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Meta Fröhlich, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Meta Fröhlich

Nachname: Fröhlich
Vorname: Meta
Geburtsdatum: 6. Januar 1906
Geburtsort: Karlsruhe-Grötzingen (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Julius und Marie F.
Verwandtschaftsverhältnis: Schwester von Hilde Jenny
Adresse: bis 1927: Schultheiß-Kiefer-Str. (Mittelstr.) 5
Karl-Friedrich-Str. 26
Schule/Ausbildung: Volksschule
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
4.9.1942 von Gurs nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Meta Fröhlich

Meta Fröhlich
1906 -1942

„Wir werden ihr ein ehrendes Angedenken bewahren.“ Diese beliebte Nachruf-Formel klänge wie Hohn bei einem Menschen, von dem man kaum mehr weiß als den Namen, das Geburtsdatum und den schrecklichen Ort des Todes. Wie soll man eine Person sich vorstellen, die offenbar keine Spuren, nichts Bleibendes hinterlassen hat? Wir wollen versuchen, mithilfe der wenigen verfügbaren Daten wenigstens ihren Lebensweg nachzuzeichnen. Vor zehn, zwanzig Jahren wäre das leichter gewesen; es gab noch Nachbarn und - die Schülerlisten belegen es - Klassenkameradinnen von der Grötzinger Volksschule. Sie alle sind inzwischen gestorben; wir können nur noch papierene Zeugen befragen.

Die Fröhlichs waren eine alteingesessene Familie von Metzgern und Viehhändlern, die wir in Grötzingen über sechs Generationen zurückverfolgen können. Metas Urgroßvater Abraham Fröhlich muss gute Geschäfte gemacht haben, denn in ein und demselben Jahr 1873 konnten seine beiden Söhne jeweils ein ansehnliches Gehöft erwerben. Raphael, der jüngere, zog nach Durlach und verlegte seinen Viehhandel in den bisherigen Gasthof Zum Hirschen, direkt am damaligen Viehmarkt, dem heutigen Hengstplatz. Der ältere, Ferdinand, kaufte für 7.000 Gulden vom Sternenwirt Ludwig Kern dessen Anwesen in der damaligen Mittelstraße, heute Schultheiß-Kiefer-Straße 5 („Wensauer“), beschrieben als „zweistöckige Behausung, Scheuer, Stallung, Schweineställe, Brauhaus, Keller und Hofreithe“. Hier war Platz genug für den Viehhandel, aber auch für eine ganze Schar Kinder, darunter den Sohn Julius, der beim Einzug ein Jahr alt war. Julius wuchs also im Herzen Grötzingens auf, erlernte beim Vater den Viehhandel und bekam 1913, als der Vater 73 Jahre alt war, Haus und Geschäft überschrieben.

Julius hatte 1905 Marie Goldschmidt aus Emmendingen geheiratet, auch sie aus einer Metzgersfamilie stammend. Am 6. Juni 1906 wurde die Tochter Meta geboren, drei Jahre später ihre Schwester Hilde Jenny. Meta besuchte ab 1913 die Grötzinger Volksschule, dann die Mädchenbürgerschule in Durlach bis zum Ende der Schulpflichtzeit 1921. Anschließend wurde sie wohl im Haushalt der Eltern beschäftigt; in einem Bericht taucht einmal der Ausdruck „Haustochter“ auf. Eine ganz unbeschwerte Zeit war das sicher nicht, mit der Diffamierung der Juden im Weltkrieg, der Inflation und dem Rückgang des landwirtschaftlichen Anteils in dem Industriearbeiterdorf. Schließlich kam das Ende des traditionsreichen Grötzinger Viehhandelsgeschäftes: 1928 ließ Julius Fröhlich die Eintragung im Handelsregister löschen „wegen geringen Geschäftsumfangs“.

Der eigentliche Einschnitt im Leben der Familie lag schon ein Jahr zurück: 1927 verkauften die Fröhlichs das Anwesen in der Mittelstraße an den Kaufmann Friedrich Becker und verließen Grötzingen. Jetzt und immer wieder in den folgenden Jahren zeigte sich der hohe Wert des familiären Zusammenhalts. Um in Karlsruhe Fuß zu fassen, kam die Familie erst einmal bei Julius' ältestem Bruder David in der Durlacher Allee 21 unter. Zwei Jahre später fand sich ein Domizil in der Durlacher Allee 55. Aber das Problem, einen neuen Lebensunterhalt zu finden, wurde immer dringlicher. Julius betrieb weiter einen Viehhandel im Kleinen „von Stall zu Stall“, womit sich freilich wenig verdienen ließ. Es war absehbar, dass die Aufgabe, den Lebensunterhalt zu verdienen, bald an die Frauen übergehen müsste. Auch hier half wieder die Familie.
Marie Fröhlichs Vater, Leopold Goldschmidt, betrieb mit seiner Frau eine Metzgerei in Karlsruhe in der Zähringerstraße. 1931 gaben die Goldschmidts dieses Geschäft auf, pachteten einen schon länger bestehenden Metzgerladen in der Ritterstraße 2, Ecke Zirkel, und zogen dorthin - und mit ihnen die Fröhlichs, die im 1. Obergeschoss eine geräumige Wohnung bekamen. Marie Fröhlich fand nun ihr Betätigungsfeld in der Metzgerei, die sie bald in ein reines „Wurst- und Geflügelgeschäft“ umwandelte und nach dem Ausscheiden der Eltern unter ihrem Mädchennamen Marie Goldschmidt selbstständig weiterführte. Um Julius Fröhlich wurde es sehr still in dieser Zeit. Meta dagegen machte sich in zweifacher Weise nützlich: sie assistierte regelmäßig im Metzgerladen, und sie führte wohl hauptsächlich den gemeinsamen Haushalt.

So hatten die Fröhlichs eine Nische gefunden, in der offenbar auch in der nationalsozialistischen Ära zurechtzukommen war - bis zum 10. November 1938. Julius Fröhlich wurde zusammen mit den übrigen jüdischen Männern verhaftet. Dachau blieb ihm allerdings erspart; er wurde am nächsten Tag entlassen, weil er weit über der Altersgrenze von 60 Jahren lag. Das Geschäft aber war inzwischen zerstört, das große Schaufenster und die Schaukästen zertrümmert. Marie Fröhlich musste für die Reparatur fast 1.000 RM bezahlen - und dann die Metzgerei schließen. Meta und ihre Mutter waren also ohne Verdienstmöglichkeit. Der Vater durfte seinen Beruf seit einem Jahr sowieso nicht mehr ausüben; die Gewerbescheine jüdischer Viehhändler waren eingezogen worden. Dazu kam nun der Verlust der Wohnung. Im Zuge einer Art punktueller Ghettoisierung hatten Juden ihre Wohnungen in „arischen“ Häusern zu räumen und sich ein Domizil in einem Haus jüdischer Eigentümer zu suchen. Vorübergehend kam die Familie in der Hirschstraße 127 unter bei Ludwig Fröhlich, einem weiteren Bruder des Vaters. 1939 erfolgte der Umzug in die Karl-Friedrich-Straße 26, das Haus der jüdischen Familie Goldfarb. Es war ihr letzter Karlsruher Wohnsitz. Der Charakter einer angsterfüllten Schattenexistenz wird deutlich in der Aussage einer früheren Nachbarin, sie habe in jenem Haus am Rondell neben dem Kino „ab und zu jemanden von Fröhlichs aus dem Fenster schauen sehen“.

Zusammen wurden Meta Fröhlich und ihre Eltern am 22. Oktober 1940 beim großen Exodus der badischen Juden nach Gurs deportiert. Die Mutter überstand den zweiten schrecklichen Lagerwinter nicht: sie starb, 61-jährig, am 26. Dezember 1941. Julius Fröhlich, in einer Männerbaracke von Frau und Tochter getrennt, zeigte ein erstaunliches Durchhaltevermögen. Er wurde von einem Lager ins nächste verschoben, was ihn vielleicht gerettet hat, denn keines hatte einen so üblen Ruf wie Gurs. Als seine Frau starb, war er schon acht Monate im Camp de Milles (nahe der Rhone-Mündung) und verblieb dort noch bis 10. September 1942. Es folgten drei Wochen im Lager Rivesaltes, dann brachte ihn ein „Transport für Ältere, Invaliden und Unheilbare“ in das Lager von Nexon im Departement Haute-Vienne. Dort erlebte er die Befreiung. Die Jahre bis zu seinem Tod am 27. Juni 1952 konnte er, von Krankheit gezeichnet, in Bridgeport, Connecticut, bei seiner jüngeren Tochter Hilde Jenny Beitman verbringen, die 1939 in die USA emigriert war.

Und Meta? Die wenigen individuellen Züge, die wir für das Bild ihres Lebens finden konnten, lassen uns hier im Stich. Es bleibt die lückenhafte Buchführung der Vernichtungsmaschinerie: Verlegung in das Verschiebelager Drancy, am 4. September 1942 von dort Abtransport nach Auschwitz. Wir kennen die Alternativen, die dort auf sie warteten: sofortige Aussortierung zum Tod im Gas oder ein paar Wochen Zwischenfrist, um die letzten Lebenskräfte der Sechsunddreißigjährigen auszubeuten. Kein letzter Brief, kein Todesdatum, kein Grab. Keine Spur.

(Peter Güß, November 2007)