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Familie Kafka (Foto: Familienbesitz)

Personendaten

Wilhelmine Kafka

Nachname: Kafka
geborene: Mané
Vorname: Wilhelmine
Geburtsdatum: 25. November 1880
Geburtsort: Geinsheim/Pfalz (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Jakob und Johanna, geb. Dellheim, Mané
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Salomon K.;

Mutter von Hilde, Lisa Zimmermann, geb. K., und Magdalene
Adresse: Humboldtstr. 15
Essenweinstr. 25
Essenweinstr. 41
Essenweinstr. 10
Rintheimer Str. 10
Markgrafenstr. 34
Kronenstr. 62, nach Mannheim verzogen
Deportation: 26.4.1942 von Mannheim über Stuttgart nach Izbica (Polen)
Sterbeort: vermutlich Sobibor oder Belzec (Polen)

Biographie

Wilhelmine Kafka

In Erinnerung an Wilhelmine und Salomon, Lisa, Magdalena und Hildegard Kafka

Diese Biographie sollte ursprünglich alleine Wilhelmine Kafka gelten, sie wurde 1942 ermordet und ihr Name ist auf dem Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus zu finden, der auf dem jüdischen Friedhof in Karlsruhe steht. Wilhelmine Kafkas Mann Salomon starb 1940 in einem Altersheim in Mannheim, die drei Töchter konnten rechtzeitig aus Deutschland fliehen und überleben.
Leider gibt es nur sehr wenige Details, die ich über Wilhelmine Kafka herausfinden konnte. So möchte ich über die gesamte Familie Kafka berichten, über Wilhelmine, ihren Mann Salomon und die drei Töchter Lisa, Magdalena und Hildegard.
Im folgenden stelle ich zunächst die wenigen Informationen, die über die Eltern Wilhelmine und Salomon Kafka bekannt sind, dar, anschließend die Biographien ihrer drei Töchter Lisa, Magdalena und Hildegard.
Lisa, Magdalena und Hildegard haben in Folge der nationalsozialistischen Bedrohung keine weiteren Spuren mehr in Karlsruhe hinterlassen, im Andenken an ihre ermordete Mutter möchte ich gerne das, was ich über sie herausfinden konnte, erzählen.

Ab dem Jahr 1908 habe ich die ersten Spuren der Familie Kafka in Karlsruhe gefunden. In den Adressbüchern der Stadt Karlsruhe für die Jahre 1908 und 1909 findet sich der Eintrag Salomon Kafka, Kaufmann, wohnhaft in der Weltzienstraße 17.
Salomon Kafka war am 22. April 1866 in Ciechanów im heutigen Polen geboren. Seine Frau Wilhelmine war am 25. November 1880 in Geinsheim bei Neustadt (an der Weinstraße) geboren. Ihre Eltern hießen Jakob Mané und Johanna, geborene Dellheim, beide waren wohnhaft in Geinsheim. Jakob Mané war von Beruf Handelsmann.
Wilhelmine Kafka war in Karlsruhe Mitglied im Israelitischen Frauenverein, weitere Details über ihre Mitgliedschaft sind nicht bekannt.
In den Adressbüchern der Stadt Karlsruhe ist zu sehen, dass die Familie Kafka oft innerhalb von Karlsruhe umzog. Von der Weltzienstraße in die Humboldtstraße 15, nach einem Jahr in die Essenweinstraße 25, dann in der gleichen Straße in die Hausnummer 41, danach 10, zwischen ca. 1921 und 1938 lebten sie in der Rintheimer Straße 10. Die letzte Adresse der Kafkas in Karlsruhe ist in der Markgrafenstraße 34; dies war ein so genanntes Judenhaus, in dem gegen Ende ausschließlich Juden wohnen mussten.
Kurze Zeit lebte das Ehepaar gemeinsam im jüdischen Altersheim in der Kronenstraße, hier hatte sie ihre Tochter Magdalena vor ihrer eigenen Ausreise aus Deutschland im April 1939 untergebracht, in der Hoffnung, ihre Eltern sicher zu wissen. Die beiden anderen Schwestern waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Deutschland, worüber ich später noch erzählen werde.
Bei Kriegsausbruch schließlich wurden Wilhelmine und Salomon Kafka in ein Altersheim nach Mannheim gebracht, es befand sich in B7, 3.
Hier starb Salomon Kafka am 22. Februar 1940, mit 73 Jahren. Wilhelmine Kafka war einige der Wenigen, die nicht wie nahezu alle Juden aus Baden am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurden.

Von Wilhelmine Kafka sind einige Briefe erhalten geblieben, die sie aus Mannheim an ihre Töchter schickte. Sie sind erschütternde Dokumente, aus denen ich zitieren möchte:
Brief von Wilhelmine Kafka, Mannheim, B7, 3 am 30. September 1941 an David Zimmermann (Ehemann von Tochter Lisa) nach Palästina:
„Meine lieben Kinder, bin in größter Sorge um Euch. Hoffe Euch so gesund wie ich bin. Bin gut aufgehoben im Heim. Tausend Küsse Eure Mutti.“

Antwort ihrer Tochter Lisa, vom 24. Oktober 1941:
„Geliebtes Mütterle, waren in großer Sorge wegen Dir. Lene schrieb Deine Adresse. Sind glücklich, daß Du gesund. Bei uns alles gut. Tausend Küsse Deine Kinder“

Brief von Wilhelmine Kafka vom 6. Januar 1942:
„Geliebte Kinder, war überglücklich, daß von Euch Nachricht. Lenchen höre manchmal. Innige Geburtstagswünsche für Hilde, Lisa, Vid. Bleibt gesund. Gott beschütze Euch. Tausend Küsse Mutti.“
Ihre Tochter Hildegard, sie nannte sie Hilde, hatte wenige Tage zuvor, am 22. Dezember, ihren 29. Geburtstag gefeiert.

Wilhelmine Kafkas letzter Brief an ihre Kinder datiert vom 31. März 1942, laut einer Aufenthaltsbescheinigung des Polizeipräsidiums Mannheim war sie bis zum 24. April 1942 in Mannheim gemeldet.
Am 24. April 1942 wurde Wilhelmine Kafka von Mannheim nach Stuttgart, zwei Tage später Richtung Osten, nach Izbica (im Destrikt Lublin) deportiert. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde sie von dort kurz danach entweder in das Vernichtungslager Belzec oder nach Majdanek gebracht und ermordet. Von keinem, der bei diesem Transport dabei war, gab es je wieder ein Lebenszeichen.

Wie anfangs gesagt möchte ich zum Andenken an Wilhelmine Kafka das (Über-)Leben ihrer drei Töchter erzählen, soweit ich Informationen über sie finden konnte:

Im Jahre 1908, am 28. Januar, kam die älteste Tochter der Kafkas, Lisa, in Karlsruhe auf die Welt.
Nach dem Besuch der Volksschule war Lisa Kafka ab 10. Juni 1923 als Lehrmädchen bei der Firma August Kohlmeier, Karlsruhe (Anna Webers Nachfahren, Hoflieferant, Karlstraße 7), welche damals eine große Maßschneiderei war, angestellt. Ihre Lehrzeit endete am 10. Juni 1926.
Ab 25. September 1926 war sie als Schneiderin beim Warenhaus der Geschwister Knopf angestellt. Ihre Beschäftigung dort wurde am 7. Juli 1934 beendet, ihrer eigenen Erzählung nach verhielten sich ihre Kollegen immer judenfeindlicher und drängten sie monatelang, aus der Firma auszuscheiden.

Am 26. Juni 1934 heiratete Lisa Kafka David Zimmermann, der mit seinen Eltern und Geschwistern ebenfalls in Karlsruhe lebte. Zusammen verließen sie Ende Juli 1934 Deutschland, um nach Palästina auszuwandern. Die Biographie über die Familie Zimmermann ist ebenfalls in diesem Gedenkbuch zu finden.
In Palästina konnte das Paar in einer landwirtschaftlichen Gemeinschaftssiedlung Jagur bei Haifa unterkommen, im November 1935 zogen sie nach Haifa.
Lisa Zimmermann arbeitete als Schneiderin in ihrer Wohnung, ihr Mann David fand zu dieser Zeit nur ab und zu Arbeit auf dem Bau. 1938 fand David Zimmermann Arbeit bei der Raffinerie in Haifa. Ab 1943 war seine Stellung besser, so daß Lisa nur noch gelegentlich arbeitete.
Lisa und David Zimmermann hatten keine Kinder.
Lisa Zimmermann lebte bis mindestens April 1976, ihr genauer Todestag ist mir nicht bekannt; ihr Mann David starb im Juni des Jahres 2003.

Im Jahr 1910, am 02. Oktober, kam die zweite Tochter der Familie Kafka, Magdalena, auf die Welt. Magdalena wurde bei ihrer Tante in Wuppertal groß, warum sie dort lebte und nicht bei der Familie in Karlsruhe, habe ich nicht herausfinden können.
In Wuppertal-Barmen besuchte sie drei Jahre die Vorschule, danach ein Lyzeum, anschließend eine private Handelsschule für ein halbes Jahr, mit 18 Jahren hatte sie ihre Schulausbildung beendet.
Die nächsten viereinhalb Jahre arbeitete Magdalena Kafka bei der Firma M. Meier (Nachf.) (Warenhaus) in Wuppertal-Barmen, die ersten beiden Jahre als Volontärin, in der restlichen Zeit in der Statistik und als Kassiererin.

Magdalena ging dann aufgrund zunehmender Judenfeindlichkeit zu den Eltern nach Karlsruhe zurück. Ab ca. Juni 1934 fand sie in Durlach in der Firma Siegfried Metzger (Einheitsgeschäft) als Verkäuferin eine Arbeit. Sie blieb dort, bis Anfang 1938 das Geschäft boykottiert und geschlossen wurde.
Pfingsten 1937 verlobte sie sich mit Moses Zimmermann (dem Bruder ihres Schwagers David Zimmermann), sie war mit ihm zu diesem Zeitpunkt schon fünf Jahre befreundet. Beide planten gemeinsam die Auswanderung in die USA.
Nach der Verlobung konnte Magdalena für acht Monate als Sprechstundenhilfe bei Dr. Adolf Heinsheimer (Zahnarzt) in Karlsruhe arbeiten, Dr. Heinsheimer wurde Ende 1938 gezwungen, seine Praxis zu schließen.
Am 9. April 1939 wanderte Magdalena Kafka nach England aus (in ihrem noch vorliegenden Pass findet sich der Ausreisestempel vom 7. April 1939 aus Cuxhaven). Zu dieser Zeit wusste sie, dass ihr Verlobter Moses, mit dem sie die gemeinsame Ausreise und die anschließende Heirat geplant hatte, in Haft war.
Kurz vor ihrer Ausreise brachte sie die Eltern im Altersheim unter (beide Schwestern waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Karlsruhe), sie hoffte, dass die Eltern dort sicher seien.
In England fand Magdalena zunächst als Hausangestellte ein Einkommen.
Zwischen Mai 1940 und April 1941 wurde sie als aus Deutschland stammende Ausländerin auf der Isle of Man interniert.
Nach ihrer Freilassung arbeitete sie als Haushaltshilfe in Bradford, im Jahr 1941 ging sie mit ihrer Chefin (deren Ehemann gerade verstorben war) nach London und arbeitete dort weiter für sie.
Anschließend arbeitete sie als Kassiererin in einem Hotel für ca. ein Jahr, danach ab 1948 als Büroangestellte in einem Exportgeschäft.
Im Jahr 1946 erfuhr sie von der Ermordung ihrer Mutter und ihres Verlobten Moses, außerdem hatte sie zwischenzeitlich vom Roten Kreuz die falsche Nachricht, dass ihre Schwestern nicht mehr lebten. Seelisch schwer angeschlagen, alleine, ohne Familie, kam sie in dieser Zeit nur schwer zurecht.

Aus einem vorliegenden Schreiben ihrer Schwester Lisa geschah im Jahr 1956 etwas Wunderbares für die Schwestern: David Zimmermann, Magdalenas Schwager, hielt sich 1956 in England auf. Hier schaltete er eine Suchanzeige nach Magdalena in einer deutschsprachigen Zeitung. Auf diesem Weg konnten sich die Schwestern wiederfinden, was für Magdalena, die vom Tod aller Angehörigen ausgegangen war, wie ein Wunder war.

Magdalena Kafka siedelte dann relativ schnell nach Israel über, sie lebte einige Jahre bei ihrer Schwester und ihrem Schwager Lisa und David Zimmermann.
Beruflich konnte sie in Israel nie mehr so Fuß fassen und eine solche berufliche Stellung wie in England erlangen. Aufgrund ihrer schlechten körperlichen Verfassung, die sie auf die jahrelangen seelischen Nöte zurückführte, konnte sie hier nur Hilfstätigkeiten ausführen (sie war als Magazinassistentin im Krankenhaus angestellt).
Ab 1970 bezog sie eine eigene Wohnung, d. h. sie wohnte nicht mehr bei ihrer Schwester und ihrem Schwager.
Magdalena Kafka starb am 30. März 1976, im Alter von 65 Jahren.

Die dritte Tochter der Familie Kafka, Hildegard, kam am 22. Dezember 1912 auf die Welt.
Hildegard Kafka besuchte in Karlsruhe die achtklassige Volksschule, ab 1927 war sie für drei Jahre Auszubildende bei der Firma Hermann Tietz, anschließend arbeitete sie hier weiter als Verkäuferin, sofort nach dem Boykott-Tag am 1. April 1933 musste jüdisches Personal entlassen werden, sie selbst am 30. Juni 1933.
Hildegard Kafka wandte sich bald darauf an das in Berlin ansässige Palästina-Amt wegen einer Auswanderung nach Palästina. Die Erteilung der Einwanderungserlaubnis war seitens der englischen Mandatsbehörde in Palästina im Einvernehmen mit der Jewish Agency an eine gewisse, praktische Ausbildung (Hachscharah) gebunden. Das Berliner Amt teilte sie zu einer jüdischen Taubstummenanstalt in Berlin Wannsee ein, hier arbeitete sie ein Jahr. Danach bekam sie ein Jahr lang eine landwirtschaftliche Ausbildung auf einem Gut bei Berlin, in Hermsdorf.
Nach diesen beiden Jahren ging sie wieder zurück zu ihren Eltern und wohnte für einige Zeit in Karlsruhe. Ihr letzter Wohnort in Karlsruhe war in der Rintheimer Straße 10.
Hildegard konnte im September 1935 auswandern, sie kam in Palästina am 19. September 1935 an.
In Palästina wollte sie als Verkäuferin arbeiten, was aber aufgrund ihrer Sprachprobleme nicht möglich war. So ging sie noch im September in die Nähe von Betania am Kinereth-See und arbeitete in einer Arbeitsgruppe mit dem Namen Bat-Telem mit, die die Voraussetzungen für die Errichtung einer Gemeinschaftssiedlung schaffen wollten. Die Menschen arbeiteten unter schwierigen Verhältnissen in der Landwirtschaft. Alle Teilnehmer der Gruppe erkrankten an Thyphus, es fehlte in der Gegend an frischem Wasser, so wurde der Plan, an dieser Stelle eine Siedlung zu gründen, aufgegeben.
Nachdem sie wieder gesund war, ging sie nicht mehr zur Arbeitsgruppe zurück, sondern nach Haifa (Ende Mai 1938).
Hier arbeitete sie als Hilfe in unterschiedlichen Haushalten. Sie blieb unverheiratet und hatte keine Kinder.
Im Dezember 1977 lebte sie immer noch in Haifa und feierte dort ihren 65. Geburtstag. Über ihren weiteren Lebensweg ist leider nichts bekannt, sie lebt aber heute nicht mehr.

(Monika Dech, Juli 2005)