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Klara Katz, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Clara Katz (Klara)

Nachname: Katz
geborene: Stern
Vorname: Clara
abweichender Vorname: Klara
Geburtsdatum: 24. Dezember 1901
Geburtsort: Ober-Breidenbach/Alsfeld (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Eltern: Hertz und Blümchen, geb. Nathan., St.
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Siegfried K.;

Mutter von Günther Norbert;

Schwester von Moritz, Halbschwester von Adolf und Markus
Adresse: Karl-Friedrich-Str. 16
Schule/Ausbildung: Volksschule
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
später nach Rivesaltes (Frankreich)
14.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Die Geschwister Stern und ihre Familien

Am 10. November 1938 in der Frühe zerstörten organisierte Nazi-Terroristen die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft „Adass Jeschurun“ in der Karlsruher Karl-Friedrich-Straße 16 mit großen Mengen Benzin und Feuer. Zu den Leidtragenden zählten zwei Brüder, die am Leben der Gemeinde großen Anteil nahmen: Adolf und Markus Stern. Die Brüder waren aus Ober-Breidenbach, einem Dorf bei Alsfeld am nordhessischen Vogelsberg, gebürtig. Juden gab es in jener Gegend mindestens seit dem frühen 17. Jahrhundert. Die Sterns zählten zum orthodoxen Judentum, zur Synagogengemeinde im nahe gelegenen Romrod. In den 1920er und 30er Jahren verließen sie und ihre Geschwister die ländliche Heimat und übersiedelten in Großstädte, vier von ihnen kamen nach Karlsruhe.

Der Bankangestellte Markus Stern trug bereits etliche Jahre Verantwortung in der orthodoxen Austrittsgemeinde. Mit seiner Familie wohnte er in der Amalienstraße 67.
Sein Bruder Adolf Stern war erst seit kurzem Hausverwalter und Hausmeister des Anwesens Karl-Friedrich-Straße 16, das aus einem dreistöckigen Vorderhaus, der Synagoge im Hof und kleinen Nebengebäuden bestand. Adolfs Frau Klara arbeitete im Israelitischen Kindergarten im Vorderhaus; wo sich auch die Wohnung des Ehepaars mit ihrer Tochter Margot befand, sowie die Wohnung von Rabbiner Dr. Michalski mit seiner Frau Bella.

Vater Hertz (Naftali) Stern, geboren 1855 in Angenrod (heute Alsfeld), Sohn des Marcus und der Fanni, geborene Katz, war Handelsmann. Aus zwei Ehen gingen acht Kinder hervor: In den 1880er Jahren heirateten Hertz und Janchen (Marianne) Nathan, geboren am 22. Oktober 1857 in Roth bei Weimar/Lahn, Tochter von Baruch Nathan und Gindel, geborene Stern; am 2. November 1888 kam Rosa zur Welt. Am 13. April 18911 wurde Adolf (Ascher) geboren. Am 19. Juli 1895 folgte Markus (Mordechai), am 16. Juni 1897 Marim (Meir). Am nächsten Tag, am 17. Juni 1897 starb Janchen Stern 39-jährig, im Kindbett.
Der Witwer mit vier kleinen Kindern heiratete nun im Juli 1898 erneut und zwar Blümchen Nathan, geboren am 4. Januar 1864 im mittelhessischen Lohra, Tochter von Salomon Nathan und Bertha, geborene Hirsch. Am 27. Februar 1899 wurde Selma geboren, am 24. Oktober 1900 Moritz (Moses). Am 24. Dezember 1901 kam Clara zur Welt. Das jüngste Kind war Siegfried, geboren am 21. November 1909.

Markus Stern ist als erster unter den Geschwistern nach Karlsruhe zugezogen, weil er hier eine neue Stelle antrat. Da er mitsamt Familie überlebt hat, gibt es relativ viele Dokumente aus seinem Leben.

Markus Mordechai2 kam am 19. Juli 1895 als drittes Kind von Hertz und Janchen Stern in Ober-Breidenbach zur Welt. Bevor er zwei Jahre alt war, starb die Mutter. So wurde Markus von Stiefmutter Blümchen groß gezogen. Von 1906 bis 1912 besuchte er die Realschule in Marburg, dann absolvierte er bis 1915 eine Ausbildung, vermutlich als Bankkaufmann. Im Ersten Weltkrieg diente er von 1915 bis 1918 als Jäger in der Infanterie. Von 1919 bis 1921 arbeitete er bei einer Bank in Halberstadt, 1922 in Gießen. 1922 heirateten in Würzburg Markus Stern und Sara Sofie geborene Hofmann, geboren am 6. November 19013 im unterfränkischen Thüngen, Tochter von Josef Hofmann und Therese (Malka), geborene Laubheimer. Sofie hatte sechs Geschwister.4 Eine ältere, ledige Schwester, Fanny Hofmann, geboren am 22. November 1895 ebenfalls in Thüngen, kam mit den Sterns 1922/23 nach Karlsruhe, wo Markus Stern beim Bankhaus Ellern in der Kaiserstraße 160-162 die Arbeit aufnahm.
Bis 1939 war Markus Stern „Bankbeamter“ bei der Ellern-Bank, die letzten Jahre als Einzelprokurist. Die Wohnung war zunächst in der Nowackanlage, dann viele Jahre im Gebäude der Bank in der Kaiserstraße 160, zuletzt in der Amalienstraße 67 im 2. Obergeschoss.

Ehepaar Stern hatte drei Kinder: Martha (Mirjam), geboren 1925, später verheiratete Gluskinos; Trude (Tirza Rejsel), Jahrgang 1926, später verheiratete Beifus und Bruno Baruch Stern, geboren 1927. Bei allen dreien machten die Eltern im orthodoxen Wochenblatt „Der Israelit“ hocherfreut die „glückliche Geburt einer gesunden Tochter/eines gesunden Jungen“ bekannt. Alle drei gingen in Karlsruhe zur Schule, ab 1936/37 in die Jüdische Schule in der Markgrafenstraße und waren in der Jugendgruppe Esra/Pirche Agudas Jisroel aktiv.
„Auf dem Schulweg, zum Beispiel zum Religionsunterricht […] nachmittags, da haben uns oft Kinder angefallen, die gewusst haben, da sind immer Gruppen von jüdischen Kindern“, so berichtete später Tirza Beifus geborene Stern. Es gab aber auch gute nachbarschaftliche Beziehungen: „Wir haben im Haus [Amalienstraße 67] eine Katholikin gehabt, die hat uns am Sabbat ein Feuer angemacht […] und hat uns unsere Zöpfe gebürstet“.
Ab 1933 übernahm Markus Stern in der Bank eine Leitungsfunktion, da Direktor Hermann Ellern mit Familie dank frühzeitiger Aliyah bereits in Palästina war. Dort konnte die „Ellern's Bank“ in Tel Aviv fortgeführt werden. Diese Investmentbank war vor allem im Import von Maschinen aus Deutschland für den Aufbau des Landes im Sinne des Ha'avara-Abkommens vom August 1933 tätig.

Markus Stern war durchaus eine bekannte Persönlichkeit in Karlsruhe und daher offenbar nach 1933 antisemitischen Angriffen ausgesetzt. Die mit den Sterns befreundete, nicht-jüdische Schauspielerin Lola Ervig berichtete später, sie habe Markus Stern in jenen Jahren auf der Kaiserstraße getroffen. Nach kurzer Begrüßung ermahnte er sie: „Fräulein Ervig, gehen Sie bitte auf die andere Straßenseite, es schadet Ihnen, wenn man Sie mit mir sieht.“5

Markus Stern trug Verantwortung in der orthodoxen Interessenvertretung Agudas Jisroel, im Hilfsfonds Keren Hatorah und gehörte zur Prominenz der Synagoge Karl-Friedrich-Straße, wie in den Erinnerungen von Anni Rephun-Fruchter6 deutlich wird:

Looking down from the women's gallery, I saw Papa and my brothers standing near the entrance. Immediately, Mr. Elias Krotowsky, who [...] served as gabbai here, walked over to seat them. For a moment, he spoke to Papa and then walked over to Dr. Wilhelm Weill and Mr. Stern, spoke to them, and then returned to Papa. I felt suffused with happiness. Papa would get an aliya! The service began as Mr. Altmann's lyrical tenor filled the shul. Now I needed to concentrate on my prayers. We had a lot to pray for after two years of Nazi rule.
When the Torah reading started, it was so quiet you could hear a pin drop. How proud I was of Papa, his quick stride to the bima after the call for Menachem Mendel haLevi, how he pronounced the brochos the way the German-born Jews did [...].
When the service was concluded, I did not go to the children's Kiddush in the Chinuch Library as usual, but stayed in the gallery to watch Papa and Sholom being greeted by Mr. Stern of Bankhaus Ellern, the Altmann brothers, and Rabbi Dr. Abraham Michalski shaking hands with Papa, smiling at and talking to [my brother] Sholom.

1937 machte Markus Stern Untersuchungshaft und Verhöre durch, z.T. bei der Gestapo, unter dem Vorwurf des illegalen Devisenhandels. Das Verfahren gegen Emanuel Forchheimer, Schwager von Hermann Ellern, in dem Markus Stern mitangeklagt war, kam im März 1939 zum Abschluss – es hatte offensichtlich keine Grundlage.

In einem Antrag auf Entschädigung schilderte Markus Stern später, wie er auf dem Weg zur Synagoge am 10. November morgens verhaftet und am selben Tag mit vielen anderen jüdischen Männern in das KZ Dachau verschleppt worden war. Markus Stern war dort inhaftiert bis 29. November 1938. Auch die Ellern-Bank wurde beim Pogrom demoliert.7 Am 1. März 1939 verlor er schließlich seine Stellung, da das Bankgeschäft auf Betreiben der Nazis „liquidiert“ wurde.

Hermann und Bessi Ellern unterstützten die Sterns von Palästina aus, daher konnte Familie Stern mit einem „Permit“ nach England ausreisen, um dort von März bis Dezember 1939 auf das Zertifikat für das Mandatsgebiet Palästina zu warten. Vor der Abreise nach England besuchte Markus noch die Gräber der Eltern;8 der Vater war 1931 verstorben, die Stiefmutter ebenfalls vor der Hitlerzeit.

Die Möbel aus der Karlsruher Wohnung konnten über Italien nach Palästina nachgeschickt werden. Am 1. Februar 1940 begann Markus Stern bei der Ellern's Bank in Tel Aviv – das bedeutete ein Auskommen, aber keinen Wohlstand. Rabbiner Michalski und Kantor Rabinowitz leiteten in derselben Stadt, in der Gnessin St., die kleine „deutsche“ Gemeinde Adat Yeshurun, der sich auch die Sterns anschlossen.

1955 verfasste Markus Stern in Yadvashem Gedenkblätter für zahlreiche, in Europa unter den Nazis umgekommene Angehörige. 1956 erlitt er einen Schlaganfall und war fortan gelähmt und pflegebedürftig. Am 17. November 1966 ist Markus Stern in Petach Tikwa verstorben, sein Grab befindet sich auf dem Friedhof Nahalat Yitzhak in Givatayim. Auf dem Grabstein steht auf Hebräisch: „Markus Stern [...] aus Karlsruhe“ und der Ehrentitel für einen in der talmudisch-rabbinischen Wissenschaft besonders Kundigen, „he-Chawer“.9 Die Witwe Sofie Stern lebte bis 1974 und ist auf dem selben Friedhof begraben.

Die drei Stern-Kinder sind mittlerweile verstorben. Auch in der Grabinschrift für die 2010 verstorbene Tirza Beifus auf dem Segula Friedhof in Petach Tikwa wird ihres Vaters als „Chawer“ Mordechai Stern z''l gedacht. Die Verstorbene selbst, „vornehm an guten Eigenschaften, herzensklug und tapfer im Geiste, stand jahrzehntelang ihrem Ehemann Rabbi Aharon ha-Cohen Beifus in der Leitung der Gemeinde Mekor Chayim zur Seite“.


Adolf Stern und Klara geb. Geiss
Geboren wurde Adolf (Ascher) Stern am 13. April 189110 als zweitältestes Kind von Hertz Naftali und Janchen Stern in Ober-Breidenbach. Adolfs Mutter starb, als er sechs Jahre alt war, so dass er fortan von der Stiefmutter Blümchen erzogen wurde. Über Schule, Kriegsdienst und Ausbildung war nichts zu erfahren. 1921 heiratete er Klara, geborene Geiss,11 geboren am 12. Juni 1891 in Mardorf, heute Amöneburg im Kreis Marburg-Biedenkopf. Sie war eine Tochter von Salomon Geiss und Bertha, geborene Schaumberg.

Das Ehepaar Stern hatte eine Tochter, Marianne Margot, geboren am 21. Januar 1923 in Gießen, benannt nach der verstorbenen Großmutter väterlicherseits („Janchen“). Klaras Eltern verstarben Ende der 1920er Jahre in Mardorf.

Die Sterns führten einen gutgehenden Manufakturwarenladen in der Hauptstraße in Romrod, mit Stoffen, Wäsche und Kurzwaren. Schon 1933 war das Geschäft allerdings Objekt von Boykottangriffen und wurde von Nazi-Wachposten belagert, mehrfach warfen Antisemiten ihnen die Schaufenster ein.

Adolf Stern hatte seit den 1920er Jahren das Amt des 2. Vorsitzenden der Israelitischen Gemeinde Romrod inne. Mitte der 1930er Jahre gab es in Oberhessen noch ein zahlenmäßig recht starkes Landjudentum, das mit fast 4.000 Personen 1,3 % der Gesamtbevölkerung ausmachte.12 Dabei hatte die Umzugswelle in Richtung der Großstädte längst begonnen. 1935 lebten nur noch vier jüdische Familien in Romrod und Nachbarorten, nicht genug für das Gebetsquorum, genannt Minyan. Daher löste sich die Gemeinde im September 1935 mit Genehmigung des zuständigen Rabbiners auf. Am 5. Oktober 1935 wurde die kleine, aus einem bäuerlichen Wohnhaus des 18. Jahrhunderts umgebaute Synagoge verkauft.13 Die Verkaufsurkunde trägt neben zwei anderen Namen die Unterschrift von Adolf Stern. So hat die ehemalige Romröder Synagoge als eine von ganz wenigen in Deutschland Pogromnacht und Krieg intakt überstanden. Teile der klassizistischen Einrichtung, wie z.B. die Frauenempore, sind bis heute erhalten.14

In der Großstadt Karlsruhe lebten damals bereits Markus Stern und Familie. Hierher zogen nun auch im Herbst 1935 Adolf und Klara mit ihrer Tochter. Sie lebten zunächst vom dahinschwindenden Vermögen, wohl aus dem Verkauf ihres Hauses in Romrod und wohnten anfangs im Haus der Ellern-Bank, Kaiserstraße 160. Wie sein Bruder Markus war Adolf Stern Mitglied in der orthodoxen Krankenhilfe- und Beerdigungsbruderschaft Chevra Kadischa, ein Ehrenamt im wahrsten Sinne des Wortes. Ohne Zweifel hat er sein Leben lang eine intensive jüdische Bildung gepflegt. Er begann offenbar erst 1938 die Tätigkeit als Synagogen-Hausverwalter bzw. -Hausmeister, nachdem er vergeblich versucht hatte, sich in Karlsruhe nochmals eine neue Existenz aufzubauen. (Zahlreiche behördlich sanktionierte Schikanen erschwerten es allen Juden damals, ihren Lebensunterhalt zu sichern).

Adolf Sterns Anstellung in der Austrittsgemeinde endete gezwungenermaßen nach dem Pogrom vom November 1938; vermutlich kümmerte er sich danach weiter um das unzerstörte Vorderhaus. Die Synagogenruine musste noch im Dezember auf Gemeindekosten abgerissen werden.

Am 14. Dezember 1938 verließ Tochter Margot Karlsruhe und gelangte mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit. (Verheiratet mit Helmut Bacharach, lebte sie nach dem Krieg in Südafrika. Zwei Töchter wurden dort geboren. Margot Bacharach ist 2014 in Johannesburg verstorben.)

Margots Mutter Klara war Kindergärtnerin im Israelitischen Kindergarten Karl-Friedrich-Straße 16, wo die Familie dann auch nebenan einzog.15 Die Einrichtung, die auch einen Hort umfasste und nach Fröbel und Montessori erzog, versorgte auch Kinder aus nicht-orthodoxen Kreisen und hatte offenbar viel Zulauf. In einem Brief vom 5. März 1939 an die kurz zuvor nach England emigrierte Kollegin Ruth Oppenheimer schrieb Klara Stern: „ln der Wohnung von Dr. M[ichalski] ist jetzt Hochbetrieb, am Schabes und Purim war Hochbetrieb, kein Plätzchen mehr frei, sogar die Tische und Stühlchen aus dem Kindergarten wurden heraufgeholt und als Sitzgelegenheit benutzt.“ (Ehepaar Michalski war Ende 1938/Anfang 1939 in die Niederlande emigriert).

Klara Stern schrieb in einem weiteren Brief an die selbe Adressatin: „Vor 14 Tagen waren wir getrennt mit den Kindern spazieren. Tante Lore hatte 5, ich und Tante Inge [jeweils] 3.“16 Mit „Tante“ wurden damals Erzieherinnen angeredet. In der Gruppe von 11 Kindern arbeiteten also drei von ihnen, die überdies darauf achten mussten, auf der Straße nicht aufzufallen.

1939 findet sich der Hinweis, dass Adolf Stern sich bereit erklärte, auswärtige Kinder der Jüdischen Schule in Karlsruhe in seinem rituellen Haushalt unterzubringen. Auf den heute im Bundesarchiv in Berlin verwahrten Ergänzungskarten zur Volkszählung am 17. Mai des Jahres sind Ehepaar Stern und Fanni Hofmann in der Karl-Friedrich-Straße 16 aufgeführt.

Auch Adolf und Klara Stern wurden am 22. Oktober 1940 mit etwa 900 weiteren Karlsruhern nach Gurs deportiert. Nach schweren Monaten im dortigen Internierungslager wurden sie am 8. August 1942 vom Bahnhof Oloron-St-Marie nach Drancy bei Paris transportiert und am 12. August in einen Güterwaggon des 18. RSHA-Transports gesperrt. Diejenigen, die die Qualen dieser Reise überstanden, kamen am 14. August im oberschlesischen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau an. Außer jungen Menschen, die zur Arbeit eingeteilt wurden, fanden alle sofort einen gewaltsamen Tod in der Gaskammer.


Moritz Stern und Rosa geb. Gottlieb17
Moritz (Moshe/Moses) Stern wurde am 24. Oktober 1900 in Ober-Breidenbach geboren, als zweitjüngstes Kind von Hertz und Blümchen Stern. Über Schule und Ausbildung war nichts herauszufinden; für den Dienst als Soldat im Weltkrieg war Moritz noch zu jung. Im Juni 1928 heiratete er in Alsfeld Rosa geborene Gottlieb, geboren am 13. Dezember 1900 in Grebenau, Kreis Alsfeld, eine Tochter von Hermann Gottlieb und Jeanette geborene Apt. Ehepaar Stern betrieb ein Manufakturwarengeschäft in Lauterbach, in der Wörthstraße. Die Ehefrau führte den Laden, ihr Mann war unterwegs bei Lieferanten und Kunden.
Auch Moritz und seine Frau gehörten zum modern-orthodoxen Judentum im Sinne von Samson Raphael Hirsch. Das bedeutete ein sehr hohes Maß an Tora- und Talmudstudium und Gesetzestreue, zugleich aber Offenheit für weltliche Bildung und Integration in der nicht-jüdischen Umwelt.

Zwei Töchter kamen zur Welt: Beate, geboren am 8. Oktober 1932 in Lauterbach, später verwitwete Pappenheimer, heute Karp, und Suse Sylvia, geboren am 22. September 1935 in Fulda, heute verheiratete Philipp.

Nach dem Novemberpogrom war Moritz Stern vom 11. November bis 16. Dezember 1938 inhaftiert im KZ Buchenwald bei Weimar, klassifiziert als „Aktionsjude Nr 24561“ und erlitt schwere Misshandlungen und Demütigungen. Nach seiner Freilassung zog die Familie Ende 1938 nach Karlsruhe, wo sie mit Unterstützung des Bruders Markus im Haus der Ellern-Bank in der Kaiserstraße 160 unterkamen. Nach Kriegsausbruch musste Moritz Stern Zwangsarbeit leisten, unter anderem auf Baustellen als Maurer.

Am 22. Oktober 1940 wurden Moritz und Rosa Stern mit den Töchtern und über 900 anderen Karlsruhern in das Internierungslager Gurs nahe den Pyrenäen verschleppt, wo sie nach endloser Bahnfahrt 3. Klasse am 25. Oktober eintrafen. Alle vier wurden am 14. März 1941 in das Lager Rivesaltes verlegt; der Vater allein kam von dort am 8. Juli in das Lager Les Milles, vielleicht mit der Hoffnung, die Auswanderung vom Hafen Marseille aus vorzubereiten. Mutter und Töchter blieben bis 11. August in Gurs. Die Töchter, in Frankreich Beatrice und Suzie genannt, kamen nun – zunächst getrennt – in die Obhut des Kinderhilfswerks O.S.E. und von Schwestern, sie waren in verschiedenen Heimen untergebracht und überlebten. Nach der Befreiung von der Naziherrschaft gelangten die beiden im Frühjahr 1945 zu ihrem Onkel Siegfried Stern mit Familie in Stamford Hill in London. Ab 1947 lebten sie in Elmhurst, Queens, New York bei Flora Schmidt geborene Gottlieb und Bertha Gottlieb, Schwestern ihrer Mutter.
Beatrice, heute Bea Karp, hat ihre Erinnerungen in dem Buch „The Broken Doll“ festgehalten und viele Jahre lang amerikanischen Schulklassen über die Verfolgung berichtet.

Rosa Stern wurde mit dem 19. RSHA-Transport am 14. August 1942 von Drancy bei Paris nach Auschwitz deportiert, wo sie am 16. August ankam. Moritz Stern wurde, getrennt von seiner Frau, am 9. September 1942 mit dem 30. Transport auf dem gleichen Wege verschleppt und langte dort am 11. September an. Beide wurden in der Gaskammer ermordet.


Clara Katz geb. Stern
Clara Stern wurde am 24. Dezember 1901 als zweitjüngstes Kind von Hertz und Blümchen Stern in Ober-Breidenbach geboren. Über Schule und Ausbildung war nichts herauszufinden.

Nachdem ihr Bruder Marim am 4. Dezember 1927 im unterfränkischen Bastheim Erna Katz, dort geboren am 19. September 1897, zuvor Verkäuferin in Langenschwalbach, geheiratet hatte, ging Clara am 6. Dezember 1927 in Bastheim auch die Ehe ein und zwar mit Ernas Bruder, dem Kaufmann Siegfried (Shlomo) Katz, dort geboren am 8. Januar 1899. Erna und Siegfried waren Kinder des „Schnittwaren-“, d.h. Stoffreste-Händlers Jakob Katz und seiner Frau Karolina, geborene Blum. So waren die Familien Katz und Stern zweifach durch Ehen miteinander verbunden. Auch Familie Katz gehörte der von Samson Raphael Hirsch inspirierten Neuorthodoxie an.

Familie Katz wohnte in Haus 50, einem kleinen ländlichen Anwesen mit Hausgarten, Schafstall, Holzlege, Wagenhalle und Scheuer sowie etwas Ackerland, Baumgarten und Weide. Daher ist anzunehmen, dass sie – zumindest früher – etwas Landwirtschaft betrieben und mit Vieh gehandelt hatten, wie es im Landjudentum verbreitet war. Bereits Koppel (Jacob) Katz aus Bastheim, vermutlich ein Vorfahr, 1850 mit 76 Jahren in Bastheim verstorben, handelte mit „rohen Häuten“, so heißt es in den Unterfränkischen Judenmatrikeln.

Claras und Marims Schwiegervater Jakob Katz war aus dem nahegelegenen Bibra, Kreis Meiningen gebürtig, ein Sohn des Handelsmanns Nathan Katz und der Rosette geborene Katz.18 Die Schwiegermutter Karolina war eine Tochter von Salomon Blum und Edel geborene Katzenstein, aus Bastheim.19

Siegfried und seine Geschwister wurden alle im elterlichen Haus in Bastheim geboren.
Nach Schulbesuch in Bastheim, später in Hammelburg, hat Siegfried in Tauberbischofsheim eine Lehre absolviert. Seine Mutter Karolina starb 1918 56-jährig in Bastheim.

Am 19. November 1928 kam Siegfrieds und Claras Sohn Günther Norbert Katz zur Welt.20 Seine Eltern führten einen kleinen Kolonialwarenhandel. In den Akten der Israelitischen Gemeinde Bastheim heißt es „Zur Zeit (1933) wohnen noch in Bastheim […] Jacob Katz mit seinem verheirateten Sohn Siegfried und einem Kind (Günther).“ Siegfrieds Geschwister waren also bereits fortgezogen.

Als Günther fünf Jahre alt war, starb im Alter von 35 Jahren sein Vater Siegfried in Bastheim, und zwar an den Folgen einer Kriegsverletzung. Er hatte wie sein Bruder Julius im 1. Weltkrieg gedient. Sein Tod am 22. Januar 1934 wurde angezeigt vom Vater Jakob.21 Beerdigt ist Siegfried Katz auf dem nahen Jüdischen Friedhof Oberwaldbehrungen. Sein Grabstein bestätigt, was der Familienname nahelegt: Die männlichen Familienmitglieder zählten zu den Kohanim, den Trägern des aaronitischen Priesteramtes. Der Name Katz ist ein Akronym aus hebräisch Kohen Tzedek, einer Umschreibung für den Priester im einstigen Tempel. Zu den ältesten Teilen der Liturgie, wie sie bei Orthodoxen bis heute gepflegt wird, gehört, dass ein Kohen in der Synagoge zu bestimmten Anlässen den Priestersegen gibt.

Claras Schwiegervater Jakob starb 72-jährig am 3. Oktober 1936 in Alsfeld, in der Wohnung von Marim und Erna Stern. Auch Jakob Katz ist auf dem heimischen Friedhof Oberwaldbehrungen begraben. Clara und ihr kleiner Sohn Günther erbten nun das Bastheimer Anwesen.

Günther hatte ab 25. April 193822 einen Platz in der Israelitischen Waisenanstalt in der Julienstraße 2 in Fürth – rechtzeitig zum Schuljahresbeginn, damals in Bayern zu Ostern. Die toratreue Waisenanstalt in Fürth war ganz im Geiste des Samson Raphael Hirsch geführt und hatte in orthodoxen Kreisen einen herausragenden Ruf. Der Leiter Dr. Ismar (Isaak Moshe) Hallemann war Mitbegründer der Agudas Jisroel. Die verwitwete Clara Katz wird sich vermutlich selbst für das Waisenhaus entschieden haben, da es eine vorbildliche jüdische Erziehung gewährleistete und sie selbst mit Zwangsarbeit rechnen musste. Armut kann nicht ausschlaggebend sein, da immer andere Juden ausgeholfen haben. Das Heim wurde familiär geführt, die Zöglinge hießen „Kinder“, nicht „Waisen“, und es gab keine Uniformen. Gemeinsame Mahlzeiten und gemeinsam vorbereitete Feiertage gehörten zum rituellen Lebensstil. Neben Dr. Hallemann war Lehrer Oppenheimer für die Buben verantwortlich. Um ¾ 7 war Schacharit (Morgengebet), danach Frühstück im Speisesaal und es gab ein großes Brötchen zum Mitnehmen in die Schule – vermutlich die Jüdische Realschule in der Fürther Blumenstraße. Gegen 13 Uhr war Essenszeit, danach Schulaufgaben im Speisesaal. Es gab auch freiwillige Nachmittagskurse in der Schule in der Gemara oder in Ivrit. Abends folgten Mincha-Gebet und Abendbrot im Speisesaal. Freitag mittags wurde das Haus geputzt, gekocht, die Festtagskleidung bereitgelegt, für den Höhepunkt der Woche – Schabbat.23

Die Synagoge in Bastheim, noch 1931 renoviert, stand im Mai 1938 wegen der schwindenden Mitgliederzahl vor der Auflösung. Noch bevor diese abgeschlossen war, kam es im September, wie auch in Nachbarorten, zu antisemitischen Ausschreitungen. Dorfbewohner drangen in die Bastheimer Synagoge ein, zerschlugen den Torahschrein, zerrissen Torahrollen und schändeten weitere Ritualien. Die Reste der Torahrollen wurden schließlich von Randalierern verbrannt.24

Zu diesem Zeitpunkt war die Auswanderung unter Juden schon lange ein dringendes Thema. Bereits 1936 hatte Dr. Hallemann zusammen mit seinem Kollegen Dr. Ochs aus Dinslaken geplant, beide Anstalten in das Kfar-haNoar-hadati bei Haifa im damaligen Palästina umzusiedeln. Aber das Kuratorium der Fürther Waisenanstalt äußerte Bedenken, weil das Stiftungskapital satzungsgemäß an eine Verwendung in Fürth gebunden war. Die gemeinsame Auswanderung blieb aber ein Ziel.

Am 10. November 1938 um 1.30 Uhr in der Frühe wurden die seinerzeit 42 Waisenkinder – sicherlich auch Günther – mit Dr. Hallemann aus dem Haus geholt und auf einem öffentlichen Platz im Freien aufgestellt, wo sie bis 6 Uhr früh in der Kälte ausharren mussten. Es gab Misshandlungen und Drohungen. Am Morgen durften die meisten endlich nach Hause. 132 Männer aus Fürth wurden mit Autobussen nach Dachau geschafft.25

Die gewalttätigen Übergriffe und die sehr schwierige wirtschaftliche Lage bewogen Clara sicherlich genauso wie ihren Bruder Moritz Stern und Familie dazu, in die Großstadt zu Verwandten zu ziehen. Clara Katz verließ als letzte der Familie Bastheim und übersiedelte am 4. Dezember 1938 nach Karlsruhe. Clara – und auch Günther – waren zunächst bei Markus Stern in der Amalienstraße 67, 2. Obergeschoss gemeldet.

Auf den Ergänzungskarten der Volkszählung am 17. Mai 1939 ist Clara Katz, geborene Stern, dann bei ihrem Bruder Adolf und seiner Frau Klara in der Karl-Friedrich-Straße 16 aufgeführt, während Günther in der Fürther Waisenanstalt, Julienstraße 2, registriert ist.

In einem Brief an eine Behörde vom 2. Juli 1939 erwähnt Clara Katz „meine Auswanderung […] schon in nächster Zeit“. In einem weiteren Brief vom 13. Juli ist die Rede von ihrer Ausreise nach England, die in Kürze zu erwarten sei.

Auf dem mit 13. August 1939 datierten Vordruck der sogenannten „Judenkennkarte“ von Clara Katz, „als Untermieter bei Adolf Israel Stern“, ist auch Günther eingetragen. Seine fast vier Jahre jüngere Cousine Bea, Tochter von Moritz und Klara, erinnert sich, mit Günther als Kind gespielt zu haben – zumindest in den Schulferien konnten die Fürther Heimkinder nach Hause fahren, die noch ein Zuhause hatten.

Am 21. August stellte Spedition Steffelin Clara Katz eine Rechnung für „Verpacken von Umzugsgut, Zollabfertigung, Verpackungsmaterial, Fracht bis London“. Am 23. August schrieb sie: „[...] werde ich jetzt in Kürze auswandern. Für mein Umzugsgut erhielt ich […] die beiliegende Rechnung, zu deren Begleichung mir die Mittel fehlen. Von der Waisenanstalt Fürth erhielt ich ferner die Mitteilung, dass jetzt auch für mein minderjähriges Kind eine baldige Auswanderung möglich werden wird“. Welche Option dies auch gewesen sein mag, sie wurde offenbar durch den Kriegsausbruch am 1. September 1939 durchkreuzt.

Das Heim in Fürth wurde im Oktober 1939 von Amts wegen zum „Kinderheim Fürth der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“. Es gibt ein 1939 aufgenommenes, fragmentarisches Foto einer Gruppe von Jungen aus dem Heim.26 Eine Zeitzeugin konnte darauf Günther leider nicht identifizieren.

Im November 1939 mahnte Firma Steffelin die Umzugsrechnung an, adressiert an Frau Clara Katz, Adlerstraße 35 bei Altmann. Das bedeutet, dass das Umzugsgut bereits verschickt war – eine Aussicht auf Auswanderung bestand aber nicht mehr. Die Wohlfahrtseinrichtungen der Jüdischen Gemeinden der Stadt leisteten ihr Möglichstes, die verbliebenen Menschen – meist Alte oder Alleinstehende – zu unterstützen. Am 12. Dezember 1939 schrieb Clara Katz in einer Eingabe erneut, wie dringend sie ausstehende Gelder aus dem Verkauf ihrer Erbschaft brauche, „insbesondere für die notwendigsten Anschaffungen für mein minderjähriges Kind“. Drei weitere Schreiben ähnlichen Inhalts folgten im Januar und Februar, immer mit Absender Karl-Friedrich-Straße 16.

Am 22. Oktober 1940 wurde Clara Katz zusammen mit Adolf und Klara Stern, Moritz und Rosa Stern und deren Töchtern sowie über 900 anderen jüdischen Menschen von Karlsruhe in das Internierungslager Gurs am Rande der Pyrenäen deportiert. In lichtlosen Baracken, umgeben von unbefestigtem Gelände und Stacheldraht, geplagt von Kälte, Mangelernährung und Ungewissheit war der erste Winter zu überstehen; erst nach und nach konnten Hilfsorganisationen die Lage in Gurs verbessern.

Günther Norbert feierte 1941 seine Bar Mitzva, seine Mutter konnte ihm vielleicht noch aus Gurs schreiben. Seinen hebräischen Namen kennen wir nicht, mit dem er zur Tora aufgerufen wurde.

Ab 1. September 1941 unterlagen auch die Fürther Heimkinder der Pflicht zum Tragen des „Judensterns“. Am 22. März 1942 wurden die verbliebenen 33 Waisen, darunter laut Liste auch Günther, mit Lehrkräften und Personal und dem Leiter Dr. Hallemann, seiner Frau und zwei seiner vier Kinder, Eva Esther und Beate Rachel, verhaftet. Insgesamt traf dies etwa 220 Menschen in Fürth, auch die gebürtige Karlsruherin Fanny Halpern (zu ihrer Familie gibt es einen eigenen Beitrag im Gedenkbuch).

Am 24. März 1942 verließ der Deportationszug mit verriegelten Waggons Nürnberg – der zweite aus Franken nach dem Osten. Der Transport traf am 27. März im über 1.000 km entfernten Izbica ein, einem Transitghetto an der Bahnstrecke Lublin-Belzec im polnischen „Generalgouvernement“.

Am 29. März 1942 sandte die jüdische Selbstverwaltung von Izbica einen Hilferuf an die Würzburger Gemeinde: „Weitere 2.000 Juden, diesmal zum größten Teil aus Würzburg, Kitzingen, Nürnberg, Fürth, Aachen, Düren und Koblenz sind hier angekommen. [...] Für den Lebensunterhalt der Arbeitsunfähigen – zum größten Teil kranke und überalterte Frauen und Männer – brauchen wir dringend Mittel, weshalb wir an Sie die höfliche und dringende Bitte richten, uns nach Erhalt dieses Schreibens den größtmöglichen Geldbetrag zukommen zu lassen. Ferner bitten wir Sie, schon jetzt Vorkehrungen zu treffen, damit uns regelmäßige Geldsendungen, evtl. Bekleidung, Wäsche und erlaubte Nahrungsmittel zukommen.“ In einem Brief vom 23. April 1942 nach Nürnberg schilderte ein Deportierter, Hugo Kolb, die Situation im Ghetto Izbica: „[...] vollständig verwahrlost; es fehlt an allem, nur nicht an Ratten, Mäusen und besonders gut entwickelten Flöhen und Wanzen. Keine Kanalisation, kniehoher Schmutz auf allen Straßen. Vor allem Mangel an allen Lebensmitteln. [...] Das mitgenommene Gepäck wurde nicht ausgehändigt, [...]. Nichtarbeitenden mußte von der geringen Tagesration von 50 gr noch abgezogen werden.“ Izbica war für die meisten Deportierten nur ein vorübergehender Aufenthalt. Bald nach der Ankunft wurden sie weiter nach dem Transitlager Krasniczyn und in die nahegelegenen Vernichtungslager verschleppt, zumeist nach Belzec. Das wird auch mit Günther geschehen sein. Kein Mensch aus diesem Transport hat überlebt.

Günthers Mutter Clara Katz wurde nach vielen Monaten in Gurs – wie ihre Schwägerin Rosa, geborene Gottlieb – im Sommer 1942 aus dem Vichy-Gebiet in den deutsch-besetzten Norden Frankreichs verschleppt und am 14. August 1942 mit dem 19. RSHA-Transport von Drancy nach Auschwitz deportiert, wo die beiden am 16. August ankamen und sofort einen schrecklichen Tod im Gas fanden.


Die Verwandten außerhalb Karlsruhes
Die meisten Angehörigen der Familien Stern und Katz gerieten in die Vernichtungsmaschinerie der Nazis.

Rosa, geborene Stern, die älteste der Geschwister aus Ober-Breidenbach, war verheiratet mit dem Schneider Hermann Goldschmidt aus Rosenthal bei Marburg, wo das Ehepaar auch wohnte. Ein Sohn, Horst Julius, wurde 1923 geboren. Später waren die Goldschmidts in Frankfurt am Main zu Hause. Rosa wurde an einen unbekannten Ort deportiert und ermordet, ihr Mann kam 1942 nach Theresienstadt und ist umgekommen. Der Sohn ist 1942 nach Majdanek verschleppt worden. So verlor die ganze Familie in der Naziverfolgung ihr Leben.

Selma, erstes Kind aus Hertz Sterns zweiter Ehe mit Blümchen, war verheiratet mit Albert Levy aus Katzenfurt bei Wetzlar. Die Familie wohnte in Morsbach bei Aachen. Sie hatten zwei Kinder, Hans Hermann und Brunhilde. Die ganze Familie wurde gemeinsam am 20. Juli 1942 von Köln aus nach Minsk deportiert, kamen dann in das Lager Maly Trostinec und sind unter ungeklärten Umständen ermordet worden.

Marim Stern und Erna, geborene Katz, mit ihren Töchtern wohnten in Alsfeld, Fulda und zuletzt in Frankfurt am Main. Die ältere Tochter, Marga, geboren am 17. Oktober 1928 in Alsfeld, wurde von Würzburg aus am 25. April 1942 nach Krasnystaw deportiert. Ihre Schwester Lotte, geboren am 9. Oktober 1932, ist mit unbekanntem Ziel deportiert worden. Vater Marim wurde 1942 von Frankfurt nach Majdanek deportiert, wo er am 2. September 1942 ermordet wurde. Erna wurde nach Theresienstadt verschleppt und ist unter ungeklärten Umständen etwa 1942 umgekommen.27 So fiel die ganze Familie dem Holocaust zum Opfer.

Markus Sterns Schwiegervater, Sophies Vater Joseph Hofmann kam 1943 im Ghetto Theresienstadt um.28

Julius Katz, geboren am 4. November 1890, Siegfried Katz' Bruder, war zunächst Handlungsgehilfe und kämpfte im 1. Weltkrieg, aus dem er als Kriegsinvalide zurückkehrte, 1922 heiratete er Theresa Strauß aus Gaukönigshofen. Julius und seine Frau wurden 1942 nach Izbica deportiert, auch die Tochter Käthe, geboren 1924 in Würzburg, wurde 1942 „nach dem Osten“ verschleppt, alle drei kamen um.

Einige wenige erreichten das sichere Ausland und überlebten:

Siegfried Gottlieb, geboren 1913, Rosa Sterns Bruder und die Mutter der beiden, Jeanette Gottlieb, machten in den frühen 1930 Jahren Aliyah nach Palästina. Laut Bea Karp waren sich Moritz Stern und sein Schwager Siegfried sehr uneinig über diesen Schritt. Moritz habe sich als Deutscher gefühlt und die Auswanderung kritisiert. Jeanette Gottlieb ist 1953 in Haifa, ihr Sohn Siegfried 1997 in Naharya verstorben.

Elsa Katz, Siegfried Katz' Schwester, kam am 6. Mai 1893 zur Welt, nachdem ein Jahr zuvor, am 24. April 1892, ein noch namenloses Brüderchen bei der Geburt verstorben war. Elsa heiratete 1921 in Pirmasens den Kaufmann Eugen Levy. Die beiden wohnten später in Lichtenfels und konnten in die USA emigrieren. Eugene und Else Lynn, wie sie sich fortan nannten, hatten zwei Söhne, Walter Martin und Eric Justin und lebten in New York.

Siegfried Stern, der jüngste der Geschwister aus Ober-Breidenbach, besuchte in Marburg das „Israelitische Schüler- und Lehrlingsheim“, emigrierte über die Niederlande nach England. Er war verheiratet mit Miriam („Mary“), geborene Krakauer, zwei Kinder wurden geboren: Naphtalie, geboren 1944, benannt nach dem Großvater und Ruth Rachel, geboren 1948. Die Familie lebte in London.

Im heutigen Karlsruhe haben die Jüdinnen und Juden eine Einheitsgemeinde. Die Trennung in liberal und orthodox ist Vergangenheit. Während am Ort der zerstörten Synagoge der liberalen Gemeinde in der Kronenstraße 1963 eine kleine Erinnerungsstätte gestaltet wurde, erinnert am Ort der gleichfalls 1938 geschändeten und sogar niedergebrannten „frommen Schul“ Karl-Friedrich-Straße 16 seit 1988 nur eine kaum wahrnehmbare Plakette. Dieser Bericht soll einen kleinen Beitrag auch zum Gedenken an die Opfer dieser ehemaligen Austrittsgemeinde leisten.

(Christoph Kalisch, August 2017)


Anmerkungen:
1 In Unterlagen mehrfach falsch 1889, nach Geburtsregister Ober-Breidenbach korrigiert.
2 Vgl. http:/ /www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1822275 (Generallandesarchiv Karlsruhe (GLA) 480 Nr. 12036).
3 Vgl GLA 480 Nr. 32739.
4 Vgl. http:/ /www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1822336 ( GLA480 Nr. 32739).
5 Stadtarchiv Karlsruhe (StadtAK) 8/StS 17/171 - 1, lnterview mit Lola Kloeble-Ervig vom 3. Dezember 1986.
6 http:/ /www.chareidi.org/archives5763/bereishis/hrememb.htm
7 T. Beifus in StadtAK 8/StS 13/235.
8 Ebenda.
9 Vgl. https:/ /billiongraves.com/
10 Falsches Geburtsjahr 1889 in Volkszählung Mai 1939, in Fragebogen der Tochter zu WGM, in Heiratsurkunde Alsfeld 1921 und bei IST.
11 http:/ /jinh.lima-city.de/gene/schaumbergs/Schaumbergs_from_Schweinsberg.htm
12 Der Morgen 10 (1934-1935) Heft 9 (Dezember 1934): Schicksal in Zahlen, S. 409; https:/ /collections.ushmm.org/search/catalog/irn504664, https:/ /collections.ushmm.org/search/catalog/irn515178#?c=0&m=0&s=0&cv=0&xywh=-115%2C-45%2C843%2C888
13 http:/ /www.gewerbeverein-romrod.de/Stadt_Romrod_-_auf_einen_Blick_-Geschichtliches-.pdf (Romrod) und http:/ /www.alemannia-judaica.de/romrod_synagoge.htm (Ober-Breidenbach zu Romrod).
14 Decher, Klaus: Heimatbuch Romrod, einschließlich seiner Stadtteile, Zell, Ober-Breidenbach, Strebendorf, Nieder-Breidenbach. – Romrod. Stadt Romrod, 1997, S. 360 f.
15 Vgl. Werner (1990): Hakenkreuz und Judensterin, S. 285.
16Ebenda, nach inzwischen verlorenen Dokumenten des StadtAK.
17 Moritz, GLA 480/20701 und 20702; Ehefrau Rosa, GLA 480/21041.
18 Sterberegister Nr. 61/1936 Standesamt Alsfeld, telef. am 27. April 2017 durch Standesbeamtin.
19 Sterberegister Nr. 9/1918 Standesamt Bastheim, jetzt Mellrichstadt.
20 Geburtsregister Standesamt Bastheim/Mellrichstadt Nr. 10/1928.
21 Sterberegister Nr. 1/1934 Standesamt Bastheim, heute: Verwaltungsgemeinschaft Mellrichstadt.
22 Vgl. http:/ /juedische-fuerther.de aufgrund Unterlagen Stadtarchiv Fürth.
23 Raphael Halmon, geb. Hallemann in http:/ /juedische-fuerther.de/images/pdf/chronik.pdf
24 Ophir, Baruch Z.; Wiesemann, Falk: Die Jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-45. Geschichte und Zerstörung, München, Wien 1979, S. 271f.
25 http:/ /juedische-fuerther.de/images/pdf/chronik.pdf
26 Jüdisches Museum Fürth, Bild Nr. 1277.
27 Alle: Standesamt Bastheim, jetzt Mellrichstadt.
28 http:/ /www.hohenemsgenealogie.at/gen/getperson.php?personID=I22212&tree=Hohenems



**Verwendete Quellen:*
Stadtarchiv Karlsruhe 1/AEST 1238 Nr. 88, 8/StS 13 Nr. 235.

Generallandesarchiv Karlsruhe 480/21041, 480 Nr. 20702, 480 Nr. 12036, 480 Nr. 32739, 480 Nr. 32739,
480/32739, 480 Nr. 20701, 480 Nr. 21041; 330 Nr. 1164 und 1169.

Staatsarchiv Würzburg: Wiedergutmachungsbehörde IV JR 5212 und IV 735; Amtsgericht Mellrichstadt, Nachlasssache 10/1934; LRA Mellrichstadt Nrr. 1911 und 1913: Standesregister Israelit. Gemeinde Bastheim bis ca. 1875, Rückvergrößerung von Gatermann-Mikrofilm; Finanzamt Würzburg, Vermögenskontrollakten Nr. 1963.