Aus dem Fotoalbum

Bild 1
Großansicht des Bildes
[Bild 1 von 2]
Ludwig Kander, Passporträt um 1934

Personendaten

Dr. med. Ludwig Kander

Titel: Dr. med.
Nachname: Kander
Vorname: Ludwig
Geburtsdatum: 10. Juli 1877
Geburtsort: Mannheim (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Sigmund und Lina
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Mathilde Martha K.;

Vater von Lotte Fanny Münzesheimer, geb. K., und Herbert Sigmund
Adresse: bis 1909: Amalienstr. 81
1909-1936: Kaiserstr. 145
1936-1937: Kriegsstr. 122
1937: Stephanienstr. 30, 1937 nach Baden-Baden verzogen
Schule/Ausbildung: Universität
Universität
Beruf: Arzt (Facharzt für Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten. Chefarzt der HNO am Städtischen Krankenhaus. Vorsitzender des Vereins Karlsruher Ärzte; Mitglied der Ärztekammer Badens)
Sterbedatum: 15. Oktober 1938
Sterbeort: Birmingham (England)
Suizid

Biographie

Dr. Ludwig Kander

Ludwig Kander wurde am 10. Juli 1877 als einer von vier Geschwistern jüdischer Eltern in Mannheim geboren. Seine Eltern waren Sigmund und Lina Kander. Der Name Kander ist nicht allzu häufig verbreitet und war früher vor allem im mittelbadischen Gebiet zu finden. Die Herkunft des Namens ist jedoch ungewiss, doch taucht schon 1750 ein Isaak Kander in der Liste der Schutzjuden von Karlsruhe auf.

Nach Besuch der Schulen fing Ludwig Kander 1895 in Heidelberg an, Medizin zu studieren. Danach ging er für ein paar Semester nach Berlin, um anschließend nach Heidelberg zurückzukehren, wo er am 9. Juli 1900 die medizinische Hauptprüfung mit „sehr gut“ bestand und die ärztliche Approbation erhielt. Seine Doktorarbeit hatte den Titel: „Über die Komplikation der Schwangerschaft, der Geburt und des Wochenbetts mit Klappenfehlern des Herzens.“

Es folgten die ersten Berufsjahre in Karlsruhe, wo er an der Vorbereitung und dem Aufbau der Hals-, Nasen-, Ohrenabteilung des Städtischen Krankenhauses wesentlichen Anteil hatte. Nach Eröffnung der Neubauten in der Moltkestraße im Jahre 1907 wurde er Chefarzt der Abteilung, die damals Teil der Chirurgischen Klinik war. Er übte seine Tätigkeit dort vormittags aus, nachmittags hielt er Sprechstunden in seiner Praxis in der Kaiserstraße 145 ab, wo er auch mit seiner Familie im III. Stock wohnte. Das sehr repräsentative Gebäude an der Ecke Lammstraße, 1880 erbaut, in dessen unteren Etagen zunächst das renommierte Modehaus Model seine Verkaufsräume hatte, wurde im Zweiten Weltkriege zerstört.

Etwa 1903 heiratete Ludwig seine Cousine Mathilde Martha. Zwei Kinder entsprossen dieser Ehe, Lotte Fanny und Herbert Sigmund.

Nach noch lebenden Zeitzeugen (2002) war Dr. Kander ein sehr beliebter und tüchtiger Arzt mit großem Vollbart, ein sehr freundlicher, gütiger Mann. Frau Hanneliese Shearer, geborene Hammelburger, heute Birmingham, früher Karlsruhe, kann sich zum Beispiel noch daran erinnern, dass er ihr die Mandeln herausgenommen hat, als sie vier Jahre alt war. Daneben war er ein auch gesellschaftlich sehr anerkannter Karlsruher Bürger. Er war Mitglied in zahlreichen Vereinen und Organisationen, wie des Vereins Karlsruher Ärzte (Vorsitzender), der Ärztekammer Badens, des Israelitischen Frauenvereins (stellvertretender Vorsitzender), des Hilfsvereins der Juden in Deutschland (seit 1934), des Israelitischen Krankenvereins (schon vor 1900), des Vereins Friedrichsheim Gailingen und der Gesellschaft für Jüdische Familienforschung.

Sein Schicksal nahm nach der Machtergreifung der NSDAP eine dramatische Wende. Schon im März 1933 wurden die vier jüdischen Ärzte des Städtischen Krankenhauses beurlaubt. Nach Verkündigung des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wurde ihnen noch im gleichen Jahr gekündigt. Die Mitarbeiter und Kollegen von Dr. Kander, mit denen er teilweise 26 Jahre erfolgreich zusammengearbeitet hatte, bedauerten, wie überliefert, seinen Weggang sehr.

Dr. Kander konnte zunächst seine Privatpraxis fortführen, musste jedoch 1935/1936 in die Kriegsstraße 122 umziehen und 1937 in die Stephanienstraße 30. Obwohl schon bald nach 1933 die Krankenkassenzulassungen für jüdische Ärzte erheblich beschränkt wurden, konnte sich Dr. Kander wie andere beliebte jüdische Kollegen noch längere Zeit der Treue vieler „arischer“ Patienten erfreuen. Das war natürlich dem Nazi-Regime und deren Anhängern unter den anderen Ärzten ein Dorn im Auge, und durch bösartige Propaganda und viel Druck sanken die Patientenzahlen mit der Zeit erheblich. 1933 war noch rund ein Viertel der Karlsruher Ärzte deutsche Bürger jüdischen Glaubens gewesen. Durch Verfolgung, Emigration und, relativ häufig durch Freitod, sank ihre Zahl dann sehr schnell.

Neben all den politischen, beruflichen Problemen und der zunehmenden gesellschaftlichen Isolation kam noch der Tod seiner Ehefrau hinzu, die am 16. November 1934 herzkrank verstarb. Nach antisemitischen Anpöbelungen an der Universität München entschloss sich sein Sohn Herbert 1935 nach England zu emigrieren, wo auch er HNO-Arzt wurde und zuletzt in Coventry lebte. Auch seine Tochter Lotte, Dr. phil., die 1931 in Karlsruhe den späteren Zahnarzt Dr. Walter Münzesheimer heiratete und dort 1935 Zwillinge gebar, folgte 1937 ihrem Mann mit den Kindern nach Birmingham, wo das Ehepaar zunächst unter schwierigen finanziellen Bedingungen lebte. Dr. Kander blieb allein in Deutschland zurück, konnte allerdings noch ins Ausland reisen, so zum Bespiel in die Schweiz, nach Frankreich und Italien, und auch zu seinen Kindern nach England (1935 und 1937). Offenbar gelang es ihm aber nirgends, eine Daueraufenthaltsgenehmigung zu erhalten.

Im August 1937 zog er aus unbekannten Gründen nach Baden-Baden um, wo er in der Kapuzinerstraße 7 wohnte. Im Mai 1938 versuchte seine Tochter Lotte ihren kranken Vater in Deutschland zu besuchen, scheiterte jedoch nach einem Verhör durch die Gestapo an der holländisch-deutschen Grenze. Durch Verordnung nach dem neuen Reichsbürgergesetz vom 25. Juli 1938 wurde auch Dr. Ludwig Kander die ärztliche Approbation entzogen.

Nach einigem bürokratischen Aufwand und Problemen an der deutsch-holländischen Grenze konnte Dr. Kander im September 1938 nach Birmingham zu seiner Tochter reisen, jedoch wieder nur mit einer britischen Besuchserlaubnis für einen Monat. Danach hätte er wieder nach Deutschland zurückkehren müssen, was er in Kenntnis der dortigen Lage um jeden Preis vermeiden wollte. Krank und durch die Umstände stark depressiv, wählte er den Freitod. Am Morgen des 15. Oktober 1938 wurde Dr. H. E. Haas (ein anderer deutscher Emigrant) an sein Bett gerufen, wo Dr. Kander bewusstlos lag und nach kurzer Zeit verstarb.

Seine Person, seine eindrucksvolle Persönlichkeit und sein wechselvolles Leben, ein typisch deutsch-jüdisches Schicksal jener schrecklichen Zeit, verdienen es in großem Maße, nicht in Vergessenheit zu geraten.

(Richard Lesser, September 2002)