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Klara Goldschmidt, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Klara Goldschmidt (Clara)

Nachname: Goldschmidt
geborene: Reutlinger
Vorname: Klara
abweichender Vorname: Clara
Geburtsdatum: 25. April 1901
Geburtsort: Haigerloch (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Simon und Jette R.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Rudolf G.;

Mutter von Heinz und Siegbert
Adresse: Akademiestr. 13
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
26.7.1941 nach Marseille (Frankreich) Hôtel du Levant
4.8.1941 nach Les Milles (Frankreich)
14.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Familie Goldschmidt
Im Gedenken an Rudolf und Klara Goldschmidt sowie Jonah und Eugenie Goldschmidt


Quellen zur Familie Goldschmidt liegen nur wenige vor und somit lassen sich lediglich Fragmente ihres Lebens darstellen.

Jonah und Eugenie Goldschmidt
Jonah, der sich dann Julius nannte, Goldschmidt wurde am 20. September 1862 in Hildesheim geboren. Wir wissen aus seinem Werdegang nur, dass er in erster Ehe mit Sarah, geborene Schwarz verheiratet war. Aus ihr ging der am 3. September 1892 in Neustadt a.d. Hardt (heue Weinstraße) der einzige Sohn Rudolf Josef hervor. Die Familie zog 1912 nach Karlsruhe in eine Wohnung in der Bachstraße 6. Acht Jahre später wohnten sie in einem erworbenen Haus in der Herderstraße 1. Dieses verkaufte er 1927/28 an die Badische Versicherungsanstalt, blieb darin aber Mieter blieb bis 1939. Danach ging das Ehepaar in das komfortabler ausgestattete Altenheim von zweien der Jüdischen Gemeinde in der Stephanienstraße 9. Da war er seit dem 19. Februar 1920 bereits mit Eugenie, geborene Aberle verheiratet. Die erste Ehefrau Sarah war am 23. Februar 1918 verstorben. Eugenie Aberle war am 21. Februar 1885 in Mannheim als Tochter von Ludwig und Emma Aberle geboren und sie hatte wie Jonah Goldschmidt schon eine Ehe hinter sich, mit Hugo Kälbermann. Auch sie war verwitwet, der Ehemann war am 1. September 1917 gestorben. In Karlsruhe hatte Julius Goldschmidt sich als Privatier niedergelassen, das heißt die Familie lebte von Vermögen oder Kapitaleinkünften. Im Dezember stellte Julius Goldschmidt, zeitgleich der erwachsene Sohn Rudolf, den Antrag auf die badische Staatsbürgerschaft, denn von Geburt her war Julius preußischer Staatsbürger. Demnach hatte er während seiner Zeit im pfälzisch-bayerischen Neustadt a.d.Hardt keinen Anlass gehabt, dies zu ändern.

Rudolf Josef Goldschmidt
Der 1892 geborene Sohn besuchte in seiner damaligen Heimatstadt Neustadt a.d.Hardt die Schule und wurde auch auf das Gymnasium geschickt. Nach seinem Sohn Heinz soll er die Mittlere Reife, das so genannte Einjährige, was einen privilegierten kürzeren Militärdienst bedeutete, absolviert haben. Ab 1908 mit 16 Jahren besuchte er die Handelsschule und absolvierte eine zweijährige kaufmännische Lehre mit Prüfung. Die Familie verzog 1912 nach Karlsruhe. Mit dem Ersten Weltkrieg wurde Rudolf Goldschmidt Soldat und musste dabei Fronterfahrung machen. Darauf schien er stolz zu sein und wurde Mitglied des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten (RJF), der jüdischen Veteranenvereinigung, die ihr deutsch-nationales Denken hochhielt und sich dabei gegen die antisemitischen Verdächtigungen von rechts verwahrte. Nach 1933 lässt sich sein besonderes Engagement in der Karlsruher Ortsgruppe des RJF belegen. Am 18. Mai 1934 wird im Israelitischen Gemeindeblatt erwähnt, dass Rudolf Josef Goldschmidt am 17. März 1934 als Moderator bei einer festlichen Versammlung des RJF fungierte. Desweiteren leitete er eine Abendveranstaltung am 17. November 1934, über die das Israelitische Gemeindeblatt am 15. Dezember 1934 ebenfalls berichtete. Wir können davon ausgehen, dass Rudolf Goldschmidt eine Redegabe und die Fähigkeit vor vielen Menschen selbstbewusst aufzutreten, gegeben war. Vielleicht rührte das auch aus seinem Beruf her. Etwa 1921 war er als Teilhaber in das Parfümhaus Freyer S. Richheimer eingestiegen, eigentlich ein Großhandel für Friseurartikel. Das Unternehmen geriet wohl in die Krise, 1927 veränderte er sich und betrieb eine selbstständige Handelsvertretung. Er vertrat überregional agierende Firmen wie die Sächsische Strumpffabrik in Chemnitz.

Familie Rudolf und Klara Goldschmidt
1923 verheiratete Rudolf Josef sich mit der am 25. April 1901 in Haigerloch geborenen und lebenden Klara Reutlinger. Nach der Heirat bezog das Ehepaar eine eigene Wohnung in der Westendstraße (Reinhold-Frank-Straße) 36, dann zog es wieder in das elterliche Haus in der Herderstraße. Klara war Hausfrau und für die Familienversorgung zuhause zuständig, wie üblich für verheiratete Frauen zu dieser Zeit. Inzwischen war am 29. Oktober 1924 der erste Sohn Siegbert geboren worden. Auf den gleichen Tag, fünf Jahre später kam am 29. Oktober 1929 Heinz Goldschmidt auf die Welt. Um 1933/34 zog die Familie in die Akademiestraße 18.
Mit dem Nationalsozialismus verlor Rudolf Goldschmidt 1935 seine Existenzgrundlage als Handelsvertreter. Ins Bodenlose stürzte die Familie zunächst nicht, da er wohl auch aufgrund seiner Qualifikation eine Anstellung beim Oberrat der Israeliten Badens fand. Er arbeitete in der Verwaltung als Sekretär, dann als Buchhalter und schließlich ab 1939 als Registrator. Der Verdienst war mit um die 230 Reichsmark monatlich geringer als zuvor, doch gerade ausreichend für die Familie.
Sohn Siegbert erlebte die Separierung der jüdischen Schüler. 1936 musste er aus der Hauptschule in die eigens eingerichtete Jüdische Schule wechseln. Im September 1937 feierte er Barmizwah. An der Jüdischen Schule machte er im Frühjahr 1938 seinen Abschluss. Überliefert ist das Programm der festlichen Abschlussfeier. Daraus lässt sich entnehmen, dass dabei das Theaterstück Jakobs Traum von Richard Beer-Hofmann von den Schülerinnen und Schülern aufgeführt wurde und er die Rolle des Idnibaal spielte.
Noch im gleichen Jahr, er war gerade 14 Jahre alt, wurde er zu Verwandten in die USA geschickt. Das heißt, Familie Goldschmidt war sich bewusst, dass es in Deutschland keine Zukunft für sie geben würde. Für sie selbst und den neunjährigen Heinz bestand aufgrund der Einreisebeschränkungen keine Möglichkeit, auch in die USA zu gelangen.
So geriet die Familie unter die Deportation der südwestdeutschen Juden am 22. Oktober 1940 nach Gurs.

Deportation und Ermordung
Die über 6.500 Juden aus Südwestdeutschland wurden am 25. Oktober 1940 in das Lager Gurs gesteckt, darunter die Goldschmidts. Wir wissen, dass Männer und Frauen getrennt untergebracht wurden, Jungen unter 14 Jahren bei ihren Müttern. So wird auch der 11-jährige Heinz bei der Mutter in der Baracke gewesen sein. Die katastrophalen Bedingungen im Internierungslager Gurs sind vielfach festgehalten. Von Rudolf Goldschmidt sind zwei Schreiben an Angehörige in den USA überliefert, ohne Datum, vermutlich aber eines unmittelbar nach Ankunft in Gurs. Darin schreibt er
"Wir haben hier schlimme Zeiten durchgemacht. Ich musste Sachen verkaufen um meinen Hunger zu stillen. Die Uhr meines Vaters, meinen Füllfederhalter usw (...).
Ihr könnt euch denken wie mir und uns überhaupt zu Mute ist. Gesundheitlich geht es mir gut, Arbeit habe ich hier noch nicht. Unsere Adressen bleiben vorläufig wie bisher.
Geldsendungen entweder nur an mich oder abwechselnd an Klara und mich. Wenn ihr nur an Klara sendet, bekommt sie es nicht ausbezahlt und wir haben hier nichts.
Ich danke euch für alles was ihr tatet und tut. Bleibt gesund!
Herzliche Grüße Rudi“

Dann bittet er noch, Lebensmittel zu schicken.
In einem anderen undatierten Schreiben erwähnt er noch einen Bekannten, der aus dem Lager nach Marseille durfte, um Papiere für die erhoffte Emigration zu erhalten, dass aber das US-Konsulat endgültig gesperrt sei. Das bedeutet zum einen, dass diese Mitteilung um Juni 1941, dem Monat der tatsächlichen Schließung des Konsulats für Verfolgte und Flüchtlinge aus, verschickt wurde. Sicherlich hegte Rudolf Goldschmidt da immer noch die Hoffnung, mit Klara aus dem Lager die Ausreise in die USA betreiben zu können. Tatsächlich versuchten sie es. Und auch Rudolf Goldschmidt kam aus Gurs in das Lager Les Milles, einem Ortsteil von Aix-en-Provence in Südfrankreich nahe bei Marseille, von dem aus aussichtsreiche Lagerinternierte die Bemühungen zur Erlangung aller notwendigen Papiere betreiben konnten. Am 16. Mai 1941 wurde er aus Gurs dorthin verlegt. Am 26. Juli1941 folgte Klara Goldschmidt in das Transitlager für Frauen in Marseille, dem „Hôtel du Levante“. Aber es war vergeblich. Über Les Milles wurde sie wie der Ehemann nach Gurs rücküberführt.
Im Sommer 1942 begannen die Transporte aus Frankreich in die Vernichtungslager. Das Ehepaar Rudolf und Klara Goldschmidt war unter den ersten Transporten. Am 14. August 1942 wurden sie über das Durchgangslager Drancy nach Auschwitz deportiert.
Verwandte in den USA haben am 9. Februar 1945 die Frage nach dem Verbleib von Klara Goldschmidt an das National Council of Jewish Women in Chicago gestellt. Dieses teilte ihnen am 11. Juni 1946 mit, dass Klara Goldschmidt nach Ausschwitz deportiert wurde und dort umkam.
Beide dürften mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unmittelbar bei der Ankunft in die Gaskammer geschickt worden sein.

Heinz‘ Überleben und Wiedersehen mit dem Bruder in den USA
Heinz Goldschmidt war als kleiner Junge im Lager Gurs in der Baracke bei seiner Mutter. Er gehörte zu den Kindern, die durch Hilfsorganisationen aus dem Lager befreit werden konnten. Am 23. Februar 1941 konnte ihn die jüdische Organisation OSE (Oeuvre des secours aux enfants) aus dem Lager herausholen und in ihrem Kinderheim in Aspet unterbringen. Obwohl seine Schulausbildung durch die Unterbrechungen mangelhaft war, kam er mit 14 Jahren in das Ausbildungshaus nach Masgeliers, wo er das Lederhandwerk erlernte. Wegen der immer größer werdenden Gefahr der Deportation organisierten klandestine Strukturen die Flucht in die Schweiz. Am 17. April 1944 überquerte er mithilfe von Fluchthelfern mit 15 anderen Kindern und Jugendlichen in der Nacht bei Annemasse die Grenze zur Schweiz. Er kam in das Kinderheim Le Lézard in Clésières. Noch vor dem Kriegsende seit Frühjahr 1945 versuchte das Schweizer Hilfswerk für Emigrantenkinder ihn zu seinen Verwandten in die USA und dem älteren Bruder Siegbert zu bringen. Das gelang erst 1946. Dafür musste er zuvor für zwei Monate nach Belgien, bis er schließlich im Mai 1946 in die Vereinigten Staaten zu seiner Tante Recha Reutlinger gelangen konnte.
Dort holte er erst einmal die lange versäumte Schule nach, besuchte 1946 bis 1950 die Whitefish Bay High School in Maulwaukee. Er wurde 1950 US-Soldat, was ihm später den erleichterten Zugang zu einem Studium ermöglichte. 1953 schrieb er sich im State Teachers College von Montclaire ein.
Wie sein Bruder änderte auch Heinz seinen Namen. Zunächst in Harry Goldsmith und anschließend in Thomas G. Herder. Die Umstände dazu können nicht erhellt werden.
Siegbert lebte 1957 in Fonds, New Jersey, 1961 in New York. Er war inzwischen verheiratet und hatte zwei Kinder, 1953 und 1956 geboren.
Damit endet die Spur der beiden in den zugänglichen Akten.

(Ella Dragojevic, Lessing-Gymnasium, Oktober 2018)

Quellen:
- Genfer Staatsarchiv Justice et Police Ef/2.
- Adressbücher der Stadt Karlsruhe.
- Standesregister der Stadt Karlsruhe.
- Stadtarchiv Karlsruhe 1/AEST 1237; 6/BZA 4562 und 45644; 8/StS 34/137 und 145.
- Israelitisches Gemeindeblatt Ausgabe B vom 18.5.1934,15.12.1934, 23.12.1936 und 29.9.1937.
- Generallandesarchiv: 480/8958, 15008, 15009 und 27335; 330/375.
- Josef Werner: Hakenkreuz und Judenstern. Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich, Karlsruhe 1988, S. 357 und 468.