dass das Ehepaar sich beim Verladen noch einmal sah, doch auch dies ist zweifelhaft. Weil Männer und Frauen getrennt zum Verladebahnhof geführt wurden. Der in Valence sur Bais zurückgebliebene Salomon Dessauer lebte in den darauffolgenden Wochen bei der Familie seines Sohnes Max im Nachbardorf Castéra-Verduzan.
Max Dessauer entging mit Frau und Tochter der Verhaftung, weil die Familie, unter dem Namen Morfric lebend, für die Behörden unverdächtig war. Salomon Dessauer aber erreichte nach dem Bekunden seiner Enkelin ‚nie wieder das Bewusstsein für die Realität und starb zwei Monate später’. Sein Todestag war der 26. Oktober 1942. Erika Dessauer-Nieders abschließende Worte zu der Tragödie in ihrer Familie: ‚Mein Vater hat nie den Schmerz darüber verwunden, dass seine Familie zugrunde gegangen ist, während so viele andere Familien dank seiner Kenntnisse und seines Netzes, das er aufgebaut hatte, gerettet worden sind. . . Hermine und Hugo Kaufmann kamen um, weil sie ihrer Liebe und ihren familiären Verpflichtungen größeren Wert beimaßen als ihrem Leben.’“

Die Familie von Max Dessauer mit der Tochter Erika ging nach der Befreiung von Frankreich nach den USA.
Karl und Richard Kaufmann schufen sich ohne Eltern eine Existenz in England. Karl Kaufmann wanderte nach seiner Pensionierung nach Israel, nach Bne Barak, aus. Da die Eltern kein Grab gefunden haben, überführte er den am 26. Oktober 1942 in Frankreich verstorbenen Großvater Salomon Dessauer später dorthin. Auf den Grabstein hat Karl Kaufmann die Namen seiner Eltern und der väterlichen Schwester Johanna eingravieren lassen, damit sie, obwohl ohne eigenes Grab, wenigstens einen symbolischen Grabstein haben. So ist dieses Grab in Bne Barak, Israel für die Überlebenden und Nachgeborenen das Familiengrab und der Ort der Trauer für eine einstmals deutsch-jüdische Familie.

Karl Kaufmann hat für diese Biographie ebenfalls wichtige Informationen beigetragen, dafür danken wir ihm.

(Jürgen Schuhladen-Krämer, November 2003)