Personendaten

Melanie Interstein (Schwarcz, verh.)

Nachname: Interstein
abweichender Nachname: Schwarcz, verh.
Vorname: Melanie
Geburtsdatum: 19. Dezember 1898
Geburtsort: Straßburg (Deutschland, heute Frankreich)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Ignaz und Mina I.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Adalbert Schwarcz;

Mutter von Hans Sagh (Schwarz) (18.12.1937 in Frankfurt a.M.);

Schwester von Berthold, Fritz, Josef, Julius, Rinka, Selma und Rosa
Adresse: Zirkel 20
Kaiserstr. 62
Kronenstr. 28, nach der Heirat 1928 nach Budapest
Emigration: 1938 nach Schweden
Deportation: November 1944 von Budapest vermutlich nach Auschwitz (Polen)
Sterbedatum: 15. November 1944
Sterbeort: Auschwitz (Polen)
vermutlich

Biographie

Mina Interstein, Melanie, Rosalie und Selma Interstein
Johanna Fried

Im Andenken an Familie Interstein

Mina Interstein, geborene Fried, kam am 24. Juni 1867 als ältestes Kind von Handelsmann Hirsch Fried und seiner Ehefrau Jette, geborene Gidion, aus dem württembergischen Rexingen zur Welt. Geboren wurde sie in Wössingen, doch eigentlich stammte die Familie Fried aus dem benachbarten Dorf Jöhlingen. Alle Jöhlinger Frieds waren jüdischen Glaubens und bereits vor 1800 dort ansässig; der erste nachweisbare Fried war Hirsch Jakob, geboren 1772, der erst 1809 infolge des badischen Judenedikts den Familiennamen Fried annahm, seine Ehefrau war die 1773 geborene Mindel Walter.
Alle sieben anderen Geschwister von Mina wurden im Heimatdorf Jöhlingen geboren:
• Die Zwillinge Jakob und Isaak, 1868 geboren, verstarben sehr früh, Jakob am 12. April 1869, Isaak am 3. Dezember 1868
• Josef, geboren am 20. März 1870, gestorben am 19. Oktober 1940 in Stuttgart
• Julchen, geboren am 10. Oktober 1871, verstarb bereits zwei Monate später am 29. Dezember 1871
• Die Zwillinge Johanna (Hannchen) und Sophie kamen am 24. September 1874 zur Welt. Sophie verheiratete Hammel, starb am 8. Mai 1908 im Alter von 34 Jahren, Sohn Berthold Renee Hammel lebte später in New York/USA
• das Nesthäkchen Sara, geboren am 12. März 1876

Am 7. August 1893 heiratete Mina Fried einen Fabrikarbeiter aus Durlach, Ignaz Interstein, die Hochzeit fand in Jöhlingen statt.
Ignaz Interstein war am 10. März 1862 in Österreich-Ungarn im ungarischen Halimba geboren, einem kleinen Dorf im Komitat Veszprem in der Nähe des Plattensees gelegen. Im Jöhlinger Kirchenbuch ist sein Nachname auch mit „Jästerstein“ angegeben, was aber nachweislich falsch ist und vermutlich auf einem Hörfehler des Pfarrers beruhte, der Schwierigkeiten mit dem ungewohnten Dialekt gehabt haben dürfte.
Ignaz, dessen jüdische Eltern der Halimbaer Landwirt Joseph Interstein und Ehefrau Rosi Lang waren, war 1876 bei einem Weißgerber in Veszprem für zweieinhalb Jahre in die Lehre eingetreten, arbeitete anschließend in verschiedenen Stellungen in der Nähe seines Dorfes, zog aber für zeitweilige Anstellungen auch weiter weg in Großstädte. Vermutlich um ein auskömmlicheres Einkommen zu erzielen. Für zwei Jahre finden wir ihn ab 1886 bei verschiedenen Gerbermeistern in Budapest, 1888 zwischendurch in Pasia und bis 1889 als Lederfärber in einer Firma im böhmischen Prag, schließlich auch in Klosterneuburg bei Wien. Im selben Jahr ging er dann sogar nach München. Dies war wohl der Zeitpunkt, Österreich-Ungarn endgültig den Rücken zu kehren. Von München aus zog es ihn 1890 in Richtung Karlsruhe, genauer nach Durlach. Hier arbeitete er vom 16. Januar 1890 bis 14. April 1894 bei der renommierten jüdischen Glacélederfabrik Hermann & Ettlinger (1882 gegründet, 1938 „arisiert“, 1970 geschlossen).
Durlach und Jöhlingen liegen nicht weit entfernt, so dass sich eine Gelegenheit des Kennenlernens von Mina Fried und Ignaz Interstein ergeben haben dürfte.

Rasch nach der Heirat kam das erste Kind des Ehepaares zur Welt. Als Rosalie am 26. April 1894 in Jöhlingen geboren wurde, wohnte die kleine Familie noch im Haus von Minas Eltern in Jöhlingen. Rosa Interstein hatte die „englische Krankheit“, wie sie zu diesem Zeitpunkt noch oft genannt wurde, gemeint ist Rachitis, und war wohl auch etwas geistig behindert. Sie besuchte später die Sonderschule.

Ignaz Interstein hatte Höheres im Sinne, er wollte nicht auf alle Zeit abhängiger Arbeiter sein, sondern sich selbstständig machen. 1894 gründete er mit seinem Schwager Josef Fried in Straßburg unter der Firma „Fried und Interstein“ eine Glacélederfabrik. Dies war genau das Metier, indem er sich sehr genau auskannte. Die Firma bestand aber nur bis 1900. Hintergründe des Endes sind nicht bekannt, seien es wirtschaftliche Gründe, eventuell ein Zerwürfnis oder was auch sonst gewesen war. Josef Fried jedenfalls war später Kaufmann in Stuttgart, er starb dort ledig und ohne Nachkommen 1940.

In Straßburg wurde das zweite Kind, Sohn Berthold am 1. Juli 1895 geboren. Ein Jahr später folgte Josef am 23. Dezember 1896, danach Melanie am 19. Dezember 1898.

Nach dem Ende der gemeinsamen Firma zog die mittlerweile sechsköpfige Familie Interstein zurück, nicht nach Durlach sondern nach Karlsruhe. Hier fand Ignaz als Gerbermeister wieder Anstellung bei der Badischen Lederwerke AG in Karlsruhe-Mühlburg als Magazinverwalter.
Die Familie wuchs weiter, am 29. April 1901 kam Friedrich zur Welt, Julius am 10. Juli 1903, Rinka am 12. November 1906 und schließlich Selma Sofie am 27. Mai 1911, allesamt in Karlsruhe.
Die Familie bewohnte in der Rheinstraße 55 in Mühlburg eine Wohnung mit drei Zimmern mit Mansarde im 1. Stock. Neben seiner unselbstständigen Tätigkeit eröffnete Ignaz Interstein 1907 noch eine Schuhwarenhandlung. Seine Frau Mina war zwar offiziell Hausfrau, doch musste eigentlich sie das Geschäft führen. Das lag wohl am dringend notwendigen Zusatzeinkommen für die große Familie, da Ignaz Interstein lediglich ein durchschnittliches Arbeiter-Einkommen (150,- RM monatlich 1909) bezog. Die Familie zog noch mehrmals um: Von der Rheinstraße 55 in die Kaiserstraße 62, dort hat es die Familie wohl auch kurzzeitig nebenbei noch mit einer Margarinehandlung versucht, dann in die Markgrafenstraße 40 und zum Schluss in den Zirkel 20.

Ignaz Interstein hatte offiziell immer noch die (österreichisch-)ungarische Staatsbürgerschaft und durch die Heirat hatte auch Mina Interstein die Staatsangehörigkeit formal „gewechselt“. Nach fast 20 Jahren Lebens in Deutschland und angesichts seiner Familiensituation stellte Ignaz Interstein 1909 ein „Gesuch um Einbürgerung“, bat für sich, seine Frau und seine Kinder um „gefällige Aufnahme in den badischen Staatsverband“. Von allen beteiligten Behörden wurde bestätigt, dass über ihn nichts Nachteiliges zur Kenntnis der Behörden gekommen sei, er einen „tadellosen Leumund“ habe und „ein äußerst ruhiger und solider Mann“ sei. So stand am 15. Januar 1909 der Einbürgerung als Badener, damit zugleich Erlangung der deutschen Staatsangehörigkeit, nichts im Wege. Der Vergleich mit anderen Einbürgerungsanträgen jüdischer Einwohner aus Osteuropa in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zeigt dagegen oft Ablehnung, vordergründig wegen ärmlicher Verhältnisse, tatsächlich war auch der Kulturunterschied der meist orthodoxen Juden ein Grund.

Die Familie Interstein selbst gehörte zur so genannten liberalen jüdischen Gemeinde. Das Leben muss in sehr bescheidenen Umständen verlaufen sein, Reichtümer warf ihr kleines Zusatzgeschäft nicht ab. Trotzdem versuchte sich die Familie anzupassen. Mina Interstein war Mitglied im Israelitischen Frauenverein, etwas was von Geschäftsfrauen zwar erwartet wurde, dennoch vom Eingebundensein in das jüdische Leben der Stadt zeugt. Insgesamt war die Familie eng mit dem religiösen Leben der Gemeinde verbunden, Sohn Julius wirkte aushilfsweise als Kantor. Er war auch vor deren zwangsweisen Auflösung 1936 Vorsitzender der „Deutsch-Jüdischen Jugend“ in Karlsruhe im "Ring, Bund jüdischer Jugend", einer bündischen, nicht-zionistischen Jugendvereinigung.

Das Leben von Familie Interstein war neben der harten Arbeit auch von schweren Schicksalsschlägen geprägt. Ignaz und Mina Interstein verloren zwei ihrer acht Kinder. Tochter Rinka wurde nur sieben Jahre alt, sie starb tragisch am 12. November 1913 im Städtischen Krankenhaus. Die Todesumstände ließen sich nicht ermitteln, waren aber nicht natürlich, da ihr Tod vom Staatsanwalt beim Landgericht mitgeteilt wurde. Es ist anzunehmen, dass ein Unglück geschehen war, doch etwas Genaues ist nicht bekannt.
Der älteste Sohn Berthold, 1895 in Straßburg geboren, wurde später Kaufmann, fiel am 2. März 1918 im Ersten Weltkrieg bei Doignies nahe der Somme als Soldat bei der 11. Kompanie des Infanterie-Regiments 140. Er wurde nur 22 Jahre alt.

Ignaz Interstein starb am 25. Dezember 1927 in Karlsruhe im Alter von 65 Jahren. Woran, ist nicht bekannt. Mina Interstein war nun gezwungen, das Geschäft allein fortzuführen. Da fast alle Kinder aus dem Haus waren, musste sie nur noch für sich und ihre älteste und jüngste Tochter sorgen. Die Sorgen und Bedrückungen müssen groß gewesen sein nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, Näheres über ihr Leben während dieser Zeit bleibt aber im Dunkel.

Die letzte Anschrift von Mina Interstein war Zirkel 20. Am 22. Oktober 1940 wurde sie in der großen Abschiebungsaktion der badischen und saar-pfälzischen Juden nach Südfrankreich deportiert. Zuerst nach Gurs, dann am 20. März 1941 nach Récébédou, einem Lagerkomplex, in dem in jenem Monat Alte und Kranke hingebracht wurden. Im Lager Récébédou starb Mina Interstein am 15. Januar 1942 im Alter von 75 Jahren.

Die älteste, behinderte Tochter Rosalie hatte in Geschäft und Haushalt mitgeholfen, blieb zeitlebens bei der Mutter wohnen. Sie wurde ebenfalls am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert und zusammen mit der Mutter nach Récébédou verbracht. Sie starb nur sechs Tage nach der Mutter am 21. Januar 1942 in Récébédou. Rosalie war nur 48 Jahre alt geworden.

Auch die jüngste Tochter, Selma, ledig, wohnte bis zuletzt bei der Mutter. Sie hatte als Mädchen die Fichte-Mädchenrealschule, Abteilung Oststadt (später Freiligrath-Mädchenrealschule genannt, ursprünglich Karl-Wilhelm-Volksschule, heute Heinrich-Meidinger-Schule) besucht.
Am 22. Oktober 1940 war sie gar nicht in Karlsruhe, so dass sie nicht unter den Deportierten war. Gerade einen Tag zuvor war sie nach Stuttgart gegangen, zum Begräbnis des dort am 19. Oktober verstorbenen Onkels Josef. Danach konnte sie gar nicht mehr zurück nach Karlsruhe, die Wohnung war zunächst versiegelt, außerdem beschloss sie, bei der Verwandtschaft in Stuttgart zu bleiben, bei Therese Fried in der Rosenbergstr. 105. Allerdings war sie völlig mittellos, war am 21. Oktober nur mit 20,- RM aufgebrochen. So stellte sie am 10. November ein Bittgesuch an den Generalbevollmächtigten für jüdisches Vermögen in Karlsruhe, aus der verschlossenen Wohnung ihr Eigentum holen zu dürfen. Nur ein Jahr später wurde sie deportiert. Mit dem ersten Deportationszug, der aus Stuttgart fuhr, am 1. Dezember 1941 nach Riga in Lettland. Von dort fehlt seitdem jede Spur, sie war gerade 30 Jahre alt. Vermutlich wurde sie Opfer der Massenerschießungen der berüchtigten Einsatzgruppe A, eventuell hatte sie aber noch eine zeitlang Zwangsarbeit in einer der Fabriken im Ghetto Riga leisten müssen, bevor sie ermordet wurde.

Lebensweg der anderen Kinder
Der 1896 in Straßburg geborene Josef verließ Karlsruhe noch vor 1933. Ihm gelang vor dem Hintergrund der Rasseverfolgung die Emigration in die USA. Er lebte dort als verheirateter Kaufmann in New York und wurde US-Staatsbürger. Von 1967 ist ein Brief an seinen jüngeren Bruder Julius übermittelt mit Firmenbriefkopf „Hartos WAIASEL, führende Vinylfabrik“, deren Mitteilhaber er war.

Die 1898 geborene Melanie heiratete in Karlsruhe am 22. November 1928 den Dipl. Ingenieur Adalbert (genannt Béla) Schwarcz, geboren am 28. November 1903 in Györ/Ungarn, damals wohnhaft in Frankfurt/Main. Die Trauzeugen waren ihre beiden Brüder Josef, der zu diesem Zeitpunkt noch in Karlsruhe wohnte und Friedrich, der schon in Berlin lebte.
Das Ehepaar ließ sich in Budapest nieder, wo Béla eine gute Stellung als Ingenieur für Kühlschränke innehatte. Melanie und Béla Schwarcz bekamen zwei Kinder, Hans und Ferdinand. Als im März 1944 NS-Deutschland direkt die Macht im bis dahin kollaborierenden Ungarn übernahm, wurde Hans in einer christlichen Familie untergebracht, Melanie und Béla sowie Ferdinand dagegen wurden in der seit Oktober 1944 letzten großen Deportation zur Vernichtung europäischer Juden nach dem Osten deportiert. Béla hat sich retten können, Melanie und Ferdinand sind im Konzentrationslager umgekommen. Das ungarische Gedenkbuch des Holocaust gibt ihr Todesdatum mit dem 15. November 1944 an. Die genauen Umstände aber bleiben im Dunkeln. Béla kam nach dem Kriege nach Budapest zurück. Er suchte dort seine alte Wohnung auf, die unterdessen an andere Leute vermietet war.
Dort hatte er den Familienschmuck seines Schwagers Julius in dem Kühlschrank eingemauert (er war ja Kühlschrankingenieur)und konnte den Schmuck zurückbekommen und ihn an seinen Schwager Julius, der nun in Schweden wohnte, zurückgeben.
Der Sohn Hans von Melanie und Adalbert Schwarcz, war am 18. Dezember 1937 in Frankfurt/Main als ungarischer Staatsbürger zur Welt gekommen. Nach dem Krieg kehrte er in die frühere Heimatstadt seiner Mutter, Karlsruhe, zurück, um Mitte der 1950er Jahre Maschinentechnik an der Technischen Hochschule zu studieren. Da nannte er sich Hans Janos Sàgh. Das Schicksal seiner Familie ließ ihn nie mehr los, er litt unter schweren psychischen Problemen und starb unter tragischen Umständen am 29. Dezember 1996 in Frankfurt a.M.

Der 1901 geborene Friedrich Interstein war früh bereits von Karlsruhe nach Berlin gegangen. Er lebte schon 1927 in Berlin-¬Schöneberg in der Hauptstraße 11. Er, seine Ehefrau Edelgard und der 5-jährige Sohn Berthold (31. Mai 1937 geboren) wurden zusammen von Berlin am 26. Oktober nach Riga deportiert. Für alle drei ist als Todeszeitpunkt der 29. Oktober 1942 in Riga-Jungfernhof genannt.

Julius Interstein, dessen Frau Anneliese und deren vierjähriger Tochter Hannelore sind nach Schweden ausgewandert
Der 1903 geborene Julius Interstein wurde Kaufmann und war bis 1935 bei der Firma Wilhelm Blicker und Co., Herrenmantelfabrik in der Karlsruher Vorholzstraße 62 als Abteilungsleiter angestellt. Wegen der frühen „Arisierung“ dieser Firma wurde er entlassen, weil die Firma keine jüdischen Angestellten mehr beschäftigen wollte. Vorübergehend war er im israelischen Jugendring tätig, bis er dann Amtsgehilfe im Gemeindesekretariat der liberalen jüdischen Gemeinde in der Kronenstraße wurde. Für seine religiöse Betätigung spricht auch der Plan, eine Ausbildung zu absolvieren, um zweiter Kantor zu werden, wozu es allerdings nicht mehr kam.
Am 30. August 1938 heiratete er Anneliese Kahn, die am 6. Juli 1911 in Berlin geboren wurde, die Familie zog dann aber nach Karlsruhe. Ihre Eltern waren Albert Kahn, Geschäftsreisender und Käte Kahn, geborene Anspach. Ihr Vater ist 1940 in Berlin gestorben. Sie selbst absolvierte in Berlin eine 2-jährige Ausbildung im Verein Jugendheim e.V. zur Kindergärtnerin. Von 1929 bis 1933 betrieb sie in der Berliner Wohnung ihrer Mutter einen eigenen privaten Kindergarten. Im November 1933 heiratete sie Louis Levit. Die Trauung erfolgte auf dem Standesamt Berlin-Schöneberg. Das Ehepaar lebte dann in Strehlen/Schlesien. Am 7. Juli 1935 wurde Tochter Hannelore in Breslau geboren. Die Ehe hielt nicht, im April 1938 fand die Scheidung vor dem Landgericht in Brieg/Schlesien statt. Louis Levit wanderte erst nach Shanghai und später nach Israel aus.
Nach der Heirat mit Julius wollte das Paar in Karlsruhe leben. Anneliese hatte vor, hier wieder einen Kindergarten zu eröffnen, da das Einkommen von Julius sehr klein war. Vorübergehend wohnten sie mit Tochter Hannelore bei Julius’ Mutter Mina im Zirkel 20, bekamen später ihre eigene Wohnung. Julius wurde in der jüdischen Gemeinde als Kantor ausgebildet, um einmal die Kantorstelle zu übernehmen. Zwischenzeitlich hatte er immer wieder deren Kantor vertreten.
In der „Kristallnacht“ am 10. November 1938, wurde Julius in das Konzentrationslager Dachau gebracht, von wo er am 2. Dezember desselben Jahres wieder entlassen wurde. Inzwischen hatte die Familie ein Visum für Schweden bekommen. Annelieses Bruder, Herbert Kahn, und ihre Mutter, Käte Kahn, wohnten schon seit einiger Zeit in Stockholm und hatten sich für ihre Verwandten in Karlsruhe eingesetzt. Die Auswanderung konnte jedoch erst im April 1939 stattfinden.
.
Im Jahr 2001 kam aus Stockholm ein Brief an die Stadt Karlsruhe von Anneliese Interstein, die inzwischen 90 Jahre alt war. Sie schrieb: „Meine Tochter und ich waren ja im Jahre 1988 als Gäste in Karlsruhe. Man hatte alles so schön geordnet, so dass man sich wirklich willkommen gefühlt hatte. Es tut mir nur leid, dass mein Mann, ein alter Karlsruher, das nicht mehr erleben konnte, zumal er bis an sein Lebensende 1987 seiner Heimatstadt innerlich verbunden blieb und eigentlich nie verschmerzen konnte, was damals geschehen war. Erst, als er am 10. November 1938 nach Dachau kam, konnte er darnach eine Emigration akzeptieren. Aber genug davon, wir waren damals noch jung genug, so dass wir uns hier in Schweden ein neues Dasein aufbauen konnten.“ Sie fragte auch: „Stehen die Namen der Mutter meines Mannes und seiner Geschwister, alles Karlsruher [auf dem 2001 aufgestellten Gedenkstein mit den Namen der ermordeten Karlsruher Juden auf dem jüdischen Friedhof an der Haid-und-Neu-Straße enthalten sind.] Namen folgen hier: Mina, Rosalie (Rosa), Selma, die bei einem kurzen Besuch in Stuttgart von der Straße weg aufgefangen und nach Riga deportiert und dort umgekommen ist. Johanna (Hanna Fried, Tante aus Jöhlingen), ‚Unbekannt wohin, nie zurück’. Ein gesundes Neues Jahr für sie alle und ein gutes Jahr der Stadt wünscht Ihnen mit besten Grüßen Anneliese Interstein.“ Julius Interstein starb am 21. Dezember 1987 in Stockholm, Anneliese Interstein, starb dort am 23. Juli 2004.


Die Schwestern Johanna und Sara Fried
Die am 24. September 1874 in Jöhlingen geborene Schwester von Mina, Johanna, blieb ebenso unverheiratet wie die jüngste, Sara, 1876 in Jöhlingen geboren. Beide bewohnten das elterliche Haus im Dorf und betrieben je ein kleines Lädchen, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Sara betrieb in der Hauptstraße 83 bis zum Tag „Reichskristallnacht“ am 10. November 1938 eine Gemischtwarenhandlung und hatte damit ein einigermaßen gutes Auskommen, dann beendete der Terror diese Möglichkeit. Mit der Reichspogromnacht verloren beide ihr Geschäft. Johanna Fried zog nach Karlsruhe, in die Kronenstraße 62, das ein jüdisches Altersheim war und 1939 zugleich zum „Judenhaus“ geworden war. Da war sie 65 Jahre alt und offensichtlich schwer krank. Dies muss der Grund gewesen sein, dass sie als „nicht transportfähig“ am 22. Oktober 1940 nicht nach Gurs wie nahezu alle Juden deportiert wurde. Doch am 22. August 1942 wurde sie dann zusammen mit insgesamt 19 Juden aus Karlsruhe weggebracht - nach dem Konzentrationslager Theresienstadt. Sie kam dort aber nicht in das „Altenlager“, das als Vorzeigelager die tatsächlichen Umstände verschleiern sollte. Kurz darauf kam sie mit einem der Transporte nach dem Vernichtungslager Treblinka, am 26. September 1942.

Sara Fried dagegen war am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert worden, kam dann in verschiedene andere Internierungslager in Südfrankreich, am 20. März 1941 nach Recebedou, am 4. Oktober 1942 nach Nexon und über das Lager Noé am 18. März 1943 nach Masseube. Dort war sie bis zu ihrer Befreiung am 31. August 1944. Nach der Verfolgung blieb sie in Frankreich, lebte in Nizza im jüdischen Altenheim „La Colline“. Zuletzt war sie schwer krank und pflegebedürftig. Sie starb unverheiratet und kinderlos am 30. September 1965 in Nizza 89-jährig als französische Staatsbürgerin.

Nachtrag
Am 28. Januar 1941 hatte eine Verhandlung vor dem Notariat in Karlsruhe-Durlach mit dem „Generalbevollmächtigten für jüdisches Vermögen“ stattgefunden. Versteigert wurde das dörfliche Anwesen der Erbengemeinschaft Fried in Jöhlingen
- eine Hofreite mit 1 ar 48 qm im Mitteldorf
- Gebäudeanteil an weiterer Hofreite
- Grundstück mit 2 ar Hausgarten
für das Gebot von 3.800,- RM. Das Versteigerte erwarb ein Metzgermeister aus Jöhlingen.
Zu diesem Zeitpunkt befand sich allein Johanna Fried noch hier, alle anderen Nachkommen der Jöhlinger Frieds waren außer Landes getrieben worden oder befanden sich in Lagern.

(Erika Horn, August 2008; ergänzt März 2009)

Frau Hannelore Interstein, unter anderem Namen verheiratet, sah den Gedenkbuchbeitrag im Internet, setzte sich mit dem Stadtarchiv Karlsruhe in Verbindung, machte Ergänzungen und Korrekturen. Dafür danke ich und das Stadtarchiv Karlsruhe sehr.