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Ein Foto von Hans Friedberg fehlt, überliefert ist allein seine Unterschrift

Personendaten

Dr. Ing. Hans Friedberg

Titel: Dr. Ing.
Nachname: Friedberg
Vorname: Hans
Geburtsdatum: 22. März 1898
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Dr. Max (1847-1907) und Bertha (geb. Marx, um 1850-1932) F.
Verwandtschaftsverhältnis: Bruder von Elisabeth, Frieda Driesen, geb. F., Johanna, Joachim und Dr. Leopold F.
Adresse: bis 1936: Kriegsstr. 122
Schule/Ausbildung: 1907/08: Humboldt-Realgymnasium
Technische Hochschule, Chemiestudium
Beruf: Ingenieur
Emigration: 1936 nach Frankreich (Frankreich) Paris
30.10.1942 in die Schweiz (unbekannt) illegal in die Schweiz, Genf; nach Frankreich zurückgeschickt worden
Deportation: 30.10.1942 nach versuchter Flucht in die Schweiz verhaftet und nach Rivesaltes (Frankreich)
25.3.1943 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbedatum: 25. März 1943
Sterbeort: Sobibor (Polen)

Biographie

Dr. Ing. Hans Friedberg

Die Biographie von Hans Friedberg zu schreiben, erwies sich als ungewöhnlich schwierig. Weiße Flecken in seinem Lebenslauf verblieben und trotz intensiver Suche nach einem Foto gelang es nicht, eines zu finden. Auch Kontakte zu seinen Neffen in Neuseeland führten zu keinem Erfolg. Somit muss man sich mit einer ziemlich kurzen Biographie bescheiden. Als persönlicher Wesenszug soll aber wenigstens seine Unterschrift wiedergegeben werden.

Hans Jakob Friedberg wurde am 22. März 1898 in Karlsruhe geboren. Er war der jüngste von sechs Kindern des Ehepaares Dr. Max Friedberg (1847- 1907) und Ehefrau Bertha, geb. Marx (1850 -1932). Vater Max, Sohn des Rabbiners Baruch Friedberg, war zeitweise Präsident der Jüdischen Landessynode und auch Stadtverordneter. Beruflich war er ein sehr angesehener Rechtsanwalt. Die Familie wohnte in der Kriegsstrasse 122, wo Max ein fünfstöckiges Wohnhaus errichten ließ. Hier wuchs auch Hans auf, zusammen mit seinen Geschwistern, doch sein Vater starb schon, als er erst neun Jahre alt war. Die Praxis des Vaters übernahm Dr. Wolff, der Ehemann von Johanna, der ältesten Schwester.

Hans besuchte das Realgymnasium Karlsruhe und ging dann aus unbekannten Gründen nach Weinheim, wo er 1916 am dortigen Realgymnasium (heute Werner-Heisenberg-Gymnasium) das Abitur ablegte. Er wohnte dort beim Hauptlehrer und Kantor Marx Maier. Unmittelbar nach dem Abitur wurde er zum Militär, zum Infanterie-Regiment 185 eingezogen und kämpfte von Pfingsten 1917 bis zum März 1918 an der Westfront (Flandern, Siegfriedstellung, usw.), war anschließend einige Zeit in einem Lazarett, dann bei einer Genesungskompanie in Konstanz. Im Januar 1919 wurde er aus dem Militärdienst entlassen.
Danach studierte er zwei Semester lang Medizin in Heidelberg, dann vier Semester Medizin, und zwei Semester Chemie in München. Im Wintersemester 1922/1923 schrieb er sich als Chemiestudent an der Technischen Hochschule Karlsruhe ein, wo er 1927 die Diplomprüfung bestand. Für seine Diplomarbeit erhielt er die Note „gut“. Danach schrieb er bei Professor E. Elöd seine Doktorarbeit über „Versuche und theoretische Betrachtungen zur Verbesserung des Ledergerbens mit Chromverbindungen“. Die mündliche Prüfung fand am 19. Oktober 1929 statt. Ko-Referent neben Professor Elöd war Professor P. Askenasy. Die Promotions-Urkunde wurde ihm am 13. November 1929 übergeben.

Nach Aussagen seiner Neffen scheint Hans ein preisgekrönter Kletterer gewesen zu sein. Im Alpenverein Karlsruhe wird er von 1921-1926 als Mitglied geführt. Ob er wie sein Vater Max und sein Bruder Leopold in einer schlagenden Studentenverbindung war, ließ sich nicht feststellen.

Welcher Tätigkeit er dann nachging, ist ebenfalls nicht bekannt. Er soll 1932 als Chemiker in Berlin gearbeitet haben, doch taucht sein Name nicht in den Adressbüchern aus jenen Jahren auf. Auch Mitglied der Deutschen Chemischen Gesellschaft war er nicht.
1936 fuhr er nach Paris und lebte dort in der Nähe in St. Cloud bei seiner Schwester Frieda, die mit dem Bankier Wilhelm Driesen verheiratet war. Was er dort tat, konnte nicht festgestellt werden. 1939 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen und 1940 der Doktortitel, da er „des Tragens eines deutschen Titels unwürdig“ sei. Wie aus Unterlagen der „Klarsfeld-Foundation“ hervorgeht, wohnte er zuletzt in der Rue Claude Bernard im 5. Arrondissement.

Im März 1943, in der Zeit um seinen 45. Geburtstag herum, wurde er verhaftet und in das Lager Drancy bei Paris gebracht. Am 25. März verließ Hans Friedberg mit Transport Nr. 53 das Lager, zusammen mit etwa 1000 Juden verschiedener Nationalität, Männer, Frauen und auch 119 Kinder. Auf der Fahrt nach Sobibor in Polen gelang drei Deportierten die Flucht. Bei der Ankunft wurden fünfzehn arbeitsfähige Männer aussortiert, der Rest sofort vergast. Zwei der arbeitsfähigen Männer gelang es, während des Häftlings-Aufstands von Sobibor zu entkommen und das Kriegsende zu überleben, ebenso wie den drei, während der Fahrt geflohenen Häftlingen. Es waren die einzigen Überlebenden dieses Transports.


Diese Biographie soll zum Anlass genommen werden, eines anderen Opfers dieser Familie zu gedenken. Es handelt sich um Frieda Friedberg, eine ältere Schwester von Hans. Sie wurde am 23. September 1883 in Karlsruhe geboren, heiratete 1903 den Bankier Wilhelm Driesen und lebte danach zunächst in Belgien. 1916 ging sie nach Frankreich und wohnte nachweislich 1932 und 1936 in St. Cloud bei Paris. Dort beherbergte sie auch ihren Bruder Hans. Eine nächste Spur findet sich in Marseille, wo sie im Mai 1943 in einem Hotel in der Rue Pisancon (heute Hotel Saint-Ferreol) wohnte. Dort wurde sie verhaftet und am 23. Juni 1943 zusammen mit 1.017 weiteren Opfern über das Lager Drancy mit Transport Nr. 55 nach Auschwitz deportiert. Bei der Ankunft wurden 518 Häftlinge sofort vergast, darunter alle Kinder und vermutlich auch alle älteren Personen, wie Frieda Driesen. Von den restlichen Häftlingen überlebten 86 das Kriegsende.
Auch Frieda Driesen, geb. Friedberg, verdient, nicht ganz vergessen zu werden.

(Richard Lesser, Dezember 2005)

Nachtrag, Januar 2009:
Die Schweizer Historikerin Ruth Fivaz-Silbermann konnte aus Unterlagen im Genfer Staatsarchiv weitere Stationen im Leben von Hans Friedberg ausfindig machen:
So muss er spätestens im Sommer 1942 aus Paris in den unbesetzten Teil Frankreichs gelangt sein. Vermutlich ging er mit seiner Schwester ebenfalls nach Marseille. Von dort aus jedenfalls, versuchte er auf eigene Faust in die Schweiz zu flüchten. Am 30. Oktober 1942 wurde er dabei an der Grenze bei Genf von Schweizer Behörden aufgegriffen und unmittelbar wieder nach Frankreich abgeschoben. Dort wurde er von der Gendarmerie Thonon verhaftet und am 2. November 1942 in das Lager Rivesaltes überstellt. Wahrscheinlich wurde er bei dessen Auflösung nur drei Wochen später in ein anderes Lager überführt. Die dazu in französischen Archiven befindlichen Unterlagen, konnten nicht berücksichtigt werden. Gesichert ist der Transport von Hans Friedberg in das Vernichtungslager Sobibor, der am 25. März 1943 aus dem Sammellager Drancy bei Paris abging.