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Henriette Holz, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Henriette Holz

Nachname: Holz
geborene: Gutmann
Vorname: Henriette
Geburtsdatum: 29. April 1875
Geburtsort: Philippsburg (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Jakob und Elise G.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Simon H.;

Mutter von Anna Bensinger, geb. H.
Adresse: Durlacher Allee (Robert-Wagner-Allee) 11
Karlstr. 30
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
Sterbeort: Frankreich

Biographie

Simon und Henriette Holz

Im Jahr 1899 eröffneten die jüdischen Kaufleute Simon Holz und Josef Weglein ein Manufakturwaren-, Möbel- und Ausstattungsgeschäft in Karlsruhe. Erst unmittelbar vorher waren beide zugezogen. Hier, in der Großstadt, sahen sie wohl wie viele andere auch bessere Möglichkeiten für einen sozialen Aufstieg als im ländlichen Raum, aus dem sie gekommen waren. 40 Jahre später wurden sie aus dieser Stadt, in der sie für sich eine, wie sie glaubten, solide und tragende Existenz aufgebaut hatten, deportiert - am helllichten Tag.

Simon Holz stammte aus dem badischen Weingarten. Schon sein Vater, der Weber Josef Holz, war hier am 2. Februar 1824 zur Welt gekommen. Im Alter von 40 Jahren hatte dieser Mina Mergentheimer, geboren am 8. Oktober 1836 in Oedheim bei Heilbronn, geheiratet. Das Paar wurde am 17. August 1864 in Schluchtern, etwa 20 km vom Wohnort der Braut entfernt getraut, denn die neue Synagoge in Oedheim war im Sommer 1864 gerade noch im Bau. Weingarten, die Heimatgemeinde des Ehemannes, wurde zum Wohnort des Paares. Im siebten Ehejahr, am 30. Januar 1871 kam der Sohn Simon zur Welt, er sollte das einzige Kind des Paares bleiben. Natürlich ging Simon in Weingarten zur „Volksschule“ und zum jüdischen Religionsunterricht bei Lehrer J. Rosenbusch und danach in die Realschule in Karlsruhe. Die anschließende Lehre zum kaufmännischen Angestellten machte er in Gernsbach, etwa 50 km vom Heimatort entfernt bei der „Eisenhandelsfirma Dreifuss“, wie es später in einer Akte heißt. Dabei dürfte es sich um die Eisenhandlung Emanuel Dreyfuß in der Igelbachstraße in Gernsbach gehandelt haben. Die Dreyfuss‘ waren wohl eine der wirtschaftlich bedeutendsten Familien am Ort, die sich aus innerer Überzeugung auch politisch und sozial in besonderer Weise engagierte. Mitglieder der Familie Dreyfuss betrieben dort gegen Ende des 19. Jahrhunderts neben der Eisenhandlung ein Geldgeschäft und ein Stoff- und Bekleidungsgeschäft. Nach der Lehre arbeitete Simon Holz einige Jahre als kaufmännischer Angestellter, danach als Reisender für verschiedene Firmen in der Pfalz. In dieser Zeit verstarb sein Vater Josef Holz knapp 67-jährig am 24. Februar 1891 in seinem Heimatort Weingarten. Am 21. Juni 1898 heiratete der 27-jährige Simon Holz in Philippsburg die vier Jahre jüngere Henriette Gutmann.

Die Familie der Brauteltern aus Philippsburg
Der Schwiegervater von Simon Holz, der Handelsmann Jakob Gutmann, in Philippsburg geboren am 31. August 1837, betrieb in der Rote-Torstraße 24 einen Krämerladen. Die Mutter Elise, ältestes Kind von Löw Leopold Kahn aus Jöhlingen, heute Teil von Walzbachtal, war dort am 20. Februar 1846 zur Welt gekommen. Die drei Töchter des Ehepaars hießen Melanie (geboren am 21. März 1870), Sophie (geboren am 29. Januar 1872) und Henriette (geboren am 19. April 1875). Die beiden älteren Schwestern erlernten nach der Schulzeit das Putzmachergewerbe und gründeten 1891 in Mannheim das „Hut- und Putzwarengeschäft Geschwister Gutmann“. 1897 heirateten sie beide. Da Sophies Ehemann Ludwig Levy, gebürtig aus Illingen im Saarland, eine Stellung bei der Württembergischen Vereinsbank in Ulm hatte, zog sich Sophie aus der Firma in Mannheim zurück und gründete gemeinsam mit ihrem Ehemann bald darauf in Ulm unter seinem Namen ein von der Mannheimer Firma unabhängiges Damen- und Kinderhutgeschäft. In späteren Jahren und nachdem ihre drei Kinder erwachsen waren, engagierte sich Sophie Levy für die jüdische Gemeinde. Von 1924 bis 1932 leitete sie den Israelitischen Frauenverein in Ulm.
In Mannheim führte die Schwester Melanie das Hutgeschäft nun mit ihrem Ehemann weiter. Unter seinem Namen „Mannheimer Hutfabrik GmbH – Lion Wohlgemuth“ und seiner Geschäftsführung sollte die Firma expandieren. Schon ab 1902 hatte das Unternehmen Filialen in Ludwigshafen, Karlsruhe, Pforzheim, Konstanz, Straßburg, Essen, Saarbrücken, Frankfurt und Gelsenkirchen. Über eine Berufstätigkeit oder Ausbildung der jüngsten Schwester Henriette ist nichts bekannt. Nach ihrer Heirat lebte sie mit ihrem Ehemann zunächst in Philippsburg. Hier brachte sie am 17. März 1899 ihre Tochter Anna zur Welt. Noch im selben Jahr zog die junge Familie nach Karlsruhe um.

Die Familie Gutmann in Mannheim
Nachdem nun auch die jüngste Tochter den Heimatort Philippsburg verlassen hatte, beschlossen die Eltern Elise und Jakob Gutmann, ihr Geschäft zu verkaufen und zur Tochter Melanie nach Mannheim zu ziehen. Schon im Jahr 1900 war der Umzug erfolgt. Man darf vermuten, dass die Eltern dort die Tochter und den Schwiegersohn mit ihren beiden Kleinkindern unterstützten, jede Hilfe war sicher willkommen. Sechs Jahre später gründete Elise Gutmann in Mannheim die „Jüdische Frauenvereinigung“ und wurde ihre Vorsitzende. Ursprünglich zur geistigen Förderung jüdischer Frauen ins Leben gerufen, nahm man sich, auch der Not geschuldet, bald der durch die Judenpogrome um die Jahrhundertwende aus Russland und Rumänien einströmenden Flüchtlingsfamilien an. Zusammen mit Gleichgesinnten eröffnete sie 1907 eine Kinderstube für Kinder berufstätiger Eltern ab dem zweiten Lebensjahr nebst Hort für die Schulpflichtigen. Daneben kümmerte sich die Frauenvereinigung z. B. ebenfalls um Wöchnerinnenfürsorge, Stellenvermittlung für arbeitsuchende Frauen um nur einiges zu nennen. Im Ersten Weltkrieg, nach dem Tod ihres Mannes Jakob am 16. Dezember 1914, arbeitete Sophie Gutmann als Säuglingspflegerin für die Reichswochenhilfe. Jahre später, nach ihrer Bestattung an der Seite ihres Mannes auf dem Mannheimer Jüdischen Friedhof sollte in der Zeitschrift „Der Israelit“ am 13. Dezember 1923 ein Nachruf des „Jüdischen Nähzirkels für arme Kinder“ erscheinen. Es war der Dank für ihr „unersetzbares Wirken“ während 17 Jahren und Bewunderung für die Fähigkeit, „ mit herzlichen Worten in natürlicher Bescheidenheit ihren Willen im Sinne der Wohltätigkeit durchzusetzen.“

Das Möbelgeschäft Holz & Weglein in Karlsruhe
Schon kurz nach seiner Hochzeit 1898 übersiedelte Simon Holz 1899 nach Karlsruhe und eröffnete hier zusammen mit einem Partner ein Möbelgeschäft. Wie die Bekanntschaft, mehr noch, die Geschäftsverbindung des Simon Holz aus Weingarten mit Josef Weglein aus dem unterfränkischen Markt Werneck zustande kam, ist nicht bekannt. In der Waldstraße 37, im Haus eines Mützenmacher eröffneten die beiden 1899 das Manufakturwaren-, Möbel- und Ausstattungsgeschäft Holz & Weglein, Holz bewohnte mit Ehefrau und Tochter Anna (geboren am 17. März 1899) die darüber liegende Wohnung, 1904 zogen sie um in die Durlacher Allee 11, dort in die zweite Etage eines recht neuen, erst 1893 gebauten vierstöckigen Wohnhauses. Etwa gleichzeitig wurde das Möbelgeschäft in die Kaiserstraße 109, zwischen Kronen- und Adlerstraße verlegt. Im „Verzeichnis der Handel- und Gewerbetreibenden sowie anderer Berufsarten“, dem Branchenverzeichnis im Adressbuch von 1910, warben sie mit dieser Annonce:

HOLZ & WEGLEIN
:: Möbel – Haus ::
Kaiserstraße 109 - Adlerstraße 19
Verkauf von nur prima Fabrikaten
Franko Lieferung
– Jahrelange Garantie –

1915 trennten sich die Geschäftspartner. Josef Weglein machte sich als Handelsvertreter selbstständig. Simon Holz führte das Möbel-Haus weiter, es wurde lediglich in „Simon Holz - Gutmann“ umbenannt. Das könnte Hinweis auf das Mitwirken der Ehefrau sein, ist aber wohl eher dem Umstand geschuldet, dass der Familienname Holz allein zu schlicht für ein Möbelhaus daher gekommen wäre.
Im Ersten Weltkrieg war Simon Holz, wie seine Tochter berichtete, bei der Fliegerabwehr. Ein Foto aus dem Jahr 1917 zeigt den Kanonier Simon Holz in Uniform.
Über die Jugend- und Schulzeit der Tochter Anna ist nichts bekannt. Am 22. Juli 1919, mit 20 Jahren heiratete sie in Karlsruhe den Handelslehrer Julius Bensinger, in der Heiratsurkunde ist als dessen Wohnort Schopfheim eingetragen. Trauzeugen waren der Vater der Braut Simon Holz und Matthias Hartl, wohnhaft in der Putlitzstraße 14. Das Adressbuch kennt unter der Adresse nur Hartl, Max, „Sekr.Asst. Standesbuchführer“, es darf spekuliert werden, dass der Standesbeamte als Trauzeuge fungierte. Der Bräutigam stammte aus dem Dorf Bodersweier, seit 1975 ein Ortsteil von Kehl, der deutschen Nachbarstadt von Strasbourg. Sein Vater, der Handelsmann Karl Bensinger, hatte sich nach dem frühen Tod seiner ersten Ehefrau und Mutter von neun gemeinsamen Kindern wieder verheiratet. Einige der 15 Geschwister machten eine kaufmännische Ausbildung, andere haben ein Hochschulstudium absolviert.
Julius, der älteste der sechs Söhne aus zweiter Ehe kam in Bodersweier am 3. September 1892 zur Welt. Er berichtete später, die Familie habe im eigenen, zweistöckigen Haus zehn Zimmer bewohnt. Nach den ersten vier Volksschulklassen in Bodersweier ging er in Bühl in die Realschule, danach von 1905 bis 1909 ins Gymnasium in Karlsruhe. Nach Studium in den Handelsschulen Nancy und Straßburg legte er in Mannheim die Staatsprüfung für das Lehramt ab. Kurzzeitig war er Lehrer für Handelskunde. 1915 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. 1934 sollte der Unteroffizier „im Namen des Führers und Reichskanzlers und Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg“ mit dem Ehrenkreuz für Frontkämpfer ausgezeichnet werden. Nach dem Krieg wurde Julius Bensinger Handelslehrer im Staatsdienst, 1919 hauptamtlich in den Handelsschulanstalten in Mannheim.
Wo das junge Paar nach der Hochzeit wohnte, wissen wir nicht. 1920 kam die Tochter Judith, 1922 der Sohn Erwin zur Welt.

Das Möbel-Haus Holz-Gutmann in der Karlstraße
1922 wurde im Karlsruher Adressbuch neben der bekannten Adresse des Möbel-Hauses zusätzlich Karlstraße 30 angegeben. Das Möbelgeschäft florierte, wegen Platznot musste man expandieren. Das 1921 von Simon Holz gekaufte Anwesen sollte der künftige Firmensitz sein.
Nach dem Tod von Sophie Gutmann am 27. Januar 1923 in Mannheim und Mina Holz am 3. Februar 1923 in Weingarten, rückte die Familie zusammen. 1924 kehrte die Tochter Anna nach Karlsruhe zurück und bezog mit Ehemann Julius, Tochter Judith und Sohn Erwin eine Wohnung in der Adlerstraße 20. Julius Bensinger war aus dem Staatsdienst ausgetreten und Gesellschafter in der Firma des Schwiegervaters geworden, der „die Arbeit nicht mehr alleine bewältigen konnte“, wie Bensinger später erläuterte. Die Geschäfts- und Lagerräume des Möbel-Hauses sollten nun in die Karlstraße 30 verlegt werden. 1925-1926 wurde das Haus umgebaut und an das alte Gebäude angebaut. So entstanden moderne Ausstellungsräume mit der Präsentation von circa 100 Zimmern und Küchen in einem neuen, vier Stockwerke hohen Hinterhaus. Die Finanzierung dieser Investitionen erfolgte mit einem Bankkredit des Bankhauses Veit L. Homburger. Holz-Gutmann gehörte nun zu den größten Möbelgeschäften der Stadt, ihre Kundschaft bestand überwiegend aus Beamten. Eine eigene Werkstatt war dem Geschäft angeschlossen, man beschäftigte dort im Durchschnitt drei Schreiner und Aushilfen. Angestellt waren außerdem der Prokurist Jakob Wyler, je ein Verkäufer und Buchhalter sowie eine Stenotypistin. Ständig beschäftigt waren eine Putzfrau, ein Hausbursche und zwei Chauffeure für das Lastauto und einen Privatwagen der Marke Benz. Im Januar 1926 wurde Julius Bensinger als persönlich haftender Gesellschafter der OHG im Handelsregister eingetragen, er war nun gleichberechtigter Teilhaber. Im Adressbuch 1927 ist in der Kaiserstraße 109 keine Verkaufsfläche oder Werkstatt für Holz-Gutmann mehr verzeichnet, der Umzug war vollzogen. Die Aufgabenbereiche im Betrieb waren klar strukturiert: Julius Bensinger war zuständig für Innenbereich und den Einkauf, Simon Holz bereiste neben Tätigkeiten im Haus die Vorderpfalz und der Prokurist, der Kaufmann Jakob Wyler, war für den Raum Pirmasens zuständig. Anna Bensinger war im Verkauf tätig. Vielleicht war das Grund für den Umzug der Familie Bensinger 1931 in eine Wohnung im Vorderhaus des Anwesens Karlstraße 30, nachdem sie für kurze Zeit in der Hohenzollernstraße im Stadtteil Beiertheim gewohnt hatten.

Die Familie Holz/Bensinger
In der Jüdischen Gemeinde Karlsruhe war Simon Holz zeitweise erster Vorstand im Malbisch-Arumim-Verein, Mitglied und Vorstandsmitglied im Israelitischen Männerkrankenverein und Gemeindevertreter. Für die 14. Ordentliche Synode 1929 benannte man ihn zum Ersatzabgeordneten und bei der 16. Ordentlichen Synode im Landtagsgebäude in Karlsruhe im Jahr 1932 war er Abgeordneter. Henriette Holz, Tochter der engagierten Elise Gutmann war Mitglied im Israelitischen Frauenverein und in der Tachrichim-Kasse. Der Lebensstandard der Familie Holz sei so gewesen, „wie es in den Kreisen des Mittelstandes um jene Zeit in Deutschland üblich war“, berichtete 1957 Sigmund Kapp, ehemaliger Besitzer einer Fabrikation für Lederwaren in Karlsruhe, ein Freund von Simon Holz, der auch „gesellschaftlich im Haus der Familie verkehrte“. Das bestätigte auch Dr. Baruch Erwin Weil, etwa altersgleich mit Anna Bensinger. Seine Eltern Heinrich und Rosa Weil waren mit dem Ehepaar Holz befreundet, er selbst häufig Gast in der geräumigen Wohnung in der Durlacher Allee 11. Er erinnerte sich an drei Gesellschaftsräume mit Perserteppichen, wertvollen Kristallen und Ölgemälden. „Mehr als natürlich“ war es für ihn, dass die Möbeleinrichtung im Hause Holz „besonders gut war“.


Eine andere Erinnerung an die Wohnung der Familie Holz ist in „Philippsburger Geschichten…“ von Otto Roth festgehalten. Beschrieben wird darin die Küche, „wo Herr Holz, ein Schalk , in den Schwartenmagenboden ein blinkendes Fünfzigpfennigstück hatte einmauern lassen“, das er als Kind bei einem Besuch selbstverständlich zum Spaß des Hausherrn vergeblich aufheben wollte (Otto Roth, 1896: Philippsburger Geschichten und das Leben des Dekans Josef Schäfer 1838-1894).
Nach späteren Berechnungen hatte jeder der beiden Teilhaber ein Jahreseinkommen von etwa 10.000 - 12.000 Reichsmark. Familie Bensinger beschäftigte eine Köchin und eine Putzfrau und schickte natürlich ihre Kinder auf höhere Schulen. Julius Bensinger gab später an, er sei gezwungen gewesen, einen Bruder, der im Krieg verschüttet worden war, voll zu unterstützen, da er nicht arbeitsfähig war. Zudem habe er seinem jüngsten Bruder (dem elf Jahre jüngeren Emil) ermöglicht, „bis zum Dr. jur. zu studieren“ und selbstverständlich habe er seine alten Eltern finanziell unterstützt.

Boykotte und „Arisierungen“
Wenige Tage nach der Reichstagswahl 1933 kam es im März in Karlsruhe zur ersten größeren Aktion „radaulustiger Elemente“ gegen jüdische Geschäfte, wie die Badische Zeitung/Badischer Staatsanzeiger es unter Verkennung der Situation verharmlosend schrieb. Es folgte der deutschlandweit angeordnete Boykott, der im Gau Baden vom „Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes“ und anderen nationalsozialistisch geführten Verbänden vorbereitet und am Samstag, dem 1. April realisiert wurde. Wie vor allen jüdischen Geschäften postierten sich auch vor dem Möbel-Haus Holz-Gutmann ab 10 Uhr SA-Angehörige. Auch ihr Schaufenster oder das Firmenschild wurden mit einem gelben Punkt markiert. Die systematische, generalstabsmäßige Ausgrenzung hatte begonnen. Für die Familie Holz/Bensinger war bald klar, dass der wirtschaftliche Ruin nicht aufzuhalten war. „Arische Kunden boykottierten das Geschäft vollständig und Außenstände wurden nicht realisiert“. Bereits im Dezember 1933 hatten Simon und Henriette Gutmann die Wohnung in der Durlacher Allee, inzwischen in Robert-Wagner-Allee umbenannt, aufgegeben und wohnten nun im Hinterhaus des Anwesens in der Karlstraße 30. Zwei von drei Mietern in den Gebäuden waren bereits ausgezogen. 1934 musste das Möbel-Geschäft verkauft werden, die Auflösung der GmbH und der Name des neuen Besitzers wurden mit Datum 8. März 1934 im Handelsregister eingetragen. Weit unter Wert wechselten Geschäft und Lager den Besitzer. Der neue Inhaber des Möbelhauses verkaufte es bereits nach etwa einem Jahr weiter an die Möbelfabrik Markstahler & Barth, die schon einige Jahre in der Karlstraße 67 ihre „künstlerisch geleiteten Werkstätten für Qualitätsmöbel, einfacher und reicher Ausführung“, wie es im Handels- und Gewerbeeintrag im Adressbuch heißt, betrieb. Für lange Zeit, bis ins nächste Jahrhundert hinein, sollte hier in der Karlstraße dieses anspruchsvolle Möbel- und Einrichtungshaus mit angegliederten Werkstätten weiter bestehen.
Die Mannheimer Hutfabrik in N 7, 4, mittlerweile geführt von Dr. Martin Wohlgemuth, dem Sohn von Henriettes Schwester Melanie war unter dem Namen „Samt und Seide“ zu einer der bedeutendsten Putzhandlungen in Deutschland geworden und hatte 1938 von ehemals etwa 500 noch 100 Beschäftigte. Im April 1938 wurde diese Firma nach zweijährigen, qualvollen Verhandlungen verkauft. Der „Ariseur“ Carl Heinrich Vetter übernahm am 13. April 1938 alle Anteile, Waren und Einrichtung der „Samt und Seide GmbH“. Ebenfalls am 13. April 1938 kaufte er das rund 1.700 qm große Geschäftsgrundstück N 7, 4. Der Bau des markanten Gebäudes, zu der Zeit größter und modernster Geschäftshauskomplex in ganz Baden, war von dem jüdischen Architekten Fritz Nathan geplant worden und hatte Ende der 1920er Jahre 1,5 Mio. RM gekostet. Wenige Monate später, im Oktober 1938 verstarb Lion Wohlgemuth im Alter von 67 Jahren in Mannheim. In der „Central Database of Shoah Victimes” ist dokumentiert: “jumped out of window in despair, killing himself”. Seine Kinder Martin und Klara emigrierten 1939 nach England.

Flucht ins Exil
Bis 1937 lebte das Ehepaar Simon und Henriette Holz im Hinterhaus 1, dann zogen sie in ein weiteres „nachgebautes“ Haus auf dem Grundstück um, im Adressbuch ist es mit H2 bezeichnet. Sicher haben auch sie erwogen, wie viele Bekannte und Verwandte, dieses Deutschland zu verlassen. Vielleicht waren sie davon überzeugt, alles sei ein grausamer Spuk und entschieden sich deshalb zu bleiben. Vielleicht wollten sie auch einfach in ihrem Alter nicht das Bekannte hinter sich lassen und in der Fremde neu beginnen müssen. Tochter und Schwiegersohn jedoch hatten anders entschieden. Bereits 1936 hatten sie ihren damals 14-jährigen Sohn Erwin nach Palästina bringen können. Ein Brief der Jüdischen Jugendhilfe e.V. in Berlin vom 28. August 1936 belegt es, er informierte die Eltern, dass ihr Sohn, der sich gerade im Hachschara (Vorbereitung)-Lager Schniebinchen bei Sorau/Niederlausitz befand, „nach der erwarteten Zertifikatsankunft binnen weniger Tage“ abreisen werde. Man bat die Eltern in diesem Rundbrief, ihre Kinder nicht darüber zu informieren, um keine Unruhe in das Lager hineinzutragen. Man darf vermuten, dass auch die Tochter Judith auf ähnliche Weise ausreisen und damit gerettet werden konnte.
Für die Familie Bensinger war es ein Abschied auf Zeit, sie sollten ihre Kinder wohlbehalten wiedersehen. Im Adressbuch 1939 ist Julius Bensinger zum letzten Mal verzeichnet. Am 24. August 1939 verließen die Eheleute Bensinger Karlsruhe mit der Eisenbahn, in der Absicht, über Frankreich und die Schweiz nach Italien zu fahren und von dort mit der „Galiläa“ nach Palästina überzusetzen. Vorgesehen war die Fahrt über Kehl und Strasbourg mit einem genehmigten Aufenthalt von einigen Tagen in Frankreich, dann über die Schweiz nach Triest. Drei große Reisekoffer nahmen sie mit. In Strasbourg wurden sie vom Krieg überrascht. „Nachdem nicht klar war, ob auch Italien als Verbündeter Deutschlands in den Krieg treten wird, hatte ich Bedenken Deutschland zu verlassen, um nach Italien weiterzufahren. Ich befürchtete, dass ich eventuell nach Deutschland zurück befördert würde, insbesonders auch im Falle, dass eine Weiterreise nach Palästina, das sich unter der Verwaltung des im Kriege mit Deutschland befindlichen Englands befand unmöglich sein würde. Tatsächlich wurde auch die „Galiläa“ nach ihrer Abfahrt zurückbeordert, erst nach Verhandlungen konnte sie bei der 2. Fahrt in Palästina landen.“ So schilderte Julius Bensinger diese dramatische Reise. Der genehmigte Aufenthalt In Frankreich hatte vermutlich einen verzweifelten Hintergrund. Vor der Ausreise bot ihnen ein Angehöriger an, Schmuck und Wertgegenstände einem Lokführer zu übergeben, der diese über die Grenze bringen würde. Bensingers sollten diese später abholen können. Unter der angegebenen Adresse in Frankreich war die angegebene jüdische Familie jedoch nicht auffindbar.
In Marseille buchten sie nun beim Palästinaamt weitere Passagen für die „André Le Bon“. Am 14. September 1939 landeten sie schließlich in Palästina. Dort wurde J. Bensinger Farmer in der Siedlung Beith Jizchak. Er gehörte zu den Gründern des Ortes, der auf Wüstenboden entstanden war. Es bedurfte einer langen Anlaufzeit, bis die Siedler (Durchschnittsalter 50) etwas verdienten – alle waren unterfinanziert und an schwere Arbeit und das Klima nicht gewöhnt.

Deportation nach Gurs
Simon und Henriette Holz hatten den erarbeiteten Wohlstand verloren - wie die meisten ihrer Angehörigen. Am Vormittag des 22. Oktober 1940 wurden sie wie weitere 905 Juden in Karlsruhe völlig überraschend in ihrer Wohnung festgenommen, bis zu 50 kg Gepäck und Verpflegung hatten sie zu packen. Die Menschen aus allen Stadtteilen wurden zum Karlsruher Hauptbahnhof „transportiert“, am Abend zum Bahnsteig geführt, wo ein langer Zug französischer 3.-Klasse-Wagen stand, der sie weg aus ihrer Stadt brachte – nach Gurs, in die Vorhölle von Auschwitz.
An diesem Tag war die verwitwete Schwester Melanie Wohlgemuth aus Mannheim zu Besuch bei der Schwester Henriette Holz in der Karlstraße 30. Sie wurde von dort aus, nur mit dem was sie auf dem Leib trug, gemeinsam mit Schwester und Schwager nach Gurs deportiert.
Henriette und Simon Holz waren ab dem 25. Oktober 1940 im Lager Gurs interniert.
Dort sind sie vermutlich beide gestorben, Ort und Zeitpunkt sind nicht bekannt. In der Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel wurde nach Auskunft der Tochter als Todesdatum ihrer beiden Eltern der Oktober 1941 erfasst, dem widerspricht die Aussage einer Verwandten, beide seien 1943 in Gurs gestorben. In der Wiedergutmachungsakte findet sich, Simon Holz betreffend, der Hinweis auf einen „Transfer au Camp de Masseube“ am 25. März 1943.
Im Erbscheinverfahren wurde das Todesdatum von Simon und Henriette Holz auf den 9. Mai 1945 festgelegt.
Melanie Wohlgemuth, geborene Gutmann, konnte aus Gurs entkommen. Sie hielt sich bis zur Befreiung durch die Amerikaner im Untergrund versteckt, ihre Tochter Klara holte sie später zu sich nach London.
Sofie, geborene Gutmann und ihr Ehemann Ludwig wurden 1940/42 in Ulm „evakuiert“ und zusammen mit anderen älteren, nicht mehr berufstätigen Juden im notdürftig als „Altersheim“ eingerichteten, renovierungsbedürftigen Schloss in Oberstotzingen eingepfercht. Am 22. August 1942 wurden sie zunächst vom Durchgangslager Killesberg nach Theresienstadt deportiert. Am 26. September 1942 wurden beide in Treblinka ermordet.
Die Kinder von Henriette Holz und ihren Schwestern, Anna Holz, Klara und Martin Wohlgemuth und Elisabeth, Gertrud und Otto Josef Levy haben im Ausland den Holocaust überleben können, ihre deutschen Vornamen legten sie ab.

(Christa Koch, Februar 2015)