Personendaten

Moses Moritz Hochherr

Nachname: Hochherr
Vorname: Moses Moritz
Geburtsdatum: 31. Januar 1867
Geburtsort: Berwangen (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Levi und Hanna, geb Kahn, H.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Marie H.;

Vater von Irma Billigheimer, geb. H., Siegbert (1913-1931 und Hetty (1908-1910;

Bruder von David (?-1901), Salomon (1865-1901), Bernhard (1877-1942), Fedinand (1873-1943) und Zilli (1878-1887);

Vater von Irma Billigheimer, geb. H.
Adresse: Kapellenstr. 72, 1938 von Eppingen zugezogen
Beruf: Kaufmann, Tabakwarenhändler (Rohtabakhändler)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.3.1941 nach Rivesaltes (Frankreich)
Sterbedatum: 3. Juli 1941
Sterbeort: Rivesaltes (Frankreich)

Biographie

Moritz Moses Hochherr

Moritz Moses Hochherr wurde am 31. Januar 1867 um 8 Uhr morgens in Berwangen (heute Gemeinde Kirchardt, Kraichgau) als drittes Kind von Levi Hochherr (1838-1917) und seiner Ehefrau Hanna, geborene Kahn (1841-1913) geboren. Die Geburtsurkunde ist auf den Namen Moses Hochherr ausgestellt, doch bereits im Schulabschlusszeugnis läuft er unter "Moritz" Hochherr. Sein Vater war Kaufmann und handelte mit Tabak und Getreide. Die Familie wohnte in der Ortsmitte von Berwangen in der Höhenstraße 1.

Wie es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bedingt durch die nachlassende Neugeborenensterblichkeit bei gleichzeitig anhaltend hoher Geburtenzahl häufig war, war die Familie sehr kinderreich. Moritz Hochherr hatte insgesamt elf Geschwister, einen älteren Bruder - Salomon - und neun jüngere Geschwister, von denen drei - Jakob, Samuel und Zilli - allerdings im Kindesalter starben: Jakob und Samuel als Kleinkinder, Zilli im Alter von neun Jahren.

1881 schloss Moritz Hochherr die Volksschule ab. Er war ein guter Schüler, sein Abschlusszeugnis enthielt fast nur sehr gute und gute Noten, allein in Fleiß und Religion waren seine Leistungen mittelmäßig (in Berwangen gab es jüdischen Religionsunterricht zu dieser Zeit). Nach der Schule begann er, im väterlichen Betrieb mitzuarbeiten.

Am 8. März 1900 heiratete Moritz Hochherr die in Mannheim geborene Maria Kahn. In diesem Jahr übernahm er auch die Getreide- und Tabakhandlung seines Vaters - sein älterer Bruder Salomon war nach Eppingen gezogen und hatte dort einen Handel mit Landwirtschaftsprodukten eröffnet. Moritz Hochherr blieb mit seiner Frau im Elternhaus wohnen, in dem auch Levi und Hanna Hochherr weiterhin lebten. Im Folgejahr, am 27. April 1901, kam Tochter Irma zur Welt.

Im selben Jahr wurde die Familie Hochherr von gleich zwei Schicksalsschlägen getroffen: sowohl Moritz' älterer Bruder Salomon als auch der jüngere Bruder David kamen in diesem Jahr ums Leben, der eine im Alter von sechsunddreißig, der andere mit vierundzwanzig Jahren.

Moritz Hochherrs übrige Geschwister verließen Berwangen nach und nach. Fast alle Söhne der Familie stiegen, dem Beispiel ihres Vaters folgend, in den Tabakhandel oder die Tabakverarbeitung ein, Schwester Sarah heiratete einen Zigarrenfabrikanten (gemäß anderer Quelle einen Gast- und Landwirt) aus Schluchtern, Schwester Nathalie einen Augsburger Viehhändler. Bruder Gustav eröffnete zusammen mit seinem Schwiegersohn Arthur Weil einen Tabakhandel in Eppingen. Bernhard und Ferdinand gründeten in Massenbachhausen eine Zigarrenfabrik, die rasch expandierte und bald Filialen im ganzen Kraichgau besaß. Nachdem Bernhard aus dem Unternehmen ausgestiegen war und stattdessen der jüngste Bruder Simon seinen Platz eingenommen hatte, verlegten die Brüder den Firmensitz zunächst nach Bruchsal und dann nach Heidelberg, wo die "B. Hochherr GmbH" eines der größten tabakverarbeitenden Unternehmen darstellte.

1908 bekamen Moritz und Maria Hochherr eine weitere Tochter namens Hetty, die aber schon im Alter von zwei Jahren starb.

1912 verlegte Moritz Hochherr den Firmensitz nach Eppingen, vermutlich aus praktischen Gründen - er besaß hier zusammen mit seinem Bruder Gustav ein Lagerhaus, das direkt an der Eisenbahnlinie lag. Er spezialisierte sich nun auf den Handel mit Tabak und belieferte die Zigarrenfabriken seiner Brüder. In Eppingen wohnte die Familie zunächst in einer Vier-Zimmer-Mietwohnung in der Bahnhofstraße 32/34 gegenüber der Volksbank. Sein Geschäft betrieb Moritz Hochherr von Zuhause aus, Geschäftsräume im eigentlichen Sinn gab es außer dem Lagerhaus am Bahnhof keine. Insgesamt war es ein kleiner Betrieb; Moritz Hochherr beschäftigte ein paar Lagerarbeiter (die Angaben schwanken zwischen drei und zehn), die meisten von ihnen wohl nur während der Erntesaison. Die Verwaltungsarbeit erledigte er offenbar komplett selbst. Immerhin besaß er bereits in den 1920er Jahren ein Telefon.

Am 17. Oktober 1913 brachte Maria Hochherr ein weiteres Kind zur Welt, einen Jungen namens Siegbert.

Während des Ersten Weltkriegs stellte Moritz Hochherr seinen Handel größtenteils auf Nahrungsmittel um, trocknete zum Beispiel Sellerie für die Versorgung des Militärs und kaufte Kastanien zur Verwertung an. Nach dem Krieg handelte er aber wieder in erster Linie mit Tabak.

1917 starb Levi Hochherr. Moritz erbte zusammen mit seiner Frau das Elternhaus, blieb aber in Eppingen wohnen, obwohl er dort weiterhin nur eine Mietswohnung hatte. Das dürfte vor allem betriebswirtschaftliche Gründe gehabt haben; Eppingen war verkehrsgünstig direkt an der Bahnlinie nach Heilbronn, Karlsruhe und Heidelberg gelegen. Das Elternhaus stand einige Jahre leer, bevor Moritz dazu überging, es in einzelne Wohnungen aufzuteilen und zu vermieten. Allerdings nutzte er die Scheune neben dem Haus auch als Tabaklager.

Etwa 1925 zogen Moritz und Maria Hochherr in eine andere Wohnung, die im 3. Stockwerk des Postgebäudes gelegen war. Zwei Jahre später, am 23. Juni 1927, kam es zu einem Großbrand im Lagerhaus am Bahnhof, der offenbar einen erheblichen finanziellen Schaden verursachte. Gustav Hochherr verlegte seinen Firmensitz daraufhin zu den Brüdern nach Heidelberg, während Moritz weiterhin in Eppingen blieb.

Am 3. Januar 1927 heiratete Tochter Irma den Karlsruher Handelsvertreter Kurt Julius Billigheimer. Wenige Jahre später traf die Familie ein weiterer Schicksalsschlag: Am 10. September 1931 starb Sohn Siegbert, der zu dieser Zeit offenbar eine Kaufmannslehre in Karlsruhe machte, an einer inneren Blutung. Er wurde in Berwangen auf dem jüdischen Friedhof beerdigt.

Ab 1933 sorgten die Boykottbestrebungen der Nationalsozialisten dafür, dass die Einnahmen aus Moritz Hochherrs Geschäft immer mehr zurückgingen, bis schließlich am 25. März 1938 der Eintrag im Handelsregister gelöscht wurde, da das Unternehmen nur noch geringfügige Umsätze machte. Nachdem sie in Eppingen massiven Anfeindungen durch die Nationalsozialisten ausgesetzt waren, zogen Moritz und Maria Hochherr am 31. August 1938 nach Karlsruhe in die Kapellenstr. 72, wo die beiden Töchter von Bernhard Hochherr, Ilka und Hilda Hess, wohnten.

In der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 wurde Moritz Hochherr wie viele andere Juden auch verhaftet, nach einem Tag aber wieder auf freien Fuß gesetzt. In der Folgezeit verschärften sich seine finanziellen Schwierigkeiten; sein Handelsunternehmen erbrachte keinen Gewinn mehr und die Mietzahlungen von seinem Haus in Berwangen blieben aus. Außerdem mussten alle Juden nach der Reichspogromnacht eine sogenannte "Sühneabgabe" errichten. Auch die Familie Hochherr hatte daher laut späterer Aussage von Maria Hochherr die sogenannte "Judenvermögensabgabe" zu bezahlen (die zuständigen Behörden bestritten später eine solche Zahlung aber). Die finanzielle Situation war so prekär, dass Moritz Hochherr nicht mehr in der Lage war, die Grundsteuer für sein Haus in Berwangen zu bezahlen und dass er eine Reihe von persönlichen Wertgegenständen der Städtischen Sparkasse überlassen musste. Auf Antrag des Berwanger Bürgermeisters beim Landrat wurde er im Einklang mit der "Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens" gezwungen, den Garten seines Hauses in Berwangen an einen ehemaligen Nachbarn zu verkaufen.

Am 22. Oktober 1940 wurden Moritz und Marie Hochherr nach Gurs deportiert. Auch seine Tochter, sein Schwiegersohn und die beiden Enkeltöchter – Irma und Julius Kurt Billigheimer mit Hannelore und Ingrid – waren unter den Deportierten. In Gurs blieb die Familie bis zum 10. März 1941, bis sie in das Lager Rivesaltes transportiert wurden. Aufgrund der miserablen Lebensbedingungen in den Lagern verschlechterte sich Moritz Hochherrs Gesundheitszustand, so dass er schließlich am 3. Juli 1941 im Lager Rivesaltes starb. Seine Tochter und deren Familie wurden nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurden, einschließlich der beiden Enkeltöchter Hannelore und Ingrid, die zu diesem Zeitpunkt zwölf und vierzehn Jahre alt waren.

Alle sechs zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Geschwister von Moritz Hochherr fielen dem Holocaust zum Opfer. Bruder Simon wurde mit seiner Tochter Lieselotte, seinem Sohn Heinrich, dessen Frau Margot und deren dreijähriger Tochter Susanne in Auschwitz ermordet, die Schwester Sarah Kirchhausen mit ihren Töchtern Cäcilie und Sally. Die Brüder Gustav, Bernhard und Ferdinand und die Schwester Nathalie Thanhauser kamen in verschiedenen KZs und Internierungslagern um. Daneben wurden die Nichte Irma Bauer - die Tochter des Bruders Salomon - mit ihrem Mann und die Frau von Bruder Gustav in Auschwitz ermordet.

Irma Bauers Sohn Werner sowie Sarah Kirchhausens Töchter Nathalie und Bertha wurden in anderen Ghettos und Tötungseinrichtungen umgebracht. Den Kindern von Gustav, Bernhard, Ferdinand und Nathalie Thanhauser, vier Kindern von Sarah Kirchhausen sowie fünf weiteren Kindern von Irma Bauer gelang die Flucht in die Schweiz oder nach Amerika.

Maria Hochherr wurde am 26. November 1942 zurück nach Gurs gebracht und dann am 24. März 1943 ins Lager von Masseube. Dort überlebte sie bis zur Befreiung des Lagers durch die Alliierten am 31. August 1944. Sie musste aber noch über ein Jahr in dem in ein „Auffanglager“ umgewandelten Lager von Masseube bleiben, bevor sie am 15. November 1945 entlassen wurde. Sie zog daraufhin zu ihrer Nichte nach New York, wo sie am 3. November 1964 starb.

Nach der Deportation fiel der Grundbesitz von Moritz Hochherr in Berwangen und Kirchardt an das Reich; für die Verwaltung war zunächst das Polizeipräsidium Karlsruhe, Abteilung Jüdische Vermögen, danach das Finanzamt Karlsruhe Stadt zuständig. Sein Haus in Berwangen wurde inklusive Tabaklagergebäude auf 16.900 Reichsmark geschätzt. Einen Großteil seines Grundbesitzes kaufte sein Nachbar Jakob Gerhard auf. Maria Hochherr führte nach dem Krieg eine Reihe von Prozessen gegen das Land Baden-Württemberg, in denen sie versuchte, eine Rückerstattung ihres Besitzes zu erreichen, was ihr allerdings nur zum Teil gelang.

Auf Moritz Hochherrs ehemaligem Grundstück in Berwangen steht heute das Gebäude der Raiffeisenbank, das Haus selbst wurde im Zuge der Straßenerweiterung 1974 abgebrochen.

(Katja Klink, Oktober 2019)


Quellen und Literatur:

Generallandesarchiv: 480/14400;
Petra Schön: Familie Hochherr, in: Michael Heitz u. Bernd Röcker, Jüdische Persönlichkeiten im Kraichgau, Ubstadt-Weiher 2013, S. 133-139;
Gemeindearchive Berwangen und Eppingen;
Karl-Heinz Vetter hat umfangreiche genealogische Rechercheergebnisse zur Familie Hochherr zur Verfügung gestellt. Dafür gebührt ihm großer Dank.