Personendaten

Bella Hahn

Nachname: Hahn
geborene: Schwab
Vorname: Bella
Geburtsdatum: 23. März 1898
Geburtsort: Haigerloch (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Karl Julius H.
Adresse: Leopoldplatz 7b
1940: Schlossplatz 9
Schule/Ausbildung: Volkschule
Emigration:
Deportation: 27.11.1941 von Haigerloch über Stuttgart nach Riga (Lettland)
Sterbedatum: 26. März 1942
Sterbeort: Riga (Lettland)
erschossen

Biographie

Karl und Bella Hahn. Erich Hahn

Abraham Hahn hatte mit seiner Frau Hevele (Hannche) - sie nahm später den Namen Susanne an - eine reiche Kinderschar - wie es im 19. Jahrhundert üblich war: Acht Jungen (wovon allerdings zwei bereits im Babyalter starben) und zwei Mädchen. Abraham Hahn lebte zeit seines Lebens in Berwangen, einem Dorf im Kraichgau, heute Ortsteil von Kirchardt, im Landkreis Heilbronn, mit einem hohen Anteil jüdischer Bevölkerung. Seine Vorfahren sind hier bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts nachweisbar. Hevele stammte aus Weiler, einem Dorf bei Sinsheim, heute Ortsteil von Sinsheim, Rhein-Neckar-Kreis. Ihr Mädchenname war Blum.
Das ist insofern von Bedeutung als vier der Söhne von Abraham - Kaufmann, Maier (Max), Anschel (Adolph) und Jonas - Blum-Schwestern - Sophie, Ida, Frieda und Mina - aus Weiler heirateten.
Abraham Hahn war ,Handelsmann’, wie es im Standesregister hieß, mit großer Wahrscheinlichkeit also Viehhändler. Aber nur der älteste Sohn, Kaufmann, trat in die Fußstapfen des Vaters und wurde ebenfalls Viehhändler. Die anderen Söhne mussten sich einen anderen Broterwerb außerhalb von Berwangen suchen.

So auch Jonas Hahn, der jüngste Sohn, geboren am 1. September 1863. Er kam 1890, 27-jährig, nach Karlsruhe. Die prosperierende Landesmetropole schien ihm bestens geeignet für seine berufliche Zukunft. Er gründete ein Herren- und Knaben-Bekleidungsgeschäft in der Kaiserstraße 48, in dem er auch eine Wohnung bezog. Aber wo hatte er den Textilhandel erlernt?
Sicherlich nicht in Berwangen. In diesem Dorf gab es keine nennenswerten Textilhändler.
Vielleicht hatte er sich das notwendige fachliche Rüstzeug bei einem seiner älteren Brüder Max (Maier) oder Adolph (Anschel), die beide Herrenbekleidungsfabrikationsbetriebe in Mannheim bzw. in Frankfurt hatten - angeeignet. Wie auch immer, seine Entscheidung für Karlsruhe erwies sich ganz offensichtlich als richtig: Drei Jahre später, 1894, bezog er ein größeres Ladengeschäft ein paar Häuser weiter in der Kaiserstraße 54, hatte aber sein Geschäft in der Kaiserstraße 48 noch weiterhin, so sagt es jedenfalls das Karlsruher Adressbuch. Musste er seinen Mietvertrag erfüllen? Hatte er zwei Geschäfte mit verschiedenem Sortiment für unterschiedliche Kundenkreise? Ab 1898 hatte er dann nur noch das Geschäft in der Kaiserstraße
54 (heute residiert in diesem Gebäudekomplex eine Filiale von C & A Brenninkmeyer, dem größten filialisierten Textilhandelsunternehmen in Deutschland). Er wohnte auch in diesem Haus.
Am 2. Februar 1892 heiratete Jonas Hahn in Heidelberg Mina Blum (geboren 18. Februar 1865 in Weiler). Der Nachwuchs stellte sich sehr bald ein: am 21. November 1892 wurden die Zwillingsbrüder Arthur und Karl Julius geboren, am 12. Mai 1895 die Tochter Aloise Sophie und am 9. Januar 1903 - als Nachkömmling - Erich.
Das Geschäft von Jonas Hahn schien gut zu florieren - offenbar waren seine kaufmännischen Leistungen (Ware, Sortiment, Qualität, Preis, Service) bei seinen Kunden so gut angekommen, dass es ihm möglich war, schon 1898, acht Jahre nachdem er nach Karlsruhe gekommen war, das Haus dem Eigentümer, dem Zahntechniker Müller, abzukaufen. Und es ging stetig weiter aufwärts mit dem Herrenbekleidungsgeschäft Jonas Hahn, wenn auch die Konkurrenz immer stärker und zahlreicher wurde, nicht zuletzt auch durch die Warenhäuser Knopf und Hermann Tietz. Der Familie ging es offensichtlich gut.
Am 2. September 1902 kam Arthur Hahn ins Humboldt-Realgymnasium, der Bruder Karl erst ein Jahr später, am 11. September 1903. Arthur absolvierte die Schule zügig und verließ diese zum Ende des Schuljahres 1910/1911 mit dem Abitur. Als Berufswunsch gab er an, er wolle ins Bankfach. Karl verließ die Schule zum Ende des Schuljahres 1907/1908, knapp 16 Jahre alt. Schulische Ausbildung war offensichtlich nicht seine Stärke, wahrscheinlich entsprach die praktische Berufstätigkeit eher seinen Fähigkeiten und Neigungen. So kann davon ausgegangen werden, obwohl sich dazu keine Belege finden ließen, dass Karl im Geschäft seines Vaters seine Berufsausbildung absolvierte.
Ob nun Arthur nach seinem Abitur eine Bankausbildung machte oder ebenfalls bei seinem Vater den Beruf des Textil-Kaufmanns erlernte, wir wissen es nicht.
Der Erste Weltkrieg sah beide als Soldaten: Arthur von Anfang bis Ende des Krieges bei den ,Jägern zu Pferde’, im Frankreich-Feldzug, wofür er sogar 1915 die ‚Badische Silberne Verdienstmedaille am Bande der militärischen Karl-Friedrich Verdienstmedaille’ wegen „Tapferkeit vor dem Feind“ erhielt und zum Unteroffizier befördert wurde. Karl hingegen leistete nur ab 5. Juni 1917 Wehrdienst in der Heimat; auf Reklamation seines Vaters wurde er schon am 2. Mai 1918 vom Militärdienst freigestellt und konnte wieder im väterlichen Geschäft tätig sein.
Erich Hahn, das jüngste Kind von Jonas und Mina Hahn, besuchte nach der Volksschule das Bismarck-Gymnasium und legte hier am 16. März 1921 die Reifeprüfung ab. Unmittelbar danach, am 21. April 1921, begann er in Heidelberg das juristische Studium. Nach drei Semestern wechselte er für zwei Semester nach München und kam danach für weitere zwei Semester nach Heidelberg zurück. Im August 1924 legte er sein Erstes juristisches Staatsexamen ab. Im November desselben Jahres begann er seine Referendarausbildung, die ihn von Karlsruhe nach Mannheim, Freiburg und Lörrach führte. Parallel arbeitete er an seiner Dissertation zum Thema „Beleidigungen und Beleidigungsschutz von sozialen Einrichtungen“. Am 12. Juli 1925 wurde er zum Dr. jur. promoviert. 1927 legte er seine Zweite juristische Staatsprüfung ab. Seit 1930 war er bei der Staatanwaltschaft in Karlsruhe eingesetzt. Seit dieser Zeit wohnte er auch wieder in der elterlichen Wohnung in der Kaiserstraße 54.
Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg blieben zunächst ohne besondere Ereignisse. Auch die - für das ganze Land- schwierige Inflationszeit schien Jonas Hahn mit seinen beiden Söhnen Arthur und Karl im Geschäft mehr oder weniger glimpflich überwunden zu haben. Aber bereits am 5. Januar 1924 starb Jonas Hahn, nur 60-jährig. Die Einzelfirma Jonas Hahn wurde umgewandelt in eine OHG, Teilhaber waren die Witwe Mina Hahn und die Söhne Arthur und Karl. Die Söhne waren nun die Unternehmer, und ihrer Tüchtigkeit verdankt das Geschäft schließlich auch, dass es die schwierige Zeit der Weltwirtschaftskrise überstand.

Am 10. Juli 1924 heiratete Arthur Hahn die am 19. August 1902 in Pforzheim geborene Else Sommer in Pforzheim. Sie war von Beruf Buchhalterin, und es ist anzunehmen, dass sie diesen Beruf auch nach der Heirat weiterhin ausübte.
Im gleichen Jahr kaufte Mina Hahn das Mehrfamilienhaus Beiertheimer Allee 28, in welchem Arthur Hahn und seine junge Frau alsbald eine frei werdende Wohnung in der weiten Etage bezogen.
Am 11. September 1930 wurde Arthur und Else Hahn der Sohn Gerhard Jost geboren, er blieb das einzige Kind.
Die Schwester Aloise Sophie heiratete am 26. November 1921 in Karlsruhe Adolf Vollweiler, geboren 1885, ebenfalls wie sein Schwiegervater aus Berwangen stammend. Sie bekamen drei Kinder: Jörg (John), geboren 1927 (gestorben 1991) und die Zwillinge Peter und Lore (Laura, geboren 1929). Nach der Heirat lebte die Familie in Hannover.

Am 25. Dezember 1932 starb Mina Hahn, 66-jährig. Was wenige Wochen später folgte, blieb ihr erspart.
Mit dem 30. Januar 1933, als Hitler an die Macht kam, begann eine neue Ära für alle Juden in Deutschland. Es kam Schlag auf Schlag. Am 1. April 1933, einem Samstag, wurde reichsweit von der NSDAP generalstabsmäßig organisiert: alle jüdischen Geschäfte, aber auch Kanzleien und Praxen wurden boykottiert, uniformierte SA-Posten hinderten die Menschen am Betreten der Läden, was allerdings nicht immer gelang, aber ab 10 Uhr waren die allermeisten Geschäfte geschlossen. Plakate mit einem großen gelben Punkt auf schwarzem Grunde stigmatisierten die Juden. Auch das Geschäft von Arthur und Karl Hahn erfuhr den Boykott.
Eine unmittelbare Reaktion - z.B. Aktivitäten für eine Auswanderung- lösten die Ereignisse jedoch bei Arthur und Karl Hahn nicht aus. Vielleicht dachten sie, wie die meisten auch, der ‚Spuk’ werde bald vorbei sein, und ihnen als ehemalige Soldaten, Arthur sogar als Frontkämpfer, könne nichts passieren.
Schon zehn Tage später kam der nächste Schlag in die Familie. Mit Schreiben des Badischen Justizministeriums vom 10. April 1933 erhielt Erich Hahn, er stand kurz vor seiner Beförderung zum Amtsrichter, aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933, die Kündigung, wie fast alle jüdischen Beamten in Deutschland. Mit sofortiger Wirkung wurde er beurlaubt, ab 10. Juli 1933, nach Ablauf seiner dreimonatigen Kündigungsfrist, erhielt er kein Gehalt mehr, auch keine Ruhestandsbezüge, weil er noch keine zehn Jahre im Staatsdienst war.
Was tut ein 30 jähriger, intelligenter junger Mann mit einer hoffnungsvollen Karriere nach einem solchen Schicksalsschlag? Ihm war klar, dass er im Hitler-Deutschland keine Zukunft mehr haben konnte. Er wird viele Möglichkeiten eruiert haben, aber darüber gibt es keine Zeugenaussagen und Belege. Wir wissen nur, dass er 1934 nach Brasilien emigrierte. Warum Brasilien? Er beherrschte die Sprache nicht. Und es war ihm sicherlich auch klar, dass er als Jurist in einem Land mit einem völlig anderen Rechtssystem nicht arbeiten konnte, sondern ganz von vorn etwas Neues beginnen musste. Haben Freunde ihm dazu geraten? Ist er vielleicht sogar mit Freunden zusammen dorthin emigriert?
Am 29. Mai 1935 beging er in einem Hotel in Sao Paulo, wo er wohnte, Selbstmord. War es Verzweiflung über Fehlschläge eines beruflichen Neuanfangs, die ihn in den Tod trieb? Gab es sonstwie eine ausweglose Situation? Es gibt keine Antwort. Sicher ist allerdings: ohne seinen ‚Rauswurf’ durch die Naziregierung hätte sein junges Leben so nicht geendet.

Die Boykotthetze der Nazipartei begann nicht erst mit der Machtergreifung Hitlers. Das Karlsruher Presseorgan der NSDAP , „Der Führer“, hatte auch zuvor schon ständig gehetzt, fast täglich, „Kauft nicht bei Juden“. Aber nunmehr wurde die Judenverfolgung Regierungspolitik und der Boykott mehr und intensiver: Wer bei Juden kaufte wurde an den Pranger gestellt, in vielfältiger Form unter Druck gesetzt. Die Kunden blieben auch bei Arthur und Karl Hahn mehr und mehr weg. Bald gibt es nichts mehr zu tun. Zum 1. Januar 1937 verkaufen sie ihr Geschäft an das Ettlinger Herrenbekleidungshaus Ingold für den Spottpreis von 20 000 RM, der tatsächliche Wert war 50 000 RM, wie sich im Entschädigungsverfahren nach dem Kriege ergab.

1935 kam Gerhard, Sohn von Arthur Hahn, in den jüdischen Kindergarten, aus dem er allerdings bald wieder wegen seines renitenten Benehmens ausgeschlossen wurde. Im September 1936 kam er zur Schule. Allerdings blieb ihm verwehrt, eine ‚normale’ deutsche Schule zu besuchen. Wie alle jüdischen Schüler und Schülerinnen in Karlsruhe kam er ab Spätjahr 1936 in die Lidellschule in der Markgrafenstraße, wo für den Schulbetrieb für die jüdischen Kinder vier Schulräume zur Verfügung standen, zwei weitere Räume waren im Gemeindezentrum in der Herrenstraße. Kaum zwei Jahre ging er hier zur Schule. Anfangs, nach der „Machtergreifung“ konnte er noch mit den Kindern des im gleichen Hause wohnenden TH-Professors von Dobbeler spielen, aber bald war auch das vorbei - mit einem Judenjungen spielen, das durfte nicht mehr sein. Der kleine Gerhard konnte nur noch allein im Hof spielen.

Die Familie Arthur Hahn hatte sich nach dem Verkauf des Geschäftes in der Kaiserstraße 54, ihrer Existenzgrundlage, zur Auswanderung entschlossen. Auch das Haus in der Beiertheimer Allee 28 war im Hinblick darauf an den Kaufmann Karl Hausser verkauft worden. Ihr Auswanderungsziel war die USA, aber eine Auswanderung dorthin ließ sich nicht so schnell realisieren wie gewünscht. Deshalb wurde eine Auswanderung nach Luxemburg betrieben, wo Else Hahns Schwester mit einem Luxemburger verheiratet war; von dort, hofften sie, ginge die Auswanderung in die USA vielleicht schneller. Im Juni 1938 war es endlich soweit, sie konnten nach Luxemburg zu ihren Verwandten reisen. Zur Bezahlung der „Reichsfluchtsteuer“, die für alle Emigranten obligatorisch war, musste Arthur Hahn seine noch lange nicht fällige Lebensversicherung bei der Basler Lebensversicherung mit Verlust zurückkaufen. Nach einjährigem Aufenthalt in Luxemburg gelang es der Familie, gewissermaßen in allerletzter Minute vor Kriegsbeginn, am 26. August 1939, mit einem Besuchsvisum nach England zu kommen, da mit einem Visum für die USA vorerst nicht zu rechnen war. Die Familie lebte dort im Stadtteil Hampstead in London bis sie endlich nach mehr als sechs langen Jahren des Wartens die Einreisevisa für die USA erhielten. Am 12. Oktober 1946 verließen sie England und kamen am 28. Oktober in den USA an. Arthur Hahn starb am 3. April 1956, Else Hahn am 30. April 2002, wenige Wochen vor ihrem 100. Geburtstag.
Anfang Oktober 1938 konnte auch die Familie Vollweiler - sie lebten in Hannover - auswandern, und zwar nach Neuseeland. Die lange Schiffsreise, von Hamburg über England und Australien, war für die Kinder ein großes Abenteuer, für die Eltern traumatisch - alles aufzugeben, was ihr bisheriges Leben lebenswert machte, vermutlich für immer, so der Sohn von Aloise, Peter Vollweiler, aus der Erinnerung nach 65 Jahren.

Karl Hahn blieb als einziger von der Familie in Karlsruhe zurück. Er konnte sich offensichtlich auch jetzt nicht - noch nicht - zu einer Emigration entscheiden, obwohl kaum anzunehmen war, dass er geglaubt haben könnte, es werde für die Juden in Nazi-Deutschland besser werden. Vermutlich war es Angst vor der Ungewissheit einer ihm fremden Welt in der Emigration. Sein Neffe Gerhard (Gerald), Arthurs Sohn, beschreibt ihn aus der Erinnerung eines siebenjährigen Jungen als sehr ruhig, der Musik sehr liebte und viel Klavier spielte - vielleicht war Karl Hahn zurückhaltend und sogar ein wenig menschenscheu geworden. Das mag auch der Grund dafür gewesen sein, dass er bis dahin nicht verheiratet war, obwohl schon 46 Jahre.
Aber noch im Jahre 1938, am 11. September, heiratete er Bella Schwab, geboren am 23. März 1898 in Haigerloch/Hohenzollern.
Wo mag er sie kennen gelernt haben? Sie lebte nie in Karlsruhe, vielmehr soll sie - so das Einwohnermelderegister von Haigerloch - 1929 nach Frankfurt a.M. gezogen sein und dort gearbeitet haben. Aber das lässt sich dort in den Meldeunterlagen nicht nachweisen. Vielleicht hat sie bei einem dort lebenden Verwandten gelebt und gearbeitet.
Bella Schwab hatte einen Bruder mit Namen Wilhelm, von dem später noch die Rede sein wird, der mit Hedwig Vollweiler verheiratet war, einer Verwandten von Karl Hahns Schwager Adolf Vollweiler. Vielleicht hatte dieser, bevor er mit seiner Familie nach Neuseeland auswanderte, die Fäden für diese Heirat gezogen; durchaus wahrscheinlich, denn die Figur des „Schadchens“, des professionellen Heiratsvermittlers, hatte in dieser Zeit keinen Platz mehr.
Bella Schwab war die Tochter des Viehhändlers Moses Schwab aus Haigerloch und seiner Frau Dorothee (Dorle ), geborene Weil. Sie hatte vier Brüder und eine Stiefschwester aus der zweiten Ehe des Vaters. Bella Schwab besuchte die Jüdische Schule in Haigerloch, die, wie die christliche Schule, im Rathaus untergebracht war. Eine Berufsausbildung absolvierte sie nicht.
Haigerloch, im Landkreis Hechingen in Hohenzollern gelegen, gehörte einst zu den Orten mit einem der höchsten Anteile jüdischer Bevölkerung süddeutscher Landgemeinden. Als einzigartige Besonderheit der Ansiedlung von Juden war hier ein gesonderter Ortsteil von Haigerloch, Haag genannt, ein Ghetto, das „von Anfang an Isolation und Autonomie zugleich bedeutete, aber auch Trennung von der christlichen und Verweisung in eine eigene jüdische Welt“ (Utz Jeggle). 1836 1ebten 305 Juden in Haigerloch unter insgesamt 1200 Einwohnern. 100 Jahre später, 1933, waren es immerhin noch 193 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von knapp 1400. Noch im Sommer 1938 lebten 109 Juden in Haigerloch.

Als am 9. November 1938 die Synagogen in Deutschland brannten, wurden die jüdischen Männer aus Karlsruhe am Folgetag in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Karl Hahn war nicht dabei. Offenbar war er zu dieser Zeit nicht in Karlsruhe. Vermutlich hielt er sich bei seiner gerade angetrauten Frau Bella in Haigerloch auf. Aber auch bei den Haigerlocher Juden, die ebenfalls nach Dachau deportiert wurden, war er nicht dabei. Nachweislich war er nicht in Dachau. Hatte die Gestapo ihn übersehen? Die Vermutung geht dahin, weil er in Haigerloch nicht gemeldet war.
Karl und Bella Hahn finden wir kurz vor Weihnachten 1938 in Karlsruhe wieder; zu dieser Zeit war der größte Teil der Dachau-Häftlinge aus Karlsruhe wieder entlassen worden. Karl Hahn beantragte am 23. September 1938 beim Polizeipräsidium in Karlsruhe die für alle Juden inzwischen obligatorische Kennkarte. Karl und Bella Hahn lebten jetzt zur Untermiete am Leopoldplatz 7b. Das Haus Kaiserstraße 54 war an den Kaufmann Hans Haupt verkauft worden.
Die beiden zog es jedoch bald wieder nach Haigerloch. Dort hatte Bella noch ihren Bruder Ernst mit seiner Frau Jettchen, bevor diese Ende November 1939 nach den USA auswandern konnten; deren Sohn Heinz war schon 1937 in die USA ausgewandert.
Nach dem - missglückten - Attentat auf Hitler am 8. November 1939 im Bürgerbräukeller in München wurden am Folgetag alle männlichen Juden von Haigerloch auf Veranlassung der Gestapostelle in Sigmaringen durch die örtliche SA verhaftet und ins Amtsgerichtsgefängnis in Haigerloch eingesperrt, obwohl es überhaupt keine Verbindung zwischen Haigerloch und dem Attentat gab, ja, man wusste zu dieser Zeit überhaupt nichts über den oder die Täter. Erst Wochen später wurde die Identität des Täters Georg Elser bekannt, der zum Tode verurteilt
und am 9. April 1945, drei Wochen vor der Befreiung durch die Amerikaner, im Konzentrationslager Dachau hingerichtet wurde.
Auch Karl Hahn wurde verhaftet und - weil er in Haigerloch nicht gemeldet war - am 10. November 1939 zusammen mit seiner Frau Bella in verschiedene Konzentrationslager nahe Berlin verbracht, er ins Konzentrationslager Sachsenhausen, sie bereits am 9. November 1939 ins Konzentrationslager Ravensbrück. Er erhielt die Häftlingsnummer 9933, sie die Häftlingsnummer 2353.
Noch während der KZ-Haft beantragte Johanna Reutlinger aus Pforzheim, eine liebe Freundin aus besseren Tagen, mit Schreiben vom 3. Januar 1940 über die Auswandererberatungsstelle in der Karlstraße in Karlsruhe beim Polizeipräsidium in Karlsruhe die Ausstellung von Reisepässen für Karl und Bella Hahn für eine Auswanderung nach Palästina. Das Zigarrenhaus Hieke in der Kaiserstraße 215, das eine Vertretung für die Hamburg-Amerika-Linie hatte, beantragte mit Schreiben vom 11. Januar 1940 beim Polizeipräsidium die Übersendung der Reisepässe direkt an die Konzentrationslager zwecks dortiger Unterschriftenleistung; die Gestapo Karlsruhe sei mit dieser Handhabung einverstanden; die Firma werde sich dann um die Visabeschaffung bemühen.
Vermutlich wegen der beabsichtigten Auswanderung nach Palästina wurde Karl Hahn am 13. Januar 1940 aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen entlassen. Für Bella Hahn ist kein Entlassungsdatum dokumentiert. Es ist jedoch anzunehmen, dass ihre Entlassung zeitgleich erfolgte.
Karl und Bella Hahn kehrten kurzzeitig nach Haigerloch zurück, um dort im April 1940 Bellas kleines Häuschen ,Im Haag 21’ zu verkaufen, für einen Spottpreis von 2550 RM.
Danach kehrten sie nach Kar1sruhe zurück. Sie wohnten zur Untermiete am Leopoldplatz 7 b.
Ab 1. Juni 1940 wohnten sie dann - zusammen mit 13 weiteren Juden - in dem „Judenhaus“ Schloßstraße 9, von der Gestapo eingewiesen.
Bald danach besuchten Karl und Bella Hahn Bellas Bruder Wilhelm Schwab und seine Frau Hedwig - von ihnen war oben schon die Rede -, die in Bad Cannstatt in der Brückenstraße 42 wohnten. Von dort wurden sie am 6. September 1940 auf Gestapo-Weisung nach Haigerloch zwangsumgesiedelt, zusammen mit 107 anderen Juden aus Stuttgart und Umgebung. Daraus lässt sich unschwer ableiten, dass die Deportation der Haigerlocher Juden von langer Hand geplant und mit bürokratischer Sorgfalt vorbereitet wurde: es würde einfacher sein, eine größere Zahl von Menschen von einem Platz aus zu deportieren.
Als am 22. 0ktober 1940 die badischen und saar-pfälzischen Juden in einer ‚Blitzaktion’ nach Gurs/Südfrankreich deportiert wurden mit all dem unermesslichen Leid, das dadurch in der Folge ausgelöst wurde, waren Karl und Bella Hahn nicht in Karlsruhe, sondern in Haigerloch.
Das ersparte ihnen die Deportation nach Gurs, der „Vorhölle von Auschwitz“, wie Gurs auch genannt wurde.
In den Passakten beim Polizeipräsidium Karlsruhe befinden sich für beide unter dem Datum 16. Januar 1941 die Vermerke „ist evakuiert“; offenbar hatte der Sachbearbeiter angenommen, sie seien am 22. Oktober 1940 deportiert worden. Hier irrte der Sachbearbeiter.
Die geplante Auswanderung nach Palästina fand nicht statt, aus welchen Gründen auch immer.
Am 27. November 1941 begann der letzte Abschnitt von Karl und Bella Hahns Leben. Er soll detailliert beschrieben werden, soweit dies nach den vorliegenden Unterlagen möglich ist.
Die Leitstelle Stuttgart der Gestapo richtete am 18. November 1941 an den Landrat von Hechingen einen Erlass über die „Abschiebung von Juden in das Reichskommissariat Ostland“. Dem Erlass lag eine namentliche Liste von 111 Haigerlocher Juden bei, die „zur Abschiebung bestimmt sind“.
Karl und Bella Hahn hatten die Nummern 13 bzw. 14 auf dieser Deportations-Liste. Die Juden sollten sich, so hieß es in dem Erlass weiter, ab 26. November 1941 in ihrer Wohnung bereit halten, sie durften diese nicht verlassen. Der Landrat hatte die Eisenbahnwaggons für den Transport zu beschaffen. In einer langen Liste wurde detailliert aufgeführt, was sie mitnehmen durften und sollten - Bett- u. Leibwäsche, Bekleidung, Toiletten-Artikel, Nähzeug, Medikamente, Koch- u. Essgeschirr, Proviant usw., maximal 50 kg. RM 57,65 (in Reichskassenscheinen), 50,- davon für den Transport, 7,65 für Proviantpakete musste jeder für seine ‚Reise’ bereit halten. Die ab 1. Dezember 1941 gültigen Lebensmittelkarten waren beim Ernährungsamt abzugeben.
Den Menschen wurde die Illusion vorgegaukelt, sie würden in ein Siedlungsgebiet gebracht und müssten dort in einem von ihnen für sie zu errichtenden Ghetto Siedlerarbeit leisten:
„Weil in dem Siedlungsgebiet nicht das geringste Material vorhanden ist...“, sollten Baugerät, Werkzeugkästen, Kessel, Öfen, Eimer usw. mitgebracht werden, Beförderung mit dem großen Gepäck. Mit dem Transport dieser Gerätschaften und des individuellen großen Gepäcks wurde die Stuttgarter Spedition Barr, Möhring & Co beauftragt.
Das Gepäck wurde in Haigerloch zur Sammelstelle in der Weilschen Scheuer gebracht und gelagert. Die Juden hatten sich nicht mehr darum zu kümmern. Wie sich später herausstellte, wurde das Gepäck zwar in die Waggons verladen, aber die Waggons auf Anweisung der Gestapo nicht mitbefördert.
Am 27. November 1941 wurden die Juden von Haigerloch – auf ausdrücklichen Wunsch der örtlichen NSDAP - auf einem vorgegebenen Weg zum Bahnhof geleitet, wo sie erst 30 Minuten vor Abfahrt des Zuges eintrafen- damit sie von möglichst wenigen Menschen gesehen werden sollten. Auf dem Bahnhof fand eine - angeordnete - Untersuchung nach Waffen, Gift, Devisen, Reichsmark, Schmuck durch Beamte der Gendarmerie statt; auch die Frauen wurden - per Leibesvisitation von örtlichen Pflegerinnen und Fürsorgerinnen - untersucht.
Am 27. November 1941 um 12.07 Uhr fuhr der Zug mit den angehängten drei Waggons, in dem sich die Juden befanden, fahrplanmäßig mit der Hohenzollernschen Landesbahn ab. In Eyach übernahm die Reichsbahn die drei Waggons für die Weiterfahrt mit dem Zug Nr. 2818 über Tübingen nach Stuttgart, Ankunft hier um 16.26 Uhr. Von dort wurden sie in ein Sammellager auf dem Gelände der früheren Reichsgartenschau auf dem Killesberg gebracht, wo sich schon eine große Zahl von Juden aus allen württembergischen Landesteilen befand bzw. weitere nach und nach eintrafen, auch Wilhelm und Hedwig Schwab, von denen schon die Rede war. Dort kampierten sie in einer großen Halle auf Bänken oder auf dem Fußboden für die nächsten drei Tage und vier Nächte.
Am 1. Dezember 1941, einem Montag, in aller Frühe wurden sie mit Bus und LKW zum Westbahnhof für ihre Deportation gebracht. Gegen 8.00 Uhr morgens fuhr der Zug ab, voll mit exakt 1050 Juden. Keiner von ihnen wusste genau, wo das Ziel der Fahrt liegen werde. Für die Fahrt bekamen sie etwas Brot und Wurst. An einigen Stellen der viertägigen Fahrt hielt der Zug entlang der Strecke, einige Leute aus jedem Waggon durften Wasser holen.
Bis hierher ist der Ablauf historisch gesichert - durch Dokumente, Aussagen von Zeugen und Überlebenden der Deportation, ca. 30 von diesem Transport, sieben aus dem Kreis Hechingen.
Alles was hier detailliert beschrieben wurde, betraf auch Karl und Bella Hahn.
Die nachfolgend beschriebenen Ereignisse beruhen auf Aussagen der wenigen Überlebenden, die von verschiedenen Historikern in Untersuchungen dieses Teils der Holocaust-Geschichte niedergeschrieben wurden. Am 4. Dezember 1941 kam der Deportations-Zug auf dem Bahnhof Riga-Skirotowa an. Dort wurden die Menschen von SS-Leuten ‚in Empfang’ genommen. Die älteren und als arbeitsunfähig erachteten Personen wurden sofort ausgesondert, beiseite gebracht und erschossen. Die arbeitsfähigen Juden wurden in das vier Kilometer entfernte Lager Jungfernhof getrieben, ursprünglich ein landwirtschaftliches Gut, ein kleiner Teil kam in das Ghetto von Riga, das so genannte „Reichsjuden-Ghetto“, dessen etwa 30 000 lettische Insassen bis auf etwa 4500 Männer und 300 Frauen wenige Wochen zuvor auf Befehl Himmlers umgebracht wurden, um ‚Platz zu schaffen’ für Neuzugänge.
Die Neuankömmlinge fanden in dem aus wenigen Gebäuden bestehenden Lager Jungfernhof bereits eine größere Zahl von Deportierten aus Deutschland vor. Sie wurden auf die schadhaften Scheunen und Ställe verteilt. Da vom Dach nur Reste vorhanden waren und die Tore sich nicht schließen ließen, lagen die Deportierten praktisch unter freiem Himmel - bei 30° bis 40° Celsius unter Null, dem kältesten Winter seit 150 Jahren. In den Scheunen befanden sich lediglich Holzgestelle mit Schlafkojen in durchschnittlich acht Etagen übereinander.
Viele erfroren während der Nächte. Ein besonderes Arbeitskommando musste tagtäglich die steif gefrorenen Toten aus den 70 cm hohen Kojen herausziehen und abseits der Scheunen stapeln. Zum Begraben der Leichen musste der Boden aufgesprengt werden.
Eine Anzahl Männer kam im März 1942 in das 12 km entfernte Lager Salas-Pils. Die Männer hatten sich freiwillig gemeldet, weil sie auf eine bessere Verpflegung hofften, wenn sie dort beim Bau von Baracken eingesetzt wurden. Auch Karl Hahn kam dorthin, wie Irwin Ullman, einer der ganz wenigen Überlebenden der Riga-Deportierten, der heute in den USA lebt, berichtete. Eine bessere Verpflegung gab es dort nicht, das Gegenteil war der Fall. Die Männer starben in großer Zahl an Hunger, Erschöpfung oder wurden erschossen. Auch Karl Hahn wird dort umgekommen sein, wie auch Irwin Ullmans Vater.

Am 26. März 1942 wurden alle Kinder unter 14 Jahren, alle über 50-jährigen, alle Arbeitsunfähigen, ein Großteil der Frauen, zu einem besonderen Transport zusammengestellt. Auch die Krankenbaracken wurden geleert, auch nicht Gehfähige wurden zu den bereit stehenden Bussen und LKWs gebracht. Es waren zusammen einige Tausend. SS-Wachmannschaften gaben die Parole aus, sie würden nach Dünamünde bei Riga gebracht, wo sie in einer Konservenfabrik arbeiten sollten. In Wirklichkeit wurden sie nach Bikernieke, dem ‚Birkenwäldchen’, der im Hochwald bei Riga gelegenen Hinrichtungsstätte der Rigaer Ghettos, gebracht und alle dort erschossen - mit großer Wahrscheinlichkeit auch Bella Hahn, jedenfalls nahmen dies die Historiker an, die sich mit dem Schicksal der Haigerlocher Juden befassten.

(Wolfgang Strauß, Mai 2004)