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Godel Herschlikowitsch, Porträt aus Passantrag für die USA 1938

Personendaten

Godel Israel Herschlikowitsch (Herszlikowicz)

Nachname: Herschlikowitsch
abweichender Nachname: Herszlikowicz
Vorname: Godel Israel
Geburtsdatum: 27. November 1899
Geburtsort: Zloczew (Russland, heute Polen)
Familienstand: ledig
Verwandtschaftsverhältnis: Bruder von Aron David;

Vater von Walter Groß (1925-2003) und Gertrud Groß
Adresse: Adlerstr. 38, August 1939 unerlaubt aus Karlsruhe entfernt
Beruf: Kaufmann, Textilwarenhändler (Teilhaber einer Textilwarengroßhandlung)
Emigration: 1939 nach Belgien, Antwerpen
Deportation: Januar 1943 nach Malines (Mechelen) (Belgien)
20. April 1943 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Aron und Godel Herschlikowitsch

Mein Großvater Godel Herschlikowitsch ist am 27. November 1899 in Zloczew / Polen geboren worden. Zusammen mit seinem älteren Bruder Aron David Herschlikowitsch, geboren 3. April 1891, ist er Anfang der 1920er Jahre zunächst nach Nancy, Frankreich, dann nach Karlsruhe ausgewandert. Die Gebrüder Herschlikowitsch handelten mit Textilien, zogen über das Karlsruher Umland und kauften und verkauften Stoffe. 1925 erwarb Aron David Herschlikowitsch von Bierbrauer Friedrich Hoepfner das dreistöckige Wohn- und Geschäftshaus Adlerstraße 38 in Karlsruhe, wo die Gebrüder im Hochparterre der bisherigen Gaststätte „Zum Goldenen Kranz“ die Textilgroßhandlung Herschlikowitsch eröffneten.

Es muss wohl bei den Handelsreisen ins Umland gewesen sein, dass mein Großvater Godel meine Großmutter Wilhelmine Groß kennen lernte, die damals in der Gaststätte „Zum weißen Rösslein“ in Eichtersheim als „Büffetdame“ tätig war. Die beiden wurden ein Paar und bekamen zwei Kinder, den 1925 geborenen Sohn Walter Groß (mein Vater) und die 1926 geborene Tochter Gertrud Groß. Aus mir nicht bekannten Gründen heirateten meine Großeltern nicht. Mein Vater wuchs in Karlsruhe bei seiner Mutter und nach deren Krankheit und Tod 1936 bei seiner Großmutter mütterlicherseits in der Kaiserstraße auf. Seine Schwester Gertrud wuchs bei Pflegeeltern ebenfalls in Karlsruhe auf. Gleichwohl bestand zwischen meinem Vater und meinem Großvater enger Kontakt.

Als gläubige Juden pflegten die Gebrüder Herschlikowitsch die religiösen Bräuche der „Ostjuden“. Im zweiten Obergeschoss des Hauses Adlerstraße 38 richteten sie einen „Betsaal“ ein, der hauptsächlich von polnischen Juden besucht wurde. Mein Vater berichtete, dass bei seinen Besuchen im Textilgeschäft, in deren hinteren Teil die Brüder wohnten, es oft nach frischen Mazzen roch. Godel und Aron David trugen stets ihre schwarzen Hüte. Als weitere Eigenheit wusste er noch zu berichten, dass sein Vater recht leise sprach und zurückhaltend war.

In Karlsruhe bestand ein so genannter Ostjudenverein (Ortsgruppe Karlsruhe des Verbandes der Ostjuden), der die besondere Kultur osteuropäischer Zuwanderer durch Darbietungen und Vorträge am Leben hielt und verschiedene Hilfeleistungen organisierte. Im Vorstand war der Rabbiner der orthodoxen jüdischen Gemeinde, der Israelitischen Religionsgesellschaft. Ihm zur Seite stand eine Zeit lang Aron David Herschlikowitsch. 1931 erstattete er auf der Generalversammlung Bericht über die bis dahin geleistete Vereinsarbeit

Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 liefen die Geschäfte der Gebrüder Herschlikowitsch bald immer schlechter, sei es dass sie weniger Kundschaft hatten, sei es dass ausgelieferte Ware nicht bezahlt wurde und die Forderungen aus den Verkäufen für Juden aufgrund der antisemitischen Gesetzgebung des nationalsozialistischen Staates nicht mehr einbringbar waren. Auch Bankkredite waren für Juden nicht mehr zu erhalten. 1937 erhielt Aron David Herschlikowitsch jedoch einen Kredit der „Israelitischen Wohlfahrtsvereinigung“ und ließ zu deren Gunsten eine Hypothek auf sein Hausgrundstück eintragen.

Dramatisch wurden die Ereignisse in den Wochen vor und nach der Reichspogromnacht im November 1938. Aron Herschlikowitsch wurde am 28. Oktober 1938 zusammen mit insgesamt 60 anderen Juden nach Polen abgeschoben, nachdem Polen allen im Ausland lebenden polnischen Juden die Staatsangehörigkeit aberkannte. Bruder Godel muss dieser am Tag zuvor durch Funkspruch vom Berliner Ministerium des Inneren angeordneten Aktion zufällig entkommen sein, vielleicht war er an diesem Tag nicht anzutreffen. In der Nacht zum 10. November 1938 zerstörten und verwüsteten die Nazis i auch das Textilgeschäft der Gebrüder Herschlikowitsch in der Adlerstraße 38. Godel und Aron David Herschlikowitsch mussten untertauchen. Sie bauten im Keller des Hauses einen „Bunker“ und hielten sich dort etwa acht Tage lang vor den Zugriffen der Gestapo versteckt. Nach Aussagen eines christlichen Nachbarn wurden sie dort von ihren Nachbarn versorgt und geschützt. So wurden die Gebrüder nicht mit den vielen anderen Karlsruher Juden am 10. November 1938 nach Dachau deportiert. Es war jedoch klar, dass sie Deutschland verlassen mussten. Somit musste sich auch mein Großvater von seinen Kindern trennen, die als „Halbjuden“ in Karlsruhe bei der Großmutter bzw. bei christlichen Pflegeeltern zurückblieben.

Am 5. Dezember 1938 beantragte Godel Herschlikowitsch beim amerikanischen Konsulat in Stuttgart ein Visum zur Ausreise in die USA. Voraussetzung hierfür war der Nachweis, dass sein Lebensunterhalt in den USA sichergestellt war. Dies gelang jedoch nicht. Da Polen ihre polnische Staatsangehörigkeit aberkannt hatte, waren die Gebrüder Herschlikowitsch bald staatenlos. Am 22. März 1939 ließ sich Godel Herschlikowitsch einen so genannten Fremdenpass ausstellen. Die Aufenthaltserlaubnis wurde zunächst bis 21. März 1940 beschränkt, am 17. Mai 1939 erhielt Godel Herschlikowitsch vom Polizeipräsidenten Karlsruhe aber den Ausweisungsbescheid, nach dem er bereits zum 1. Juli 1939 das Deutsche Reich zu verlassen hatte. Nach einer weiteren Verzögerung gelangten die Gebrüder Herschlikowitsch schließlich im September 1939 nach Antwerpen in Belgien, wo die Schwester Perla mit ihrer Familie bereits seit einigen Jahren wohnte.

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien 1940 lebten die beiden Brüder ständig in wechselnden Unterkünften und Furcht vor Verfolgung. Zuletzt waren sie in getrennten Wohnungen in Brüssel und Anderlecht gemeldet. Ein Versuch der Auswanderung nach Uruguay, wohin der Ehemann der Schwester Perla bereits emigriert war, scheiterte. Im Januar 1943 wurde Godel Herschlikowitsch verhaftet und in das belgische Sammellager Mecheln (Malines) verschleppt. Von dort aus wurde er mit dem legendären XX. Transport am 20. April 1943 nach Auschwitz deportiert. Der XX. Transport vom Sammellager Mecheln zum Vernichtungslager Auschwitz wurde zu einem Symbol des Widerstands gegen die Ermordung der europäischen Juden, weil dieser Zug von einer kleinen Widerstandsgruppe, bestehend aus Juden und Nichtjuden, als einziger Deportationszug überhaupt, mit Waffengewalt gestoppt und so einigen Juden die Flucht aus dem Zug ermöglicht wurde. Godel Herschlikowitsch konnte nicht vom Zug springen und wurde in Auschwitz ermordet. Aron Herschlikowitsch ereilte dasselbe Schicksal. Er wurde im Mai 1943 festgenommen und mit dem XXI. Transport von Mecheln nach Auschwitz deportiert und ermordet. Auch fast alle übrigen Familienmitglieder der Gebrüder Herschlikowitsch, Schwestern, deren Kinder und Eltern wurden 1943 und 1944 ermordet. So dass nahezu die gesamte Familie Herschlikowitsch in der Shoa ausgelöscht wurde – außer meinem Vater Walter Groß und seiner Schwester, die nach dem Krieg in der Nähe von Karlsruhe lebten.

Das Hausgrundstück Adlerstraße 38 wurde 1941 von dem eingesetzten Zwangsverwalter verkauft. 1944 wurde das Haus durch eine Fliegerbombe vollständig zerstört. In einem langwierigen Restitutionsprozess wurde das Grundstück schließlich 1967 an den überlebenden Ehemann der Schwester der Gebrüder Herschlikowitsch zurückübertragen.

(Johannes Groß, Juli 2004)