Aus dem Fotoalbum

Bild 1
Großansicht des Bildes
[Bild 1 von 2]
Sigmund Hirschberger, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Sigmund Samuel Hirschberger

Nachname: Hirschberger
Vorname: Sigmund Samuel
Geburtsdatum: 15. November 1878
Geburtsort: Oberlauringen/Schweinfurt (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Jenny H.;

Vater von Hermann und Julius
Adresse: 1918: Zirkel 18
bis 1926: Kaiserallee 25
1926-1932: Sophienstr. 68
ab 1932: Welfenstr. 6
Schule/Ausbildung: Humanistisches Gymnasium bis Untersekunda
Beruf: Bank-Prokurist (beim Bankhaus Veit L. Homburger)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Sigmund und Jenny Hirschberger

Sigmund Hirschberger wurde am 15. November 1878 in Oberlauringen (Bayern) geboren. Sein Vater Hermann Hirschberger führte in dem kleinen fränkischen Landstädtchen ein kaufmännisches Geschäft, seine Frau war Klara Hirschberger. Sigmund hatte zwei Brüder, Simon war der ältere und Berthold der jüngere davon. Sein älterer Bruder Simon hatte seinerseits drei Töchter, die als einzige aus der Familie Simons den Holocaust überlebten.
Sigmund Hirschberger besuchte in Schweinfurt das humanistische Gymnasium bis zur Untersekunda, was vergleichbar dem heutigen Realschulabschluss entspricht. Nach der Schulzeit kam er aus Bayern nach Karlsruhe, um eine Lehre bei dem renommierten Bankhaus Veit L. Homburger zu beginnen, in dem er auch später als Bankprokurist tätig war. Zunächst wohnte er zur Untermiete bei der Rabbiner-Witwe Liberles in der Waldhornstraße 17. So half ihm das vertraute religiöse Umfeld in der neuen und „großen“ Stadt Karlsruhe sich rasch heimisch zu fühlen. Sigmund Hirschberger gehörte der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft an und war über sie auch im Chinuch-Verein tätig, der zum Ziel hatte, einen Beitrag zur jüdischen Bildung und Erziehung zu leisten. Hier besuchte er viele Vorträge.
Sigmund musste nicht während des Ersten Weltkrieges als Soldat einrücken, da er an einem Herzleiden litt. Anfang der zwanziger Jahre heiratete er Jenny Fellheimer, geboren am
10. Februar 1896 in Fürth. Jenny selbst hatte vier Geschwister, die beiden Brüder Leopold und Rafael sowie die Schwestern Regina und Nelly. Sie hatte die höhere Mädchenschule bis zur Obertertia (8. Klasse) besucht. Ihre Eltern, Therese und Julius Fellheimer, besaßen ein Kohlengeschäft. Geheiratet wurde in Würzburg, bevor Jenny ihrem Ehemann nach Karlsruhe folgte. Sie war vor der Heirat als Sekretärin und Stenographin tätig, danach sorgte sie als Hausfrau und Mutter für die Familie. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Julius, am 8. Februar 1925 geboren, und Hermann, am 17. Juli 1926 geboren. Die gemeinsame Wohnung in der Sophienstraße gab die Familie Hirschberger auf Anraten des befreundeten jüdischen Arztes Dr. Wilhelm Weil auf, da die Räume feucht waren und Jenny Hirschberger an Rheuma litt. So zog die Familie 1932 in die Welfenstraße 6, in der sie bis zur Deportation 1940 lebte.
Sigmund und Jenny Hirschberger waren sehr fromme Juden, ihre Religion war ihnen sehr wichtig. So arbeitete Sigmund entgegen den Gepflogenheiten im Bankgeschäft am Samstag nicht, da für die Juden der Samstag aus religiösen Gründen arbeitsfrei ist. Jedoch arbeitete er dafür jahrelang immer am Sonntag die „verlorene Arbeitszeit“ nach. Der Familie Hirschberger war es wichtig, dass auch die Kinder Julius und Hermann sehr religiös erzogen wurden. Sigmund erwirkte, dass die Kinder am Samstag, am Sabbat, nicht zur Schule mussten. Julius erinnerte sich später noch an den warmherzigen Schulleiter Hofheimer der von ihm und seinem Bruder besuchten Südendschule, der sie wegen des samstäglichen Schulfernbleibens auch keine Nachteile spüren ließ. Immerhin, das war 1931 und die religiösen Bräuche wurden während der Weimarer Republik noch respektiert. Julius und Hermann Hirschberger besuchten an Stelle des Schulunterrichts am Samstagnachmittag das befreundete jüdische Arztehepaar Weil. Der gegenüber Sigmund Hirschberger um zehn Jahre jüngere Dr. Wilhelm Weil war Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgesellschaft. Er führte die beiden Söhne von Sigmund und Jenny Hirschberger in den Talmud ein.
In der Familie Hirschberger wurde großer Wert auf Bildung und Erziehung gelegt, in der freien Zeit beschäftigte man sich vor allem sehr intensiv mit Literatur und Musik. Sigmund Hirschberger ermöglichte seinen Söhnen zusätzlich stundenweise Unterricht. Obwohl jüdischen Kindern, deren Väter sich im Ersten Weltkrieg nicht ausgezeichnet hatten, von den nationalsozialistischen Behörden der Eintritt in höhere Schulen abgelehnt wurde, setzte Sigmund alles daran, dass der ältere Sohn Julius 1936 in das Humboldt-Realgymnasium eintreten konnte, als einziges jüdisches Kind der Klasse. Die Eltern hatten sich für ihre beiden Söhne auch einmal eine Universitätsausbildung gewünscht, dieser Weg sollte aber durch den Nationalsozialismus verwehrt bleiben. Sigmund verdiente in seiner Stellung als Bankprokurist recht gut, trotzdem lebte die Familie sparsam und bescheiden, leistete sich weder ein Radio oder ein Telefon, noch, wie bereits manche in ähnlicher Position, ein Auto. Sie unterstützten stattdessen in außerordentlicher Weise die zahlreichen jüdischen Wohlfahrtsorganisationen, denn als fromme Juden nahmen sie die religiöse Verpflichtung, weniger Glücklichen und Ärmeren einen Teil ihres Wohlstandes zukommen zu lasen, sehr ernst. Die Kinder gingen immer zu Fuß in die Schule, statt die Straßenbahn zu benutzen. Als jüdische Schüler nach 1936 gezwungen waren, die Jüdische Schule in der Markgrafenstraße zu besuchen, war dies ein weiter Weg. Einziger „Luxus“, den sie sich leisteten, war ein Dienstmädchen. Mit der Veröffentlichung der Nürnberger Rassengesetze musste Sigmund Hirschberger dem Dienstmädchen kündigen.
1933 war sich die Familie über die Folgen der politischen Veränderungen mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten noch nicht recht bewusst gewesen. Wie konnten sie auch davon ausgehen, dass in Deutschland mit einer gewachsenen Kultur und demokratischen und rechtsstaatlichen Traditionen ein Bruch solch ungeheuerlicher Art geschehen könnte? Die zunehmenden Anfeindungen und Diskriminierungen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 machten Jenny Hirschberger zunehmend zu schaffen. Ihre beiden Söhne erfuhren rasch am eigenen Leib, dass mit dem nationalsozialistischen Machtantritt Juden unerwünscht wurden. Einige ihrer nichtjüdischen Mitschüler lauerten ihnen auf dem Schulweg auf, schikanierten und schlugen sie. Häufig kamen sie nach Hause, ohne zu wissen, warum sie verprügelt wurden und auch Beschwerden über die momentane Situation halfen nichts. Einmal, 1934/1935 nahm der jüngere Hermann all seinen Mut zusammen und ging mit seinem Freund Manfred Westheimer zum Schulrektor der Südendschule, um über die Drangsalierungen zu berichten und um Abhilfe zu bitten. Es war aber nicht mehr der oben erwähnte frühere Rektor, mittlerweile stand der Schule ein strammes NSDAP-Mitglied, ausgewiesen mit Parteizeichen am Revers, vor. Der jagte die beiden unter Beschimpfungen wie „Saujuden“ und „jüdische Schweine“ hinaus. Als Hermann etwa 1936 durch Denunziation von anderen Schülern beschuldigt wurde, bei einem Schulmarsch in den Hardtwald zu einer Fackelparade die Bemerkung, „Hitler ist ein Schwein“, gemacht zu haben, musste sein Vater in die Schule kommen, wobei auch ein Gestapobeamter anwesend war. Mit viel Glück und unter Einschaltung des Rabbiners ging diese „Sache“ ohne weitere Konsequenzen glücklich aus.
Im Zusammenhang der Reichspogramnacht am 9./10. November 1938 drang die Polizei in die Wohnung der Familie ein. Die halbwüchsigen Jungen mussten sich mit erhobenen Händen vor den Beamten mit gezogenen Pistolen an die Wand stellen, während Sigmund Hirschberger zusammen mit hunderten anderen jüdischer Männer der Stadt verhaftet wurde. Er wurde in das Gefängnis in die Riefstahlstraße eingeliefert. Die Verbringung in das KZ Dachau – in das am 11. November 1938 über 400 jüdische Karlsruher zwischen 16 und 60 Jahren deportiert wurden - blieb ihm erspart. Wahrscheinlich war es sein „Glück“ gewesen, dass er wenige Tage später 60 Jahre geworden ist.
Ende des Jahres 1938 wurde das Bankhaus Veit L. Homburger „arisiert“, es wurde übernommen von der badischen Landesbank. Damit verlor Sigmund Hirschberger auch seine Stellung als Bankprokurist, er wurde entlassen.
Bis dahin war für Sigmund und Jenny Hirschberger eine Auswanderung, wie sie einige befreundete Familien erwogen, nicht in Frage gekommen. Mit den demütigenden Drangsalierungen und gesteigerten brutalen Verfolgungsmaßnahmen des Jahres 1938 und der unmittelbaren Erfahrung der lebensgefährlichen Situation entschloss sich die Familie, die Auswanderung zu versuchen. Doch die Wartezeit für die erforderlichen Visa dafür wäre sehr lange gewesen, außerdem machten die harten Einreisebestimmungen die Auswanderung nicht leichter. So setzten sie schweren Herzens alles daran, wenigstens ihre Kinder Julius und Herrmann aus Deutschland zu bekommen, damit diese eine Zukunft hätten, die ihnen in Deutschland auf immer hässlichere Weise verwehrt wurde. Sie meldeten die beiden zwölf und 13-jährigen Kinder über das jüdische Auswanderungskomitee zur Jugendauswanderung an, sowohl nach Palästina wie nach den Niederlanden oder England, allein mit dem Gedanken, weg aus Deutschland. Nach den Erfahrungen mit den deutschen Annektionen im Jahr 1938 sowie der Reichspogromnacht hatte das englische Parlament beschlossen, 10.000 Kinder aus Mitteleuropa zwischen acht und 16 Jahren ohne Visa aufzunehmen. Sigmund und Jenny Hirschberger gelang es, ihre beiden Kinder in einem dieser zahlreichen „Kindertransporte“ des Frühjahres und Sommers 1939 unterzubringen. Am 20. März 1939, spätabends, ging die Familie zum Hauptbahnhof. Dort verabschiedete sich die Mutter mit den Worten „bleibt brave Kinder“ von Hermann und Julius. Diese sollten ihre Mutter nie wieder sehen. Sigmund Hirschberger fuhr alleine mit seinen beiden Söhnen im Nachtzug – es sollte so wenig wie möglich Aufsehen erregt werden – nach Hamburg. Zusammen mit 100 anderen jüdischen Kindern aus ganz Deutschland legte dort am Abend des 21. März 1939 das amerikanische Dampfschiff „Manhattan“ zur Fahrt nach England ab. Während der Reise aßen die beiden seit 1933 erstmals wieder Fleisch; durch das nationalsozialistische Schächtverbot 1933 hatten fromme Juden seitdem auf den Fleischgenuss verzichtet. Julius und Hermann versuchten mit den in Deutschland verbliebenen Eltern durch Briefe in Kontakt zu bleiben.
Am 22. Oktober 1940 rissen Gestapo und Polizei die jüdischen Einwohner Karlsruhes frühmorgens aus dem Schlaf. Es blieb kaum Zeit zum Richten eines knappen Handgepäcks, dann wurden sie abgeholt. In der Welfenstraße 6 wurde das Ehepaar Hirschberger sowie das ältere Geschwisterpaar Mina und Hedwig Bodenheimer aus dem Haus getrieben. Nach Augenzeugenberichten des Bäckermeisters, dessen Geschäft sich an der Ecke befand, wurden beide Eheleute bespuckt, beschimpft und geschlagen, ehe sie dann mit dem LKW von der Gestapo zum Sammelpunkt und von dort aus nach Gurs (Frankreich) deportiert wurden. Dort lebten sie unter menschenunwürdigen Bedingungen zwei Jahre lang. Über das Rote Kreuz war es möglich, Briefe ins und aus diesem Lager zu schreiben. Ein Brief an die Kinder mit dem Wortlaut „Es geht uns nicht gut, wir haben wenig zu essen, könnt ihr uns was schicken?“ zeigt deutlich, wie die Situation für beide im Lager Gurs war. Jenny Hirschberger erkrankte im Lager schwer an Typhus, einer Krankheit, unter der viele wegen der unzureichenden Ernährungssituation und der katastrophalen hygienischen Bedingungen dort litten. Sie war gerade wieder davon genesen, als der Abtransport nach Auschwitz erfolgte.
Am 10. August 1942 wurden Sigmund und Jenny Hirschberger nach Auschwitz deportiert, wo sie zu einem nicht bekannten Zeit ermordet wurden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie als nicht mehr zur Zwangsarbeit nutzbar, sofort bei Ankunft im Vernichtungslager in die Gaskammer geschickt wurden.

Ihre Kinder Hermann und Julius wussten lange nicht, dass ihre Eltern in Auschwitz getötet wurden und sie versuchten alles, um etwas über ihr Schicksal zu erfahren. 1947 behauptete eine „Displaced Person“ – einer der zahlreichen durch den Krieg heimatlos gewordenen ehemals Verfolgten oder Vertriebenen -, dass er im selben Viehwaggon wie die Eltern Hirschberger transportiert worden sei und dass die Mutter auf der langen quälenden Fahrt durch Europa zum Vernichtungslager erstickt sei. Obwohl Julius und Hermann ihn auf seine Bitte hin mit dem Nötigsten unterstützen, hörten sie nie wieder etwas von ihm. Vielleicht war es ein Betrüger, wie es in dieser Zeit viele gab. Für Julius und Hermann Hirschberger bedeutete dies eine gewaltige Enttäuschung, da sie über die exakten Todesumstände ihrer Eltern nie zu einem Ergebnis kamen, da die Beweise vernichtet worden waren.
Julius und Hermann Hirschberger hatten es in England ohne Eltern schwer, der Krieg unterbrach ihre schulische Ausbildung, sie schlugen sich als Arbeiter in Motorenwerken durch und es gelang ihnen später durch Beharrlichkeit und auf härterem Weg sich jeweils zum Ingenieur zu qualifizieren. Julius heiratete 1949 in London seine Ehefrau Netty, die eine gebürtige Hamburgerin war. Hermann heiratete etwas später ebenfalls in London seine Ehefrau Eva, die, im oberschlesischen Beuthen geboren, mit ihren Eltern 1939 Deutschland gerade noch rechtzeitig verlassen hatte.

Im November 2002 besuchte Hermann Hirschberger das Heisenberg-Gymnasium und erzählte über das Schicksal der jüdischen Karlsruher sowie über das Leben seiner Familie und seinen eigenen Werdegang. Diese „Geschichtslektion“ hat sich durch ihn als lebendigen Zeitzeugen tiefer in das Gedächtnis eingebracht, als es ein Geschichtsbuch vermag. Am Nachmittag desselben Tages war er so freundlich, Auskunft über seine Eltern für diesen Beitrag zum Gedenkbuch zu geben.

(Raju Berger-Wittmar; Daniel Schlagenhauff, Matthias Seiters – Schüler des Heisenberg-Gymnasiums, Klasse 11a, Schuljahr 2002/2003)