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Rosalie Geismar, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Rosalie Geismar

Nachname: Geismar
geborene: Uffenheimer
Vorname: Rosalie
Geburtsdatum: 31. August 1879
Geburtsort: Breisach (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Eltern: Max und Karolina U.
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Jakob G. (1879-19.5.1912);

Mutter von Erna Maier, geb. G. und Lothar
Adresse: 1939-1940: Akademiestr. 75, Februar 1939 von Breisach zugezogen
Beruf: Kauffrau (Inhaberin einer Leder- und Schuhmacherbedarfsartikelhandlung)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Rosalie Geismar,
Erna und Hans-Jürgen Maier

Rosalie Geismar, geborene Uffenheimer, wurde am 31. August 1879 in Breisach als Tochter von Max Uffenheimer und Karoline, geborene Fröhlich, geboren. 1902 heiratete sie den gleichaltrigen Jakob Geismar, der ebenfalls aus Breisach stammte. Die Uffenheimers und Geismars waren alteingesessene Breisacher jüdische Familien. Das Paar wohnte inmitten der kleinen südbadischen Stadt in der Rheintorstraße 53. Am 29. Juni 1903 kam Tochter Erna zur Welt, zwei Jahre später am 2. März 1905 folgte Sohn Lothar. Jakob Geismar verstarb gerade einmal 33-jährig am 19. Mai 1912. Nun musste Rosalie Geismar auf sich allein gestellt für die dreiköpfige Familie sorgen. Ganz alleine besorgte sie einen Leder- und Schuhmacherbedarfshandel. Es war nur ein kleines Geschäft, mit dem die Familie kaum über die Runden kommen konnte, nicht einmal ein eigenes Konto bei der Breisacher Sparkasse oder ländlichen Genossenschaftsbank bestand. Doch Rosalie Geismar hatte großes Geschick und Improvisationstalent, auch Erzeugnisse aus dem eigenen Garten und aus eigenen Feldgrundstücken boten eine, wenn auch schmale, Basis zum Lebensunterhalt. Tochter Erna war fleißig und ehrgeizig und besuchte schließlich die Oberrealschule in Freiburg, Sohn Lothar absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. Während Lothar auch später ledig blieb, heiratete Erna früh, am 23. Dezember 1924 den 23-jährigen Julius Maier. Er war am 12. Dezember 1901 in Karlsruhe geboren, sein Leben war bis dahin unter viel glücklicheren Umständen verlaufen als das der Familie Geismar in Breisach. Er war der Sohn des Zigarrenfabrikanten Ludwig Maier und Helene, geborene Maier, und war in der Karlsruher Oststadt in gesicherten Verhältnissen aufgewachsen.
Das Ehepaar bezog eine schöne Wohnung in der Akademiestraße 75. Am 6. Juli 1929 kam ihr einziger Sohn Hans-Jürgen zur Welt. Julius Maier war ein ehrgeiziger und erfolgreicher Kaufmann, der seit 1921 eine eigene Import- und Exportfirma für Maschinen und chemische Artikel führte. 1929 liquidierte er diese Firma und spezialisierte sich ganz auf den Großhandel und die Vertretung von Firmen der Fahrradzubehörbranche und vertrieb auch Nähmaschinen. Der hauptamtliche Sekretär der jüdischen Gemeinde Friedrich Walter Abt beschrieb Julius Maier später als Mensch „mit gut bürgerlichem Zuschnitt. Ich möchte sagen, dass er jemand war, der gern Geld ausgab.“ Der Familie ging es finanziell sehr gut, sie konnte ihren Wohlstand auch in der Ausstattung ihrer Wohnung zeigen, mit wertvollen Perserteppichen, böhmischem Kristall und Meissner Porzellan, dem Chippendale-Buffet im Salon und Sesseln aus Safianleder und Walnussholz. Offensichtlich interessierte man sich auch für Kunst und Literatur, die Familie besaß zahlreiche Gemälde, darunter ein Ölgemälde von Hans Thoma und auch wertvolle Bücher, eine Hausbibliothek umfasste sechs Glasschränke. Ernas entbehrungsreiche Erfahrungen aus ihrer Jugendzeit schienen sich glücklich gewendet zu haben. Während es Julius Maier gelang, seinen Handel mit Nähmaschinenteilen, die er zum Teil selbst montierte und mit großen Gewinnspannen vertrieb, auf ganz Südwestdeutschland auszudehnen, war auch Erna Maier ehrgeizig und erfolgreich. Sie nutzte ihre Kenntnisse aus der mütterlichen Lederhandlung und wirkte zusammen mit ihrem Ehemann im Maschinengeschäft für die Lederindustrie. Dabei übernahm sie selbstständig die Vertretung für Ledermaschinen in Frankreich und in der Schweiz.
Doch die Eheleute Erna und Julius Maier hatten sich auseinander gelebt, in der Ehe gab es schwere Krisen und Erna Maier reichte die Scheidung ein. Eine rechtskräftige Scheidung scheint jedoch nie erfolgt zu sein. Erna Maier und Hans-Jürgen wohnten inzwischen in der Virchowstraße. Julius Maier wurde nach der Reichspogromnacht am 10. November 38 verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verbracht. Nach seiner Entlassung einige Wochen später betrieb er mit Hochdruck die Ausreise in die USA. Im April 1939 gelang ihm die Ausreise über Frankreich, am 1. Mai konnte er ein Schiff nach England besteigen und gelangte im Februar 1940 schließlich über Liverpool nach New York. Er hätte zu gerne Hans-Jürgen, der ihm vieles bedeutete, mit sich genommen, doch Erna Maier verweigerte dies. „Wo ich bin, ist der Junge“, schrieb sie. Die vom Vormundschaftsgericht benötigte Einwilligung zur Ausreise ihres Nochehemanns erteilte sie, „ich erkläre hiermit meine Einwilligung dazu, dass mein Ehemann Julius Israel Maier, Kaufmann, allein, also ohne mich in die Vereinigten Staaten von Nordamerika einreist.“ Auch seine noch mit ihm verheiratete Ehefrau Erna und Hans-Jürgen hatten zusammen mit Mutter Rosalie Geismar eigene Anträge auf Auswanderung in die USA laufen. Rosalie Geismar, bisher auch von ihrem Sohn Lothar unterstützt, war im Februar 1939 zu Tochter und Enkel nach Karlsruhe gezogen. Die ersehnten Reisepässe wurden tatsächlich ausgestellt, aber zur Ausreise in die USA kam es nicht, die Registriernummer 8.507 für alle drei war zu hoch und während des bangen Wartens um die Einreiseerlaubnis in die USA mussten die Reisepässe im Dezember 1939 verlängert werden. Tatsächlich erfolgte diese Verlängerung um ein Jahr. Aber die Ausreise gelang nicht mehr.
Am 22. Oktober 1940 wurden Rosalie Geismar, Erna und Hans-Jügen Maier wie alle Juden aus dem Südwesten Deutschlands in das Internierungslager Gurs in Südfrankeich deportiert. Dort, unter den unbeschreiblich schlechten Bedingungen, sollten sie bis zuletzt zubringen müssen. Der Sohn bzw. Bruder Lothar Geismar hatte es inzwischen nach Lissabon in Portugal geschafft, wo er sich auch wohnlich und beruflich eingerichtet hatte. Er war Hoffnungsanker der drei, aber auch Julius Maier scheint noch geholfen zu haben, die Ausreise trotz der widrigen Umstände mit Erna Maier und trotz des Krieges, noch gelingen zu lassen. Es scheint aber gar nichts weiter gegangen zu sein. Nicht einmal in eines der Lager wie Les Milles für die Männer und eines der „Hôtel“ in Marseille für Frauen sind sie gelangt, die nach der Deportation nach Gurs in diesen speziellen Lagern ausharren mussten, wenn sie nachweislich die Ausreise weiter verfolgen konnten. Rosalie Geismar scheint die Hoffnung bis zuletzt nicht aufgegeben zu haben, noch im Juli 1942 drückte sie in einem Brief an Sohn Lothar in Lissabon die Hoffnung aus, dass sie den folgenden Winter nicht abermals im schrecklichen Lager Gurs verbringen müssten. „Wenn wir in U.S.A. wären könnten wir alle Arbeit finden“ und sie hoffte auf „ein wieder geordnetes Leben.“ Hans-Jürgen war inzwischen 12 Jahre alt, die Umstände müssen ihn bedrückt haben, sein jungenhaftes Gemüt scheint er aber beibehalten zu haben, „sammle mir bitte Briefmarken, Gruß und Kuß, Dein Jürgen“ fügte er eigenhändig an den Schluss des Briefes der Großmutter. Im Lager Gurs feierte er im Sommer 1942 seine Bar-Mizwa.
Die Hoffnungen erfüllten sich nicht, alle drei mussten weiter im Lager Gurs verharren. Vom 5. August 1942 stammt der letzte Brief von Erna Maier an ihren Bruder in Lissabon. „Wir sind ganz verzweifelt“, schreibt sie, „heute müssen wir fort u. wissen nicht wohin… Wenn wir nur als auch was von Dir hören.“ An diesem Tag waren Rosalie Geismar, Erna und Hans-Jürgen Maier von Gurs in das große Sammellager Drancy bei Paris verbracht worden, wo in jenen Tagen mehrmals wöchentlich die Transporte in das Vernichtungslager Auschwitz abgingen. „Wir haben alles Pech von der Welt. Ich hoffe wir können bald wieder von uns hören lassen. Innigster Gruß und Küsse, Deine Erna“ waren die letzten Zeilen. Hans-Jürgen hatte hinzugefügt „Gruß und Kuß Jürgen“.
Von allen dreien wurde nie wieder etwas gehört. Am 10. August 1942 ging der Zug nach Auschwitz, in dem sich auch Rosalie Geismar, ihre Tochter Erna und Enkel Hans-Jürgen befanden. Von ihren letzten Lebensstunden ist nichts überliefert. Vermutlich wurden alle drei direkt bei der Ankunft in die Gaskammer geschickt und ermordet.
Über den Transport ist bekannt: Anzahl der Personen 1006. Die Mehrzahl des Transports bestand aus Frauen und Kindern. Nach der Selektion lieferte man 140 Männer und 100 Frauen als Häftlinge in das Lager ein. Die restlichen Personen wurden vergast.

Kurz nach dem mutmaßlichen Tod der drei, schreibt Julius Maier völlig ahnungslos aus New York an seien Schwager Lothar in Lissabon. „Lieber Lothar, keiner Deiner Briefe erreichte mich. Seit Juni 1942 bekam ich keine Nachricht mehr von Erna, obwohl am 28. Juli die Visa-Papiere anerkannt wurden und ich habe es nach Marseille telegraphieren lasen. Bitte lass es mich sofort wissen, wie es weitergeht…“
Julius Maier hatte wohl genehmigte Papiere, und auch Schifftickets für die Ausreise besorgt, die aber wohl nicht mehr rechtzeitig in Frankreich eingetroffen waren.
Julius Maier wurde in den USA ein erfolgreicher Anlageberater, er heiratete auch ein zweites Mal. Aber über den Tod seines geliebten Sohnes Hans-Jürgen kam er nie hinweg. Er starb mit nur 63 Jahren 1964 in New York. Seine zweite Ehefrau schrieb an die Behörden nach Deutschland: „Hans-Jürgen war 8 Tage nach seiner Bar-Mizwah vergast worden. Mein verstorbener Mann, Julius Maier, hatte seinen Sohn sehr geliebt… Ich weiß, dass sein Sohn der erste Sargnagel zu meines Mannes Sarg war!“

Lothar Geismar verblieb auch nach 1945 in Portugal in Lissabon.

(Miriam Boudin, Miriam Janssen, Elisabeth Aubrecht, Kira Zurell, 10. Klasse Fichte-Gymnasium, Juli 2007)