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Clara Kahn, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Clara Kahn

Nachname: Kahn
geborene: Meerapfel
Vorname: Clara
Geburtsdatum: 24. Juni 1875
Geburtsort: Untergrombach/Bruchsal (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Eltern: Meier und Else Meerapfel
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Adolf K. (15.10.1863-29.8.1930, Kaufmann);

Mutter von Eugen, Lena Schrag, geb. K., Else Hess, geb. K., und Anne Nußbaum, geb. K.
Adresse: Rheinstr. 16
Schule/Ausbildung: Höhere Mädchenschule, Bruchsal, 4 Jahre
Beruf: Kauffrau (Inhaberin eines Betten- und Aussteuergeschäfts, Karlsruhe-Mühlburg)
Emigration: 26.8.1939 in die Niederlande
Deportation: 15.9.1942 in Amsterdam verhaftet und nach Westerbork (Niederlande)
18.9.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Clara Kahn

„Meine Mutter“, so beschrieb sie ihre Tochter Else ungefähr 15 Jahre nach ihrer Ermordung eindrucksvoll in ihrer Erinnerung als „eine große, starke Frau mit hochfrisiertem Haar und einem Knoten darüber. Kaum dreißigjährig, hatte sie bereits weiße Streifen im dunkelblonden Haar, aber sie harmonierten gut mit ihren blauen Augen und dem hellen Teint. In späteren Jahren trug sie das Haar ganz glatt und zurückgekämmt; die kleine Nase trug noch dazu bei, dass sie wie eine der ‚Hans Thoma’schen Bäuerinnen’ aussah. Aber sie war mehr, sie war klug und gebildet, immer sehr belesen, jedoch was sie vielen voraushatte, war der ihr angeborene Herzenstakt und ihre unendliche Güte und Geduld für jedermann.“

Clara Kahn, geborene Meerapfel, wurde am 24. Juni 1875 in Untergrombach bei Bruchsal als Tochter des Handelsmanns Maier Meerapfel und Lina Meerapfel, geborene Karlebach, geboren. Clara war das älteste von sieben Geschwistern. Mit zehn Jahren besuchte sie die Höhere Töchterschule, in der sie als gute und vorbildliche Schülerin brillierte. Zur gleichen Zeit erkrankte jedoch ihre Mutter, woraufhin Clara 1889 die Töchterschule wieder verließ - sie war bis dahin Klassenbeste - um ihrem Großvater zu Hause bei der Büroarbeit zu helfen. Dies erstaunte viele Bekannte, da eine solche Arbeit damals meist Männern vorbehalten war. 1893 erlag Claras Mutter nach langer Leidenszeit ihrer schweren Krankheit.

Am 1. Juli 1895 heiratete Clara Adolf Kahn, denn ihr Vater hatte nicht gebilligt, dass sie sich nach dem Tod ihrer Mutter vorerst nur um die Erziehung ihrer jüngeren Geschwister kümmern wollte. Die Familie baute sich ihre Existenz in Offenburg auf, Adolf Kahn war selbstständiger Reisender in der Textilbranche. Ein Jahr nach der Heirat wurde ihr erstes Kind Eugen Carl dort geboren; kurz darauf kam 1897 ihre erste Tochter Lena Friedericke auf die Welt und sechs Jahre später ihre zweite Tochter Else Dilla.
Doch 1903 geriet das Geschäft von Adolf Kahn in finanzielle Schwierigkeiten, so dass die Familie nach Karlsruhe verzog und im Stadtteil Mühlburg sich eine neue Existenz aufbaute. 1906 eröffnete Adolf Kahn ein Textilgeschäft in der Rheinstraße 25, das fünf Jahre später in größere Geschäftsräume in die Rheinstraße 16 verlegt werden konnte. In Karlsruhe-Mühlburg erblickte auch die letzte Tochter Anna Marie Rosa Karoline 1908 das Licht der Welt. Clara arbeitete acht Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche im Detailgeschäft des Ehemannes, das heißt einem Einzelhandelsgeschäft für Wäsche, sie beriet die Kunden, verkaufte und führte die Geschäftsbücher und gleichzeitig kümmerte sie sich liebevoll um ihre Kinder. Um sich weiterzubilden las sie in dieser Zeit sehr viel und unterrichtete ihre Kinder in englischer und französischer Konversation. Claras Tochter Else erinnerte sich an ihre Mutter als eine sehr gebildete und tüchtige Frau. Schon als sie jung waren, erfuhren Claras Kinder deren großen Gerechtigkeitssinn, da Clara ihnen immer mehr Pausenbrote mitgab, damit sie den ärmeren Kindern etwas abgeben konnten. Adolf Kahn war für die Vertretung des Geschäftes zuständig, das heißt, er war den ganzen Tag als Reisender unterwegs, um die Wäsche vorwiegend „an die Frau zu bringen“.

Während des Ersten Weltkriegs hatten sich Clara und Adolf Kahn „vaterländisch“ engagiert und halfen bei der Organisation des Feldpostpäckchenversands. Trotzdem gerieten sie „unter Verdacht“ wie alle Juden, nicht genug „für’s Vaterland“ zu tun und mussten 1916 an der „Judenzählung“ teilnehmen, um den Anteil der Juden unter den deutschen Soldaten festzustellen. Dabei hatte sich der Sohn Eugen mit 18 ½ Jahren 1915 als Kriegsfreiwilliger gemeldet und war bis zum Kriegsende Soldat an der russischen und französischen Front. Es war antisemitische Propaganda durch völkische Gruppen und insbesondere den Alldeutschen Verband verbreitet worden, Juden würden sich vor dem „Dienst am Vaterland“ drücken. Die Ergebnisse der Auszählung wurden jedoch geheim gehalten, da die Zählung offensichtlich ein politisch nicht gewünschtes Ergebnis lieferte. Claras Sohn Eugen war einer von 100.000 Juden, die sich freiwillig zur Arme gemeldet hatten, da jüdische Verbände 1914 ebenso zum Kriegsdienst aufriefen wie andere national gesinnte Kreise, um sich durch besondere Tapferkeit auszuzeichnen. Trotzdem unterstellte man den Juden (besonders im Winter 1916/ 1917) Preistreiberei, Hortung bzw. Zurückhaltung von Lebensmitteln und Verschwörungen gegen das deutsche Volk. Eugen Kahn war 1919 als Unteroffizier nach Hause zurückgekehrt.
Obwohl ihr eigener Lebensmittelvorrat während des Krieges immer knapp war, hörte Claras Familie nicht auf, die Soldaten mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Clara Kahn engagierte sich auch in der Versorgung verletzter Soldaten und es schmerzte sie sehr, dass sie Kriegsgefangenen nicht helfen konnte. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete sie in der „Winternothilfe“ bei der Lebensmittelverteilung.

Adolf Kahn war offensichtlich nicht nur ein sozial verantwortlicher Mensch, sondern er trat seiner Überzeugung gemäß auch in eine politische Partei ein. Er war Mitglied der SPD und diesem Engagement sah sich auch sein Sohn Eugen verpflichtet, der gleichfalls die SPD-Mitgliedschaft erwarb.
Eugen hatte die Oberrealschule besucht und dort in der Untersekunda (10. Klasse) das „Einjährige“ erworben, das heißt einen der Mittleren Reife entsprechenden Schulabschluss. Danach absolvierte er eine kaufmännische Lehre in der Tabakgroßhandlung Karlebach & Meerapfel seines Großvaters in Untergrombach. Nach seinem Militärdienst war er 1919 als Prokurist in die Tabak & Zigarrenfabrik Rapp & Sohn in Mühlacker eingetreten. Nach einer Firmenkrise stieg er dann 1928 in das väterliche Geschäft in der Rheinstraße als Teilhaber ein.
Die Schwestern gingen den gewöhnlichen Weg von Töchtern seinerzeit, heirateten, und zogen zu ihren Ehegatten. Lena Kahn verheiratete sich 1920, ihr Mann verstarb jedoch 1939 und hinterließ sie mit zwei Kindern im Alter von 15 und 18 Jahren. Else Kahn hatte 1927 geheiratet und war nach Saarbrücken verzogen, über Anna Kahn war nichts in Erfahrung zu bringen.
Das Familienleben wurde jäh unterbrochen als Adolf Kahn am 28. August 1930 mit 67 Jahren verstarb. Clara Kahn übernahm nun zusammen mit Sohn Eugen das Geschäft als OHG (Offene Handelsgesellschaft) unter dem eingeführten Namen „Adolf Kahn“. Wie bisher war sie weiter im Laden und für die Buchführung tätig, während Eugen das Reisegeschäft übernahm, das wie beim verstorbenen Vater bis nach Baden-Baden und Mühlacker reichte. Auch Eugens Ehefrau Paula half im Geschäft mit.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten brach jäh in das Familienleben ein. Vom 27. März 1933 bis zum 19. April 1933 saß Eugen aufgrund seiner SPD-Mitgliedschaft und weil er dazu Jude war in „Schutzhaft“. Geschäftlich wurden sie mit dem „Judenboykott“ eingeschränkt. Durch die „Nürnberger Gesetze“ im September 1935 wurde allen Juden das Privileg des Wahlrechts genommen, so dass, auch wenn das Wahlrecht de facto bedeutungslos geworden war, Clara und Eugen Kahn zu Menschen „zweiter Klasse“ gemacht wurden.
Am 5. Januar 1938 wurden sie durch das „Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen“ gezwungen, einen „typisch jüdischen“ Namen zu wählen. Juden, die keinen hatten, mussten den Zweitnamen „Sara“ (für Frauen), wie Clara auch, oder Israel (für Männer) beantragen. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938, in der Synagogen und andere jüdische Einrichtungen zerstört und verwüstet wurden, nahm Clara Kahn flüchtende Juden auf. Am Morgen des 10. November wurde aber auch bei ihr geplündert, die Einrichtung demoliert und ihr Sohn Eugen und Clara Kahns Vater Maier Karlebach verhaftet. Paula Kahn, Ehefrau von Eugen, schilderte 1951 in einer eidesstattlichen Erklärung von den Vorgängen: Sie [Paula Kahn] sei an jenem 10. November 1938 im Geschäft gewesen als ihr Mann Eugen und ihr Vater Heinrich Karlebach verhaftet wurden. Kurz danach erschien eine Gruppe Männer in Regenmänteln und Äxten, Beilen und Stangen und begannen das Geschäft systematisch zu demolieren, die zwei Glastheken, den großen Spiegel, danach das Warenlager. „Der Laden war eine Stätte der Verwüstung. Die Bettfedern und Daunen flogen auf der Straße umher… Kurze Zeit drauf kam eine große Anzahl von Schulkindern vor das Geschäftslokal und begann uns zu beschimpfen und in Sprechchören gegen uns zu hetzen… Eine dieser Banden johlte noch vor dem Haus als zwei SS-Männer erschienen, welche angaben, den Auftrag zu haben uns zu befehlen, daß meine Schwiegermutter und ich die Straße und den Bürgersteig vor dem Laden von den dort liegenden Glasstücken und Splittern zu befreien hätten und zwar mit bloßen Händen. Es war nicht erlaubt, Besen zu benutzen. Nie im Leben werde ich die Stunde vergessen, als ich mit der guten Mutter meines Mannes, während wir mit blutenden Fingern auf der Straße krochen, in der Angst um das Leben meines Mannes und Vaters und um unser eigenes Leben, von herumstehender Hitlerjugend beschimpft und gepeinigt wurden“

Eugen Kahn und Schwiegervater Maier Karlebach wurden an jenem Morgen der Reichspogromnacht als „Schutzhäftlinge“ in das KZ Dachau deportiert, Eugen Kahn blieb dort bis zum 26. November 1938.
Dieses Schreckenserlebnis war für Familie Kahn wie für zahlreiche andere deutsche jüdische Familien der Anlass, die Auswanderung, die Flucht aus dem Land zu betreiben, das sie nicht mehr haben wollte. Tatsächlich gehörten Eugen Kahn und seine Ehefrau zu den wenigen Glücklichen, denen die Emigration in die USA 1939 gelang. Am 23. Februar waren er und seine Frau in New York angekommen. Sie gingen quasi voran und setzten von dort alles daran, die Einreise für Clara Kahn zu erleichtern. Zunächst versuchte sie alle Möglichkeiten aus Deutschland hinaus zu kommen und dies zunächst über Südamerika, so wie es auch die Töchter Lena und Else mit ihren Familien versuchten. Im Mai 1939 hatte sie die nötigen Unterlagen zur Auswanderung nach Mexiko erhalten, konnte aber die Ausreise nicht antreten, sei es weil weitere Papiere fehlten oder die Schiffspassage nicht möglich war. So ging sie überstürzt am 26. August, das dreimonatige Visum war inzwischen abgelaufen, und ohne ihr Hausgut zu ihrem Bruder, der in Amsterdam weilte. Doch von dort eröffnete sich keine Ausreisemöglichkeit mehr und sie musste sehr eingeschränkt in diesem für sie unbekannten Land unter der Amsterdamer Adresse Stadionkade 17 leben; in einem Land, das überdies seit dem Mai 1940 von Deutschland besetzt war und wo Juden den deutschen Repressionen ausgesetzt waren. Seit Mai 1942 war sie verpflichtet, den Judenstern zu tragen.

Am 15. September 1942 wurde Clara in ihrer Wohnung in Amsterdam verhaftet und in das Konzentrationslager Westerbork (Niederlande) gebracht, von wo aus sie drei Tage später in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Ein überlebender Transportgenosse berichtete: „Sie war besonders tapfer und guten Mutes. Auch bei ihrer Abreise war sie kolossal tapfer.“ Clara Kahn starb am 21. September 1942 in Auschwitz. Vermutlich wurde sie vergast.
Sie war eine der rund 200.000 deutschen Juden, die ihrer Ermordung nicht entkamen, da sie weder rechtzeitig emigrieren (330.000 Juden) noch in Mischehen oder illegal in Deutschland überleben (10.000) konnten.

Tochter Lena, verwitwete Sch., blieb nach dem Tod ihres Mannes 1939 in Karlsruhe und wurde wie alle anderen badischen und saar-pfälzischen Juden am frühen Morgen des 22. Oktober 1940 zur Deportation nach Gurs verbracht. Sie war aber einige der ganz wenigen, die die Flucht aus dem Zug wagten und Glück hatten. In Lyon war sie entwichen und auf abenteuerliche Weise später über Kuba in die USA gelangt. Schwester Else, verheiratete H., war 1939 nach Argentinien, Buenos Aires emigriert, wo sie auch nach 1945 mit ihrer Familie verblieb. Tochter Anne, verh. N., war mit ihrer Familie bereits 1938 in die USA gegangen.

(Anna Piroth, Myriell Fußer, Lena Wiesler, Claudia Weigel, Lindi Tautz, Alessandra Lehmann, 10. Klasse Fichte-Gymnasium, Juli 2007)