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Max Gewürz (Fotoausschnitt), vermutlich 1939/40, aus unbekanntem Anlass (Foto: privat)

Personendaten

Markus Ichel Gewürz (Max)

Nachname: Gewürz
Vorname: Markus Ichel
abweichender Vorname: Max
Geburtsdatum: 24. Mai 1892
Geburtsort: Mielec (Österreich-Ungarn, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Dvora G.;

Vater von Oser, Claire, Fanny und Gertrud Rachel
Adresse: Ritterstr. 11
Rüppurrer Str. 20
Baumeisterstr. 32
Schützenstr. 58
Schützenstr. 32
Schützenstr. 75
Beruf: Handelsreisender
Deportation: 28.10.1938 Abschiebung nach Polen (Polen)

Biographie

Max und Dvora Gewürz

Hochzeit in Karlsruhe
Am 6. Januar 1920 schlossen Dvora, geborene Weiss, und Max Gewürz in Karlsruhe die Ehe. Die Braut war Teil einer in der altorthodoxen Frömmigkeit tief verwurzelten Familie, die kurz vor dem ersten Weltkrieg aus dem galizischen Teil Österreich-Ungarns in das damals deutsche Straßburg gekommen war. Der Bräutigam gehörte zu einer dem religiösen Zionismus nahestehenden, zunehmend assimilierten Familie, die um die Jahrhundertwende aus der selben Gegend nach Frankfurt (Main) gezogen war.

Der Bräutigam Markus Ichel (Mordechai Jechiel, genannt Max) Gewürz, geboren am 24. Mai 1892 in Mielec (gesprochen „Mjéletz“), war ein Sohn des Kaufmanns Heinrich Gewürz und seiner Frau Feige, geborene Kanner, die inzwischen in Frankfurt am Main lebten.

Die Braut Mirjam Dvora (genannt Dora) geborene Weiss, geboren am 7. November 1893 in Kolbuszowa, war eine Tochter von Lejser Weiss und Chaja, geborene Bienenstock. Der Vater war in Straßburg, zeitweilig auch in Karlsruhe ansässig, die Mutter Chaja wenige Jahre zuvor verstorben.
Einer der Trauzeugen war ein Schwager, der Kaufmann Lisie (auch: Lische, Elisha) Bienenstock, Sohn des Tsvi, aus der Luisenstraße 75.

Nach der standesamtlichen Trauung auf dem Rathaus wird die von einem Rabbiner (vielleicht Dr. Schiffer) geleitete Trauzeremonie in der Synagoge Karl-Friedrich-Straße 16 stattgefunden haben. Unter der Chuppa (einem Baldachin) werden traditionell die Ketuba (der Ehevertrag) verlesen, Segenssprüche gesagt und die Ringe getauscht. Am Schluss zertritt der Bräutigam das in der Zeremonie verwendete Weinglas.
(Zwei Tage später konnte Lejser Weiss wiederum in Karlsruhe die Hochzeit eines seiner Kinder feiern. Sein Sohn Majer heiratete die Cousine Dora, geborene Weiss. Auch Doras vier verheiratete Schwestern, Majers Schwägerinnen, lebten in Karlsruhe: Ida Schiffmann, Esther Malka Schreck, Frieda Fränkel und Elsa Gross. Über Majer Weiss', Ida Schiffmanns und Frieda Fränkels Familien gibt es eigene Beiträge im Gedenkbuch.)

Am 29. Januar erschien in der neuorthodoxen, in Frankfurt erscheinenden Wochenzeitung „Der Israelit“ folgende Anzeige:

Max Gewürz
Dora Gewürz geb. Weiß
Vermählte
Frankfurt a.M. – Karlsruhe

Max Gewürz' Herkunft
Max' Vater Heinrich Gewürz, Sohn des Israel und der Blume Gewürtz, wurde am 15. März 1857 in Mielec geboren. Sein hebräischer Name, mit dem er z.B. zur Toralesung aufgerufen wurde, war Chanoch. In der jüdisch-deutschen Umgangssprache hieß er „Henich“ oder „Henech“.

Mielec war eine Kleinstadt im Karpatenvorland, in der österreichisch-ungarischen Provinz Galizien, heute im Südosten Polens nahe der Grenze zur Ukraine. Schon um die Jahrhundertwende gab es dort ein reges politisches und kulturelles Leben, jüdische Vereine, Parteien und Gruppen, von säkular bis streng religiös rangen in friedlicher Konkurrenz um Anhänger. Neben etwa 4.700 polnischen Einwohnern lebten dort etwa 2600 Juden (Stand 1890).

Heinrichs fast gleichaltrige Frau Feige (Fanny, auch Frimet), geborene Kanner, Tochter des Jehuda Oser und der Chaya geb. Haber, wurde am 13. März 1857 ebenfalls in Mielec geboren.

Heinrich Gewürz, „Cigarettenmacher“, ist am 20. April 1899 aus Mielec nach Frankfurt zugezogen und wohnte zunächst in der Goldhutgasse 12 bei Hackel. Vielleicht war dies der 1858 geborene Baruch Hackel, der wenige Jahre später mit Familie von Frankfurt nach Karlsruhe zog und ein späterer Nachbar von Sohn Max in der Rüppurrer Straße 20 in der Karlsruher Südstadt war. (Für Familie Hackel gibt es einen Beitrag im Gedenkbuch). Feige Gewürz mit Kindern kam am 19. Juni 1900 aus Mielec hinzu, die erste gemeinsame Wohnung war Städelshof 11. Unzählige Familien aus Polen und Galizien zogen in diesen Jahren aus ihrer alten Heimat nach Westen, die meisten nach Amerika, in der Hoffnung auf ein auskömmliches und friedliches Leben. Im Frankfurter Ostend lebten Mitte der 1920er Jahre etwa 15.000 Jüdinnen und Juden.

Auch wenn ihr ältestes Kind, Regine (Rivka?), schon am 18. Oktober 1881 in Mielec auf die Welt gekommen war, heirateten die Eltern erst am 3. März 1910 standesamtlich in Frankfurt. Der Grund war sicherlich, dass die lange zuvor geschlossene, rituelle Ehe von den deutschen Ämtern nicht anerkannt wurde. Die Familie gehörte der Israelitischen Religionsgesellschaft (Austrittsgemeinde) in Frankfurt an, allerdings nicht der Agudas Jisroel, sondern wohl eher dem religiös-zionistischen Misrachi.

Heinrich und Feige Gewürz hatten mindestens acht Kinder, alle in Mielec geboren, außer der Jüngsten, Chaya. Am 6. Juni 1901 in Frankfurt geboren, ist sie mit 1½ Jahren am 23. Januar 1903 dort verstorben. In jenen Jahren war die Kindersterblichkeit bereits nicht mehr so hoch wie noch zwei bis drei Jahrzehnte zuvor, als etwa jedes vierte Kind die ersten fünf Lebensjahre nicht überstand. Unter der ärmeren Bevölkerung war sie aber nach wie vor hoch. Die Gründe waren meist Magen-Darm-Erkrankungen.

Das Geschäft von Ehepaar Gewürz lag im Ostend, nur einige Gehminuten entfernt von der 1907 erbauten Synagoge der Austrittsgemeinde an der Friedberger Anlage: „Hch. Gewürz empfiehlt zu billigen Preisen Cigarren und Cigaretten“ so inserierte der Laden in der Hanauer Landstraße 20 (später 19) in den Jahren 1907-1909 im Frankfurter Israelitischen Familienblatt, mit dem in orthodoxen Kreisen selbstverständlichen Zusatz: „Samstags geschlossen“. In den frühen 1920er Jahren führte Ehepaar Gewürz ihre Zigaretten- und Zigarrenhandlung in der Fischerfeldstraße 4.

Heinrich Gewürz starb am 14. Oktober 1928 in Frankfurt. Die Witwe übernahm zunächst das Geschäft, das aber am 22. Mai 1933 aus dem amtlichen Register gelöscht wurde. „Heinrich Gewürz Witwe“ findet sich ein letztes Mal im Adressbuch 1933, zusammen mit Sohn Elias in der Wohnung Fischerfeldstraße 4. Feige Gewürz, die auch ihre kleinen Enkeltöchter in Karlsruhe noch kennen gelernt hatten, ist am 22. September 1935 in Frankfurt (Main) verstorben. Wie ihr Mann wurde sie auf dem dortigen Friedhof Rat-Beil-Straße begraben.

Was war aus ihren Kindern geworden?

Die zuvor erwähnte älteste Tochter Regine war inzwischen verheiratet mit Isak? Weißberg in Köln. Näheres über sie war noch nicht zu erfahren; sie ist den Nazis zum Opfer gefallen.

Salomon Jehuda (Shulim Juda), geboren am 16. Dezember 1882, studierte in Gießen, Halle (Saale) und Bern Philosophie und promovierte 1910 zum Dr. phil. bei dem aus Ungarn stammenden Rabbiner und Philosophen Ludwig Stein (1859-1930), mit „Studien zur Entwicklungsgeschichte der Schelling'schen Philosophie unter besonderer Berücksichtigung seiner Beziehungen zu Fichte“. Salomon war verheiratet mit Amalia, geborene Schönbach, geboren 1893. Das Paar hatte einen Sohn: Emanuel, geboren 1923. Salomon und Amalia Gewürz wurden am 12. März 1941 von Wien nach Lagow/Opatow bei Kielce deportiert und dort ermordet. Emanuel gelang die Flucht nach Palästina.

Manelle (Menla), geboren am 17. Oktober 1884, lebte in Budapest und war verheiratet mit Menahem Zeev Benjamin Rosenbojm. Das Ehepaar wurde ermordet, eine Tochter, Hana, überlebte und gelangte nach Palästina.

Osias-Salo (Szyja), geboren 31. Januar 1895, arbeitete als Buchantiquar. Er heiratete 1924 Rosi, geborene Kormis, geboren 1899; ein Kind Hanna Lilly wurde 1929 in Frankfurt geboren, die Eltern später geschieden. Beide Frauen haben überlebt. In zweiter Ehe war Szyja Gewürz seit etwa 1937 mit Mia, geborene Freund, geboren 1907 zusammen. Beide flüchteten in der Nazizeit nach Italien, haben überlebt und sind in der Schweiz verstorben.

Ruchele (Rosa), geboren 13. März 1897, heiratete 1923 Chiel (Jechiel) Weinreb, die beiden wohnten in Frankfurt a.M. Mit ihren Kindern Helena (geboren 1924) und Ernst (Eliyahu, geboren 1925) flüchteten sie um 1939 nach Holland, von wo sie alle vier deportiert wurden. Ernst ist in Flossenbürg, der Rest der Familie in Auschwitz umgekommen.

Elias (Eli), geboren 5. Januar 1900, war verheiratet und wie sein Bruder Max Vertreter in Wäsche und Textilwaren. Er überlebte in der Schweiz; sein Sohn Henry gelangte in die USA.

Markus Ichel (Max) kam erst am 22. Mai 1905, also kurz nach seiner Bar Mitzwa aus Mielec nach Frankfurt zu den Eltern. Im Jahr 1908, so sagen die Meldeunterlagen, war er wiederum nicht mit in der elterlichen Wohnung Uhlandstraße 7.II gemeldet (nur seine Geschwister Elias, Manelle, Ruchele, Salomon Juda und Osias-Salo). Das kann bedeuten, dass er als Lehrling auswärts wohnte; in seiner späteren Heiratsurkunde wird er als „Schriftsetzer“ bezeichnet. Inzwischen 20 Jahre alt, zog er am 4. Dezember 1912 nach Sontra bei Kassel. Aus den späteren Jahren vor seiner Ehe ist nichts überliefert.

Dvora geb. Weiss' Herkunft
Dvoras Eltern waren Lejser (Elieser) ha-Levi Weiss (geboren 5. Januar 1861 in Kolbuszowa) und die etwa gleichaltrige Chaya, geborene Bienenstock. Dass Familie Weiss zu den Leviten zählt, ist an der Levitenkanne auf dem Grabstein von Lejsers Bruder Moshe Jechiel zu erkennen, der auf dem orthodoxen Friedhof an der Haid- und Neu-Straße erhalten ist.
Aus Berichten der Zeitzeugin Fanny Aron über die Familie von Dvoras Bruder Majer Weiss wissen wir, dass Dvora mit Eltern und Geschwistern um 1912 aus Galizien nach Straßburg kam und in einem großen, relativ eng geknüpften, streng gesetzestreuen Familienverband lebte.

Dvora hatte sechs Geschwister:
• Majer, verheiratet mit Dora, geborene Weiss, Tochter von Lejsers Bruder Moshe Jechiel und Matel, geborene Gross
• Isak/Itzhak; sein Sohn Shraga lebt in Israel
• Chaskel (Yehezkel), er überlebte und emigrierte in die USA, sein Sohn Moshe ist Rabbiner in Israel
• Rejsel, verheiratet mit Bernard Brandstetter; sie lebten mit den Söhnen Alfred, Isi, Leo und Rafael in Mainz. Nach der Abschiebung nach Polen im Oktober 1938 wohnten sie zuletzt in Bobowa bei Gorlice und sind zusammen mit mindestens zwei dort geborenen Kindern, Pessel und Chaya, ermordet worden
• Sara (geboren 1885) und ihr Ehemann, der eingangs erwähnte Trauzeuge Lisie Bienenstock (geboren 1883), wohnten zunächst in Karlsruhe, zogen aber 1923 nach Straßburg und später nach Lyon. Das Ehepaar wurde mit vier ihrer Kinder (Osias, Fernande, Abraham, Germaine) in Auschwitz ermordet; Abraham war ein gebürtiger Karlsruher, geboren am 6. April 1918. Ein Sohn, Kalman, überlebte
• Freidel, sie war verheiratet mit Sander Blonder; die Familie lebte in Straßburg, später Lyon, und überlebte in Frankreich bzw. der Schweiz. Nachkommen leben in Israel.

Die Kleinstadt Kolbuszowa, aus der die Familien Weiss und Bienenstock stammten, lag im Karpatenvorland, umgeben von großen Waldgebieten, Steppenlandschaft, Seen und kleinen Flüssen. Etwa die Hälfte der 3000 Einwohner (um 1890) war jüdisch. Etliche Familien in Karlsruhe hatten Wurzeln in oder bei Kolbuszowa, nahe der Stadt Rzeszów, im heutigen Südostpolen.

Die Familie in Karlsruhe
Ehepaar Gewürz ließ sich nach ihrer Heirat in Karlsruhe nieder. Zunächst fanden sie kurzzeitig eine Unterkunft in der Ritterstraße 11, 3. Stock, im Haus der Erben von Dr. Lion Seeligmann. Ein Stockwerk tiefer wohnte Familie Jakob Ettlinger, gutsituierte Leute der Israelitischen Religionsgesellschaft. In ihren Kreisen nahm man häufig neu zugewanderte Glaubensbrüder aus dem Osten auf, bis diese auf eigenen Füßen stehen konnten. Die Ettlingers waren mit Frankfurter Familien der Austrittsgemeinde verwandt und verschwägert.

Ab Herbst 1921 wohnte Ehepaar Gewürz in der Rüppurrer Straße 20, H.1; im selben, einfachen Wohnblock waren die – allesamt aus Osteuropa stammenden – Familien Simon Fisch, Baruch Hackel, Isaak Herzig, Sender Mahler, Chaim Schlüssel und Max' Schwager Majer Weiss mit Frau zu Hause.

Max Gewürz war in Karlsruhe Vertreter der Textilfirma Iwanier in der Kriegsstraße, Ecke Mendelssohnplatz. Alter Iwanier belieferte seine Abnehmer, Wäscheversandgeschäfte mit reisenden Vertretern, vermutlich in Kommission, u.a. mit Strickwaren und Damaststoffen. (Über Familie Iwanier gibt es einen Beitrag im Gedenkbuch). Vater Gewürz ging morgens mit Koffern mit Bettbezügen u.ä. Waren aus dem Haus, so erinnerte sich später seine Tochter Fanny. Wenn er abends den Koffer wieder heim schleppte und nichts verkauft hatte, „durfte man sich ihm nicht nähern“. Die Mutter half ihm nach Kräften im Geschäft, solange sie es mit den Kindern schaffte. (Üblich war der Verkauf von Wäsche und Kurzwaren auf Abzahlung, vor allem über Land und bei älteren Leuten, als die Kundschaft noch weiter weniger mobil war als heute.)

Innerhalb von knapp 3½ Jahren brachte Dvora Gewürz vier Kinder zur Welt: Im „Israelit“ vom 10. Februar 1921 stand:

„Chaja: Die glückliche Geburt eines gesunden Töchterchens zeigen hocherfreut an Max Gewürz und Frau Dora geb. Weiss, Karlsruhe i. Bad., Rüppurrer Straße 20.“

Am 2. Februar 1921 war Chaya (Klara, Claire) zur Welt gekommen, benannt nach ihrer verstorbenen Großmutter mütterlicherseits.

Am 2. Februar 1923 wurde Israel Oser geboren (Israel mit Betonung auf dem -a-, umgangssprachlich auch: Isi). Er war nach den beiden Urgroßvätern väterlicherseits benannt.

Am 4. bzw. 5. Juni 1924 kamen Zwillingsschwestern zur Welt: Gertrud (Gelle) kurz vor Mitternacht und Fanny (Frimet) kurz danach, aber bereits am folgenden Tag; Gertrud eher klein und zart, Fanny größer und robuster. Auch sonst waren die beiden recht verschieden.

Jetzt wurde offenbar die Wohnung zu klein, denn die Adressbücher 1925-1933 weisen die Familie („Max Gewürz, Reisender“) in der Baumeisterstraße 32.2 nach, das Geschäft firmierte unter „Kurzwaren en gros“. Ein späteres Inventar spiegelt ganz bescheidenen Wohlstand, so gab es „doppelten Hausrat für Pessach nebst Kochplatte“ für die Mutter sowie „ein Herrenfahrrad“ für das Geschäft des Vaters. Zwischen den Einrichtungsgegenständen war auch eine „silberne Gewürzbüchse“ für die Hawdalazeremonie. Mit dem Duft wohlriechender Kräuter wird traditionell etwas vom festlichen Schabbat in den Alltag mitgenommen. Möglich, dass ein Vorfahr solche „Bessamim“ lieferte und so zu seinem Familiennamen kam. –

Ab 1933 ging das Geschäft des Vaters nach Erinnerung der Kinder zunehmend schlechter. Das Alltagsleben wurde immer mühseliger: Wenn ein uniformierter Nazi auftauchte, mussten sie als Juden vom Bürgersteig herunter treten. Und wenn die Braunen vor der Wohnung vorbeimarschierten, rannte Oser „nach hinten“ und versteckte sich. Ende 1933 findet sich die Familie im Adressbuch erneut in einer anderen Wohnung, in der Schützenstraße 58.4 über der „Wirtschaft zum Auerhahn“, im Jahr darauf wieder in der Schützenstraße 32, aber im 3. Stock, im selben Haus mit der verschwägerten Familie Leo Fränkel. Dort konnte Ehepaar Gewürz mit ihren vier Kindern bis 1937 bleiben, dann zogen sie für kurze Zeit um in die Schützenstraße 75, wo früher auch mal Dvoras Vater Lejser gewohnt hatte. Das Haus gehörte „Isak Meier Katz Wwe“ und deren Tochter Sophie Pinter, „Wäscheversand“.

Wegen der drückenden Kassenlage der Familie kam es vor, dass Fanny am Donnerstag zur Wohlfahrtsstelle der Gemeinde gehen musste, um um Geld zu bitten, damit die Mutter Schabbat machen könne. Daneben wird es viele befreundete Familien gegeben haben, die sich untereinander aushalfen, solange sie noch konnten. Rosa Reiner, geborene Kleiner, genau wie Familie Hackel bis zu ihrer Auswanderung nach Palästina 1935 in der Marienstraße 28 zu Hause, gehörte z.B. zum Freundeskreis der Familie Gewürz.
Der Vater und ab 1936 (nach seiner Bar Mitzva) auch sein Sohn Oser besuchten am Schabbat eine Betstube in der Nähe der Wohnung, vermutlich in der Wielandtstraße 10 bei Naftali Bogen. (Über Ehepaar Bogen gibt es einen eigenen Beitrag im Gedenkbuch). Zu den hohen Feiertagen gingen sie dann in die „fromme Shul“, d.h. die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft in der Karl-Friedrich-Straße 16, wo es geregelt und ruhig zuging, und die von der abgeklärten litauischen, nicht-chassidischen Orthodoxie geprägt war.

Im Laufe des Jahres 1938 muss Familie Gewürz in die Kaiserstraße 113 umgezogen sein, wo sie vielleicht bei einer der beiden ebenfalls der Orthodoxie angehörenden Familien Josef Färber oder Elias Rimler zur Untermiete wohnten. Die Adresse erscheint nur in amtlichen Dokumenten, nicht im Adressbuch.

Der polnische Staat verweigerte im Oktober 1938 die Verlängerung der Pässe seiner Bürger, die mehr als fünf Jahre im Ausland gelebt hatten, wodurch in Deutschland mindestens 17.000 Jüdinnen und Juden gültige Papiere einbüßten. Die Nazi-Behörden nahmen dies zum willkommenen Anlass, die nunmehr Staatenlosen in einer Blitzaktion per Bahn nach Zbaszyn an die polnische Grenze abzuschieben. In Karlsruhe waren über 60 Männer zwischen 16 und 60 Jahren betroffen, die meisten Familienväter, darunter auch Max Gewürz. Seine Frau stand nun mittellos da. Die 45-jährige, „die gesundheitlich ganz und gar keine Heldin war, blieb so mit uns vier Kindern allein zurück, die Verzweiflung war groß“, so erinnerte sich Tochter Gertrud später.

Als „spontanen“ Ausdruck des „Volkszorns“ stellte die Nazipropaganda die Pogrome am 9. und 10. November 1938 dar. Der junge Herszel Grynszpan, dessen Eltern auch in Zbaszyn interniert waren, hatte (zum Entsetzen vieler deutscher Juden) ein tödliches Pistolenattentat auf den Botschafter vom Rath in Paris verübt, worauf hin überall braune Schläger, vor allem SA-Angehörige in Zivil organisierte Überfälle und Brandstiftungen auf jüdische Einrichtungen verübten. Die zerstörte Synagoge in der Kronenstraße 15 und die niedergebrannte in der Karl-Friedrich-Straße 16, demolierte Betsäle und Geschäfte, geplünderte Wohnungen, bedrohte und misshandelte Menschen auch in Karlsruhe ließen überdeutlich ahnen, was von den Nazis zu erwarten war.
Dvora Gewürz rettete während dieser Pogrome aus einem in einem Hinterhof gelegenen Betsaal nahe der Wohnung (vermutlich in der Schützenstraße 84) eine Torarolle und übergab sie nach der Erinnerung ihres Sohnes einem noch in Karlsruhe befindlichen Rabbiner. Der Raum wurde völlig verwüstet.

Abschiebung und Flucht
Unter dem Eindruck dieser Gewaltexzesse taten jüdische Eltern zunächst alles, um ihre Kinder zu retten. So kamen die Zwillinge Ende 1938 zu Verwandten nach Straßburg (dazu weiter unten). Dvora, Oser und Chaja waren bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 noch in der Kaiserstraße 113 gemeldet. Die Mutter musste nun die Wohnungseinrichtung für einen Spottpreis „verschleudern“, bevor sie nach Polen abreiste, um sich ihrem Mann anzuschließen, so bestätigte später Rebekka Rose, geborene Eltermann, ehemals Krankenschwester der Israelitischen Religionsgesellschaft.

Auf einer Gestapo-Liste von Juli 1939 ist „Gewürz, Dora“ gestrichen, d.h. sie war bereits abgereist nach Zbaszyn. Die älteste Tochter und der Sohn waren auswärts zur „Berufsumschichtung“ und bald danach auf dem Weg nach Großbritannien (siehe eigenen Abschnitt).

Im August 1939 notierte ein Helfer des American Joint Distribution Committee in Polen: „Gewürz, Maks; Plac Wolności [Platz der Freiheit] 13, Zbąszyń“, dazu die Anmerkung „3 Personen“ und „Kein Affidavit“. Außerdem steht dort: „Jos. C Gewirtz, East 5 St., N.Y.“ und „Gewirtz & Berger, DeKalb Avenue, Brooklyn“, offenbar Adressen von Verwandten, auf deren Hilfe man hoffte. Die dritte Person neben dem Ehepaar könnte Dvoras Schwester Rejsl Brandstetter gewesen sein, die Mann und Kindern nachreiste.

Im Sommer 1939 muss Ehepaar Gewürz weiter nach Krakau gelangt sein, das kurz nach Kriegsbeginn im September besetzt und zur Hauptstadt des „Generalgouvernements“ ernannt wurde. Bereits seit Ende 1939 musste in Krakau ein weißes Armband mit blauem Stern am rechten Arm getragen werden. Am 1. August 1940 wurde „Gewürz, Dora“ in einem „Protokoll“ der Jüdischen Gemeinde Krakau genannt, erfasst auf Befehl der deutschen Besatzer, mit Wohnsitz „Szeroka 12“, einer der Hauptstraßen im traditionell von vielen Juden bewohnten, von deutschen und polnischen Wachen kontrollierten Kazimierz-Viertel. Das zu erwartende Lichtbild fehlt; für ihren Mann findet sich kein Dokument. Zweck des Papiers war die Vorbereitung zur „Umsiedlung“. Im Sommer 1940 verlangten die Nazibehörden die drastische Reduzierung der Zahl der jüdischen Einwohner in Krakau. Wer keine Aufenthaltserlaubnis hatte, wurde verhaftet. Der Druck auf Flüchtlinge stieg, so dass es nahe liegt, dass Ehepaar Gewürz dann die Stadt verließ, wie damals etwa die Hälfte der dortigen jüdischen Bevölkerung.

Laut dem Verwandten Kalman Bienenstock lebten Max und Dvora Gewürz zuletzt in dem Dorf Bobowa bei Gorlice, 80 km südöstlich von Krakau, ebenso wie Familie Bernard Brandstetter und Rejsel, geborene Weiss, Dvoras Schwester. Bernards Vater Moses war aus Bobowa gebürtig. Dort wurde im Oktober 1941 ein mit Stacheldraht abgezäuntes Ghetto eingerichtet. Die Häuser wurden oft zehnfach überbelegt. Jüngere Menschen wurden mit Hilfe der Judenräte zur Arbeit abgeholt und sahen oft ihre Angehörigen nie wieder; es gab Seuchen und Hungertote. „Die verbreitetste Krankheit war Angst“, schrieb der Überlebende Samuel P. Olliner später. Das Ghetto wurde im August 1942 „liquidiert“. Es ist daher anzunehmen, dass Max und Dvora Gewürz und Ehepaar Brandstetter mit ihren kleinen Kindern entweder bereits im Ghetto gestorben oder im nahe gelegenen Wald bei Stróżówka (heute Gorlice) am 14. August 1942 von Deutschen und ihren ukrainischen Helfern erschossen und verscharrt wurden.

Beide Zwillingstöchter geben in Gedenkblättern allerdings an, die letzte Nachricht von ihren Eltern sei 1942 auf Postkarten über das Rote Kreuz aus dem (im März 1941 abgeriegelten) Ghetto Krakau gekommen. Diese Karten gingen offenbar verloren; sie dürften aus Polen nach Straßburg gegangen sein, von wo aus dann die Nachrichten zur Tochter nach Palästina gelangten. Im März 1943, als das Ghetto liquidiert wurde, sollen die Eltern nach Aussage nicht genannter Überlebender des Ghettos mit unbekanntem Ziel „verschickt“ worden sein. Ältere, nicht mehr zur Arbeit eingeteilte Menschen wurden zu jener Zeit von Krakau nach Auschwitz deportiert und kamen dort zu Tode.

Welche Annahme zutrifft, konnte noch nicht geklärt werden.

Chaya
Chaya besuchte von 1927 bis 1935 die Volksschule in Karlsruhe. Danach gelang es nicht, sie auf die Handelsschule anzumelden, daher machte sie privat Nähkurse, u.a. bei Nonnen im St. Agneshaus und bei Rosa Schwarzenberger in der Schützenstraße 73. Auch bei Sara Greismann in der Gartenstraße erwarb sie Kenntnisse in der Damenschneiderei. Später ging Chaya zur beruflichen Vorbereitung auf die Auswanderung in das Landwerk Neuendorf bei Brandenburg und emigrierte von dort Ende August 1939 mit einem Kindertransport nach England. 1941 bis Kriegsende diente sie in der britischen Armee, heiratete 1945 und ging 1946 mit ihrem Mann nach Palästina. Chaya hatte zwei Kinder, Arjeh, geboren 1947 und Zvi, geboren 1950. Zvi ist seit dem Jom-Kippur-Krieg vermisst, Arjeh verstorben.

Oser Israel
Oser Israel („Isi“) besuchte als Kind ab etwa 1927 den „Cheder“, d.h. die (besonders von Alter Iwanier geförderte) Religionsschule in den Räumen Karl-Friedrich-Straße 16, die nachmittags nach der regulären Schule stattfand.
Einmal findet sich der Name des Jungen im „Israelit“, in der Ausgabe vom 28. Dezember 1934. Berichtet wurde von einem Mitgliederabend der Religionsgesellschaft: „Hebräische Lieder, vorgetragen von Herrn Jakubowitz, und der Chanukahpsalm, hebräisch gesungen von den Knaben Gewürz, Weiß und den Brüdern Fränkel, schlossen sich an das Referat an“, so erfahren wir. Die Rede ist von Moritz (Moshe) Jakubowitz, dann vermutlich von Mendel Weiss, Sohn des Majer, und schließlich von den Brüdern Aron und Efraim Fränkel.

Im Oktober 1938, als sein Vater zur Abschiebung nach Polen verhaftet worden war, hielt sich Oser versteckt. Als bekannt wurde, dass Versteckte erschossen würden, meldete er sich freiwillig, wurde aber heim geschickt, da er noch nicht 16 Jahre alt war und blieb in Karlsruhe. Ende 1938/Anfang 1939 ging er auf das religiös-zionistische Lehrgut Gehringshof bei Fulda auf „Hachschara“. Im August 1939 konnte er wie seine Schwester Chaya per Kindertransport nach England reisen. Direkte Nachricht von den Eltern erreichte ihn dort nicht mehr. Eine ehemalige Nachbarin in Karlsruhe teilte ihm auf Anfrage per Brief mit, die Mutter sei „abgeholt“ worden.

Fanny und Gertrud
Die Zwillingsschwestern Fanny und Gertrud besuchten ab 1929 den jüdischen Kindergarten in der Karl-Friedrich-Straße 16 und dort ebenfalls den „Cheder“ der Gemeinde („Talmud Tora“), wo sie u.a. hebräisch Schreiben und Lesen sowie Pentateuch lernten. Ostern 1931 war die Einschulung der beiden in der Mädchenabteilung der Uhlandschule, Schützenstraße. In der ersten Klasse bei Frl. Beisel saßen vier jüdische Schülerinnen: Gertrud und Fanny Gewürz, Cilly Mann und Dora Rosner. Die Rosners wanderten 1934 nach Palästina aus. Ab 1936 kamen alle Kinder in die Jüdische Schule in der Markgrafenstraße 28, wo sie ausschließlich von meist akademisch geschulten, älteren jüdischen Lehrkräften in einer sehr intensiven und aufbauenden Atmosphäre unterrichtet wurden. Gertrud wollte als Kind Lehrerin werden.

Nach der „Kristallnacht“ schickte die Mutter die beiden Zwillingsschwestern nach Straßburg zu Verwandten, den Familien Blonder und Bienenstock. Nachricht von der Mutter erreichte die beiden noch im Dezember 1938 und danach mehrfach, vom Vater nicht.

Die Mutter setzte Gertrud allein, mit einem kleinem Koffer mit dem Allernötigsten, an einem kalten Novembertag 1938 auf die Bahn nach Kehl. „Ich weigerte mich weinend, mich von ihr zu trennen, und war unbeschreiblich unglücklich, als sie mich einfach in den Zug schob“. Mit einer frankierten Postkarte sollte sie die Ankunft an der Grenze bestätigen. Sie landete heil in Straßburg, wo sie in Empfang genommen wurde und zu einer Familie mit drei Kindern kam, „liebe Menschen, […] ein Mädchen in meinem Alter, […] recht wohlhabende Leute.“ 1939 wurde versucht, Gertrud über die Jugend-Alijah nach Palästina zu bringen; durch den Kriegsausbruch wurde dies zunächst vereitelt. Anders als ihre Schwester Fanny hatte Gertrud aber ein Zertifikat für Palästina erhalten. So wurden weitere Anstrengungen zur Alijah gemacht. Schließlich fuhr die Fünfzehnjährige im Oktober 1939 mit dem Zug nach Paris, wo sie (wohl beim Büro der Jewish Agency) Papiere und Visum bekam. Am nächsten Morgen ging der Zug nach Marseille und drei Tage später schließlich das Schiff voll französischer Soldaten nach Beirut im Libanon und weiter nach Jaffo. Gertrud (inzwischen Rachel genannt) konnte sich einer Misrachi-Jugendgruppe im Moshav Kfar Pines anschließen. Sie lernte dort ihren Mann kennen, den sie mit 21 Jahren (1946) heiratete. Sie machte in Jerusalem eine Ausbildung zur Hauswirtschaftslehrerin und unterrichtete an einer ORT-Schule. Zwei Kinder wurden geboren.

Ebenfalls mit einem kleinen Koffer schickte die Mutter im Dezember 1938 Fanny ohne Papiere per Bahn allein nach Kehl. Falls sie gefragt würde, solle sie von einem kurzen Besuch über Weihnachten in Straßburg erzählen. Bei ihrer Ankunft nahmen Verwandte sie ebenfalls in Empfang. Fanny konnte lange Zeit nicht begreifen, wie ihre Mutter sie so hatte fort schicken können.
Die Familien Blonder und Bienenstock, bei denen Fanny und Gertrud in Straßburg unterkamen, waren äußerst fromm. Da Fanny bei ihnen nicht zurecht kam, wechselte sie im April 1939 in ein Mädchenheim in Straßburg, Gertrud blieb bei den Verwandten. Oft trafen sich die beiden Schwestern und weinten zusammen. „Wir konnten nicht verstehen, wie ernst und gefährlich die Lage war und wollten zurück nach Hause“.

Als grenznahe Gebiete und Straßburg im September 1939 evakuiert wurden, kam Fanny mit etwa 25 elternlosen Kindern in die Obhut des O.S.E. (Oeuvre de secours aux enfants), in ein jüdisches Heim in Bourbach-le-Haut in den Vogesen, geleitet von Andrée Salomon. Später musste die Wahlfamilie umziehen nach Clermont-Ferrand und nach dem Einmarsch der Deutschen im Juni 1940 wieder weiter in ein Flüchtlingslager in Trélissac im Gebiet Périgueux (Dordogne). Fanny lernte Nähen und begann eine verkürzte Ausbildung im Hotelfach, Über das Rote Kreuz bekam sie in dieser Zeit Nachrichten von den Eltern in Polen. Die 15/16-jährige war für eine Gruppe von zehn Kindern verantwortlich. Immer wieder erhielten sie Unterstützung durch den Joint, während ihre Erzieherin Andrée Salomon sie vorbereitete, in der kommenden schweren Zeit zurechtzukommen. Zur Zeit der Razzien („La Grande Rafle“) im Sommer 1942 erhielten sie eine Warnung von französischen Gendarmen, dass ausländische Juden weggebracht würden. Daher wurde die Gruppe aufgelöst und die Jugendlichen verteilt. Die Jugendlichen bekamen auch falsche Papiere. Sie blieben mit Andrée Salomon in Kontakt, die den Kindern stets das Gefühl der Verbundenheit und Wärme gab und sie „mit einer mütterlichen und starken Hand“ erzogen hatte, mit dem Ziel „uns [zu] Menschen zu machen, die imstande [… ] sind, mit Vertrauen und Entschlossenheit“ ihr Leben zu meistern. „Keine Worte können meine Bewunderung und Ergebenheit für diese großmütige und noble Dame […] ausdrücken“, so Fanny später.

Andrée Sulzer-Salomon (geboren 1908) war ab 1941 für die O.S.E.-Arbeit in den Lagern Gurs, Rivesaltes (dorthin kamen Flüchtlingskinder ohne Eltern!) und Les Milles verantwortlich und organisierte Versteck und Auswanderung der jungen Flüchtlinge in die Schweiz und nach Spanien, bildete Freiwillige und Mitarbeiter aus, verhandelte mit Eltern, Kirchenleuten, Vichy- und Nazistellen. Ab 1942 arbeitete sie parallel verstärkt im Untergrund, unentwegt auf Reisen und mehr als einmal unter Lebensgefahr. Auch nach der Befreiung arbeitete sie jahrelang weiter für das Wohl ihrer Schützlinge. 1970 zog sie mit Familie nach Israel und starb 1985 in Jerusalem. Gemeinsam mit vielen Freiwilligen hat sie fast 1200 Kinder gerettet. –

Als Zwangsarbeit und Verschleppung nach Deutschland drohten, fasste Fanny den Entschluss, mit einer zionistischen Jugendgruppe nach Spanien zu flüchten. Ihre Flucht über Toulouse und die Pyrenäen im Mai 1944 dauert acht Tage, mit zwei Aufstiegen bis in den Schnee in ungeeigneter Kleidung. Das Essen reichte eigentlich nur für drei Tage. Nach Internierung in Spanien kam sie mit dem Schiff „Guinea“ in Haifa an und nahm von Atlit aus sofort Kontakt mit Rachel auf, die sie dann in Tel Aviv traf. Fanny arbeitete zunächst im Kibbutz Degania B, wo sie auch heiratete und in einer rituell geführten Küche tätig war. Später begründete das Ehepaar den Kibbutz Neve Ilan mit. Zwei Kinder kamen zur Welt. Schon als Heranwachsende hatte Fanny begonnen, Fragen zu stellen und sich von der orthodoxen Lebensweise langsam entfernt.

Neubeginn in der Ferne
Rachel, Fanny und Chaya haben in der Nachkriegszeit im neu entstehenden Staat Israel Fuß gefasst. Oser Gewürz und seine Frau zogen nach dem Krieg von England nach San Francisco, zu Verwandten der Ehefrau. Er änderte 1949 seinen Namen in „Harry Gable“. Harry und Familie wohnten später in Santa Clara, CA; er arbeitete als Zahntechniker und Makler.

Fanny, Rachel und Harry kamen 1988 auf Einladung der Stadt zur „Reunion“ nach Karlsruhe, wo sie auch die Freundinnen aus Kindertagen, Cilly Mann (Celia Appel) und Anni Rephun-Fruchter trafen.

Aus der Generation der Jugendlichen, die Deutschland unter den Nazis verlassen mussten, leben heute (2013): Emanuel (Salomons Sohn), Henry (Elis Sohn) und Rachel geb. Gewürz.

(Christoph Kalisch, Dezember 2013)