Personendaten

Dr. Julius Katzenstein

Titel: Dr.
Nachname: Katzenstein
Vorname: Julius
Geburtsdatum: 6. April 1885
Geburtsort: Aschenhausen/Thüringen (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Amalie;

Vater von Hilde Josef, geb. K., Renate und Johanna Erika
Adresse: Ettlinger Str. 9
Schule/Ausbildung: Universität, Medizin
Beruf: Arzt (praktischer Arzt)
Sterbedatum: 15. Juli 1933
Sterbeort: Karlsruhe (Deutschland)
Suizid

Biographie

Julius Katzenstein

Dr. med. Julius Katzenstein
Praktischer Arzt

Geboren wurde Julius Katzenstein am 16. April 1884 in Aschenhausen bei Meiningen im heutigen Thüringen. Seine Eltern Mathilde, geborene Schmidt und Moses Katzenstein waren beide ebenfalls in Aschenhausen geboren und wohnhaft. Der Vater war von Beruf Viehhändler.
Julius Katzenstein studierte Medizin, konnte im Jahr 1911 in Würzburg mit 27 Jahren sein Examen machen und seinen Dr.-Titel erwerben.
In Würzburg heiratete er auch seine Ehefrau Amalie, die Hochzeit fand am 19. August 1912 statt.
Amalie, geborene Lustig, kam am 15. Februar 1889 in Würzburg zur Welt.
Das Ehepaar zog noch im Jahr 1912 nach Karlsruhe, in die Schützenstraße 4. Zwischen 1913 und 1915 wohnten sie in der Schützenstraße 13 (2. OG), in den Jahren 1916 bis 1926 nahmen sie noch das 3. OG dazu. 1927 zogen sie quasi um die Ecke, in die Ettlinger Straße 9. Dieses Haus gehörte ihnen.
Julius Katzenstein arbeitete in Karlsruhe von Anfang an als praktischer Arzt, er hatte eine Praxis mit ständigem Zulauf und war ein sehr beliebter Mediziner.

Es war ihm ein gewisser Wohlstand vergönnt, so konnte er zum Beispiel eine Praxis im Weiherfeld für seinen späteren Schwiegersohn Dr. Hans Joseph kaufen und einrichten.
In der Südweststadt, in der Klauprechtstraße 16, erwarb die Familie ein weiteres Haus. Dies wurde 1939 von den Nationalsozialisten enteignet, am 5. September 1944 wurde das Haus bei einem schweren Bombenangriff auf Karlsruhe völlig zerstört.

Dr. Katzenstein dachte und handelte sozialfürsorglich. Die Wirtschaftskrise der Weimarer Republik hatte viele Menschen im damaligen Arbeiterstadtteil Südstadt in schwere Not gebracht. Ein Zeitzeuge sagte später:
„Dr. Katzenstein war außerordentlich beliebt. In der Südstadt gab es unter den Arbeitslosen und sonstwie Bedürftigen den Slogan ‚Wenn du kein Geld hasch, geh zum Katzenstein’. Er habe in vielen Fällen nicht nur ohne Honorar medizinische Betreuung gegeben, sondern nicht selten bedürftigen Patienten und deren Angehörigen noch Lebensmittel nach Hause gebracht.“

Amalie und Julius Katzenstein hatten drei Töchter:
Ihre erste Tochter Hilde wurde am 18. Juli 1913 geboren. Die zweite Tochter Johanna Erika am 15. Februar 1919 und die dritte Tochter Renate Luise am 19. Februar 1923.
Die Töchter mussten auf beide, auf den Vater und auf die Mutter, schon sehr früh verzichten.
Dr. Julius Katzenstein nahm sich am 13. Juli 1933 das Leben.

Anfang 1935 bemühte sich seine Witwe Amalie wohl um die Ausreise aus Deutschland, denn im Februar 1935 hatte sie einen Reisepass ausgestellt bekommen, der für fünf Jahre gültig war.
Zu einer gemeinsamen Ausreise der Mutter mit ihren Töchtern kam es dann aber nicht, denn Amalie starb am 4. März 1937 in Karlsruhe eines natürlichen Todes. Zu diesem Zeitpunkt waren die Töchter gerade 24, 18 und 14 Jahre alt.

Bevor ich den Versuch unternehme, anhand von Zeitzeugenaussagen nachzuzeichnen, weshalb sich Julius Katzenstein das Leben nahm, möchte ich das Leben der Töchter aufzeigen:

Die älteste Tochter Hilde besuchte von 1926 bis 1932 das Lessing-Mädchengymnasium in Karlsruhe, an Ostern 1932 machte sie ihre Reifeprüfung. Ihr Wunsch war es, Medizin zu studieren.
Hilde heiratete am 11. Juli 1933 den Arzt Dr. med. Hans Joseph, nur zwei Tage nach ihrer Hochzeit nahm sich der Vater das Leben.
Dr. med. Hans Joseph wurde am 19. Februar 1902 in Fritzlar geboren, er starb am 20. August 1982 in den USA. Wie sein Schwiegervater, verlor er als jüdischer Arzt im April 1933 die Krankenkassenzulassung und konnte so nicht mehr als Arzt tätig sein.
Beide Eltern von Hans Joseph kamen später im KZ Theresienstadt um.
Im Sommer 1933 machten Hilde und Hans einen Einwanderungsversuch nach Palästina, die beiden konnten aber dort nicht Fuß fassen und gingen nach vier Monaten, im November 1933, wieder nach Deutschland zurück.
Am 22. Januar 1936 verließen sie Deutschland endgültig, schifften sich in Bremen auf das Schiff „Europa“ ein und wandten sich nach Amerika.
Beide hatten zwei Kinder: Helmut, geboren am 28. Dezember 1934 in Karlsruhe und Dorothie, geboren am 16. Juni 1945 in New York.

Der Berufswunsch der zweiten Tochter Johanna Erika war es, Fotografin zu werden. Sie ging, als der Vater Selbstmord beging, 14-jährig noch auf das Gymnasium in Karlsruhe. Nach dem Tod des Vaters besuchte sie 1933 bis 1936 ein Pensionat in Lausanne und zeitweise in ein privates Landschulheim in Florenz. Für kurze Zeit begann sie ihren Angaben nach in Karlsruhe eine Ausbildung beim Diplomoptiker Falkenstein, dieser musste aber dann, da er Jude war, sein Geschäft aufgeben.
Johanna verließ mit dem Schiff per Passage Le Havre – New York am 22. September 1937 Deutschland, ein halbes Jahr, nachdem die Mutter gestorben war. Sie wohnte zunächst bei ihrer Schwester Hilde und heiratete dort ihren Mann Felix Eduard Wolf, ebenfalls Deutscher, der amerikanischer Staatsbürger geworden war, am 1. Januar 1943. Beide hatten keine Kinder.

Über die dritte Tochter der Katzensteins, Renate Luise, ist uns von den drei Töchtern am wenigsten bekannt. Nach dem frühen Tod der Mutter erbte sie das Haus Ettlinger Straße 9.
Als die Mutter starb, ordnete das Amtsgericht Karlsruhe für die noch nicht 21 Jahre alten, daher minderjährigen Kinder Johanna Erika (zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt) und für Renate Luise (zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt) eine Vormundschaft an. Sie wurde von Rechtsanwalt Otto Steinel (Gartenstraße 32) übernommen, der sich auch in der Folgezeit sehr für die beiden einsetzte.
Renate wanderte im Jahr 1938 nach Amerika aus. Sie heiratete ebenfalls dort, das Ehepaar bekam 1953 Nachwuchs.

Dr. Julius Katzenstein hat uns nichts hinterlassen, das ihn als Mensch und Mediziner klarer konturieren würde. Es liegen aus dem späteren „Wiedergutmachungsverfahren“ Berichte vor, die ein wenig über ihn als Mensch Auskunft geben, Wesentliches aber, da für diesen bürokratischen Akt „uninteressant“, außen vor lassen.
So gab Dr. Hans Joseph über seinen Schweigervater an:
„Dieser hatte damals, wie amtsbekannt sein dürfte, wohl die größte Kassenpraxis in Karlsruhe, wenn nicht sogar in ganz Süddeutschland, besessen und war somit eine stadtbekannte Persönlichkeit gewesen. Demgemäß waren die Nazis, leider mit Erfolg, sofort darauf aus, ihn beruflich, seelisch und schließlich auch körperlich zu vernichten.
Es begann gegen ihn ein konzentriertes Treiben, das unter anderem in immer drohender formulierten Artikeln in Nazi-Zeitungen, insbesondere im „Führer“ zum Ausdruck kam.
Es wurden ihm unwahre Vorwürfe gemacht, die seine ärztliche Ehre in Frage stellten, neben diesen publizierten Drohungen erschienen wiederholt Nazibeamte in den Praxisräumen meines Schwiegervaters, die ihn mit Verhaftung und Gewalttätigkeiten bedrohten und es ihm klar machten, dass man es darauf abgesehen hatte, ihm ein ähnliches Schicksal wie dem Reichstagsabgeordneten Marum zu bereiten, nämlich, ihn bei passender Gelegenheit durch eine erregte Volksmenge oder in ähnlicher Weise umbringen zu lassen.“

Diese Aussage lässt fast vermuten, das Dr. Katzenstein wie Ludwig Marum sozialdemokratisch gesinnt war, doch das bleibt spekulativ, da sonst nirgends nachweisbar.

Die Tochter Hilde sagte über ihren Vater:
„Mein Vater war ein sehr beliebter Arzt, die meisten seiner Patienten lebten in der Südstadt. Er versorgte mit der gleichen Liebe die ärmsten seiner Patienten wie die wohlhabendsten Geschäftsleute des Indianerviertels. Er brachte unzählige Kinder auf die Welt, er war eben ein angesehener Arzt und Geburtshelfer. Die katholischen Schwestern vom Bernhardus und Josephshaus arbeiteten nicht nur gerne mit ihm zusammen, sondern er war ihr persönlicher Hausarzt.“

Der befreundete nichtjüdische Rechtsanwalt Dr. Hans Ingenohl führte aus:
„Er war auf das tiefste betroffen durch das objektiv zweifellos völlig unbegründete Vorgehen auf Entziehung der Kassenpraxis gegen ihn, was eine reine Verfolgungsmaßnahme wegen seiner und seiner Familie Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse war. Dr. Katzenstein, mit dem ich in den in Rede stehenden Wochen wiederholt persönlich zusammengekommen bin, war ein völlig gebrochener Mann. Er konnte es einfach nicht verstehen, dass er als geachteter Arzt und Karlsruher Bürger derart von den nationalsozialistischen Gewalthabern verfolgt wurde, nur, weil er Jude war.“

Am 13. Juli 1933 beging Dr. Julius Katzenstein Selbstmord, nur zwei Tage nach der Eheschließung seiner ältesten Tochter Hilde mit dem Arzt Dr. Hans Joseph.
Er hinterließ keinen Abschiedsbrief an seine Familie.

Der Entzug seiner Zulassung zur kassenärztlichen Tätigkeit, seiner Grundlage, lief wahrscheinlich ähnlich wie bei anderen jüdischen Kassenärzten ab. Als Basis dafür gilt das so genannte „Gesetz über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933.
Gemäß einem Bescheid der Bezirksärztekammer wurde Julius Katzenstein durch ein so genanntes „ehrengerichtliches“ Verfahren von seiner Tätigkeit als Kassenarzt ausgeschlossen, und zwar bereits im Laufe des April 1933.
Den damals „ehrengerichtlich“ ausgeschlossenen Ärzten wurde die Kassentätigkeit genommen, da von den Kassen keine Krankenscheine mehr ausgestellt werden durften.
Für Julius Katzenstein bedeutete dies den Ausschluss gleich nach dem 7. April 1933.
Zu diesem Zeitpunkt durften nur Teilnehmer des 1. Weltkrieges anfangs noch weiter praktizieren, was aber bei Julius Katzenstein nicht der Fall war. Gemäß seiner Tochter Hilde hatte er sich als freiwilliger Teilnehmer des 1. Weltkrieges gemeldet, war aber nicht genommen worden.
Julius Katzenstein hatte nach Angaben seiner Tochter Hilde eine der größten Kassenpraxen in Karlsruhe, so dass der Ausschluss für ihn einer Existenzvernichtung gleich kam.
Da die Unterlagen über den Ausschluss von Julius Katzenstein nicht mehr überliefert sind, sei hier ein Beispiel eines Mannheimer Kollegen aufgeführt, dessen Ausschluss mit großer Wahrscheinlichkeit ähnlich begründet wurde. Das Kommissarische Ehrengericht für den Kommissariatsbezirk Mannheim,
verfügte zum Auschluss des dortigen Arztes Dr. Münzer:
„… weil er die Pflichten eines Kassenarztes verletzt und dadurch standesunwürdig gehandelt hat. Die Verletzung der Pflichten eines gewissenhaften Kassenarztes wird darin erblickt, dass Herr Dr. Münzer dauernd eine abnorm hohe Zahl von ärztlichen Leistungen verrechnet. Jeder unbefangene Arzt muss zu der Überzeugung kommen, dass es einem Arzt unmöglich ist, sich auf reelle Weise ein derart hohes Monatseinkommen zu erarbeiten. Er muss also bei seiner Tätigkeit die notwendige Gewissenhaftigkeit bei der Behandlung von Kranken außer Acht gelassen haben. Es kann weder der kassenärztlichen Vereinigung noch den anständig arbeitenden Ärzten zugemutet werden, mit einem derartigen „Kassenlöwen“ zusammen tätig zu sein.“

Die Tochter Johanna schreibt über den Selbstmord ihres Vaters, dass er „in Karlsruhe seinem Leben ein Ende setzte, da ihm aus rassischen Gründen die Kassenpraxis von der nationalsozialistischen Regierung entzogen wurde und ihm somit die Existenzmöglichkeit genommen wurde. Die Kassenpraxis war das Haupteinkommen meines Vaters.“

Nachtrag:
Alle drei Töchter von Dr. Julius Katzenstein waren der Einladung an alle ehemaligen jüdischen Bürger der Stadt Karlsruhe im Oktober und November 1988 gefolgt und besuchten die Stadt. Johanna kam mit ihrem Mann, Renate und Hilde mit ihren Töchtern.

(Monika Dech, Oktober 2006)