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Ferdinand Kahn 1939, Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Ferdinand Kahn

Nachname: Kahn
Vorname: Ferdinand
Geburtsdatum: 26. November 1891
Geburtsort: Liedolsheim/Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: geschieden
Eltern: Nathan (25.3.1858 in Liedolsheim) und Sophie (1862-1930), geb. Stern, K.
Verwandtschaftsverhältnis: gesch. Ehemann von Luise K.;

Vater von Renate und Rudolf
Adresse: 1898: Adlerstr. 39
1900: Steinstr. 11
Moltkestr. 137
Gerwigstr. 36
Schule/Ausbildung: 1901-1903: Kant-Realschule
Beruf: Kaufmännischer Angestellter
Handelsvertreter
Handelsreisender
Deportation: 11.11. - 28.12.1938 Dachau (Deutschland)
27.9.1940 erneut nach Dachau (Deutschland)
Sterbedatum: 24. November 1940
Sterbeort: Dachau (Deutschland)

Biographie

Ferdinand Kahn

Die Herkunft von Ferdinand Kahn
Ferdinand Kahn kam am 26. November 1891 in der Hardtgemeinde Liedolsheim im damaligen Bezirksamt Bruchsal (seit 1973 Landkreis Karlsruhe, die heutige Verbandsgemeinde Liedolsheim-Rußheim nennt sich nach dem durch Rheinhochwasser aufgegebenen historischen Ort Dettenheim) auf die Welt. Seine Eltern waren der bereits in Liedolsheim 1858 geborene Kaufmann Nathan Kahn und seine 1860 in Malsch bei Ettlingen gebürtige Ehefrau Sophie, geborene Stern. Er hatte noch fünf Geschwister: Julius (3. Juli 1884 geboren, gestorben 14. November 1884), Klara (geboren 26. Mai 1886), Friedrich (geboren 31. Januar 1889), Josef (14. Juli 1893, gestorben 7. September 1893) sowie die am 30. August 1895 geborene Bertha, die nur 15 Minuten nach der Geburt verstarb. Die überlebenden Brüder wurden später ebenso wie er Opfer der Judenverfolgung, Friedrich kam 1943 in Auschwitz um, Klara wurde am 10. September 1942 aus Nürnberg nach Theresienstadt deportiert und von dort am 18. Mai 1944 nach dem Vernichtungslager Auschwitz.
In Liedolsheim gab es seit dem 18. Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde, zunächst drei Familien, wovon die Kahns eine waren, mit Synagoge, an deren Platz heute das moderne Rathaus von Dettenheim steht, Bächlestraße 33. 1880 gab es mit 50 Juden am Ort die höchste Einwohnerzahl, danach sank sie kontinuierlich, so dass bereits seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg keine Juden mehr in Liedolsheim lebten. Die Gemeinde war mangels Mitgliedern schon 1903 aufgelöst worden. Auch die Familie Kahn lebte da nicht mehr in Liedolsheim, sondern war in die nahe Residenz- und Großstadt Karlsruhe gezogen. Dort ist sie im Adressbuch von 1898 erstmals aufgeführt, wohnhaft in der Adlerstraße 39. In diesem Quartier nahe der Altstadt lebten zahlreiche Juden in einfachen Verhältnissen, häufig Ankömmlinge in der Großstadt wie die Kahns. Kurz darauf finden wir sie eine Ecke weiter in der Steinstraße 11, wo sie dann Zeit ihres Lebens wohnten. Mutter Sophie starb in Karlsruhe 1930 und wurde auf dem orthodoxen Friedhof an der Haid & Neu Straße begraben. Der über 70-jährige Vater Nathan verließ alsbald nach dem Tod seiner Ehefrau Karlsruhe und ging nach Nürnberg, wo seine Tochter Klara, wiederum verheiratete Kahn, lebte.
Ferdinand ging zunächst auf die Volksschule und im Anschluss daran auf die Kant-Oberrealschule (heute Kant-Gymnasium). Das „Kant“ war wie die anderen höheren Schulen gebührenpflichtig und wurde daher überwiegend von Kindern aus dem mittleren und gehobenen Mittelstand besucht. Über die sozialen Verhältnisse der Familie Kahn ist nichts aktenkundig. Eventuell versuchten sie wie zahlreiche andere eher einfache jüdische kaufmännische Familien ihre Kinder - die Jungen, Mädchen nach damaligem Rollenverständnis weniger - durch eine höhere Schulbildung zum sozialen Aufstieg und mehr Prestige zu verhelfen. Doch Ferdinands Kahn Schullaufbahn misslang, absolvierte er dort doch nur zwei Schuljahre, als er bereits in der heutigen 6. Klasse wegen Fünfen in Deutsch, Französisch und Mathematik und ungenügendem „Fleiß“ sitzen blieb und danach die Kant-Schule verließ. Die restliche Schulpflicht bis zur achten Klasse verbrachte er in der Bürgerschule (heute Gartenschule), eine Schule die neben dem Volksschul-Curriculum gegen eine kleine Extragebühr Fremdsprachen unterrichtete. Danach wechselte er auf die Handelsschule, um eine kaufmännische Ausbildung zu absolvieren.

Familiengründung und beruflicher Werdegang
Vom Beginn bis zum Ende war Ferdinand Kahn im 1. Weltkrieg Soldat, am 2. August 1914 eingerückt, am 16. November 1918 demobilisiert. Er war Soldat im Leibgrenadierregiment 109, dann als Artillerist beim Artillerie-Regiment 76.
Nach seiner Rückkehr heiratete er am 20. Januar 1921 Luise Stohl, evangelischer Religion. Luise war am 15. Dezember 1893 in Lichtenau, zwischen Rastatt und Kehl gelegen, geboren. Sie hatte bereits ein Kind: Rudolf, am 28. April 1914 unehelich in Knittlingen geboren, wohin Luise Stohl für die Niederkunft gegangen war, danach lebte sie mit Rudolf bei ihren Eltern. Mit der Heirat 1921 erkannte Ferdinand Kahn die Vaterschaft von Rudolf an. Ob er der biologische Vater war und einen - nach damaligem verbreiteten Verständnis - „Fehltritt“ legitimierte oder ob er gesellschaftliche Konventionen nicht so ernst nahm, muss offen bleiben.
Nur kurze Zeit nach der Heirat bekamen Ferdinand und Luise ein zweites Kind: Renate. Sie wurde am 2. Juli 1922 in Karlsruhe geboren, war somit etwa acht Jahre jünger als ihr Bruder Rudolf.
Beide Kinder galten in der NS-Zeit gemäß den Nürnberger Rassegesetzen als „Mischlinge 1. Grades“. Da sie sich beide zum Judentum bekannten, waren sie somit den „Volljuden“ gleichgestellt.
Luise konvertierte mit der Heirat zum Judentum, die Kinder wurden jüdisch erzogen. Rudolf, meist Rudi gerufen, engagierte sich im „Jüdischen Jugendbund“, der seit 1933 bemüht war, die verschiedenen Richtungen der jüdischen Jugendbünde zu vereinen. Renate feierte mit 13 Jahren zu Schawuot 1937 (Wochenfest zur Feier de Empfangs der Zehn Gebote, 50 Tage nach Pessach) ihre Bat Mizwa - analog der Bar Mizwa für Jungen die religiöse Mündigkeit für Mädchen. Diese Feier für jüdische Mädchen war damals noch nicht so verbreitet und unterstreicht nebenbei, dass die Familie Kahn sich zum liberalen Judentum bekannte.

Rudolf ging nach der Grundschule sechs Jahre lang auf die Helmholtz-Oberrealschule, ob mit dem Abschluss der Mittleren Reife ist nicht belegt. Danach besuchte er die höhere Handelsschule und arbeitete schließlich ebenfalls kaufmännisch, als Kontorist. Renate besuchte die Volksschule und arbeitete anschließend als Bürogehilfin.

Luise hatte vor der Heirat als Verkäuferin in der Schuhhandlung Rieß gearbeitet, später war sie Hausfrau. Ferdinand war viele Jahre als kaufmännischer Angestellter bei Braun und Co. tätig, machte sich dann allerdings als Handelsvertreter in der Papierwarenbranche selbständig.
In der Selbständigkeit war Ferdinand sehr erfolgreich, er erzielte ein Jahreseinkommen von 16.000 bis 18.000 Reichsmark. Für damalige Verhältnisse war dies ein sehr hoher Satz, daher hatte die Familie einen hohen Lebensstandard, für einige Zeit.
Man besaß ein Wochenendhaus in Seebach im Schwarzwald, stellte ein Dienstmädchen ein, wie bessere Kreise, und leistete sich einen Chauffeur für das eigene Auto.
Seines Berufes wegen nutzte Ferdinand dieses Auto auch nahezu täglich, er war auf Mobilität angewiesen. Das Automobil brachte ihn auch erstmals vor die Justiz. 1927 verstieß Ferdinand innerhalb eines Monates gleich zweimal gegen das Kraftfahrzeuggesetz und wurde deswegen in Schwetzingen und Karlsruhe zu einer Strafe von je 20 Reichsmark oder 4 Tagen Gefängnis verurteilt. Sicherlich kleinere Vergehen, vielleicht zugleich auch ein Signal, dass er die Bodenhaftung verlor.

Im Jahre 1930 geriet Ferdinand Kahn in Zahlungsschwierigkeiten. Die Weltwirtschaftskrise näherte sich ihrem Höhepunkt und in Deutschland war die Wirtschaft verhältnismäßig noch massiver eingebrochen mit der Folge von sozialen Verwerfungen, die sich auch politisch widerspiegelten. Ferdinand arbeitete nunmehr als unselbständiger Reisevertreter mit einem deutlich schmaleren Einkommen.
In dieser schwierigen Situation griff Ferdinand Kahn offenbar zu illegalen Mitteln. Am 4. April 1933 wurde er wegen „Untreue, Betrugs und fortgesetzten Betrugs in 2 Fällen“ zu 18 Monaten Gefängnis und 3 Jahren Ehrverlust verurteilt. Bis zur Verkündung des Urteils saß er 5 Monate in U-Haft, diese wurden mit der Strafe verrechnet, so dass noch 13 Monate Haftstrafe abzusitzen hatte. Immerhin wurde er am 15. Februar 1934 vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen und erhielt einen Strafaufschub auf Wohlverhalten. Die Reststrafe von 3 Monaten wurde ihm letztlich 3 Jahre später erlassen. Nach dem Gefängnisaufenthalt aber war er erwerbslos.

Sohn Rudolf Kahn nahm im Alter von 24 Jahren eine Arbeit bei Firma „Fritz Mayer und Co.“ in der Steinstraße 23 an, die unter anderem Möbelstoffe vertrieb. Der Betrieb war bereits „arisiert“, deshalb musste für Rudolfs Beschäftigung eine Erlaubnis des badischen Wirtschaftsministers eingeholt werden, die ihm vom 1. August bis zum 31. Dezember 1938 gewährt wurde unter der Maßgabe, dass „weitere Verlängerung dieser Frist keinesfalls in Frage kommt.“ Im Anschluss daran konnte er im Karlsruher Büro des „Hilfsvereins der Juden in Deutschland“ eine Stelle als Auswandererberater annehmen und war nebenher als Vermögensverwalter tätig. Vermutlich wurde diese Stellung vom Freund der Familie, Karl Eisemann, späterer Leiter der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland in Karlsruhe, entlassener Amtsgerichtsrat und mit einer Christin verheiratet, vermittelt.

Verschärfte Repression, das letzte Lebensjahr bis zum Tod Ferdinand Kahns, 1940
Im Jahre 1938 geriet die Diskriminierung der Juden zum Terror. Ferdinand Kahn wurde am Morgen des 10. November (der Tag nach der Reichskristallnacht) verhaftet und zusammen mit zahlreichen anderen jüdischen Männern am Abend desselben Tages nach Dachau verschleppt. Rudolf kam als „Mischling 1. Grades“ nicht nach Dachau. Die meisten jüdischen Männer aus Karlsruhe wurden nach zwei bis vier Wochen aus Dachau entlassen, nachdem sie zugesagt hatten, Deutschland zu verlassen. Bei Ferdinand Kahn dauerte es aber fast sieben Wochen ehe er das Konzentrationslager verlassen konnte.
Er war weiterhin ohne festes Einkommen, die Ehe mit Luise ging in die Brüche.

In der darauf folgenden Zeit traf er einen alten Bekannten aus der Kriegszeit wieder, der nahe der Wohnung Kahns eine Drogerie betrieb. Schnell entwickelte sich eine engere Beziehung, der Drogerist und seine Frau luden Ferdinand nach eigenen Angaben häufiger zum Essen zu sich ein, da sie um dessen finanzielle Notlage wussten.
Es ergab sich, dass Ferdinand für den Drogeristen im Frühjahr 1939 die Vermittlung von zwei Grundstücken übernahm, zu einem angeblichen “Schnäppchenpreis“.
Kahn gab allerdings einen höheren Preis an, als der Verkäufer wirklich verlangte – die Differenz wollte er für seinen eigenen Lebensunterhalt verwenden, insgesamt ein Betrag von 2.300 RM. Die Differenz war durch die notarielle Kaufvertrags-Beglaubigung selbstverständlich erkennbar, wurde von Kahn aber täuschungsweise als Schwarzgeld zugunsten der Verkäufer und zur Steuerersparnis verbrämt, zugleich verfälschte er eine Quittung.

Dies wirft einige Fragen auf. Einmal zum Verhalten Ferdinand Kahns selbst, auch darüber ob seine Notlage dieses Verhalten entschuldigt, ebenso auch zu den Geprellten. Eine andere Frage ist die, dass in der Zeit, in der Juden vollständig wirtschaftlich und sozial verdrängt waren, eine solche Beziehung zwischen Juden und Nichtjuden noch bestand und gepflegt wurde, aber ebenso auch dieser „arische Volksgenosse“ offensichtlich keine Probleme hatte, einen Juden als Makler zu benutzen. Dies ist zugleich ein kurzes Schlaglicht auf das Zusammenleben in Deutschland zu dieser Zeit, wie es sonst selten erkennbar ist.

Ferdinand Kahns Betrug war schnell entlarvt worden, der Drogerist zeigte ihn an und am 24. August 1939 wurde er ins Bezirksgefängnis I, Riefstahlstraße, eingeliefert,
Der Haftbefehl erfolgte einen Tag später aufgrund von „Fluchtverdacht“ nach einem Verhör der beiden Beteiligten, welches mit einem Geständnis Ferdinands endete. Als Gründe waren „arbeits- und einkommenslos“, sowie „Jude“ angegeben.
Schon am 29. August erhob dann der zuständige Oberstaatsanwalt die Anklage, Zeitgleich wurde Ferdinand in das Bezirksgefängnis II, das damalige Gerichtsgefängnisgebäude im Hof von Staatsanwaltschaft und Oberlandesgericht (Akademiestraße/Hans-Thoma-Straße), verlegt.

Sein persönlicher Lebensweg erlebte einen weiteren Tiefpunkt. Parallel fand am 30. August 1939 auch die mündliche Verhandlung in der eigenen Scheidungssache statt, die von Luise aufgrund von „Verschulden Ferdinands“ veranlasst wurde. Sie bezeichnete Ferdinands Leben als „unstet“ und sagte zugleich aus, dass Ferdinand „Selbstmordabsichten“ hege.
Luises Scheidungs-Antrag wurde schließlich anerkannt und die Scheidung mit Urteil am 19. September 1939 vollzogen. In jener Zeit gab es zahlreiche Scheidungen von Ehen mit einem Partner christlicher Herkunft, manchmal auf Druck der Verhältnisse, bisweilen auch, weil der nichtjüdische Partner die „politische Gunst“ nutzte, um den anderen loszuwerden.
Luise nahm den Doppelnamen „Stohl-Kahn“ an, allerdings bekannte sie sich trotz Druck der Gestapo (Geheime Staatspolizei) weiterhin zum Judentum. Die Gestapo nahm dies in ihre Akten in folgender Weise auf:
„Sie wurde von hier aus im Herbst 1939 auf ihre sonderbare Einstellung im Bezug ihrer Zughörigkeit zur israelitischen Religionsgemeinschaft aufmerksam gemacht; trotzdem blieb sie dem israelitischen Glauben treu.“
Somit lässt sich gänzlich ausschließen, dass Luise sich aufgrund der nationalsozialistischen Zuspitzungen von ihrem Mann trennte, die zerrüttete Ehe war der tatsächliche Grund. Ihr ausdrückliches Bekenntnis zum Judentum war in diesen Tagen ein Ausdruck ungeheuerlichen Standvermögens und Beweis einer sehr bewussten Entscheidung.
Ferdinand wurde fünf Tage nach der Scheidung, am 24. September 1939 in das Amtsgefängnis Bruchsal eingeliefert. Er war wegen schwerer Urkundenfälschung mit fortgesetztem Betrug zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt worden und wechselte in Bruchsal vom Amtsgefängnis in das Zuchthaus.
Abzüglich des einen Monats Untersuchungshaft verblieben 11 Monate Zuchthaus.
Die Ermittlungen und die Verurteilung waren nach Kriterien erfolgt, wie sie gewohnten Standards auch vor der nationalsozialistischen Machtergreifung entsprachen. Nicht standardgemäß aber war die Kontrolle durch die Gestapo, die sich über den Verlauf des Verfahrens erkundigte, zuletzt am 15. November 1939. Den Termin der eigentlichen Haftentlassung behielt die Gestapo in der Wiedervorlage. Am 20. August 1940 ließ sie sich die Akten von der Staatsanwaltschaft zuschicken, sechs Tage vor der Entlassung Ferdinands.
Ferdinand Kahn wurde aus dem Zuchthaus Bruchsal offiziell entlassen, allerdings nur, um unmittelbar von der Gestapo verhaftet zu werden, Haftgrund „Vorbeugung“. Dies war spezielles nationalsozialistisches Ausnahmerecht. Am 27. September 1940 lieferte die Gestapo Ferdinand Kahn wieder in das Konzentrationslager Dachau ein. Seit dem Kriegsbeginn 1939 gab es dort zunehmend KZ-Häftlinge aus allen besetzten Ländern, die zumeist in Lagerbetriebsstätten unmenschliche Arbeit leisten mussten oder zum zusätzlichen Quälen sinnlosen Schikanen der SS-Wachmannschaft ausgesetzt waren. Was Ferdinand Kahn erlebte, bleibt im Ungewissen, es existieren keine Lagerunterlagen mehr darüber.
Er muss Schlimmes erlitten haben, überlebte die Einlieferung noch nicht einmal um zwei Monate. Am 24. November 1940 stirbt er im KZ Dachau - amtlich festgehalten. Zwei Tage später wäre er 49 Jahre alt geworden.

Deportation der übrigen Familie, Rückkehr nach Deutschland
Aus dem Südwesten Deutschlands wurden an einem einzigen Tag am 22. Oktober 1940 nahezu alle noch im Land lebenden Juden nach dem unbesetzten Frankreich deportiert und dort zunächst im Lager Gurs interniert, über 6.500 Menschen. Ausgenommen davon waren neben Transportunfähigen vor allem die in „privilegierter Mischehe“ Lebenden, d.h. Juden, die mit einem christlichen Partner verheiratet waren. Luise war christlich getauft gewesen. aber sie war zum Judentum konvertiert und hatte dies ausdrücklich bestätigt. So wurde sie ebenso wie ihre beiden Kinder nach Gurs deportiert. Sie schilderte später, dass sie den zwei an der Wohnungstür klingelnden Gestapobeamten mitgeteilt habe, dass die Mitnahme ein Irrtum sei, da sie arisch wäre. „Man gab mir einen Stoß in den Rücken mit den Worten: ‚Sie und Ihre Kinder kommen mit’“. So war die die Einzige aus Karlsruhe, der dies widerfuhr.
Gurs war aufgrund der meteorologischen Bedingungen auch als „Pissoir de la France“ bekannt, da es aufgrund der Randlage an den Pyrenäen extrem häufig regnete. Gleichzeitig wurde es im Sommer extrem heiß. Die hygienischen Bedingungen waren katastrophal, es brachen häufig Seuchen aus. Die Ernährung war vollkommen unzureichend.
Von Gurs aus wurde Luise am 14. März 1941 wie andere Juden in das Camp de Rivesaltes gebracht. Ein anderes Internierungslager, das angeblich bessere Bedingungen bieten sollte, es diente letztlich - im Nachhinein gesehen - vor allem als Zwischenstation auf dem Weg nach Auschwitz ab 1942. Dort blieb sie bis zum 10. August 1942. Seit fast einer Woche rollten ab Rivesaltes über Drancy bereits die Todestransporte. Luise wurde aber gar aus dem Lager entlassen. Sie hatte es offenbar geschafft, französische Verantwortliche zu überzeugen, dass sie nicht als Jüdin gelte, vor allem aber hatte sie Hilfe vom _Schweizer roten Kreuz dazu erhalten. Sie konnte unter Auflagen in einem Dorf leben, wo sie gemäß ihrer Schilderung bei einem Bauern bei Molandier im Languedoc-Roussillon unter schäbigsten Bedingungen im Dreck wohnte und viel arbeiten musste – ihre Tätigkeiten waren „alles und überall“. Die Situation beschreibt Luise als unerträglich, sie bekam aber anscheinend Hilfe von Dorfbewohnern. Sie gaben ihr Essen und sorgten dafür, dass sie in eine andere Unterkunft kam – in Fajac, einem Dorf nur wenige Kilometer von Molandier entfernt. Hier verleugnet sie ihren Glauben. Auf die Frage hin, ob sie Jüdin sei, verneinte sie und fügte hinzu, dass sie Protestantin wäre. Dort ging es ihr ein wenig besser, wenn es auch weiterhin sehr bescheiden war. Sie stahl manchmal, was sie zum Überleben brauchte und brachte einige Güter zu einer Dorfbewohnerin, die diese nach Gurs und Villemur, zu Rudolf und Renate, schickte.
Rudolf kam ebenfalls am gleichen Tag aus dem Lager Gurs. Aber nicht in ein anderes Lager, er hatte es offenbar geschafft, sich „freiwillig“ zum Arbeitsdienst zu melden. Das gab es zwar häufig, für die in Frankreich internierten Spanienkämpfer, für die badischen Juden aber kam dies praktisch gar nicht vor. Er arbeitete zunächst in einem Postbüro in der Nähe, musste aber immer wieder zurück in das Lager Gurs. In der Lagerkartei sind diese Zeiten festgehalten: 26. November 1942 bis 25. März 1943 und 17. Mai 1943 bis 28. Oktober 1943. Seine Dienstbezeichnung hieß „indispensable á la poste“, wörtlich Übersetzt bedeutet dies „Voraussetzung/ Unverzichtbar für die Post“.
Über Renates Weg wissen wir zu diesem Zeitpunkt nichts Genaues, über den Grund am Ende. Jedenfalls aber war auch sie aus dem Internierungslager-System entkommen, lebte eine zeitlang offensichtlich in Villemurs, nördlich Toulouse und über 50 km entfernt von der Mutter. Briefkontakt war offensichtlich möglich
Luise Kahn sagte aus, dass eines abends ihre Tochter Renate zu ihr auf den Bauernhof gekommen sei. Sie wurde von dem Bauern, bei dem Luise wohnte, allerdings abgewiesen und ins nächstgelegene Dorf geschickt und sich dort selbst überlassen. Danach mus Renate nach Villemurs gekommen sein.
Von dort schrieb Renate einen Brief an ihre Mutter, sie teilte ihr mit, dass sie die „die große Reise“ antreten würde, also nach „dem Osten“ deportiert werden würde. Die Betroffenen ahnten das Unheil, auch wenn sie von Auschwitz selbst noch nichts gehört hatten.
Luise wandte sich an das Schweizer Rote Kreuz und bat sie um Hilfe – Sie bekam eine Bescheinigung um im Herbst 1943 nach Paris zu reisen.
Paris war in nächster Nähe zu Drancy, dem Sammellager für die Deportationen nach Auschwitz. Sie erhoffte sich dort bei der „Deutschen Kommission“ Hilfe und teilte einem Gestapo-Beamten dort mit, dass sie und ihre Kinder irrtümlich deportiert worden seien. Damit gab sie ihre Halblegalität, in der sie in Frankreich lebte, auf und lief Gefahr, ebenfalls wieder interniert zu werden, auch wenn sie unter dem Druck der Verhältnisse offiziell ihre Religion aufgegeben hatte.
Sie ließ ein Schreiben an den Lagerkommandanten in Drancy beilegen und bekam wenige Wochen später eine Vorladung bei der Gestapo. Dort bekam sie mitgeteilt, dass sie ihre Kinder einen Tag später dort abholen könnte.
Wahrscheinlich hat Luise auch hier ihren jüdischen Glauben verleugnet, um das Leben von sich und ihren Kindern zu retten, auch wenn sie das nie explizit erwähnt, sondern nur davon spricht, was für ein „großes Herz“ der Gestapo-Beamte gehabt hätte. Diese Rettung erscheint phantastisch und aus Luise Kahns Schilderungen darüber im Nachhinein werden sie wie ein geschehenes Wunder mitgeteilt.
Die Entscheidungen der deutschen Stellen und die Hintergründe bleiben etwas undeutlich. Ganz offensichtlich gab es nach der Gurs-Deportation Bemühungen in Deutschland, die Familie zurück zu holen. Vermutlich könnte dies vom Vater Luises ausgegangen sein. Überliefert ist ein Erlass des Reichssicherheitshauptamtes, verantwortlich für Deportationen und spätere Todestransporte vom 15. März 1941: „Das im Hinblick auf das artvergessene Verhalten der evakuierten Luise Stohl, geschiedene Kahn [...] keine Veranlassung besteht, ihr die Rückwanderung ins Reichsgebiet zu ermöglichen. Die Rückwanderung ihrer beiden Kinder, die nach den gesetzlichen Bestimmungen als ‚Volljuden’ gelten, ist unerwünscht.“
Warum die Entscheidung zweieinhalb Jahre später revidiert wurde, bleibt unklar, eine „wundersame“ Rettung war sie aber tatsächlich.
Von Paris aus fuhren Luise, Rudolf und Renate Kahn, nun wieder vereint, zurück nach Deutschland, Karlsruhe. Sie zogen am 5. oder 7. November 1943 direkt bei Luises Vater ein, da Luises alte Wohnung und ihre Gegenstände in ihrer Abwesenheit versteigert worden waren. Luise galt wieder als „arisch“, ihre Kinder dagegen weiterhin als „Halbjuden“.
Die nun schon 21-jährige Renate und der 28-jährige Rudolf mussten deshalb den Judenstern tragen und sie wurden zwangsarbeitsverpflichtet. Renate musste als Wäscherin bei der Firma Schorpp und Rudolf bei der Deutsch-Kolonialen Gerbstoffgesellschaft als Kohleschipper arbeiten.
Luises Vater musste trotz seiner „arischen Abstammung“ einen Judenstern an die Haustür anbringen.

Bis zum absehbaren Ende seiner Herrschaft, versuchte das NS-Regime die „Endlösung“ umzusetzen, versuchte die allerletzten Juden zu deportieren, auch die „Halbjuden“.
Im November 1944 sollten Rudolph und Renate Kahn wohl geholt werden, waren allerdings zum Zeitpunkt glücklicherweise nicht zuhause.
Dann kam der allerletzte Transport aus Karlsruhe im Februar 1945, sechseinhalb Wochen vor dem Einrücken französischer Truppen in die Stadt. Zwölf Karlsruher Juden wurden am 14. Februar 1945 noch nach Theresienstadt deportiert.
Karl Eisenmann, offiziell noch Vertreter der Reichsvereinigung der Juden für Karlsruhe und bisher in „privilegierter Mischehe“ lebend, wusste davon und nahm seine Bekannten Rudolph und Renate Kahn mit. Er hatte Freunde und Unterstützer in Durlach. Eine Runde aus regimekritischen Freunden hatte über Jahre den Zusammenhalt bewahrt, darunter die Familie des Oberlandgerichtsrates Gerhard Caemmerer, des degradierten Notars Ripfel und die Pächter vom Rittnerthof, das Ehepaar Hansch. In Ripfels Gartenhütte am Fuß des Turmbergs, im damals noch unbebauten Steinleweg versteckten sie sich die letzten Wochen unter dramatischen Umständen, versorgt durch die Caemmerers, deren Villa lag etwa 10 Minuten entfernt in der Turmbergstraße 24.
Darüber hat Josef Werner in Hakenkreuz und Judenstern ausführlich geschrieben.
Luise Stohl-Kahn saß derweil zuhause und wusste nicht wo sich ihre Kinder befanden.
Am 5. April rückten französische Truppen in Durlach ein, die letzten Wehrmachtsteile hatten sich von den Höhen um den Turmberg zurückziehen müssen.

Rudolf und Renate Kahn und ihre Mutter waren nun befreit.

Nach 1945
Luise Kahn musste sich seit ihrer Rückkehr ihren Lebensunterhalt verdienen, hatte 1944 ein eigenes Geschäft gegründet. Gesundheitliche Probleme, die sie auf die Internierung zurückführte, warfen sie immer wieder zurück. die Familie wohnte beieinander, in der Durlacher Kastellstraße 20. 1953 beantragte Luise Stohl eine Änderung ihres Nachnamens zurück in „Kahn“, ihrem Antrag wurde nach kritischer Überprüfung zugestimmt, sie nannte sich von nun an wieder Luise Kahn. Sie zog in die Kriegsstraße 47, ihr letztes Lebensjahr verbrachte sie im Benckiser-Stift, sie starb 1978.

Rudolf verheiratete sich 1948, war leitender kaufmännischer Angestellter und wohnte bis zu seinem Tod 1984 in der Karlsruher Südweststadt.

Mitte der 1950er Jahre wanderte Tochter Renate nach Venezuela, Carracas, aus und verheiratete sich. Ihr Lebensglück erfüllt sich nicht, Scheidung, Wiederverheiratung, Scheidung, sie war inzwischen nach Deutschland zurückgekommen, lebte eine zeitlang im Ruhrgebiet, nach der letzten Scheidung wohnte sie in der Umgebung von Karlsruhe. Hier verstarb sie 2006.
Dieser Todeszeitpunkt erlaubt nach den Archivgesetzen noch nicht, Einsicht in ihre Wiedergutmachungsakte im Landesarchiv Baden-Württemberg zu nehmen. Daraus könnten einzelne Lebensabschnitte eventuell noch deutlicher werden.

Das Schicksal von Ferdinand Kahn und seiner Familie unterstreicht nachdrücklich den unmenschlichen Charakter des nationalsozialistischen Regimes und zeigt durch die erhaltenen Quellen eventuell markanter als viele unbekanntere Lebensläufe, wie die verfolgten Menschen sich verhalten haben.

(Caroline Beer, 11. Klasse Lessing-Gymnasium, Mai 2011)