Personendaten

Samuel Greismann

Nachname: Greismann
Vorname: Samuel
Geburtsdatum: 2. Juni 1877
Geburtsort: Rzeszów/Galizien (Österreich-Ungarn, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Wolf und Rebekka, geb. Werner, G.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Chaja H.;

Vater von Shaje Mendel (Max), Chana Reisel, Ruben, Sacher (Siegfried) und Wolf Salomon
Adresse: Schützenstr. 9
um 1910: Rüppurrer Str. 2, 5.9.1939-1940 in Halle
um 1914: Waldhornstr. 2
um 1920: Gottesauer Str. 25
um 1926: Rüppurrer Str. 2
um 1928: Amalienstr. 51
ab 1932: Gartenstr. 11
Beruf: Kaufmann (Teilhaber der Firma Greismann & Balitzer, Wäscheversand)
Deportation: 28.10.1938 Abschiebung nach Polen (Polen)
Sterbedatum: 30. Oktober 1939
Sterbeort: Leipzig (Deutschland)

Biographie

Samuel Greismann

Samuel Greismann wurde am 2. Juni 1877 als Sohn des Kaufmannes Wolf Greismann und dessen Frau Rivka, geborene Werner, in Rzeszów, im galizischen Teil der ehemaligen Monarchie Österreich-Ungarn geboren. Heute liegt diese Stadt im südlichen Polen und ist mit ihren 160.000 Einwohnern die größte Stadt im südöstlichen Polen mit einer bedeutenden Industrie und einer wichtigen Hochschule. Um 1900 war Rzeszów mit seinen damals rund 12.000 Einwohnern bereits ein wichtiges Handelszentrum und eines der „Städel“ mit ausgeprägter jüdischer Kultur, fast die Hälfte der Einwohner waren damals Juden. Bis zum Alter von 25 Jahren wuchs Samuel Greismann dort auf, ging zur Schule und absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. Im März 1902 beschloss er wie so viele Juden, aus dem wirtschaftlich darniederliegenden Galizien mit der immer merkbareren antijüdischen Stimmung wegzugehen und in der Fremde sein Glück zu versuchen. Viele wanderten bis in die USA aus, andere kamen bis Wien, ein Teil der sich „daheim“ nicht mehr wohl fühlenden Menschen ging nach Deutschland. Samuel Greismann ging zunächst nach München, wo er bei einem Bekannten wohnte. Von dort kam er noch im April des gleichen Jahres nach Karlsruhe. Die genauen Beweggründe werden wohl nicht mehr feststellbar sein. Aus Rzeszów waren bereits einige andere jüdische Menschen nach Karlsruhe gekommen. Ob sich Verwandte von Samuel darunter befanden, kann nicht bestätigt werden, eventuell aber war er der Mundpropaganda von Bekannten gefolgt und suchte sich nun in Karlsruhe eine Existenz aufzubauen, zuerst als abhängiger Handelsreisender.

Seit Ende April des Jahres 1902 lebte Samuel Greismann in Karlsruhe. Hier lernte er Chaja Henne (Hanna genannt) Feit kennen, die am 4. Februar 1882 in Baligrod, ebenfalls in Galizien liegend, geboren war, mit ihren Eltern bereits 1898 nach Karlsruhe gekommen war. Am 3. Mai 1906 heirateten beide in Karlsruhe standesamtlich, die religiöse Trauung wurde am 14. Juni 1906 in der eigenen Wohnung in der Zähringerstraße 9 vollzogen. Hanna hatte nach der Schule eine kaufmännische Lehre absolviert, nach der Heirat half sie ihrem Mann, der nun ein eigenes Geschäft mit einem Kompagnon Siegfried Balitzer aufbaute. Seit 1908 war deren Firma Greismann&Balitzer OHG, ein Wäscheversandgeschäft, im Handelsregister eingetragen. Allenthalben wurde seine Arbeitsmoral als tüchtig und solide bezeichnet, seit 1911 führte Samuel Greismann das Geschäft als alleiniger Inhaber unter dem inzwischen eingeführten Namen. Das Geschäft prosperierte während der wirtschaftlichen Erholungsphase nach dem Ersten Weltkrieg und konnte vier Angestellte als Reisende beschäftigen. Während des Ersten Weltkrieges musste Samuel Greismann offensichtlich nicht zum österreichisch-ungarischen Militär einrücken; er tätigte für längere Monate 1916 und ab 1917 für eineinhalb Jahre seine Geschäfte in der Schweiz in Zürich, während die Familie in Karlsruhe verblieb. Nach späteren Erhebungen soll 1929 ein Reingewinn im Jahr von 8.000 bis 10.000 RM erwirtschaftet worden sein, für damalige Verhältnisse ein respektables Einkommen. Doch lange Zeit scheint die Familie in ungesicherten Verhältnissen gelebt zu haben. Zahlreiche Umzüge, zwischen 1908 und 1932 sechs Mal, zeugen von einem immer wieder neu einzurichtenden Leben. Die Familie wuchs währenddessen.
Zwischen 1908 und 1914 bekamen die Eheleute vier Kinder, allesamt in Karlsruhe geboren: Der älteste Sohn Shaje Mendel - er selbst nannte sich später Max, was aber amtlich nicht anerkannt wurde - wurde am 16. September 1908 geboren und war später als Kaufmann in einem Ingenieurbüro tätig. Die älteste Tochter Chaja Reisel wurde zwei Jahre später am 28. Juli 1910 geboren. Die anderen Geschwister waren Ruben (21. Februar 1912), Sacher (auch Siegfried genannt, 27. Januar 1914) und als letztes und fünftes Kind, sozusagen als Nachzügler, Wolf Salomon (16. Februar 1920). Alle Kinder absolvierten die Volksschule, bis auf Sacher (Siegfried), der von 1926 bis 1933 die Oberrealschule (heute Kant-Gymnasium) bis zur Untersekunda (10. Klasse) besuchte. Er brachte mittelmäßige Schulleistungen zustande, musste auch die sechste Klasse wiederholen, doch zeugt z.B. seine Verbesserung im Fach Deutsch zuletzt auf eine „gut“, dass in ihm erhebliches Potential lag. Die Eltern waren des Schreibens in Deutsch nicht sehr mächtig, zu vermuten ist, dass zuhause auch eher jiddisch gesprochen wurde. In der inzwischen siebenköpfigen Familie wohnte inzwischen auch noch ein achtes Mitglied, Hersch Greismann, 1907 geboren, von dem anzunehmen ist, dass es ein Verwandter, vielleicht ein Neffe Samuel Greismanns, war. Über ihn konnte nichts herausgefunden werden, auch sein späterer Lebensweg bleibt im Dunkeln.
Die Familie war sehr religiös und gehörte der orthodoxen Gemeinde an, die ihre Synagoge in der Karl-Friedrich-Straße hatte.
Das Ende des Ersten Weltkrieges führte zum Ende der Habsburger Monarchie und das frühere österreichisch-ungarische Galizien geriet nach einigen Wirrungen zum größten Teil an das wieder entstandene Polen. Damit wurde Familie Greismann automatisch zu Staatsbürgern von Polen, obwohl keine Verbindung nach dort bestand und auch niemals Besuche von eventuellen Verwandten mehr stattfanden. Dies war nun der Anlass, dass Samuel Greismann für seine Familie, der inzwischen erwachsene Shaje Mendel (Max) stellte einen getrennten Antrag, 1929 nach nunmehr 26-jährigem Aufenthalt in Deutschland und in Karlsruhe um Aufnahme in den deutschen Staatsverband nachsuchte. Obwohl ansonsten keine negativen Ablehnungsgründe vorlagen, wurde ihm im Juni 1929, seinem Sohn im April 1931, die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft verweigert. Weil beiden die wirtschaftliche Grundlage als nicht gesichert genug vorgehalten wurde - Sohn Shaje Mendel erzielte ein Monatsgehalt als kaufmännischer Angestellter trotz der ihm attestierten „Strebsam- und Tüchtigkeit“ bei der Herbert Maschinen- und Apparatebau GmbH von gerade einmal 180 RM - gab es „kein Interesse des Reiches oder des Badischen Staates an Ihrer Einbürgerung“, wie ihnen mitgeteilt wurde. Tatsächlich hatte das Deutsche Reich kein Interesse an der Erteilung der Staatsbürgerschaft an Juden mit osteuropäischer Herkunft, selbst wenn sie schon Jahrzehnte in Deutschland tadellos lebten. Dem lag nicht so sehr ein antisemitisches Motiv zugrunde (obwohl Antisemitismus auch in Teilen des Beamtenapparates vorhanden war), sondern eher ein soziales der Ablehnung nicht so begüterter Menschen. Nichtsdestotrotz hatte es die Familie zu einem kleinen bescheidenen Wohlstand gebracht, verfügte über angespartes Geld und bewohnte nach mehreren Umzügen in der Gartenstraße 11 eine wohl eingerichtete 6-Zimmerwohnung, auch eine Haushaltshilfe hin und wieder, hielt man sich.
Chana Reisel Greismann besuchte nach der Volksschule die Höhere Handelsschule und arbeitete danach als Sekretärin bei einem Rechtsanwalt, ehe sie im väterlichen Geschäft aushalf. Schon 1933 verließ sie Karlsruhe und begab sich nach Frankreich, nach Metz, wo sie noch im gleichen Jahr den dort lebenden Moise Cwajgenbaum heiratete.

Über das Leben der Familie direkt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ist wenig überliefert, gesichert ist, dass die Geschäfte bereits 1933 schlecht gingen, Samuel Greismann war gezwungen, wieder alleine die Reisetätigkeit aufzunehmen, während seine Ehefrau Chaja Henne das Geschäft im Haus nahezu alleine tätigen musste. 1937 konnte gerade einmal noch ein Reinertrag von knapp 2.000 RM erwirtschaftet werden. In der Reichspogromnacht vom 9. auf 10. November 1938 soll nach der Aussage von Chaja Henne Greismann das Geschäft von SA-Männern aufgesucht, die die Geschäftsräume und Wohnung beschädigten und Waren gestohlen worden sein. Es wurde schließlich am 22. November 1938 offiziell geschlossen. Denn zuvor schon hatte die Familie einen schweren Schicksalsschlag erlitten. Samuel Greismann war als „Staatenloser“ von der NS-Regierung wie Tausende anderer Juden osteuropäischer Herkunft am 28. Oktober 1938 an die Grenze zu Polen geschafft worden. Dies war die erste planmäßige Deportation jüdischer Menschen durch das NS-Regime. Polen sah keine Veranlassung, sie aufzunehmen, das Deutsche Reich verwehrte die Rückkehr und so mussten tausende Männer im Niemandsland zwischen Deutschland und Polen monatelang ausharren, während auf internationalem Parkett Diplomaten über ihr Schicksal verhandelten. Die Familie selbst wurde vollends auseinander gerissen. Tochter Chana Reisel lebten schon länger verheiratet in Frankreich, Ruben war 1935 über die zionistische Bewegung nach Palästina gelangt, wohin Shaje Mendel (Max), inzwischen verheiratet mit Sara, geborene Stein, im Frühjahr 1939 nachfolgen konnte. Auch Sacher (Siegfried) und Wolf Salomon gelangten schließlich nach Palästina. Da auch die Ehepartnerinnen und Kinder der nach Polen abgeschobenen Männer nachfolgen mussten, musste Chaja Henne Karlsruhe verlassen und sich ebenfalls nach Polen begeben. Inzwischen waren die diplomatischen Verhandlungen soweit gediehen, dass die Abschiebungen zwar unwiderruflich waren, den Abgeschobenen aber für wenige Wochen die Rückkehr zur Abwicklung offen gebliebener Angelegenheiten gestattet werden sollte. Samuel Greismann kam im August 1939 nach Karlsruhe zurück. Der Kriegsbeginn am 1. September 1939 überraschte ihn, die vorgesehene Rückkehr nach Polen war erst einmal nicht möglich. Zusammen mit anderen jüdischen Karlsruhern begab er sich nach Leipzig, wo die dortige jüdische Gemeinde für die Unterkunft der aus dem Südwesten kommenden Juden sorgen musste und dafür eine Notunterkunft in einer Turnhalle einrichtete. Doch Samuel Greismanns Gesundheit war zerrüttet. Während der langen Lagerzeit im Niemandsland im Lager Bentschen (Zbaszyn) hatte sich ein Nierenleiden heftig verschlimmert. Nur eine sofortige qualifizierte ärztliche Behandlung in einem Krankenhaus hätte seinen Gesundheitszustand nochmals verbessern können, doch die gab es nicht. In Leipzig war eine solche Behandlung ebenfalls nicht mehr möglich. Zwar wurde Samuel Greismann noch in die Innere Abteilung des dortigen Israelitischen Krankenhauses gebracht, doch verstarb er am 30. Oktober an der irreversibel gewordenen Urämie, d.h. an der Vergiftung des Körpers infolge Nierenversagens.
Eine rechtzeitige Behandlung hätte sein Leben bewahrt, es waren die Umstände der Deportation, die zu seinem Tod im Alter von 62 Jahren geführt haben.

Er blieb das einzige Opfer der Familie, doch seine Frau Chaja Henne musste die nächsten Jahre bangen. Sie gelangte zur Tochter Chana in Frankreich. Inzwischen hatten diese und ihr Ehemann in Metz ein Radiogeschäft aufgebaut, mit Beginn der Kriegshandlungen flohen sie 1940 in das Landesinnere nach Les Iselttes (Meuse) und schließlich nach Bordeaux, dem Sitz der aus Paris geflohenen französischen Regierung. Dort wären sie beinahe deutschen Stellen in die Fänge geraten. In abenteuerlicher Flucht gelang es ihnen, sich in das unbesetzte Frankreich durchzuschlagen und sich nach Lyon zu begeben, wo sie sich phasenweise mit falscher Identität versteckt hielten und sich so mit viel Glück vor den Transportzusammenstellungen der französischen Kollaboration entziehen konnten. Auch Chaja Henne Greismann lebte zusammen mit der Tochter und ihren inzwischen drei kleinen Kindern. Es gelang ihnen so tatsächlich bis zur Befreiung 1944 zu überleben, wenn auch unter unsäglichen Umständen.

Tochter Chana Reisel Cwajgenbaum blieb nach Kriegsende in Frankreich leben. Mutter Chaja Henne jedoch ging 1947 in den entstehenden Staat Israel, wo auch alle ihre anderen Kinder und Hersch Greismann längst lebten.
Chaja Henne Greismann verstarb 1960 in Israel, Tochter Chana Reisel 1975 in Frankreich, Ruben, der es in Tel Aviv zum Professor der Anatomie brachte und Bruder Sacher verstarben in Israel im Jahr 2001.

(Charlotte Hornung; Teresa Zimmermann; Ann-Valerie Meissner; Katharina Städele; Hannah Weber; Elahe Salimi; 10. Klasse; Fichte-Gymnasium, Juli 2007)

Für diesen Beitrag konnten die im Landesarchiv Baden-Württemberg – Generallandesarchiv Karlsruhe vorliegenden Akten der Wiedergutmachungsverfahren für Ruben, Shaje Mendel (Max), Sacher (Siegfried) und Wolf Salomon Greismann, die vermutlich näheren Aufschluss über ihren schulischen und Ausbildungswerdegang ebenso wie über die Flucht aus Deutschland enthalten, nicht eingesehen werden, da für einen Antrag auf Verkürzung der Sperrfristen gemäß dem Landesarchivgesetz ihr bzw. der Aufenthalt ihrer Kinder nicht ermittelt werden konnte.