Personendaten

Erna Homburger (Helene Gertrud)

Nachname: Homburger
geborene: Friedmann
Vorname: Erna
abweichender Vorname: Helene Gertrud
Geburtsdatum: 27. Mai 1893
Geburtsort: Glogau/Schlesien (Deutschland, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Dr. Max H.;

Mutter von Edith und Heinz
Adresse: Kriegsstr. 97
Emigration: 1935 mit Familie in die Schweiz
Sterbedatum: 12. September 1935
Sterbeort: Karlsruhe (Deutschland)
Suizid wegen Schwierigkeiten bei Passerlangung nach kurzzeitigem Aufenthalt in Deutschland nach ihrer Emigration

Biographie

Erna Homburger

Erna Homburgers Glogauer Heimat
Erna Helene Gertrud Homburger, geborene Friedmann, stammte aus Schlesien. Am 27. Mai 1893 wurde sie in Glogau, im heutigen Polen, geboren. Im Adressbuch von Glogau im Jahr 1913 sind zwei Personen namens Friedmann aufgeführt: der Justizrat und Rechtsanwalt Isidor Friedmann und der Rechtsanwalt Dr. Alfred Friedmann. Beide wohnten mit ihren Familien in der Wilhelmstraße 1. Alfred war der Sohn von Isidor Friedmann, Erna die Tochter und somit die Schwester von Alfred. Es gab noch einen weiteren Bruder, Günther, Zwillingsbruder von Alfred. Näheres über die Familie, die Mutter und Großmutter, war nicht zu erfahren. In den Akten im Generallandesarchiv Karlsruhe findet man Erna erst wieder als Ehefrau von Dr. Max Homburger in Karlsruhe. Wie sie ihre Kindheit und Jugendzeit verbrachte, welche Schulbildung und Berufsausbildung sie erhielt, all das bleibt im Dunkeln. Doch da sie aus einem gebildeten Elternhaus stammt, vermute ich, dass die Eltern Wert auf eine gute Schulbildung legten. Vermutlich konnte sie mit ihren Geschwistern eine unbeschwerte Kindheit verbringen. Die Familie Friedmann war wie viele andere jüdische Familien in Glogau hoch angesehen, was man an den in Kaiserzeiten verliehenen Titeln für jüdische Glogauer Bürger erkennen kann wie z.B. „Justizrat“ Fränkel. Ihr Vater Isidor Friedmann wurde mit dem Titel „Geheimer Justizrat“ geehrt. Um zu erfassen, in welchem Zeitgeist und in welcher Atmosphäre Erna groß wurde, möchte ich aus dem Beitrag „Die Juden in Glogau 1914-1945. Ein Beitrag zur Geschichte der Stadt Glogau in Schlesien“, der sich im Leo Baeck-Institute, New York befindet, zitieren. Der Beitrag stammt von Ernas Neffen Alfred, dem Sohn ihres Bruders Alfred, der nach dem Krieg das Leben und die Lage der jüdischen Bürger in Glogau beschreibt und aufzeigt, wie sehr sie sich als Teil der Gesellschaft gefühlt haben, wie verbunden sie waren mit allem, was deutsch war. Deutschland war ihr Vaterland. Im ersten Weltkrieg verteidigten sie es an der Front, und so schreibt Alfred Friedmann. „Die Teilnahme meiner Familie am Krieg ist wohl typisch für Glogauer Juden. Mein Vater Dr. Alfred Friedmann … wurde 1915 im Alter von 32 Jahren eingezogen… und bei ‚Cote Lorraine’ verwundet. Sein Zwillingsbruder Günther Friedmann, wurde an der russischen Front als Oberleutnant mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet. Meine Mutter arbeitete für das Rote Kreuz, ihre verheiratete Schwester Käte war Krankenschwester im Lazarett und ihr Mann, Dr. Bruno Feilchenfeld, wurde als Sanitätsoffizier an der Front mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet. Mein Großvater, der Geheime Justizrat Friedmann, gründete den Vaterländischen Hilfsverein in Glogau und wurde 1917 mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet. Er war damals 76 Jahre alt.“ Über 800 Jahre hatten Juden schon in Glogau gelebt, auf Grund ihrer Religion abgedrängt in bestimmte Berufe, daher meistens Kaufleute oder in freien Berufen tätig als Rechtsanwälte oder Ärzte. Auch wenn sie eine größere Rolle im Handel und Gewerbe spielten, großen Einfluss auf Politik und Gesellschaft hatten sie nicht.“ Aber Ansehen und Wertschätzung wurde ihnen zuteil.

Ernas Ehemann Dr. Max Homburger
Dieses scheinbar gesicherte Milieu verließ Erna, um den Rechtsanwalt Dr. Max Homburger zu heiraten und mit ihm in Karlsruhe zu leben. Wie sie wohl Max kennen lernte? Vermutlich kam die Verbindung durch berufliche Kontakte der Väter in Glogau und Karlsruhe zustande. Aus der von Esther Ramon verfassten Familiengeschichte der Karlsruher Familie Homburger geht hervor, dass die Eheschließung 1916 stattfand. Es ist anzunehmen, dass die Familien Friedmann und Homburger die Hochzeit in Glogau feierten. Erna muss gewusst haben, dass sie mit Dr. Max Emil Homburger einen aufstrebenden jungen Mann heiratete, der später tatsächlich eine stadtbekannte Größe in Karlsruhe werden sollte.
Max Homburger, geboren am 21. August 1888, stammte aus einer Kaufmannsfamilie. Sein Vater, der Kaufmann und Weinhändler Nathan Max Homburger und die Mutter Anna, geborene Mayer, ermöglichten ihrem einzigen Kind den Schulbesuch in Karlsruhe und das Studium der Rechtswissenschaften an den Universitäten Genf und Heidelberg. 1910 promovierte er an der Universität Heidelberg und legte im Herbst 1913 sein zweites Staatsexamen, das Assessorenexamen, ab und ließ sich im Dezember 1913 als Rechtsanwalt in Karlsruhe nieder. In der Kaiserstraße 88 eröffnete er eine Kanzlei in Sozietät mit Hugo Stein, später der letzte Gemeindevorsteher der jüdischen Gemeinde. Max Homburgers Spezialgebiet war Wirtschaftsrecht, insbesondere Steuerfragen, Bilanzen und Konzernrecht. Am 5. Januar 1914 erhielt er seine Zulassung als Rechtsanwalt beim Landgericht in Karlsruhe, am 3. Januar 1928 bei der Kammer für Handelssachen in Pforzheim. Er war Mitglied der national-liberalen Partei und später der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei (DVP). Als Glaubensbekenntnis hatte er ab Ende 1931 ‚freireligiös’ angegeben.
Bei Kriegsbeginn soll er sich als Kriegsfreiwilliger gemeldet haben - wie die Juden in Glogau – doch wurde er wegen eines chronischen Nierenleidens abgelehnt. “Um dennoch dem Vaterland dienen zu können“, wie er 1935 dazu schrieb, habe er sich bei Kriegsbeginn der Polizeidirektion Karlsruhe zur Verfügung gestellt. 1915 wurde er bei der Fahndungspolizei zur „Überwachung der Ausländer und verdächtiger inländischer Elemente“, d.h. für Spionageabwehr, bei der Postüberwachungsstelle Karlsruhe eingezogen – nichtsahnend, dass auch er einmal zu den „verdächtigen ausländischen Elementen“ gehören sollte. 1915 ging er derselben Aufgabe bei der Oberleitung Grenzschutz Lörrach und Konstanz nach, dann bis Kriegsende als Militärpolizeibeamter bei der Militär-Zentral-Polizeistelle Baden beim Generalkommando des IV. Armeekorps. Die Arbeit in seiner Kanzlei musste er immer wieder unterbrechen. Für seinen Einsatz in Kriegszeiten wurde er mit dem Preußischen Verdienstkreuz für Kriegshilfe und dem Ehrenkreuz ausgezeichnet. Später sollten sein Einsatz und der der jüdischen Kriegsteilnehmer in Glogau und aller anderen für das deutsche „Vaterland“ kämpfenden jüdischen Mitbürger beiseite gewischt werden, nichts zählen.
Nach dem Krieg erwarb er sich schnell den Ruf eines sehr renommierten und erfolgreichen Rechtsanwalts mit einem weiten Betätigungsfeld. In juristischen Zeitschriften veröffentlichte er Artikel und arbeitete an Fragen zur Reform des Aktienrechts mit. Jahrelang war er als Berater der Maschinenbaugesellschaft in Karlsruhe tätig. Nach deren Zusammenbruch wurde er von allen beteiligten Seiten als Vertrauensperson und Treuhänder für die Abwicklung der Gesellschaft bestellt. Er betreute bedeutende Klienten, führte verschiedene Wirtschaftsprozesse, in denen es um sehr hohe Beträge ging, und arbeitete ebenfalls als Rechtsgutachter. Er hielt laufend Vorträge auf verschiedenen internationalen Kongressen und auch an der Universität Frankfurt am Main. Die vielfältige Betätigung brachte auch finanziellen Erfolg. Rückblickend schreibt sein Sohn am 18. Februar 1957, „In den Jahren 1925 – 32 war mein Vater unter den Mitgliedern der freien Berufe der größte Steuerzahler in Karlsruhe. Er versteuerte ein Einkommen von Reichsmark 100.000 jährlich.“ Auf Anfrage nach dem Krieg (21. August 1958) bestätigte die Rechtsanwaltskammer, dass Dr. Homburger zeitweise ein sehr hohes Einkommen hatte, vor allem in den Jahren 1926 – 1930. Die Weltwirtschaftskrise wird die Familie kaum tangiert haben.

Erna Homburgers erste Lebensjahre in Karlsruhe
Erna durfte sich zumindest in den ersten Ehejahren eines Lebens ohne materielle Sorgen erfreuen. Als Ehefrau eines erfolgreichen Rechtsanwalts stand sie einem vermutlich aufwändigen und sehr wohlhabenden Haushalt mit vielfältigen Aufgaben vor. Nach dem Krieg bezeugen verschiedene Personen, wie gut situiert die Familie gewesen war.
Sie sagen aus, dass die repräsentative Wohnung in der Kriegsstraße 97 „von erlesenem Geschmack“ zeugte. Sie bestand aus acht teilweise sehr geräumigen Zimmern. Zwei bis drei Haushälterinnen versorgten den Haushalt. Die Wohnräume waren mit wertvollem Mobiliar ausgestattet. An den Wänden hingen Ölgemälde und Aquarelle, häufig Originale, eine Gemäldesammlung, Kunstmappen, Holzskulpturen werden erwähnt, Orientteppiche und Komfort. Im Musikzimmer stand ein Konzertflügel von Bechstein, in der umfangreichen Bibliothek mit einigen tausend Büchern fand man auch seltene und bibliophile Werke. Die Familie Homburger war in der Lage, ein sorgenfreies Leben zu führen. Max Homburger war ein sehr kunstinteressierter Mensch, dessen Leidenschaft auch dem Theater galt. Wir dürfen annehmen, dass Erna Homburger ebenso kunstbeflissen war und dies ihren Alltag mitbestimmte.

Die Kinder Heinz und Edith
Am 16. Oktober 1917 wurde das erste Kind, der Sohn Heinz, in Baden-Baden im Josephinenheim (heute DRK-Klinik), einem modernen Wöchnerinnenheim, geboren. Erna war damals eine junge Frau von knapp vierundzwanzigeinhalb Jahren. Sie hatte Max geheiratet, als sie 23 Jahre alt war. Am 20. Dezember 1920 erhielt die Familie weiteren Zuwachs. Die Tochter Edith Emma kam im Ludwig-Wilhelm-Krankenhaus (später Landesfrauenklinik) in Karlsruhe auf die Welt. Die Kinder durften zumindest in den ersten Jahren in gesicherten Verhältnissen leben. Angesichts der beruflichen Verpflichtungen ihres Mannes war vermutlich Erna in erster Linie sie für die Erziehung der beiden Kinder verantwortlich. Ob Erna Homburger ein sehr geselliges Leben führte oder eher zurückgezogen lebte, darüber waren leider keine Aussagen zu finden. Hat sie Kindergeburtstage ausgerichtet, Kontakte zu anderen Müttern gehabt? Gab es anfänglich Verbindungen zur israelitischen Gemeinde? Später wurde im Schulzeugnis der Kinder „freireligiös“ angegeben.
Von Ernas Tochter Edith ist bekannt, dass sie im Alter von sechs Jahren die Gartenschule in Karlsruhe besuchte, auf die Fichte-Schule, eine höhere Schule für Mädchen mit Realschul- und Gymnasialzweig wechselte, als sie 10 Jahre alt wurde. Ein weiterer Wechsel erfolgte auf das Pädagogium in Karlsruhe, die private Oberschule des Benedikt Wiehl. Diese Lehranstalt wurde 1940 aufgelöst. Edith besuchte sie bis zur Untersekunda im Jahr 1935, dann musste sie ihre Schullaufbahn in Deutschland abbrechen. Ebenso erging es ihrem Bruder Heinz. Er hatte das Goethe-Gymnasium mit einem mittleren bis guten Zeugnis besucht, konnte aber 1935 seine Versetzung in die Obersekunda nicht mehr wahrnehmen.

Aus den Unterlagen ist zu ersehen, dass die Familie am 30. Dezember 1931 ihren Austritt aus der israelitischen Religionsgemeinschaft erklärte. Sie ließ sich als ‚freireligiös’ registrieren. Das weist darauf hin, dass Max und Erna Homburger sich von ihrer jüdischen Herkunft entfernt hatten, ohne dass näherer Aufschluss vorliegt, ob es eine allgemeine Abwendung von Religiosität war, ob sie die jüdischen Glaubensvorstellungen für sich nicht mehr leben mochten, oder ob es andere Gründe gab.
Nach dem Machtantritt des Nationalsozialismus spielte es aber keine Rolle, ob sich jemand zum Judentum zugehörig sah oder nicht. „Jude“ war nun eine konstruierte rassische Zuordnung aus der Herkunft, Erna und Max Homburger galten als Juden.

Auswanderungspläne und Ernas Freitod
Am 26. Oktober 1956 beschreibt der Sohn Heinz im Rückblick, in welcher Situation sich die Familie befand:
„Auf Grund seiner beruflichen und gesellschaftlichen Position wurde mein Vater schon früh von der nationalsozialistischen Partei als Jude aufs Korn genommen und stark angegriffen und musste Ende 1933 sein Büro, das bis dahin in der Kaiserstraße war, wo er sechs Sekretärinnen und einen Referendar beschäftigte, aufgeben.
Mitte 1935 wurde ihm von guten Freunden nahegelegt, Deutschland zu verlassen, da ein Haftbefehl gegen ihn vorläge.
Im Juli verließen er und seine Frau Deutschland, um von der Schweiz aus zusammen mit ihren Kindern nach Brasilien auszuwandern. Aus verschiedenen Gründen war der Plan nicht auszuführen, besonders, da die Pässe für uns Kinder nicht rechtzeitig fertig waren und das Polizeipräsidium Schwierigkeiten machte. Aus diesen Gründen kam meine Mutter im September 1935 nochmals nach Deutschland zurück, um in der Passbesorgung für uns Kinder tätig zu sein. Unter dem Druck der Ereignisse infolge der Schwierigkeiten, die sich ihr noch in verschiedenen anderen Dingen entgegenstellten, verlor sie die Nerven und nahm sich im September 1935 das Leben.“
Was letztendlich den Ausschlag gab, welcher Natur die „verschiedenen anderen Dinge“ waren, die sich Erna Homburger entgegenstellten und sie in den Tod trieben, ist nicht genau bekannt. Der Ehemann in der Schweiz, sie allein und auf sich gestellt in einer für sie auswegslosen Situation. Mit Sicherheit kann man sagen, dass ohne die Drangsalierungen, Schikanen, Bedrohungen und ohne den psychischen Druck Erna sich nicht das Leben genommen hätte. Sie wusste nicht, wie es weiter gehen würde: würde sie es schaffen, die Pässe für die Kinder zu bekommen, die Demütigungen und Schikanen zu ertragen, würden sie aus der Schweiz auch tatsächlich ausreisen und nach Brasilien gelangen können, und wie würde das Leben in Brasilien aussehen? Würde Max wieder arbeiten und den Unterhalt für die Familie aufbringen können? Was alles wartete auf sie? Der Absturz ins Bodenlose folgte.
Wie viele andere Juden zog sie den Freitod der schrecklichen Realität, dem Ausgesetztsein der ständigen Gefährdung und Bedrohung, der Verfolgung und Verhaftung vor, der Flucht in eine ungewisse Zukunft in einem fremden Land, das unerreichbar schien. Als Todesursache ist amtlich Vergiftung angegeben.
Wie verzweifelt muss sie gewesen sein, dass sie ihre Kinder allein zurückließ und Ruhe und Befreiung im Tod suchte? Für die Kinder muss es eine unerträgliche Situation gewesen sein. Die Mutter tot, unter diesen Umständen, der Vater in der Schweiz, was würde geschehen mit ihnen?
Erna Homburger wurde auf dem liberalen jüdischen Friedhof feuerbestattet beigesetzt.
In der Folgezeit wurden doch noch die Pässe für die Kinder ausgestellt. Heinz und Edith konnten im November 1935 in die Schweiz zum Vater ausreisen.

Max Homburger: Verzicht auf die Zulassung als Anwalt und Auswanderung mit den Kindern
Am 14. Dezember 1935 schrieb Dr. Max Homburger aus Genua an die Anwaltskammer in Karlsruhe: „Sehr geehrte Herren Kollegen!
Die Entwicklung der Verhältnisse für Nichtarier und für nicht arische Rechtsanwälte in Deutschland, bei denen eine Milderung nicht zu erwarten sein dürfte, haben mich zu dem Entschluss geführt, meinen Kindern und mir im Ausland eine neue Existenz zu errichten. Dass der unter besonders erschütternden Umständen erfolgte Tod meiner unvergesslichen Gattin ebenfalls zu diesem Entschluss beigetragen hat, muss ich erwähnen.
Ich scheide damit nach zweiundzwanzigjähriger Tätigkeit aus der deutschen Rechtsanwaltschaft aus. Ich habe mich immer ehrlich und mit allen Kräften bemüht, dem wahren Recht zu dienen und niemals Sklave von Parteiinteressen zu werden. [….]
Gleichzeitig ist es mir eine Herzenspflicht, dem jetzigen Kammervorstand aufrichtig dafür zu danken, dass er mir in schweren Stunden gegen verleumderische und bösartige Angriffe mit Einsatz aller Kraft und mit Erfolg Schutz geboten hat. Ich verzichte hiermit auf meine Zulassung als Rechtsanwalt…“
Am 26. Dezember 1935 gelangten Max Homburger mit Sohn und Tochter an Bord des Dampfers „Augustus“, 2. Klasse, von Genua aus in ihre neue Heimat. Es war Max Homburger nicht möglich, die Wohnungseinrichtung oder die kostbaren Kunstgegenstände mitzunehmen oder zu verkaufen.
Die Wohnung war inzwischen versiegelt worden. Der NS-Staat behauptete, Max Homburger habe Steuerschulden und ließ mit dieser Begründung Einrichtungs- und Kunstgegenstände versteigern. Wertvolle Gemälde scheinen für Spottpreise weggeben worden zu sein.
Dr. Homburger hatte zuvor einen Anwalt beauftragt, die Versteigerung der Wohnungseinrichtung und der Kunstobjekte für ihn vorzunehmen.
Als letzterer endlich die Erlaubnis erhielt, war der größte Teil der wertvollen Kunstgegenstände bereits verschwunden. Auch sein Vermögen in der Schweiz existierte nicht mehr. 1934 war er gezwungen worden – bei Nichtanzeige war schwerste Bestrafung vorgesehen, schreibt der Sohn – es nach Deutschland zu transferieren.
In der Schweiz musste Max Homburger hilflos mit ansehen, wie sein Besitz verschleudert bzw. unter Wert versteigert wurde. Der an seinem alten Nierenleiden erkrankte Max Homburger musste zudem auch einen Hetzartikel im Residenz-Anzeiger vom Februar 1936 hinnehmen, in dem er beschuldigt wurde, sich abgesetzt und beträchtliche Schulden hinterlassen zu haben.
In Brasilien versuchte Dr. Homburger, seinen Beruf wieder aufzunehmen, konnte aber nicht mehr an den früheren Erfolg anknüpfen. Die Kinder gingen wieder zur Schule. Edith hatte jedoch sprachliche Schwierigkeiten und gab deshalb nach zwei Jahren auf. Auch war der Vater nicht mehr in der Lage, die Kosten für den Schulbesuch aufzubringen. Dann erkrankte Edith an Typhus und musste sich später auch mehreren schweren Operationen unterziehen. Sie hatte einst Jura studieren wollen, arbeitete stattdessen ab 1939 als Büroangestellte. Aufgrund ständiger Krankheit war sie ein Leben lang zumeist arbeitsunfähig. Unterstützung erhielt sie von ihrem Vater bis zu dessen frühem Tod im September 1941 im Alter von 53 Jahren. Der Sohn Heinz führt den frühen Tod auf das Leid, auf die Trauer um seine Frau Erna und die Schwierigkeiten, sich eine neue Existenz aufzubauen, zurück. Ein weiteres, spätes Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Vielleicht war ihm zuvor nochmals eine kurze Zeit des Glücks beschieden, als er Ende der dreißiger Jahre Gudrun Lenk, geboren am 24. April 1913 in Berlin und Tochter des Berliner Rechtsanwalts Arthur Lenk, geheiratet hatte.
1949 heiratete die Tochter Edith Leo Steinem, doch zwei Jahre später wurde die Ehe wieder geschieden. Nach dem Tod des Vaters sorgte Heinz für seine Schwester, auch wenn er keinen Beruf erlernt hatte, sich zunächst seinen Lebensunterhalt als Fabrikarbeiter verdient und seit 1939 eine Stelle als kaufmännischer Angestellter gefunden hatte. Dass er seine Schwester unterstützen konnte lässt hoffen, dass zumindest er in Brasilien Fuß fassen und sich in ein neues Leben einfinden konnte. Nichts anderes hätte Erna Homburger glücklicher gemacht. Dafür spricht auch, dass er eine Familie gründete und zwei Kinder geboren wurden. Die Familie von Dr. Max und Erna Homburger existiert und lebt weiter!

(Beate Sehon, November 2012)