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Hermann Hagenauer (Foto: privat)

Personendaten

Hermann Hagenauer (Armand)

Nachname: Hagenauer
Vorname: Hermann
abweichender Vorname: Armand
Geburtsdatum: 6. Oktober 1889
Geburtsort: Weingarten/Baden (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Rosa H.;

Vater von Kurt
Adresse: 1936: Schillerstr. 16
Beruf: Metzger (Inhaber einer Metzgerei)
Emigration: 1936 nach Frankreich (Frankreich)
Deportation: 26.6.1944 in Frankreich, Lyon verhaftet
31.7.1944 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Hermann Hagenauer

In Karlsruhe, einschließlich Durlach, Grötzingen und Neureut lebten 1933 insgesamt 3.358 Personen und damit etwa 2% der Gesamtbevölkerung. Ihnen standen um diese Zeit im Stadtgebiet nur wenige jüdische Geschäfte zur Verfügung: vier Bäckereien bzw. Konditoreien, dazu vier Fisch- und Geflügelhandlungen und sechs Metzgereien. Zwei weitere Metzgereien in der Marienstraße 46 und in der Schillerstraße 10 wurden von Mitgliedern der Familie Hagenauer betrieben. Die Großschlächterei Hagenauer in der Marienstraße 46 gehörte den Brüdern Nathan und David Hagenauer und die in der Schillerstraße 16 führte deren jüngerer Bruder Hermann. In Grötzingen gab es außerdem die Metzgerei von Ludwig Palm.
Die Brüder Hagenauer stammten aus Weingarten im Großherzogtum Baden. Sie waren dort als Söhne des Metzgers Benjamin Hagenauer und seiner Frau Marie als „deutsche Staatsbürger mosaischen Glaubens geboren“, so bezeichnete sie später der Nachkomme Claude. Hermann Hagenauer kam als zwölftes von insgesamt 13 Kindern und als jüngster Sohn des Ehepaares am 5. Oktober 1889 zur Welt. Wie vor ihm die älteren Brüder, erlernte auch er nach der Grundschule das Metzgerhandwerk. Als der Erste Weltkrieg begann, wurde er eingezogen, für seinen „Dienst am Vaterland“ als Frontkämpfer wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

Familie Dreyfuss
Etwa 1920 heiratete Hermann Hagenauer die zehn Jahre jüngere Rosa Dreyfuß (Dreifuss), geboren am 23. April 1899 in Schmieheim in der Ortenau, Tochter des Kaufmanns Viktor Dreyfuss und seiner aus Rust stammenden Frau Sophie, geborene Grumbacher. Im Jahr 1907 verstarb die Mutter im Alter von nur 35 Jahren, in Mannheim, etwa ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes Samuel. Möglicherweise war die junge Mutter zur Behandlung im dortigen Israelitischen Kranken- und Pfründnerhaus mit einer Station für Pflegebedürftige und Schwerkranke.
Rosa und ihre Geschwister Erna, Delphine und Samuel besuchten vermutlich die allgemeine Schule. Zum Religionsunterricht gingen sie in die Synagoge am Ort. Auf dem Schmieheimer Judenfriedhof, dem größten Verbandsfriedhof Badens, getragen von den jüdischen Gemeinden der Region (Altdorf, Ettenheim, Friesenheim, Kippenheim, Lahr, Nonnenweier, Orschweier, Rust und Schmieheim) dürften ihre Vorfahren bestattet worden sein.
Über die Erwerbstätigkeit ihres Vaters, des Kaufmanns Viktor Dreyfuss, kann spekuliert werden. Möglicherweise war er der Besitzer des Zigarrengeschäfts Viktor Dreyfuss in der Waldstraße 7 in Schmieheim, auch ein Verwandtschaftsverhältnis zum Zigarrenfabrikanten Jakob Dreyfuss in der dortigen Schützenstraße 7 ist vorstellbar. Wer sich nach dem Tod der Mutter um die Kinder Erna, Rosa, Delfine und Samuel, die zwischen ein und neun Jahre alt waren, kümmerte und den Vater Viktor unterstützte, wissen wir nicht. Über das Leben der Familie und über Angehörige ist nichts bekannt.
1935 verstarb Viktor Dreyfuss im Alter von 73 Jahren in Mannheim, wohin er 1933 vielleicht ins dortige jüdische Altersheim verzogen war.

Familie Hermann Hagenauer
Als Wohnsitz wählten Rosa und Hermann Hagenauer nach ihrer Heirat etwa 1920/21 weder Schmieheim noch Weingarten sondern die Stadt Karlsruhe. Dort hatten schon 1902/1903 die älteren Brüder in der Südstadt eine Metzgerei eröffnet und schon 1904 eine Filiale dazu in der Schillerstraße 35, die sie bald darauf in die Goethestraße 23 verlegten. Nathan und David, den Besitzern der Großschlächterei Gebrüder Hagenauer ist im Gedenkbuch für die Karlsruher Juden eine eigene Biografie gewidmet. Ihrem jüngsten Bruder übertrugen sie nach dessen Hochzeit die Filiale als Eigentümer. Fünf Gehminuten vom Geschäft entfernt in der Kaiser-Allee 19, Ecke Scheffelstraße in der dritten Etage war die Wohnung des jungen Paares. Am 26. Dezember 1921 kam der Sohn Kurt Siegfried zur Welt.
Die Metzgerei florierte, die Monatseinnahmen lagen bei etwa 1.000 RM. Zum Erfolg trugen auch die guten familiären Geschäftsverbindungen bei, denn alle sechs Brüder Hagenauer waren ausnahmslos Metzger oder Viehhändler von Beruf und ihre Betriebe waren gut vernetzt. Neben der Großschlächterei Gebrüder Nathan & David Hagenauer in der Marienstraße belieferten beispielsweise der Metzgermeister Albert Hagenauer, dessen Schlachthaus in Weingarten in der Friedrich-Wilhelmstraße 39 stand, und Gustav, Viehhändler von Beruf mit Sitz in Weingarten in der Apothekenstraße 4, natürlich die eigenen Brüder, daneben auch nichtjüdische Metzgereien.
1929 zog Hermann Hagenauer mit Geschäft und Wohnung in die nahegelegene Schillerstraße 16. Das einzige Kind, der Sohn Kurt Siegfried wurde 1932 nach der Grundschule in das Goethe-Realgymnasium eingeschult, wechselte noch im selben Jahr zum Humboldt- Realgymnasium, vom 24. April bis zum 20. Dezember 1935 war er Schüler der Helmholtz-Oberrealschule. Die Gründe für die Schulwechsel kennen wir nicht, von einer Benachteiligung des Jungen ist nichts bekannt. Die war aber 1935 denkbar, denn die Diskriminierung jüdischer Kinder an den Schulen war schnell umfassend geworden. War es zwar Anfang 1934 im Erlass des Kultus- und Unterrichtsministeriums den jüdischen Schülern noch freigestellt, an Samstagen und jüdischen Feiertagen den Unterricht zu besuchen, so wurde allerdings bald „unter den veränderten Verhältnissen“ bei der Erstellung der Stundenpläne keine Rücksicht mehr auf die durch die Religion bedingten Verhaltensregeln für jüdische Schüler genommen. Schulgeldermäßigungen und Erziehungsbeihilfen waren ab September 1934 abgeschafft, ab August 1935 durften „Nichtarier“ nicht mehr mit Schulpreisen bedacht werden. Im August 1935 betrieb das Stadtschulamt Karlsruhe bereits die „Rassentrennung“ an den Karlsruher Schulen, vorauseilend vor einem diesbezüglichen Erlass des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Den Lehrern von Kurt Siegfried Hagenauer kann „Mobbing“ nicht unterstellt werden, wenngleich später ehemalige jüdische Goethe- und Helmholtz-Schüler von reservierten Lehrern, Benachteiligungen und Isolierung während der Pausen berichteten. Am 20. Dezember 1935 verließ der 14-Jährige die Helmholtz-Oberrealschule, um nach den Weihnachtsferien nicht mehr dahin zurückzukehren.

Ausgrenzung und Vertreibung
Umgehend nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler hatte der staatliche Terror gegen Juden im Frühjahr 1933 im Land neu begonnen und es war zur großangelegten und laut propagierten Boykottaktion nicht nur gegen jüdische Arztpraxen, Anwaltskanzleien und Warenhäuser, sondern auch gegen alle jüdischen Geschäfte gekommen. Repressalien gegen jüdische Viehhändler und Metzger setzten bald ein, 1933 wurde ein Schächtverbot erlassen. Als in der Folgezeit die Einnahmen zurückgingen, dachte Hermann Hagenauer sicher bald - wie manche Deutsche, die unter dem NS-System zu leiden hatten - an Emigration, noch bevor seine wirtschaftliche Existenz komplett vernichtet war. Doch die Entscheidung zur Auswanderung traf er schließlich nicht selbst. Die Ursache dafür liegt in der Familiengeschichte begründet.
Vater Benjamin Hagenauer
Der Vater Benjamin Hagenauer stammte aus Bergheim bei Rappoltsweiler im Elsass. Mit dem Friedensvertrag von 1871 nach dem deutsch-französischen Krieg fielen Elsass und Lothringen an das neu gegründete Deutsche Kaiserreich. Sie unterstanden als künstliches Konstrukt „Reichsland Elsass-Lothringen“ direkt dem Kaiser, im Gegensatz zu den deutschen monarchisch regierten Bundesstaaten. Die Bewohner wurden „Reichsdeutsche“. Wer dies nicht wollte, musste sich für die französische Staatsbürgerschaft entscheiden, seine bisherige Heimat verlassen und seinen Wohnsitz in Frankreich nehmen. Benjamin Hagenauer blieb an seinem Heimatort und heiratete etwa 1873/74 die Tochter Mina des badischen Metzgermeisters Seligmann Fuchs aus Weingarten, das exakte Datum und der Ort der Eheschließung sind nicht bekannt. Ihr erstes Kind, der Sohn Albert kam im August 1875 in Bergheim/Elsass zur Welt, laut Geburtsurkunde der damalige Wohnort der Familie. Im Oktober des nächsten Jahres 1876 wurde die Tochter Bertha, wie alle weiteren Kinder des Ehepaares am Heimatort der Mutter in Weingarten geboren, wohin die Familie gezogen war und wo der Vater Benjamin eine Metzgerei betrieb.
Die Herkunft des Vaters nahm 1934 die nationalsozialistische Regierung zum Anlass, Hermann Hagenauer „vorzuladen um ihm zu erklären, er sei Franzose“. Charles Henry Guérin, französischer Konsul in Karlsruhe, Bernhardstraße „stellte ihm daraufhin einen französischen Pass aus“, schrieb der Sohn Kurt viele Jahre später im so genannten Wiedergutmachungsverfahren. Auf seine Bitte um Einsicht in die Einbürgerungsakten von 1920, worin ihm die badische Staatsbürgerschaft übertragen worden war, erteilte das Pass- und Meldeamt den Bescheid, es könne nicht bestätigt werden, dass sein Vater Hermann am 28. Januar 1920 in den deutschen Staatsverband eingebürgert worden war, weil die Akten nicht mehr vorhanden seien. Erhalten war jedoch folgende Aktennotiz von 16. September 1935: „Die Einbürgerung des Hermann Hagenauer wurde mit Erlass des Herrn Minister des Inneren vom 13.7.1935 Nr. 63123 widerrufen. Der Widerruf erstreckt sich nicht auf die Ehefrau, jedoch auf den Sohn Kurt.“„Rechtsgrundlagen“ für solche Entscheidungen hatte sich das NS-Regime ausreichend geschaffen, neben rund 2.000 Gesetzen, Verordnungen, Runderlassen und Befehlen gegen Juden, wurden zwischen 1933 und 1935 auch erlassen:
14. Juli 1933:
Gesetz über Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit. Einbürgerungen aus der Zeit zwischen 1918 und 1933 können als unerwünscht widerrufen werden.
26. Juli 1933:
Verordnung zur Durchführung über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit. In dieser Verfügung wird bestimmt, dass eine Einbürgerung nach „völkisch-nationalen und rassischen“ Grundsätzen zu treffen ist.
15. September 1935:
Reichsbürgergesetz. Nur Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes können „Reichsbürger“ werden. (1. Nürnberger Gesetz).
Hermann Hagenauer hatte vielleicht schon derartiges befürchtet, wie wohl alle Familienmitglieder. Albert Hagenauer, der älteste der Brüder war von diesen Willkürmaßnahmen als erster betroffen. 1875 noch im Elsass geboren, lebte er wahrscheinlich seit 1876 in Weingarten, hatte dort 1904 das Anwesen Friedrich-Wilhelmstraße 39 vom Vorbesitzer August Hill gekauft und betrieb im hinteren Grundstücksteil sein Schlachthaus. 1914 wurde er eingezogen, war als deutscher Soldat im Krieg und hatte einen deutschen Pass, wie sein Sohn Dr. Jules (Julius) Hagenauer 30 Jahre später im Wiedergutmachungsverfahren schrieb. An einige Vorgänge im Jahr 1933 erinnert sich der Sohn des Nachbarn von vis à vis noch genau. Anfang des Jahres sah er, selbst gerade auf dem Weg zur Schule, wie zwei jüngere Männer in Zivilkleidung den Nachbarn Albert, der eine blutende Kopfwunde hatte, in einer Schubkarre nach Hause fuhren. Kurze Zeit später, im Frühjahr 1933 sah derselbe Zeitzeuge einige Uniformierte, die das Haus des Nachbarn umstellten. Hintergrund war die Beschlagnahme von 5.000 Reichsmark im Frühjahr 1933 durch den Tierarzt Dr. Hausamen, teilweise wegen angeblicher Steuerschulden an die Gemeinde Weingarten, wie es ein parteiinternes Schreiben der NSDAP-Karlsruhe von 1934 schildert. Ebenfalls schon vor Mitte 1933, das genaue Datum ist unbekannt, wurden Albert und sein Sohn Hermann im Amtsgerichtsgefängnis Karlsruhe in so genannte Schutzhaft genommen.
In der Folge dieser Drangsalierungen flüchteten am 7. Juni 1933 Vater und Sohn aus Baden nach Mülhausen im Elsass, Frieda Hagenauer mit der Tochter Minna zunächst nach Steinen bei Lörrach. Im so genannten Wiedergutmachungsverfahren sagte die Witwe aus, ihr Mann Albert sei ausgewiesen worden. August Schmidt, nun Besitzer des Anwesens Friedrich-Wilhelmstraße 39 in Weingarten und Betreiber einer Großschlächterei, gab zu Protokoll: Albert Hagenauer sei „als unerwünschter Ausländer ausgewiesen“ worden. Das Landratsamt Karlsruhe bezog sich 1963 im Wiedergutmachungsverfahren auf Unterlagen aus der NS-Zeit, in denen es hieß: Vater Albert und Sohn Hermann Hagenauer „besitzen 1933 nicht die deutsche Staatsangehörigkeit, das anhängige Verfahren auf Widerruf der Einbürgerung war gegenstandslos geworden. Albert Hagenauer ist französischer Staatsangehöriger von Geburt an, verlor sie [sic] nicht nach dem Wohnsitzwechsel in Baden. Wäre er vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland eingebürgert worden, hätte er spätestens durch den Friedensvertrag von 1919 die französische Staatsangehörigkeit wiedererlangt.“ Damit teilte das Landratsamt Karlsruhe die Entscheidung von NS-Behörden und folgerte: „Niemand kann in seine Heimat auswandern“.
Zunächst sesshaft geworden in Mülhausen musste sich die Familie nach der Besetzung der Stadt 1940 binnen 24 Stunden nach Châteauponsac begeben. Dort lebte Albert mit seiner Frau bis zu seinem plötzlichen Tod am 19. Dezember 1944 von „Flüchtlingsgeld, als Flüchtlinge auf Kosten des französischen Staates“, berichtete der Sohn Hermann Hagenauer (Julius) im „Wiedergutmachungverfahren“.
Simon Hagenauer, in Weingarten 1884 geboren, verstarb 1932 vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Bruchsal im Alter von 48 Jahren.
Leopold Hagenauer, 1887 geboren in Weingarten, wohnhaft in der Apothekenstraße 2 soll zum 1. Januar 1936 ausgewiesen worden sein und lebte danach mit seiner Frau Helena, geborene Fuchs und den beiden Töchtern Margarete und Liesel Irmgard im Elsass.
Gustav Hagenauer, geboren 1888 in Weingarten, lebte mit seiner Familie bis zu seiner Abmeldung am 15. Juli 1937 in der Apothekenstraße 2 in Weingarten. Das Bürgermeisteramt Weingarten gab am 14. Dezember 1961 zur Auskunft, Gustav „Hagenauer besaß bis zu seiner Abmeldung am 15.7.1937 die französische Staatsangehörigkeit“. Das Amt für Wiedergutmachung beschied am 24. Januar 1962: Gustav Hagenauer sei „ aus Deutschland nicht ausgewandert, er war französischer Staatsbürger und begab sich am 15. Juli 1937 nach Frankreich, in das Land, dessen Staatsangehörigkeit er besaß“. Charles Roeck, Ingenieur, buro d‘ études et des recherches, forschte im Auftrag der Tochter Margot nach und fasste seine Ergebnisse im Juli 1962 zusammen: Gustav Hagenauer sei „durch das Bezirksamt in Durlach am 16.2.1920 eingebürgert“ worden, die „Ausbürgerung erfolgte seines Glaubens wegen durch nationalsozialistische Gewaltmaßnahme (Gesetz vom 14. Juli 1933, über den Widerruf von Einbürgerungen und Aberkennung der Staatsangehörigkeit). “Die Ausweisung wurde von derselben Behörde verfügt, erfolgte aber auf Gesuch hin erst im April 1937“.
Nathan Hagenauer, geboren 1880 in Weingarten, reiste als letzter der Brüder aus Deutschland aus. Die amtlich anerkannte „Auswanderer-Beratungsstelle“ bescheinigte seiner Frau Thekla zur Vorlage beim Passamt, sie wolle nach Frankreich zu Verwandten ihres Mannes auswandern, denn ihr Ehemann Nathan habe die Ausweisung aus dem Deutschen Reichsgebiet zum 1. Juli 1939 erhalten. Nach dem Ersten Weltkrieg, im Jahre 1924 soll Nathan „auf Grund des Versailler Vertrages aufgefordert worden sein, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben, da er sonst als Elsässer im Sinne des Völkerrechts als französischer Staatsbürger gegolten hätte“, sonst „wäre er wohl… noch französischer Staatsangehöriger, schrieb 1934 der Beauftragte des zuständigen NSDAP-Ortsgruppenleiters in Karlsruhe.
In einem Schriftwechsel zwischen dem Landratsamt, Polizeipräsidium/Meldeamt und einem Mitglied der Familie Hagenauer 1962 befindet sich folgender Vermerk: „Bei der Reg. (Registratur) wurden folgende Einbürgerungsakten festgestellt: 1. Albert Hagenauer, geb. 17.8.1875; 2. Leopold Hagenauer, geb. 1887; 3. Gustav Hagenauer, geb. 1888“. Es ist also durchaus möglich, dass sie alle, entgegen den Behauptungen der Nazis vor 1933 und der Feststellungen im so genannten Wiedergutmachungsverfahren deutsche Staatsbürger waren.

Auswanderung
Hermann Hagenauer wurde, nachdem 1935 seine Einbürgerung widerrufen worden war, sicher ein Termin gesetzt, bis zu dem er das Land zu verlassen hatte. Ende 1935 verkaufte er das Inventar seines Metzgerbetriebs, nach Aussagen des Sohnes zu einem Schleuderpreis an einen Metzgermeister Baumann. Der Sohn hörte öfters in Gesprächen mit den Eltern, dass aus dem Verkauf ihres Geschäfts schlussendlich nur 200 RM verblieben seien, bei ihrer Auswanderung hätten sie nur je 100 RM mitnehmen dürfen. Dass die Metzgerei nicht groß war, kann vermutet werden. Der Obermeister der Fleischerei-Innung bezeichnete 1960 die „Metzgerei Hermann Hagenauer“, in der Handwerksrolle der Handwerkskammer Karlsruhe vom 1. Oktober 1929 – 30. November 1935 eingetragen, als einen eher kleineren Betrieb. Der Sohn schätzte den Wert auf 30.000 RM und machte in seiner eidesstattlichen Erklärung die folgenden Angaben über die Ladenausstattung:
- ein großer elektrischer Fleischerei – Eisschrank,
- eine Fleischerbank
- zwei große Fleischerbeile zum Hacken und Zerlegen
- eine Wurstmaschine
- zwei Waagen
- eine Kasse
- eine Marmorbank mit Glaswänden zu Auslage der Waren im Laden
- viele Hacken, Haken und Messer.
Schon im Dezember 1935 war der Metzgermeister Reinhold Baumann neuer Besitzer der Metzgerei in der Schillerstraße 16, fast nahtlos wurde der Betrieb weitergeführt, die Versorgung der Menschen im Quartier war gesichert.
Der genaue Zeitpunkt der „Auswanderung“ von Hermann Hagenauer und seines Sohnes Kurt ist ungewiss, seine Frau Rosa konnte glücklicherweise in der Vorholzstraße 38 beim Schwager Nathan und seiner Frau Thekla unterkommen, wahrscheinlich wartete sie dort auf ihren Reisepass für das Ausland. Im Adressbuch 1935/36, Stand Dezember 1935 steht unter der Adresse Vorholzstraße 38 der Eintrag: „Hrm. Hagenauer, Metzg. Frau“, in der nächsten Ausgabe, Stand Mitte Dezember 1936, ist ihr Name verschwunden.

Im Elsass
1936 war die ganze Familie in Straßburg angekommen. Sie schrieb vielleicht schon zu diesem Zeitpunkt den Familiennamen in der französischen Schreibweise „Haguenauer“, den möglicherweise schon der französische Konsul mit der Ausstellung des französischen Passes benutzt hatte. Aus Hermann war Armand und aus Siegfried Kurt nun Claude geworden. Eine selbstständige Existenz konnte die Familie nicht wieder begründen. Hermann Hagenauer bekam eine Anstellung als Viehaufkäufer bei einem Händler des dortigen Schlachthofs. Sein anfänglicher Lohn von 3.000 französischen Francs erhöhte sich in den folgenden Jahren auf umgerechnet etwa 500 Reichsmark. Doch 1939 konnte er diese Tätigkeit nicht mehr ausüben. Während der Arbeit hatte er sich eine Phlegmone, eine eitrige Entzündung, zugezogen. Diese verschlimmerte sich in einer Zeit ohne Antibiotika schließlich derart, dass sein linker Arm amputiert werden musste.
Als bei Kriegsbeginn 1939 die Zivilbevölkerung evakuiert wurde, kam Familie Hagenauer nach Lyon. Der Pass von Hermann Hagenauer, „sein Identitätspapier entsprach nicht den polizeilichen Vorschriften, da er sich zur Zeit der Registrierung, auch der französischen Juden nicht bei der Polizei gemeldet hatte“ und sein Pass deshalb auch nicht mit einem „J“ gekennzeichnet war, schrieb der Sohn später. Um nicht aufzufallen, verließen sie ihre Wohnung in Lyon nie. Sohn Claude schilderte in seiner eidesstattlichen Versicherung die besondere Problematik für seine Eltern: „Mit der Besetzung Lyons durch deutsche Truppen im November 1942 wurde die Situation … sehr kritisch, weil sie der französischen Sprache nicht mächtig waren. Sie besorgten sich falsche Pässe, der von Rosa Hagenauer lautete auf Rosine Dreyer. Sie verließen ihre Wohnung in der Avenue de Saxe Nr. 78, ohne sie aufzugeben“. Sie fanden Unterschlupf in der Rue de la Ruche in Montchat - Lyon bei Familie Petitpierre. Der 21-jährige Sohn Kurt, der nun Claude hieß, arbeitete bis zu seiner Verhaftung als Installateur und Klempner für die Firma „Bodevigie“ in Lyon und unterstützte die Eltern finanziell. Bekannte (Franzosen) holten ihre Lebensmittelkarten ab, kauften für sie ein, sie selbst wären ja sofort aufgefallen.

Trennung
Doch sie wurden bei der Gestapo denunziert. Am 26. Juni 1944 wurde Hermann Hagenauer in der Wohnung verhaftet. Er wurde in Montluc bei Lyon interniert, dann nach Drancy überstellt, und am 31. Juli 1944 nach Auschwitz deportiert. Dort wurde er wegen seines amputierten Armes, und damit kaum zwangsarbeitsfähig, wohl unmittelbar nach der Ankunft ermordet, das Datum 5. August 1944 wird in einigen Quellen erwähnt. Seine Ehefrau Rosa „hatte sich hinter die nach innen aufgehende Zimmertür gestellt und blieb so den Häschern verborgen.“ Nach der Verhaftung vermittelten ihre Wirtsleute eine Unterkunft bei Bauern in Santilly/Saône& Loire, doch auch hier konnte sie sich nicht auf die Straße trauen und lebte in ihrem Versteck, „wie in vollständiger Freiheitsbeschränkung“, so beschrieb es der Sohn. Maurice Pierre, cultivateur à Santilly und Henriette Fourillon, epicière à Santilly, bestätigten ihren Aufenthalt „avec de fauxpapiers, sous le nom Rose Dreyer de mai 1944 jusqu à la libération“. Im so genannten Wiedergutmachungsverfahren wurde die Zeit vom 26. Juni 1944 bis 31. August 1944 als entschädigungswürdig wegen des illegalen Lebens in Lyon unter menschenunwürdigen Bedingungen anerkannt. Für zwei Monate und fünf Tage wurden, nach unten abgerundet auf zwei Monate insgesamt 300 DM bewilligt. Überflüssigerweise erwähnt wurde in dem Bescheid, Rosa Hagenauer hätte in der Zeit „unter falschem Namen“ nicht die gekürzten Lebensmittelkarten für Juden bekommen, da sie nicht als Jüdin registriert war. Ab dem 31. August 1944 musste sie nicht mehr illegal und in Verstecken leben, Frankreich war von den alliierten Truppen befreit worden. Seine eigene Verhaftung, die er überlebte, hat Claude Hagenauer nur im Hinblick auf den Gesundheitszustand seiner Mutter erwähnt. Er schrieb, die Verhaftung von Mann und Sohn führte zu einer „nahezu vollständigen Schlaflosigkeit“. Sie sei auf die ständige Einnahme schwerer Medikamente angewiesen gewesen, die zu schwerer Nierenschädigung führte“. Rosa Hagenauer ist daran am 11. Februar 1946, im Alter von 45 Jahren in Lyon gestorben.

Epilog
Claude Hagenauer blieb in Frankreich, als Inhaber eines Installations- und Klempnerunternehmens lebte er in Lyon.
Nach seiner Heirat mit Hannelore Trautmann wurde er französischer Staatsbürger.

(Christa Koch, Dezember 2013)